Kammermusik

Mediterraneo – Italienische Nacht

Jazz at Berlin Philharmonic: Italienische Nacht

Der vielfach ausgezeichnete italienische Pianist Stefano Bollani gehört zu den erfolgreichsten Musikern seines Landes, der darüber hinaus auch mit internationalen Stars wie Pat Metheny, Michel Portal oder Richard Galliano zusammen gearbeitet hat. 2012 begann seine Kooperation mit dem norwegischen Komponisten und Arrangeur Geir Lysne. Für ihr gemeinsames Album Big Band erhielten sie 2013 den ECHO Jazz. Geir Lysne ist den Freunden der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic bereits bekannt durch sein Mitwirken beim Konzert mit Michael Wollny, Markus Stockhausen und den 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker im Mai 2015.

Stefano Bollani Trio und Gäste

Vincent Peirani Akkordeon

Mitglieder der Berliner Philharmoniker

Geir Lysne Leitung

Monteverdi – Morricone – Rota – Rossini – Puccini – Leoncavallo

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Karten

Programm

Der vielfach ausgezeichnete italienische Pianist Stefano Bollani gehört zu den erfolgreichsten Musikern seines Landes, der darüber hinaus auch mit internationalen Stars wie Pat Metheny, Michel Portal oder Richard Galliano zusammen gearbeitet hat. 2012 begann seine Kooperation mit dem norwegischen Komponisten und Arrangeur Geir Lysne. Für ihr gemeinsames Album Big Band erhielten sie 2013 den ECHO Jazz. Lsyne ist den Freunden der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic bereits bekannt durch sein Mitwirken beim Konzert unter dem Motto Monteverdi meets Morricone im Mai 2015. Damals führte er den Starpianisten Michael Wollny, die Cembalo-Virtuosin Tamar Halperin, den Trompeter Markus Stockhausen und die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker durch seine reizvolle Verschränkung zweier italienischer Musikwelten, der des großen Frühbarock-Opernpioniers Claudio Monteverdi und des Kult-Filmkomponisten Ennio Morricone. Nun gibt es mit Mediterraneo eine Fortsetzung. Neben Monteverdi und Morricone unterwirft Lysne nun auch drei andere italienische Operntitanen, Gioacchino Rossini, Ruggero Leoncavallo und Giacomo Pucchini einer kreativen Dekonstruktion. Und um der zugrundeliegenden opulenten Opern- und Filmmusik-Literatur den passenden symphonischen Rahmen zu geben, sind natürlich auch wieder mehr als ein Dutzend Mitglieder der Berliner Philharmoniker mit von der Partie.

Über die Musik

Mediterraneo – Italienische Nacht

Auch musikalisch ein Arkadien – Italien

Viele Wurzeln der europäischen Musik liegen in Italien. Schon der Gregorianische Choral als Grundlage der Kirchenmusik und prägendes Element der gesamten Entwicklung der westlichen Kunstmusik wurde im siebten Jahrhundert an der Schola cantorum in Rom in seinen Grundzügen definiert. Die große Bedeutung des Gesangs in der italienischen Musik hat sich bis heute erhalten, von den großen Tenören wie Carlo Bergonzi, Guiseppe di Stefano, Enrico Caruso oder Luciano Pavarotti bis zu den populären »Cantautori« wie Lucio Dalla, Jovanotto oder Paolo Conte, und den vielen anderen, die in San Remo ihr weltweit bedeutendstes Liederfestival vorfinden. Schließlich wurde ja auch die Oper in Italien erfunden, mit der Vorgeschichte der Florentiner Camerata über die als erstes Werk der Gattung geltende La Dafne von Jacopo Peri und die endgültige Ausprägung, wie sie Claudio Monteverdi schuf, bis zur Blüte in der Romantik mit Komponisten wie Rossini, Donizetti, Bellini und Verdi. Heute noch darf man die Oper wohl als den größten Beitrag Italiens zur Musikgeschichte anführen – neben einem in seinem musiktheatralischen Charakter nicht unähnlichen Genre: der Filmmusik. Der 1979 verstorbene Nino Rota schuf nicht nur mehr als 150 Filmmusiken für Regisseure wie Federico Fellini, Luchino Visconti und Francis Ford Coppola, er prägte auch einen eigenen Klang, den man mit Italien verbinden konnte wie heute den »nordic sound« im skandinavischen Jazz. Noch prägnanter wurde dies bei Ennio Morricone, der zunächst mit seinen Scores für Italowestern (insbesondere denen von Sergio Leone) bekannt wurde, später jedoch auch unverwechselbare Musik für Filme aller Art wie Trio Infernal und In the Line of Fire schrieb. Darüber hinaus ist er ein vielseitiger Konzertkomponist.

