Kammermusik

Scharoun Ensemble Berlin und Emmanuel Pahud

Franz Schuberts berühmtes Oktett in F-Dur mit seinem volkstümlichen, tänzerischen Duktus im Kontext zu zwei zeitgenössischen Musikstücken: Isang Yuns Kammermusikwerk Distanzen, in dem der koreanische Komponist Gegensätze zwischen Himmel und Erde, Mann und Frau, Natur und Mensch verhandelt, und Michael Jarrells Flötenkonzert ...un temps de silence..., das erstmals in seiner Kammermusikfassung erklingt. Interpreten des Programms sind das Scharoun Ensemble Berlin und der philharmonische Soloflötist Emmanuel Pahud.

Scharoun Ensemble Berlin:

Wolfram Brandl Violine

Rachel Schmidt Violine

Micha Afkham Viola

Richard Duven Violoncello

Peter Riegelbauer Kontrabass

Alexander Bader Klarinette

Markus Weidmann Fagott

Stefan de Leval Jezierski Horn

Emmanuel Pahud Flöte

Thierry Fischer Dirigent (Yun, Jarrell)

Isang Yun

Distanzen für Bläserquintett und Streichquintett, dem Scharoun Ensemble gewidmet

Michael Jarrell

...un temps de silence..., Konzert für Flöte und Orchester Uraufführung der Fassung für Flöte und Kammerensemble

Franz Schubert

Oktett F-Dur D 803

Termine und Karten

Programm

Unüberwindbar, aber nicht unüberbrückbar sind die Gegensätze zwischen Himmel und Erde, Mann und Frau, Natur und Mensch. Isang Yun verhandelt in seinem Kammermusikwerk Distanzen ein hochphilosophisches Thema. Das Scharoun Ensemble Berlin, das dieses Stück 1988 im Rahmen der Berliner Festwochen uraufgeführt hat, setzt es an den Anfang seines Konzerts – zur Erinnerung an den Komponisten, der im September 2017 100 Jahre alt geworden wäre. Die philharmonische Kammermusikgruppe fühlt sich Isang Yun auf besondere Weise verbunden. Bis zu dessen Tod 1995 bestand ein reger künstlerischer Austausch zwischen dem in Berlin lebenden Koreaner und den Mitgliedern des Ensembles. Er vermittelte ihnen die besonderen spirituellen Qualitäten seiner Musik.

Einen relativ pragmatischen Ansatz verfolgt der Schweizer Michael Jarrell in seinem Flötenkonzert ...un temps de silence...: »Ich wollte die verschiedenen Arten von Stille hörbar machen«, meint der Komponist. Dazu gilt es vor allem, den musikalischen Kontext zu gestalten. »Die Stille nach einem einzigen Akkord ist nicht dieselbe wie nach einer Kaskade von Tönen.« Das Flötenkonzert entstand für Emmanuel Pahud, Solo-Flötist der Berliner Philharmoniker und wurde 2007 vom ihm und dem Orchestre de la Suisse Romande uraufgeführt. Jetzt erklingt es erstmals in der Fassung für Kammerensemble. Den Schluss des Programms bildet Franz Schuberts berühmtes Oktett in F-Dur, das sich durch einen volkstümlichen, tänzerischen Duktus und eine liedhafte Melodiegestaltung auszeichnet. Gleichzeitig jedoch besitzt diese kammermusikalische Komposition dank ihres subtil geknüpften motivisch-thematischen Beziehungsgeflechts auch symphonische Dimensionen.

Über die Musik

Übergänge zur Zeitlosigkeit

Werke von Isang Yun, Michael Jarrell und Franz Schubert

Am 17. Juni 1967, dem Tag der Deutschen Einheit, wurde der Komponist Isang Yun vom südkoreanischen Geheimdienst aus West-Berlin entführt und nach Seoul gebracht, wo er gefoltert wurde und später ein Schauprozess gegen ihn sowie weitere Koreaner, die gleichzeitig unter mysteriösen Umständen aus Deutschland verschwunden waren, stattfand. Yuns oppositionelle Haltung zum Regime des Diktators Park Chung-hee war bekannt; bei dem Prozess erhob man gegen ihn außerdem den absurden Vorwurf, er habe unter Anleitung der nordkoreanischen Botschaft in Ost-Berlin einen Spionagering aufgebaut. Das Urteil lautete auf lebenslange Haft, nach internationalen Protesten wurde der Komponist jedoch 1969 freigelassen.

