Jordi Savall (Foto: David Ignaszewski)

Kammermusik

Alte Musik mit Jordi Savall, Hespèrion XXI und Tembembe Ensamble Continuo

Dank des katalanischen Gambisten und Dirigenten Jordi Savall hat die Alte Musik der iberischen Halbinsel eine veritable Renaissance und kreative Wiederbelebung erfahren. In diesem Konzert stellt Savall mit den Ensembles Hespèrion XXI und Tembembe Ensamble Continuo Werke spanischer Komponisten des 16. und 17. Jahrhunderts vor, außerdem Alte Musik aus Lateinamerika und Weisen unbekannter irischer Komponisten des 18. Jahrhunderts.

Hespèrion XXI:

Xavier Díaz-Latorre Theorbe und Gitarre

Andrew Lawrence-King Spanische Barockharfe

Xavier Puertas Violone

Pedro Estevan Perkussion

Jordi Savall Diskant-Gambe, Bass-Gambe und Leitung

Tembembe Ensamble Continuo:

Donají Esparza Tanz und Zapateado

Ulises Martínez Violine, Guitarra de son und Gesang

Enrique Barona Guitarra huapanguera , Leona und Jarana jarocha 3a

Leopoldo Novoa Marimbol, Guitarra de son 3a und Jarana huasteca

Werke von Diego Ortiz, Gaspar Sanz, Pedro Guerrero, Santiago de Murcia, Antonio Martín y Coll, Francisco Correa de Arauxo, Antonio Valente sowie irische Traditionals von Lord Moira u. a.

Termine und Karten

Programm

Seit Anfang der 1970er-Jahre setzt sich der 1941 im katalonischen Igualada geborene Jordi Savall für die Musik vergangener Jahrhunderte ein – und das als Gambist, Dirigent, Hochschuldozent sowie als Gründer von Instrumentalensembles, Plattenlabels und unterschiedlichster musikalischer Projekte. Besonders am Herzen liegt dem vielseitigen Musiker die Alte Musik der iberischen Halbinsel, die durch Savalls Wirken in den letzten Jahrzehnten eine veritable Renaissance erfahren hat. Doch sein Entdeckergeist begeisterte Savall immer wieder auch für in Vergessenheit geratene musikalische Traditionen anderer Kulturen, wobei sein Verdienst – so die New York Times – »nicht nur in der Wiederentdeckung der Alten Musik, sondern vielmehr in ihrer kreativen Wiederbelebung« besteht.

Auf dem Programm dieses von Savall geleiteten Konzerts im Kammermusiksaal der Philharmonie stehen zum einen Werke spanischer Komponisten des 16. und 17. Jahrhunderts, deren Musik mitunter schon zu Lebzeiten ihrer Schöpfer auch in beiden Teilen Amerikas bekannt waren. Zum anderen sind eine Reihe von Weisen unbekannter irischer Komponisten des 18. Jahrhunderts zu erleben, die 1833 als Sammlung in Boston gedruckt herausgegeben wurden. Mit von der Partie bei dieser spannenden musikalischen Entdeckungsreise durch die Zeiten und über die Kontinente ist das 1998 ins Leben gerufene mexikanische Tembembe Ensamble Continuo, das sich der Erforschung und Aufführung Alter Musik aus Lateinamerika verschrieben hat und das seit Jahren eine enge künstlerische Zusammenarbeit mit dem von Jordi Savall gegründeten Ensemble Hespèrion XXI verbindet.