Oper und Filmmusik also sind wohl die beiden bekanntesten und wichtigsten Stränge italienischer Tonkunst. Doch auch im europäischen Jazz ist die Szene südlich der Alpen seit den 1960er-Jahren immer wichtiger geworden. Viele herausragende Solisten wie Paolo Fresu, Gianluigi Trovesi, Franco Ambrosetti oder Stefano Battglia, um nur einige wenige zu nennen, hat sie hervorgebracht. Große Open-Air-Konzerte machten den Jazz hier volksnäher als anderswo, und mit dem Umbria Jazzfestival verfügt man über eines der weltweit größten und bedeutendsten seiner Art. Alle Stränge dieses italienischen Musiklebens hat Siggi Loch, der Kurator von Jazz at Berlin Philharmonic, schon einmal bei einem Abend der Reihe zusammengeführt: Monteverdi meets Morricone hieß das Motto, bei dem der norwegische Arrangeur Geir Lysne gewissermaßen den einen Komponisten ins Gewand des anderen steckte und so alt und neu, Klassik und Pop, mit den Mitteln des Jazz verband. Keine leichte Aufgabe, dies einer bunten Besetzung mit Michael Wollny am Klavier, dem Trompeter Markus Stockhausen, der Cembalistin Tamar Halperin und den 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker passend aufzubereiten. Nach Meinung von Siggi Loch – und wohl nicht minder nach der des stürmisch applaudierenden Publikums im ausverkauften Großen Saal – gelang das Experiment ausnehmend gut. Nichts sprach also gegen eine Erweiterung des Konzepts um andere italienische Musik-Heroen wie Rossini, Pucchini oder Leoncavallo, dachte er sich. Das Arrangement sollte nach bewährtem Muster wieder Geir Lysne übernehmen, eine überraschende Klangfarbe war mit dem Akkordeonisten Vincent Peirani gefunden, und die Berliner Philharmoniker sollten diesmal ein komplettes kleines Orchester stellen. In der Hauptrolle sah Loch natürlich einen Italiener, einen, den er seit vielen Jahren kennt und schätzt: Stefano Bollani.

Noch ein Wunder von Mailand – Stefano Bollani

Der 1972 in Mailand geborene Stefano Bollani begann bereits mit sechs Jahren Klavier zu spielen. Schnell zeichnete sich sein überragendes Talent ab und schon als 15-Jähriger startete er seine professionelle Karriere. Mit 21 Jahren schloss er ein klassisches Studium am Konservatorium von Florenz ab und wandte sich – nach einem kurzen Ausflug in den Pop – dem Jazz zu. Entscheidend war seine Begegnung mit dem heute 77-jährigen Trompeter und Granden der italienischen Jazzszene Enrico Rava, der sein Mentor wurde. Aus ihrer von 1996 bis heute bestehenden Zusammenarbeit gingen bislang 13 Alben hervor – zuletzt Tati, eine Hommage an den großen französischen Komiker, The Third Man und New York Days mit den US-Größen Mark Turner, Larry Grenadier und Paul Motian – und hunderte gemeinsamer Konzerte. Dies ist aber nur sozusagen das Basislager für die vielen anderen Expeditionen, die Bollani kontinuierlich und konsequent unternimmt. Stets kommt er auf neue Ideen, stets überrascht er sein Publikum.