Als Isang Yun am 17. September 1917 im Süden Koreas geboren wurde, war das Land eine japanische Kolonie. Im Zweiten Weltkrieg nahm der junge Komponist am Befreiungskampf gegen die Japaner teil, was ihm Verhaftung und Folter einbrachte. Es folgten der Korea-Krieg und die Teilung des Landes. Die Auszeichnung mit dem Kulturpreis der Stadt Seoul versetzte Yun 1956 in die Lage, für seine musikalische Weiterbildung nach Europa zu gehen, wo er an der Berliner Hochschule für Musik bei Reinhard Schwarz-Schilling, Boris Blacher und Josef Rufer studierte. Erste Aufführungserfolge bewogen ihn, in Deutschland zu bleiben. Nach der Freilassung aus dem koreanischen Gefängnis wirkte er bis 1985 als Kompositionslehrer an jener Berliner Hochschule, die er einst besucht hatte.

»Wiederfinden der harmonia mundi« – Isang Yuns Distanzen für Bläserquintett und Streichquintett

In der Berliner Akademie der Künste, der er seit 1974 angehörte, traf Isang Yun die Schriftstellerin Luise Rinser. Sie interessierte sich sehr für das Schicksal des Komponisten und führte viele Gespräche mit ihm, die sie 1977 unter dem Titel Der verwundete Drache veröffentlichte. Da Yun 1963 einen Besuch Nordkoreas gewagt hatte, um die andere Hälfte seines Landes kennenzulernen, unternahm Luise Rinser ebenfalls eine solche Reise. 1985 beschrieb sie bei einem Berliner Vortrag das »Wiederfinden der harmonia mundi« als gesellschaftliche Aufgabe der Musik. Isang Yun fühlte sich von dieser Schriftstellerin verstanden. Den Titel ihres Tagebuchs Im Dunkeln singen übernahm er 1984 für seine Vierte Symphonie. Zwei Jahre später widmete er Luise Rinser seine Komposition Distanzen.

Das Werk entstand im Auftrag der Berliner Festwochen, die Isang Yun im September 1988 mehrere Porträtkonzerte widmeten. Diese fanden im von Hans Scharoun und Edgar Wisniewski entworfenen Kammermusiksaal der Philharmonie statt, der erst im Vorjahr eröffnet worden war. Die raummusikalischen Möglichkeiten dieses neuen Saals haben das Grundkonzept von Yuns Komposition beeinflusst: Mit dem Titel Distanzen bezog er sich auf die Entfernung zwischen Himmel und Erde, aber ebenso auf die Aufstellung der Solisten im Raum, die für ihn symbolische Bedeutung besaß. So verstand Yun den Hornisten als »Himmelskaiser«, der als Mittler zwischen Himmel und Erde im Konzertsaal ganz oben sitzt, unweit von Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott. Den irdischen Gegenpol bilden auf dem Podium die tiefen Streicher. Sie »zanken und schreien«, wie Yun 1993 in Salzburg erläuterte. »Aber zwei Bodhisattvas [Anm. Red: Erleuchtungswesen], die erste und die zweite Geige, besänftigen und vermitteln diese ungezogenen Menschen zum Kosmos.« Die beiden hohen Streicher stellen eine Brücke dar zur Götterwelt der Bläser. »Sie spielen keine Melodie, sondern nur flirrende Tremoli. Das ergibt flexible, wahrnehmbare oder nicht wahrnehmbare Klänge. Und diese Klänge sind gnadenvoll den Menschen gegenüber, die langsam zur Besinnung kommen und den Himmelsgöttern entsprechen.«