Über die Musik

»Wie sehr floriert doch die Musik in diesen unseren Zeiten«

Barocke Klänge aus der Alten und der Neuen Welt

Unter König Philipp II. erreichte das spanische Weltreich in der Mitte des 16. Jahrhunderts den Höhepunkt seiner Macht. Selbstbewusst dehnte es sich ebenso nach Osten wie nach Westen aus – nach Italien wie in die Neue Welt. Jordi Savall erzählt im heutigen Programm von beiden »Migrationen« und hat sich dazu Gäste aus Mexiko eingeladen. Er selbst gibt Höhepunkte aus seinem spanischen Renaissance-Repertoire zum Besten, begleitet von langjährigen Weggefährten an der Barockharfe, auf der Barockgitarre, mit Violone und diversen Trommeln. Dazwischen brechen die Musiker des Tembembe Ensamble Continuo mit den subversiven Rhythmen ihrer mexikanischen Heimat in die wohlgesetzte Ordnung der Alten Welt ein. Erstaunliche Parallelen verbinden die beiden musikalischen Welten dies- und jenseits des Atlantik, wie Jordi Savall mit seinen Freunden aus Mexikoaufzeigt. 2007 lernten sie einander kennen und haben sich seitdem immer wieder auf die Reise von Spanien in die musikalischen Regionen des »nuevo mundo« begeben.

Ein Gambist aus Toledo in Neapel

Zwei Wochen vor Weihnachten 1553 unterzeichnete der spanische Gambist Diego Ortiz in Neapel die Vorrede zu seinem Primo Libro, dem ersten Buch seiner Gambenschule. Der Meister aus Toledo hatte im spanischen Vizekönigreich Neapel eine neue Heimat gefunden und unter den erzmusikalischen Neapolitanern zahlreiche Abnehmer für seine Kunst. »Denn«, so führte er im Vorwort aus, »wie sehr floriert doch die Musik in diesen unseren Zeiten, und zwar nicht nur, was die Harmonie der Singstimmen anbelangt, sondern auch, was die Instrumentalmusik betrifft.« Freilich fehle bislang eine gründliche Gambenschule. »La Viola de arco« sei jedoch »un instrumento tanto principale e che tanto è in uso«, ein so wichtiges und weit verbreitetes Instrument, dass man diesen Mangel unbedingt beheben müsse. Also führte der Spanier im ersten Buch seiner Schule Haltung, Stimmung und Technik des Instruments aus, im zweiten Buch das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten (»il modo che se ha da tener contrapuntando con altra sorte de instrumento«). Dazu schrieb er diverse Kontrapunkte über bekannte Themen seiner Zeit, Recercadas genannt.

Für einen Gambisten wie Jordi Savall sind diese Recercadas von Ortiz die hohe Schule seines Instruments. Was dem »Toledano« in Neapel an Kontrapunkten zu den gängigen Bassthemen seiner Zeit einfiel, hat bis heute nichts an Faszination eingebüßt. Jordi Savall zeigt dies an einem Beispiel über ein nur scheinbar spanisches Thema: La Spagna. So nannten die Italiener um 1500 eine berühmte Basse danse, die etwa auch Heinrich Isaac als musikalisches Material für eine Messe benutzte. Bei Diego Ortiz dagegen kommt der Name La Spagna explizit überhaupt nicht vor. Er nannte diese Melodie schlicht Canto Llano, auf Italienisch Canto piano, was so viel wie gregorianischer Choral bedeutet. Er war überzeugt davon, dass es sich um einen Choral handelte, weil sein Kollege, der italienische Komponist und Sänger Costanzo Festa, darüber mehr als 150 Kontrapunkte geschrieben hatte. Ortiz hingegen beschränkte sich zwar auf nur sechs Recercadas, bringt in diesen Sätzen aber die ganze Schönheit der Gambe zur Geltung: In der heute erklingenden zweiten Recercada entfaltet sie sich in fließenden Rhythmen und weitgeschwungenen Melodiebögen über dem feierlichen Bass mit seinen ganztaktigen Noten.