So spielte Bollani mit den unterschiedlichsten Musikern, von Altmeistern wie Lee Konitz über Modern-Jazz-Größen wie Uri Caine oder John Abercrombie bis zu Fusion-Vertretern wie Chick Corea (mit dem er 2011 Orvieto auf seinem Stammlabel ECM einspielte) und Pat Metheny, von französischen Avantgardisten wie Michel Portal oder Martial Solal über Weltmusiker wie Caetano Veloso, Richard Galliano oder Gato Barbieri bis zu Freejazzern wie Han Bennink. Er ist auch nicht nur ein in alle Musikrichtungen ausschreitender, vielfach preisgekrönter Pianist, er komponiert außerdem für Theater, Ballett und Film, hat zwei Bücher über Musik sowie einen Roman geschrieben. Außerdem bestreitet er eine Radiosendung auf Radiorai3 und eine eigene, sehr erfolgreiche Fernsehshow Sostiene Bollani auf RAI3. Bollanis Persönlichkeit und Grundhaltung kann man sehr schön aus den Projekten der jüngsten Zeit ableiten. Da ist zum Beispiel das kunterbunte Album Arrivano Gli Alieni (Die Aliens kommen) von 2015 mit Stücken zu Nanotechnologie, Acid-Trips und Außerirdischen, aber auch mit der Samba-Hymne Aquarela do brasil, Harry Belafontes Calypso-Hit Matilda, Horace Silvers groovigem The Preacher und einem Ellington-Standard – alles zum 50. Geburtstag des Instruments auf einem Fender Rhodes E-Piano eingespielt. Oder das ein Jahr zuvor erschienene Sheik Yer Zappa, Bollanis Interpretation der Musik von Frank Zappa, die ja ebenfalls bereits alle möglichen Stile und Elemente verarbeitete. Und dies zumeist humorvoll, was Bollani ebenfalls auszeichnet – schon der Titel zeigt dies, nimmt er doch das Wortspiel der Zappa-LP Sheik Yerbouti (als Verballhornung des Disco-Hits Shake Your Booty) auf. Dass es Bollani immer wichtig ist, sein Publikum nicht nur zu bespielen, sondern auch zu unterhalten, demonstrierte er im selben Jahr mit Joy in Spite of Everything.

Schon bei der ersten Sitzung zu Mediterraneo schlug Bollani denn auch vor, den Bogen noch weiter zu spannen, den Abend noch abwechslungsreicher und auch ein bisschen witziger zu machen. Neben Morricone und Monteverdi, Rossinis »Largo al factotum«, Puccinis »Nessun dorma« (als Piano-Solo) oder Leoncavallos »Mattinata« brachte er auch Nino Rotas Filmmusik zu Der Pate, Adriano Celentanos »Azzurro«, Toto Cotugnos »L’Italiano« (beides als Jazz-Klaviertrio-Stücke) und den alten Schlager »Quando, Quando, Quando« ins Spiel. Dass Bollani solche Programme in großer Besetzung herausragend beherrscht, ist amtlich verbrieft: Schon 2013 hat er zusammen mit der NDR Bigband das mit dem ECHO Jazz ausgezeichnete Album Big Band! eingespielt – unter Leitung von Geir Lysne, die beiden sind also ein eingespieltes Team. Im vergangenen Jahr schließlich erschien Napoli Trip, wo Bollani das südliche Italien musikalisch beleuchtet – was ihn endgültig qualifiziert zum idealen Reiseführer für Mediterraneo, die italienische Nacht beim Jazz at Berlin Philharmonic.