In Yuns Distanzen begegnen sich die sonst getrennten Sphären in einer Art von spirituellem Musiktheater. Als Repräsentanten des irdischen Dunkels beginnen die tiefen Streicher mit heftigen Figurationen, auf die die Violinen zart antworten. Letztere leiten über zum solistischen Horn und den Trillerflächen der Holzbläser. Der Exposition folgen dann Stufen der Annäherung, indem Fagott und Horn sich verbinden und wenige Takte später die Violinen mit den tiefen Streichern es ihnen gleichtun. Ein Zustand der Versöhnung ist erreicht, wenn Violinen und Bläser sich im unisono gespielten Ton C bündeln und für Momente auch die tiefen Streicher für sich gewinnen. Kurz vor Schluss erinnern heftige Doppelgriffe der Bratsche noch einmal an die Ausgangssituation. Dann aber vereinen sich alle Instrumente und ziehen mit hohen Trillern in die ewige Harmonie der Götter ein.

Isang Yun, der in dieser Komposition die taoistische Gedankenwelt Asiens mit europäischer Klangkunst verband, durfte ein Jahr nach der vom Scharoun Ensemble gespielten Uraufführung die deutsche Wiedervereinigung erleben. Sein Traum einer Annäherung von Nord- und Südkorea hat sich dagegen auch im Jahr seines 100. Geburtstags nicht erfüllt.

Verschiedene Arten der Stille – Michael Jarrells … un temps de silence…

In der französischen Schweiz achtet man auf geistige Unabhängigkeit von Bern, Zürich und Basel; eher orientiert man sich an Paris und der französischen Kultur. Der 1958 in Genf geborene Komponist Michael Jarrell ging andere, eigene Wege. Während des Musikstudiums in seiner Heimatstadt besuchte er in den USA mehrere Kurse und das Festival von Tanglewood. Nach der Begegnung mit dem Komponisten Klaus Huber, einem Deutsch-Schweizer, wechselte er 1981 an die Musikhochschule in Freiburg im Breisgau. Hier schuf er als seine erste gültige Komposition eine Rilke-Vertonung. Nach dem Studienabschluss lebte Jarrell für einige Jahre in Paris und Rom, bevor er 1993 eine Professur für Komposition in Wien übernahm. Als Mittler zwischen den europäischen Kulturen vertonte er Texte von Leonardo da Vinci, Christa Wolf, Bertolt Brecht und Heiner Müller; Franz Schubert, Robert Schumann, Claude Debussy, Maurice Ravel, Pierre Boulez, Luciano Berio und Bernd Alois Zimmermannzählt er zu den ihn prägenden musikalischen Vorbildern.

Seinen Kompositionen gab Jarrell Überschriften wie Assonance, Résurgences (Wiederauftreten) oder Émergences (plötzliches Auftauchen). »Mir dient ein Titel als ein Schlüssel«, erklärt er, »als eine Spur, um die poetische Idee eines Werks zu begreifen.« Das 2001 für die Salzburger Festspiele komponierte Klavierkonzert, nannte er Abschied. Jarrell bezog sich damit auf den Tod seines Vaters. Die spielerische Bewegung ebbt hier ab und wandert in tiefere Klangräume, sie verschwindet und öffnet sich der Stille. Eine ähnliche Dramaturgie findet sich im Flötenkonzert, das Jarrell für den ebenfalls in Genf geborenen Emmanuel Pahud schreib, der – wie schon sein Lehrer Aurèle Nicolet – französische und deutsche Traditionen vereint. Jarrell hatte den Flötisten über den Klarinettisten Paul Meyer kennengelernt. Nachdem beide 2005 an der Uraufführung von Jarrells Sillages (Kielwasser) für Flöte, Oboe, Klarinette und Orchester in genf mitgewirkt hatten, bat Pahud den Komponisten ein Jahr später um ein Solokonzert. Dieses in der Orchesterfassung 2007 uraufgeführte Werk erklingt heute erstmals in einer Version für Flöte und Kammerensemble.