La Folia – ein Thema, das die Fantasie beflügelt

Das berühmteste aller Renaissance-Themen war sicher La Folia. Erst allmählich nahm es seine klassische Form an, eine langsame Sarabande in Moll mit einprägsamer Melodie und Akkordfolge. Die Folias antiguas, die alten Formen der Folia, sind einfache Bässe aus polyfonen Sätzen der Zeit um 1500. Jordi Savall präsentiert dafür zwei Beispiele aus dem Cancionero de Palacio. Das zweite ist ein Tanzlied auf den Text »Rodrigo Martinez«. Schon lange bevor barocke Streichervirtuosen wie Arcangelo Corelli, Antonio Vivaldi oder Marin Marais die Folia zur stattlichen Variationenfolge ausbauten, entlockten Virtuosen um 1500 jenen Vorformen des Themas eine erstaunliche Vielfalt an improvisierten Passagen – eine Tugend, die Jordi Savall und seine Musiker wieder aufleben lassen.

Um 1500 war die Folia noch ein einfaches, mitreißendes Tanzlied. Bereits 50 Jahre später erhält sie bei Diego Ortiz in Neapel einen artifizielleren Charakter. Jordi Savall lässt auf dessen Folia IV eine Suite aus weiteren »Schlagern« der Renaissance folgen, die Ortiz auf die Gambe appliziert hat: den Passamezzo antico und moderno, den Ruggiero und die Romanesca. Unzählige Male sind diese Bassthemen damals – nicht unähnlich den Bearbeitungsstrategien der heutigen Musik –»gesampelt« und »gecovert« worden.

Die späteste Folia im Programm stammt von dem Franziskaner Antonio Martín y Coll, der noch in den 1730er-Jahren als Organist am Madrider Kloster San Francisco el Grande wirkte. In fünf Bänden sammelte er unter dem Titel Flores de Música (Musikalische Blumen) Hunderte von Musikstücken seiner Zeitgenossen von Corelli bis Händel. Der fünfte Band enthält seine eigenen Kompositionen, darunter auch die Diferencias sobre las Folias. »Unsere Wahl der Instrumente für diese Stücke, darunter Bassgambe, dreireihige Harfe, Gitarre und Kastagnetten, stimmt mit dem typisch iberischen Klangbild der damaligen Zeit überein; sie entspricht dem vorherrschenden Musikgeschmack und den Gepflogenheiten insbesondere im Hinblick auf Formen wie die Folia, den Fandango oder die Jácara, die enge Verbindungen zu ihrem volkstümlichen Ursprung beibehielten« (Jordi Savall).

Ein Priester aus Aragon in Rom

Im Heiligen Jahr 1675 tauchte in Rom ein junger Priester aus Spanien namens Gaspar Sanz auf, der sich weniger um die Pilgerreise zur Heiligen Pforte bemühte als um den Unterricht eines berühmten Geigers und Gitarristen: Lelio Colista. Dieser Hofmusiker der Chigi-Familie residierte nobel am römischen Corso und erteilte dem jungen Spanier Lektionen in der neuen, italienischen Art, die fünfsaitige Barockgitarre zu spielen. Wieder zurück in der Heimat, veröffentlichte Sanz einerseits einen Lobpreis auf den Papst, andererseits den zweiten Band seines umfangreichen Lehrbuchs zum Musizieren auf der spanischen Gitarre: Instrucción de música sobre la guitarra española. Zahllose spätere Gitarristen zogen aus den drei Bänden dieser Schule die wesentlichen Lehren zur Besaitung und Stimmung ihres Instruments, zum zarten Zupfen der Saiten mit den Fingern, dem punteado, und zum wilden Schlagen mit der Hand, dem rasgueado. Auf dem Titelblatt des ersten Bands von 1674 erscheint Sanz als »Aragonese, aus der Stadt Calanda gebürtig, Bakkalaureus der Theologie der ehrwürdigen Universität von Salamanca«. Sein geistliches Studium hinderte ihn nicht daran, in seiner Gitarrenschule jede Menge weltlicher Tänze zu veröffentlichen, und zwar »im spanischen, italienischen, französischen und englischen Stil«. Zu den beliebtesten spanischen Tänzen gehörte die Jácara, deren Name sich aus den derben Zwischenakten der spanischen Schauspiele herleitete. Wie dort Halbweltdamen und Gauner ihre Verse im »tono jácara« sangen, also in einer bewusst »deftigen« Vortragsart, so mussten auch die musikalischen Jácaras mit viel Verve und folkloristischem Einschlag gespielt werden.