Musizierende Nord-Süd-Tangente – Bollanis »Danish Trio«

Bollani vertraut in Berlin auf sein aktuelles Trio – und das hat einen starken dänischen Einschlag. Der Bassist Jesper Bodilsen lernte als Kind zunächst Trompete, wurde dann ein Schüler des großen Kontrabassisten Niels-Henning Ørsted Pedersen und studierte von 1991 bis 1997 in seiner Heimatstadt Aarhus. Schon während seiner Studienzeit wurde er Mitglied im Dream Quartet von Erling Kroner, danach arbeitete er oft mit dem Schlagzeuger Ed Thigpen zusammen, zuletzt auch mit dem Gitarristen Ulf Wakenius. 2004 gewann er – vier Jahr nach Bollani – den Django d’Or als »Bestes Neues Talent«, eine der höchsten europäischen Auszeichnungen. Schon im Jahr zuvor hatte zunächst er ein Trio gegründet – mit Bollani und, als drittem im Bunde, mit dem Schlagzeuger Morten Lund.

Der 45-jährige Morten Lund aus dem dänischen Viborg entstammt einer Musikerfamilie. Wie Bollani begann er mit sechs Jahren sein Instrument zu spielen und war gleichfalls als 15-Jähriger ein Profi. Er studierte in Aarhus und spielte wie seine beiden Kollegen mit Enrico Rava in dessen Jazzpar Sixtet, aus dem dann das »Danish Trio« mit Jesper Bodilsen und Stefano Bollani hervorging. Lund, 2006 als bester dänischer Jazzmusiker mit dem Ben Webster Prize ausgezeichnet, ist der perfekte rhythmische Begleiter, auf über 60 Einspielungen war er bis heute beteiligt, unter anderem mit Jan Lundgren, Cæcilie Norby, Doug Raney, Yelena Eckemoff, Adam Bałdych (als Mitglied von dessen Baltic Gang) oder Iiro Rantala. Zuletzt nahm er gleichberechtigt mit Lars Danielsson und Marius Neset Sun Blowing für das Label ACT auf.

Das seit 14 Jahren eingespielte Klaviertrio ist also die Basis für Mediterraneo. Eine Rhythmusgruppe, die schon für sich ganz andere Möglichkeiten hat als das Soloklavier bei Monteverdi meets Morricone. Kommt noch das mit verschiedenen Instrumentengruppen besetzte Orchester dazu. Alles zusammen eine Steilvorlage für einen meisterhaften Arrangeur und Bigbandleader wie Geir Lysne.

Der Meister der großen Form – Geir Lysne

Für seine erste eigene Bigband hat Geir Lysne einst sein Auto verkauft. Mit dem Erlös engagierte er 20 Freunde, Lehrer und Schüler, um mit ihnen seine Musik auszuprobieren, von der er sich nicht sicher war, ob sie für Bigbands geeignet ist. Doch die Musiker waren so begeistert, dass sie in dieser Formation weiterspielen wollten. »Plötzlich hatte ich meine eigene Bigband«, erinnert sich Lysne an die Geburtsstunde seines Listening Ensembles. Das Auto war eine gute Investition. Inzwischen gehört der 1965 im norwegischen Trondheim geborene Geir Øystein Lysne, der von 1988 bis 1992 an der Norwegischen Musikhochschule in Oslo Saxofon und Komposition studiert hat, zu den gefragtesten Orchesterleitern, Arrangeuren und Komponisten für große Besetzung.

Stars wie Bobby McFerrin, Mory Kanté oder Nils Landgren holten ihn für große Tourprojekte als musikalischen Leiter. Und es gibt kaum ein europäisches Jazzorchester von Rang, das ihn noch nicht zu Projekten oder Dirigaten eingeladen hat, von der HR-Bigband oder der UMO Bigband bis zu allen fünf existierenden norwegischen Militärorchestern. Seine eigenen fünf ACT-Bigband-Alben wurden von der Kritik gefeiert und mit Preisen wie dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Besonders eng war die Zusammenarbeit mit der NDR Bigband, mit der er in den letzten 15 Jahren immer wieder gemeinsame Projekte unternahm, vielleicht gipfelnd eben in Big Band! mit Stefano Bollani, für das Lysne wie erwähnt den ECHO Jazz für das »Beste Bigband Album« erhielt. Im vergangenen Jahr nun wurde er von der NDR Bigband zu ihrem Chef berufen – einstimmig. »In den gemeinsamen Projekten war stets Musik entstanden, die es so bislang für Bigband noch nicht gab«, erklärt der Manager der Band Axel Dürr.