»… un temps de silence…« (In Zeiten der Stille) ist, so der Komponist, eigentlich kein richtiges Konzert. »Es gibt nicht die traditionelle Rollenverteilung zwischen Solist und Begleitung. Das Orchester ist nicht dazu da, den Solisten zu unterstützen, sondern hat eine eigene autonome Rolle.« Das durchkomponierte Werk beginnt mit drei Akkorden, gespielt von Streichern, Schlagzeug, Harfe und Klavier, die mehrfach wiederkehren und den Solisten zu hektischen Aktionen motivieren. In Fragen der Spieltechnik hatte sich Jarrell zuvor mit Pahud beraten. Der atemlosen Hektik des Flötisten mit rasend wiederholten oder überblasenen Tönen steht das Ensemble scheinbar unbeeindruckt gegenüber. Nach einem kräftigen, abrupt abreißenden Tutti kommt es in einem deutlich ruhigeren Abschnitt zu langen Haltetönen. Es beginnt ein Prozess der Auflösung, des Verschwindens, den der Werktitel andeutet. »Ich wollte verschiedene Arten der Stille hörbar machen«, bemerkt Jarrell. »Dies ist nur möglich durch den Wechsel der Kontexte. Die Stille nach einem einzelnen Akkord ist anders, als die nach einem ganzen Notengestöber.« Auf diesem Weg tritt das Ensemble mehr und mehr zurück, während sich die Soloflöte noch freier entfaltet, auch mit tiefen Tönen, anschwellenden Trillern oder Blasgeräuschen. Nach einer vorübergehend wiederkehrenden Turbulenz und dem letzten Pulsieren von Woodblock und weiteren Schlaginstrumenten kommt die Bewegung zum Stillstand. Zu einem kaum hörbaren Halteklang des Ensembles wechselt die Flöte zwischen hohen und tiefen Tönen, als wolle sie den Raum erkunden. Emmanuel Pahud verglich dies mit einem menschlichen Wesen, das in den Himmel, den Kosmos schaut. Es spürt dort – gleichsam wie Goethes nächtlicher Wanderer – kaum einen Hauch.

Gibt es lustige Musik? - Franz Schuberts Oktett F-Dur

Den Auftrag für das Oktett hatte Schubert von Ferdinand Graf Troyer erhalten, dem Obersthofmeister des Erzherzogs Rudolf. Der Graf, ein fähiger Klarinettist, hatte vermutlich die Orientierung an Beethovens Es-Dur-Septett für Streicher und Bläser op. 20 angeregt. Schubert erweiterte die Septett-Besetzung um eine zweite Violine und verstärkte damit den symphonischen Charakter. Wie Beethovens Komposition umfasst Schuberts Oktett sechs Sätze: Dem ersten Allegro in Sonatenform folgen ein Adagio, ein Scherzo, ein Variationssatz, ein Menuett und schließlich das Finale. Und auch Schubert ergänzte die Ecksätze um langsame Einleitungen, wodurch er ihnen zusätzliches Gewicht verlieh. Schon die Introduktion des Kopfsatzes deutet an, dass er über den Divertimento-Charakter des Beethoven-Septetts hinausgehen wollte. Die Musiker beginnen in F-Dur, schweifen dann zu As-Dur, Des-Dur und des-Moll ab, verstummen und erreichen erst nach fragenden Oktavrepetitionen der Klarinette den Allegro-Hauptteil.

Das C-Dur-Thema der Variationen übernahm Schubert aus seinem frühen Singspiel Die Freunde von SalamancaD 326. Vom galanten Ton des Themas führen die sieben Variationen in Klang und Harmonik bald in die Welt der Romantik. Auch in anderen Sätzen klingen hinter äußerer Heiterkeit mehrfach die tiefe Wehmut und Resignation an, die der Komponist seinem Freund Kupelwieser anvertraut hatte. So wirkt das Menuett merkwürdig gehemmt, was durch den Kontrast zum unbeschwert musikantischen Trio-Teil noch deutlicher wird. Das Finale beginnt in der f-Moll-Einleitung mit einem gespenstisch tremolierenden Crescendo, das als »Grollen fernen Donners« (Hugo Wolf) den Boden wanken lässt. Kurz vor Schluss bricht inmitten des fröhlichen Überschwangs wie ein Memento mori überraschend noch einmal das düstere f-Moll herein. »Gibt es eigentlich lustige Musik?« fragte Schubert damals und antwortete: »Ich weiß von keiner.«