El nuevo mundo

Von einer Jácara des Gaspar Sanz, vorgetragen auf einer spanischen Barockgitarre, ist es nur ein Schritt zu einem Son aus der mexikanischen Stadt Tixtla, gespielt auf einem Mosquito. So nennt man die zweitkleinste Form der mexikanischen Gitarre, der Jarana. Das Tembembe Ensemble Continuo verwendet mexikanische Gitarren in verschiedenen Größen und Bauarten: den Mosquito und die etwas größere Jarana jarocha terza, ferner die Guitarra de son, die Guitarra huapanguera, die im Ensemble als Bassgitarre dient, und die Jarana huasteca aus der gleichnamigen Provinz Mexikos. All diese Gitarrenarten werden im rasgueado gespielt, mit wild synkopischen Rhythmen. Letztere sind unverzichtbar für den Son jarocho, die festliche Tanzmusik mit Gesang, wie sie sich zuerst am Ende des 18. Jahrhunderts in Veracruz entwickelt hat.

Ihre Ursprünge liegen bei den Afroamerikanern Südamerikas, worauf der Begriff »jarocho« hinweist. Zugleich haben die spanischen Gitarristen, die nach Mexiko kamen, der indigenen Bevölkerung ihre Kunst weitergegeben. Die Mexikaner waren extrem musikalisch, wie die Berichte der Missionare und die riesigen Musikbestände der großen Kathedralen belegen. So inbrünstig sie im Gottesdienst geistliche Musik aus dem Mutterland Spanien sangen, so ausgelassen feierten sie an den Hochfesten den Son jarocho. Zum instrumentalen Gewand dieser Musik gehören viele weitere Instrumente wie die Harfe, die Maracas und diverse Trommeln (Panderos). Ohne den Tanz aber wäre kein solches Fest denkbar: Donají Esparza ist die Tänzerin bei Tembembe. Sie beherrscht den Flamenco ebenso meisterhaft wie den Zapateado, die Hauptform des mexikanischen Volkstanzes.

Im Son jarocho wird auch gesungen, und zwar mit kräftiger Stimme und anschaulich erzählend. Die instrumentalen figuras werden von gesungenen Strophen unterbrochen, den pregones. Ein Musterbeispiel dafür ist der äußerst populäre Dialog María Chuchena. Jordi Savall und seine mexikanischen Freunde setzen dieses Stück in Beziehung zu einem berühmten spanischen Barockmeister, der nach Mexiko auswanderte: Santiago de Murcia.

Ein Gitarrist aus Madrid in Mexiko

Als Gaspar Sanz 1710 in Madrid starb, schickte sich der Sohn eines Madrider Instrumentenbauers an, seine Nachfolge anzutreten: Santiago de Murcia. Dem jungen Gitarrenvirtuosen war Glück beschieden: 1700 hatte nach dem Tod des letzten spanischen Habsburgers ein Enkel Ludwigs XIV. den spanischen Thron bestiegen. König Philipp V. liebte die Gitarre ebenso sehr wie sein Großvater, der Sonnenkönig. Als Santiago de Murcia 1714 seine Gitarrenschule drucken ließ, widmete er sie der Königin. Auch Höflinge gehörten zu Murcias Unterstützern wie etwa der königliche Notar Joseph Álvarez de Saveedra, dem er seine umfangreichste Sammlung von Tänzen zueignete. Saveedra starb 1737 in Mexiko, wo sich um 1740 auch Murcias Spur verliert. Er war seinem Gönner in die Neue Welt gefolgt.