Neugier ist die Triebfeder dafür: »Ich habe den Jazz überhaupt erst mit 18 entdeckt«, berichtet Lysne. »Und auch mit Klassik habe ich sehr spät begonnen. Da gibt es noch viel für mich zu erkunden.« Doch schon mit dem, was er sich bislang erschlossen und aufgenommen hat, hat er völlig neue orchestrale Musik geschaffen: Ob er für das Gesangbuch der norwegischen Kirche ein Lied komponierte, in dem sich norwegische Klassik mit afrikanischen Sounds und Rhythmen mischen, ob er sein Listening Ensemble durch ungewohnte Instrumentierungen mit Flöten, Perkussion, Laptop und instrumental eingesetzten Stimmen oder den Einsatz von Elektronik aus jedem bekannten Schema riss, oder ob er diverse Orchester mit einer völlig neuen Dynamik und einem von Toningenieuren begleiteten melodiösem Raumklang umkrempelte. »Ich schreibe keine gewöhnliche Bigband-Musik. In meinen Stücken wird man keine AABA-Liedform finden, keine durchgehenden Swingrhythmen, gängigen Changes oder Blues-basierten Themen«, hat Lysne einmal gesagt. Stattdessen findet man darin »ein Konglomerat aus ungeradem Jazzrock, folkloristischen Sprengseln, harschen Blechtiraden, würzenden Geräuschen, fernöstlichem Triphop und – natürlich – Jazz in beinahe sämtlichen Spielformen«, wie ein Rezensent bereits 2003 feststellte.

Bei Mediterraneo darf der Klangforscher und freie Kombinierer Geir Lysne ganz in seinem Element sein. »Im Vergleich zu Monteverdi meets Morricone habe ich hier viel mehr Möglichkeiten, schon von der Besetzung her: Mit dem Klaviertrio verfügen wir über eine echte Rhythm Section. Und wir haben ein 14-köpfiges Orchester, das ich ganz unterschiedlich einsetzen kann, und auch in seinen Teilen: Als Blech- oder Holzbläser-Quartet zum Beispiel, oder auch mal nur die Harfe. Das ermöglicht große Freiheit, ich musste diesmal gar nicht viel arrangieren, sondern habe mich hauptsächlich um die Orchestrierung gekümmert und ein paar Grooves geändert.« Dieser weite Freiraum entsteht auch, weil Lysne und Bollani sich ein so breites Repertoire erarbeitet haben, dass man sich im Konzert daraus bedienen wird: »Was wir daraus nehmen und wie wir es spielen, entscheidet sich erst bei den gemeinsamen Proben in den beiden Tagen vor dem Auftritt«, sagt Lysne. Auf jeden Fall dabei sein werden wohl Morricones Filmmusiken The Good, the Bad and the Ugly und Chi Mai (in Lysnes Groove-Version) sowie Monteverdis Toccata und die Sinfonia aus L’Orfeo , die er aus dem ersten italienischen Abend übernommen und nun für Orchester aufbereitet hat; dann einige Themen von Nino Rota aus den Fellini-Filmen La Strada und Amarcord sowie einiges aus der Der Pate-Suite, weil sich all dies hervorragend parodistisch umspielen lässt; Puccinis »Babbino«, das Lysne mit einem afrikanischen 6/8tel-Rhythmus unterlegt hat; ganz bestimmt auch »Quando, Quando, Quando« in einer witzigen Samba-Version, wie sie Bollani schon einmal auf einem eigenen Projekt gespielt hat. Der Rest bleibt dem Gefühl der Musiker überlassen. Eine Spontaneität, wie sie Jazzer kennen und lieben. Und eine umso größere Herausforderung für die am Projekt beteiligten klassischen Musiker.