Im Spielmannʼschen Hause auf dem Graben, wo Graf Troyer wohnte, erklang das Oktett im Frühjahr 1824 zum ersten Mal. Der bekannte Geiger Ignaz Schuppanzigh spielte die erste Violine, der Graf den attraktiven Klarinettenpart. Auf Schuppanzighs Initiative wurde es drei Jahre später, am Ostermontag 1827, im damaligen Gebäude des Wiener Musikvereins »Roter Igel« erstmals öffentlich aufgeführt. Das Werk wurde dabei als »angenehm und interessant«, jedoch als zu lang empfunden. Weil seine etwa einstündige Dauer die Konzertroutine sprengte, kam es erst 1853 zur Drucklegung, aber verkürzt, ohne Variationen und Menuett. 34 Jahre nach der ersten öffentlichen Aufführung wagte sich der Geiger Josef Hellmesberger noch einmal an das Oktett heran, das jetzt als angebliche »Novität« viel Beifall fand. Es vergingen weitere elf Jahre, bis 1872 erstmals eine vollständige Druckausgabe erschien. Inzwischen gibt es mehr Verständnis für Schuberts »himmlische Längen« und sein Oktett zählt zu den wichtigsten Kammermusikwerken des 19. Jahrhunderts.

Albrecht Dümling

Biografie

Das Scharoun Ensemble Berlin wurde 1983 gegründet und gehört mit seiner innovativen Programmgestaltung, ausgefeilten Klangkultur und lebendigen Interpretationen zu den profiliertesten Kammermusikformationen Deutschlands. Es besteht aus neun ständigen Mitgliedern, die alle den Berliner Philharmonikern angehören bzw. angehörten: Wolfram Brandl (Violine, seit 2011 Erster Konzertmeister der Staatskapelle Berlin), Rachel Schmidt (Violine), Christophe Horak (Violine), Micha Afkham (Viola), Richard Duven (Violoncello), Peter Riegelbauer (Kontrabass), Alexander Bader (Klarinette), Markus Weidmann (Fagott) und Stefan de Leval Jezierski (Horn). Die klassische Oktettbesetzung wird immer wieder auch um weitere Instrumentalisten erweitert. Das Ensemble hat dabei auch mit namhaften Dirigenten wie Claudio Abbado, Sir Simon Rattle, Daniel Barenboim oder Pierre Boulez zusammengearbeitet und musizierte mit Sängerinnen und Sängern wie Annette Dasch, Barbara Hannigan, Simon Keenlyside und Thomas Quasthoff. Mit ihrer Orientierung am Vermächtnis Hans Scharouns, des visionären Architekten der Berliner Philharmonie, bringen die Musiker ein künstlerisches Selbstverständnis zum Ausdruck, das sich dem Erbe der Vergangenheit und den Herausforderungen der Gegenwart gleichermaßen verpflichtet fühlt. Die Vermittlung zwischen Tradition und Moderne bildet daher auch den künstlerischen Schwerpunkt des Scharoun Ensembles, das Werke von György Ligeti, Hans Werner Henze, Pierre Boulez, György Kurtág, Wolfgang Rihm, Jörg Widmann und Matthias Pintscher initiiert und uraufgeführt hat. In Ergänzung zu einer regen internationalen Konzerttätigkeit engagiert sich die Formation bei dem 2005 gegründeten und künstlerisch von ihm gestalteten Zermatt Festival. Hier finden neben hochkarätig besetzten Konzerten jeden Sommer auch musikalische Workshops statt, die jungen Musikerinnen und Musikern die Chance bieten, mit den Mitgliedern des Scharoun Ensembles zusammenzuarbeiten.