Ebenso schillernd wie seine Lebensgeschichte ist die Historie der Handschriften, in denen Murcias Werke überliefert sind. Es handelt sich um den sogenannten Saldívar Codex Nr. 4, einen Prachtband aus dem Jahre 1732, den die Familie Saldívar in Mexiko City in ihre Sammlung aufnahm, und um ein Manuskript aus Chile, dessen Entstehung zehn Jahre früher anzusetzen ist. Das Besondere an diesen Bänden ist nicht nur ihre luxuriöse Aufmachung, sondern auch die Genauigkeit der Notation bis hin zu Fingersätzen für die linke Hand. Man kann aus ihnen sehen, dass Murcia seine Gitarrensaiten anders stimmte als heute üblich: die tiefste Saite befand sich bei seinen Instrumenten in der Mitte! Ansonsten steht dieses Kompendium der Gitarrenmusik jener Epoche unter stark französischem Einfluss. Weit voraus in die Zukunft weisen die Sammlungen mit Murcias Musik dagegen durch zwei Elemente: Zum einen finden sich hier die frühesten Beispiele für Fandango, Jota und Seguidilla, also für die spanischen Tänze des 19. Jahrhunderts. Zum anderen hat der Spanier in der Neuen Welt eifrig Melodien der afrikanischen Sklaven gesammelt, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht hatten, wie etwa Zarambeqeus und Cumbées.

Jordi Savall lässt in seinem Programm eine Jota von Santiago de Murcia übergehen in das mexikanische Tanzlied María Chuchena. Er schreibt dazu: »María Chuchena ist ein Son jarocho aus Veracruz, der mehrere Verbindungen zur spanischen und zur Barockmusik aufweist. Einerseits ist seine rhythmische Zusammensetzung und harmonische Struktur mit denen von Santiago de Murcias La Jota aus dem Saldívar Codex Nr. 4identisch; andererseits ist der Kehrreim ebenfalls in einem alten spanischen Zungenbrecher für Kinder, María Chuchena, zu finden. Dies könnte darauf hinweisen, dass dasselbe Stück zu verschiedenen Zeitpunkten an verschiedenen Orten in der spanischsprachigen Welt zum Vorschein kam« (Jordi Savall).

Im zweiten Teil folgt auf einen Fandango aus dem Saldívar Codex Nr. 4vonSantiago de Murcia ein Fandanguito aus Veracruz. Wieder sind die beiden Sätze musikalisch fast identisch. »Der Fandango, der wahrscheinlich im 17. Jahrhundert in der Karibik seinen Ursprung nahm, stieg im folgenden Jahrhundert zum berühmtesten Musikgenre in Spanien auf, und Giacomo Casanova beschrieb den Tanz als ›Ausdruck der Liebe von Anfang bis Ende‹« (Jordi Savall).

The New World

Dass irische Tanzmelodien aus einer nordamerikanischen Sammlung die zweite Konzerthälfte eröffnen, mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen, hat die Welt der celtic music doch scheinbar gar nichts mit spanischer Musik dies- und jenseits des Atlantiks zu tun. Freilich findet sich die Jiga inglese auch in den Gitarrenbüchern von Gaspar Sanz. Zu verführerisch war der schwingende Duktus der irischen Jig, um vor den Grenzen Spaniens Halt zu machen. Natürlich brachten die irischen Auswanderer diese Musik auch mit nach Boston, das bekanntlich bis heute eine höchst selbstbewusste irisch-stämmige Bevölkerung aufweist. Dort erschien 1883 Ryan’s Mammoth Collection, die »Mammut-Sammlung« irischer Tänze. 1050 Jigs, Hornpipes, Reels und andere Tanzformen sind dort mit ihrer Melodie und ihrem Titel abgedruckt – als Vorlage für freie Improvisationen. Jordi Savall hat sich drei der schönsten herausgesucht: Regents Rant, eine Lieblingsmelodie des englischen Thronregenten, die bekannte Jig Crabs in the Skillet und die bevorzugte Hornpipe Lord Moiras, eines nordirischen Kriegshelden der napoleonischen Zeit.

Zurück in Neapel

Am Ende des Abends geht es noch einmal zurück ins spanisch regierte Neapel. Zu den einheimischen Kollegen des Diego Ortiz gehörte der blinde Organist der Kirche Sant’ Angelo a Nilo, Antonio Valente. Von Valentes Kunst legen seine geistlichen Versetten für die Orgel ebenso beredtes Zeugnis ab wie die weltliche Sammlung Intavolatura de cimbalo von 1576. In ihr finden sich auch Variationen über die neapolitanische Galliarde, die am Ende des Programms nahtlos in einen Tanz aus Mexiko übergehen, den Jarabe. Dessen Ursprünge liegen möglicherweise ebenfalls im spanischen Mutterland, im Jarabe gitano, dem »Zigeunertanz« Andalusiens.

Karl Böhmer

Biografie

Das Tembembe Ensamble Continuo schlägt eine Brücke zwischen den Werken des spanischen Barockzeitalters und der traditionellen Musik Lateinamerikas. Im Zentrum stehen hierbei die Beziehungen zwischen alten spanischen und mexikanischen Gitarren-Tabulaturen und den noch heute in Lateinamerika gebräuchlichen traditionellen Liedern und Melodien (Sones), die in unterschiedlichen regionalen Varianten verbreitet sind und die ältesten Wurzeln der mexikanischen Volksmusik bilden. Die Musiker des Tembembe Ensamble Continuo greifen in ihren Konzerten auf Gitarren und andere Saiteninstrumente wie Harfe und Violine zurück, wobei auch der Tanz den Festgeist des 17. Jahrhunderts und die farbenprächtigen Volksfesttradition jüngerer Vergangenheit wiederbeleben soll. Als Rhythmusinstrumente dienen u. a. die Marimbol, ein Holzkasten mit Metallzungen, der zunächst auf den Karibischen Inseln und in Belize verbreitet war sowie die Quijada de caballa, eine Art Klapper, bestehend aus einem Pferdegebiss. Der Ensemblename soll auf die Kontinuität der musikalischen Traditionen durch die Zeit und die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart hinweisen. Die Mitglieder des Tembembe Ensamble Continuo studierten an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) sowie an anderen Musikinstituten in Mexiko, Kolumbien, Frankreich und den USA. Heute unterrichten sie am UNAM, am Center of Arts im mexikanischen Morelos sowie am Ollin Yoliztli Cultural Center in Mexiko-Stadt. Zu den Künstlern, mit denen das Tembembe Ensamble Continuo bei seinen Konzerten in Lateinamerika, den USA, Europa und Asien häufig zusammenarbeitet gehören Patricio Hidalgo, Hille Perl, Steve Player, Lee Santana, Jordi Savall und Zenén Zeferino. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt die Formation nun ihr Debüt.