Emmanuel Pahud wurde in Genf geboren und erhielt als Sechsjähriger in Rom den ersten Flötenunterricht. Zwei Jahre später studierte er an der Académie d’Uccle in Brüssel bei Michel Moinil und Carlos Bruneel, bevor er seine Ausbildung in Basel bei Peter-Lukas Graf fortsetzte. 1990 schloss der Musiker sein Studium am Conservatoire National Supérieur de Musique in Paris bei Michel Debost mit der Verleihung des Premier Prix ab; sein Können vervollkommnete er bei Aurèle Nicolet in Basel. Neben zahlreichen weiteren Auszeichnungen gewann Emmanuel Pahud erste Preise bei den Internationalen Musikwettbewerben in Genf (1992), Kobe (1989) und Duino (1988). Orchestererfahrung sammelte er als Soloflötist im Radio-Sinfonieorchester Basel und bei den Münchner Philharmonikern, bevor er 1993 als Soloflötist zu den Berliner Philharmonikern kam. Zwischenzeitlich Professor am Genfer Konservatorium, kehrte Emmanuel Pahud im April 2002 zu dem Orchester zurück. Als Solist konzertiert er weltweit mit den großen Symphonieorchestern – bei den Berliner Philharmonikern war er u. a. mit Flötenkonzerten von Carl Nielsen, Marc-André Dalbavie, Elliott Carter und Jörg Widmann zu hören – sowie als Kammermusiker in verschiedenen Duo- und größeren Ensemblebesetzungen. Für seine zahlreichen Einspielungen hat Emmanuel Pahud bedeutende Preise erhalten. Das französische Kulturministerium verlieh ihm im Juni 2009 die Auszeichnung »Chevalier dans l’Ordre des Arts et des Lettres«, im April 2011 wurde er zum Ehrenmitglied der Royal Academy of Music ernannt.

Der Schweizer Thierry Fischer studierte Flöte bei Aurèle Nicolet und begann seine musikalische Tätigkeit als Erster Flötist in Hamburg und am Zürcher Opernhaus. Dort wurde er von Nikolaus Harnoncourt im Partiturstudium unterrichtet, der ihn stark beeinflusste. Seine Dirigentenlaufbahn begann Thierry Fischer in seinen Dreißigern, als er für einen erkrankten Kollegen einsprang. In der Folge dirigierte er seine ersten Konzerte mit dem Chamber Orchestra of Europe, wo er zuvor erster Flötist unter der Leitung von Claudio Abbado war. Abbado ermutigte ihn, sein neu entdecktes Talent fürs Dirigieren weiter zu verfolgen. Nach Lehrjahren in den Niederlanden trat Thierry Fischer mit vielen führenden Orchestern Europas auf. Er war Chefdirigent und Künstlerischer Berater des Ulster Orchestra in Belfast (2001 – 2006) und übernahm von 2008 bis 2011 die Leitung des japanischen Nagoya Philharmonic Orchestra, dem er heute noch als Ehrengastdirigent verbunden ist. Zudem war Thierry Fischer Principal Conductor des BBC National Orchestra of Wales (2006 – 2012), mit dem er regelmäßig bei den BBC Proms gastierte. 2009 übernahm er das Amt des Music Director beim Utah Symphony Orchestra in Salt Lake City, sieben Jahre später wurde er zudem zum Principal Guest Conductor des Seoul Philharmonic Orchestra (Südkorea) ernannt. Gastengagements führten Thierry Fischer weltweit zu renommierten Klangkörpern. Außerdem arbeitet er regelmäßig mit den Kammerorchestern von Lausanne, Zürich und München sowie mit dem Scottish Chamber Orchestra, dem Swedish Chamber Orchestra und der Northern Sinfonia. Im Sommer 2016 gab Thierry Fischer sein Debüt beim New Yorker Mostly Mozart Festival und beim Maggio Musicale Fiorentino. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker ist er nun erstmals zu Gast.

(Foto: Ghandtschi)