Hespèrion XXI lautet seit der letzten Jahrtausendwende der Name des 1974 von Jordi Savall, Montserrat Figueras, Lorenzo Alpert und Hopkinson Smith gegründeten Spezialensembles für Alte Musik Hespèrion XX. »Hesperia« nannte man in der Antike die beiden westlichsten Halbinseln Europas: die Italienische und die Iberische. »Hesperio« war zudem der Name des Planeten Venus, wenn er nachts im Westen erschien. Fasziniert vom immensen Reichtum der europäischen Musik vor 1800, insbesondere derjenigen des Mittelmeerraumes, und von der Leidenschaft beseelt, dieses Repertoire unter neuen und zeitgemäßen Vorgaben zu studieren und aufzuführen, hat das Ensemble in den bald vier Jahrzehnten seines Bestehens eine Vielzahl oft unveröffentlichter Werke vor dem Vergessen bewahrt und so zu einer weitgehenden Neubewertung der Mittelalter-, Renaissance- und Barockmusik beigetragen. Seit seiner Gründung konzertiert Hespèrion in der ganzen Welt und nimmt regelmäßig an den wichtigsten internationalen Festivals teil. Charakteristisch für die Gruppe ist die Suche ihrer Mitglieder nach einer dynamischen Synthese von musikalischem Ausdruck, stilistischen und historischen Kenntnissen und kreativer Fantasie. Mit ihrer einzigartigen Vielfalt an künstlerischen Ausdruckmöglichkeiten haben die Musiker von Hespèrion XXI wertvolle musikalische Schätze des »alten« Europas, der »neuen« Welt sowie des nahen und fernen Ostens ans Licht gebracht und zu neuem Leben erweckt. Ihre Auftritte und CD-Veröffentlichungen lassen uns Sefarad mit seinen jüdisch-christlichen Liedern, das »Goldene Zeitalter« Spaniens und die Madrigale Monteverdis ebenso wiederentdecken wie die kreolischen Villancicos Lateinamerikas. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker war Hespèrion XXI zuletzt Anfang März 2011 in der Reihe Alla turca zu Gast, musikalischer Leiter war Jordi Savall.

Jordi Savall begann seine musikalische Ausbildung als Mitglied des Knabenchors seiner Geburtsstadt Igualada (Provinz Barcelona). Er studierte Violoncello am Konservatorium von Barcelona; daneben erlernte er autodidaktisch das Spiel der Viola da gamba. 1968 setzte er seine Ausbildung an der Schola Cantorum in Basel fort, an der er 1973 seinem Lehrer August Wenzinger als Pädagoge nachfolgte. Als einer der vielfältigsten und talentiertesten Musiker seiner Generation wurde Jordi Savall während seiner Laufbahn als Konzertmusiker, Pädagoge, Forscher und Initiator von Musik- und Kulturprojekten zu einem der führenden Architekten der gegenwärtigen Neubewertung historischer Aufführungspraxis. Zusammen mit der Sängerin Montserrat Figueras gründete er die heute in aller Welt gefeierten Ensembles Hespèrion XX bzw. XXI, La Capella Reial de Catalunya und Le Concert des Nations. Mit seinen Konzerten und Aufnahmeprojekten beweist der Künstler immer wieder, dass alte Musik ein größeres und auch junges Publikum anzusprechen vermag. Jordi Savall wurde vielfach mit Preisen und Auszeichnungen geehrt: Frankreich ernannte ihn zum »Officier / Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres« (1988/2012) sowie zum Ritter der Ehrenlegion; der »Musiker des Jahres« (Le Monde de la Musique, 1992) erhielt die »Goldmedaille für schöne Künste« (Spanien, 1998), die Ehrenmitgliedschaft der Wiener Konzerthausgesellschaft (1999) und Ehrendoktorwürden der Universitäten von Évora, Barcelona, Löwen und Basel. 2008 wurde er zum »Botschafter der Europäischen Union für den interkulturellen Dialog« und zusammen mit Montserrat Figueras vom Goodwill-Botschafter-Programm der UNESCO zu »Künstlern für den Frieden« ernannt. Der Träger des Händelpreises der Stadt Halle (2009) erhielt 2012 auch den renommierten Léonie-Sonning-Musikpreis. Savalls Einspielung barocker Gambenstücke für Alain Corneaus Film Tous les matins du monde (Die siebente Saite) von 1991 erhielt einen César für die beste Filmmusik. Auch seine über 230 CD-Veröffentlichungen wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik (2003), mehreren Midem Classical Awards und einem Grammy (2011). Auf Einladung der Stiftung Berliner Philharmoniker war der Künstler zuletzt mit dem Ensemble Le Concert des Nations Anfang Mai 2015 zu Gast.

Jordi Savall (Foto: David Ignaszewski)