Die Wagemutigen – Berliner Philharmoniker jazzen mit

Dass die 14 Musiker der Berliner Philharmoniker, die sich wieder einmal auf die Herausforderung des Jazz at Berlin Philharmonic einlassen, erlesene Klangkultur mitbringen, ist selbstverständlich. Aber es ist schon lange nicht mehr so, dass sie die rhythmischen und harmonischen Eigenheiten der anderen Klangwelt, der »zweiten Klassik« vor Probleme stellen würde. Bratschist Martin Stegner etwa, der schon mehrfach bei Jazz at Berlin Philharmonic-Abenden dabei war, ist abseits seiner Orchestertätigkeit ein leidenschaftlicher Improvisator, spielte bereits mit Herbie Mann, Nigel Kennedy, Dianne Reeves und in Cymin Samawaties Weltjazz-Trio Cymniology und war außerdem im Kinderprogramm Das Jazzkäppi des Gitarristen Helmut Nieberle mit feinsten Hot-Jazz à la Stephane Grappelli unterwegs. Die Harfenistin und Orchesterakademistin Marion Ravot kam am Pariser Konservatorium wie an der New Yorker Juillard School bereits mit allen möglichen Muiskstielen in Berührung. Der ARD-Preisträger Dominik Wollenweber am Englischhorn hat seit vielen Jahren sein Spektrum unter anderem als Gastprofessor für Oboe an der Berliner Musikhochschule »Hanns Eisler« erweitert. Hornist Stefan de Leval Jezierski ist nicht nur Gründungsmitglied des Scharoun Ensembles Berlin, er unterhält seit vielen Jahren eine eigene Jazzband. Als Mitglied der österreichischen Blechbläserensembles Pro Brass und Austrian Brass Connection ist auch Trompeter Gábor Tarkövi eben nicht nur klassisch geprägt: Stiloffenheit gehört bei den Brass Bands des Nachbarlands traditionell zum Programm.

Bei Klarinettist Manfred Preis, abseits der Philharmoniker ein gefragter Kammermusiker und Pädagoge, ist gerade die Spezialisierung eine Jazz-Qualifikation: Neben dem Saxofon ist bei ihm die Bassklarinette mit ihrem breiten Klangspektrum per se für Experimente prädestiniert. Ähnlich liegt der Fall beim Fagottisten Mor Biron, der unter anderem in Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra den Austausch der Kulturen pflegte. Rachel Helleur war schon beim letzten italienischen Abend mit den 12 Cellisten dabei und wird nun auch wieder den warmen Klang ihres Instruments beisteuern. Selbst Philharmoniker wie der Trompeter Guillaume Jehl, der Posaunist Olaf Ott, der Flötist Leonid Grudin oder die Geiger Kotowa Machida und Alvaro Parra, bei denen kein ausgewiesener Jazzbezug in ihrer Biografie steht, verfügen doch über die Neugier, die Offenheit und natürlich die musikalische Flexibilität, die heutzutage für die besten klassischen Musiker schlicht unverzichtbar ist. Junge Musiker wie der Hornist Paolo Mendes, der erst seit dem vergangenen Jahr Berliner Philharmoniker ist, wissen über das Zusammenwachsen der musikalischen Welten schon aus ihren Jugendorchestererfahrungen zu berichten.

Zusätzliches Ein-Mann-Orchester – Vincent Peirani

Bleibt noch der Stargast Vincent Peirani, der mit dem Akkordeon nicht nur eine besondere Farbe mitbringt, sondern sein Instrument geradezu orchestral zu beherrschen versteht. Der 37-Jährige aus Nizza hat den Klang und die Einsatzmöglichkeiten des Akkordeons revolutioniert – wie die Besucher des Akkordeon-Specials bei Jazz at Berlin Philharmonic vor zwei Jahren bestätigen können – und ist so in den vergangenen Jahren zum Aushängeschild des jungen französischen Jazz geworden. Zahlreiche Ehrungen als »Künstler des Jahres« und Auszeichnungen vom Prix Django Reinhardt bis zu den Victoires du Jazz und zum ECHO Jazz belegen dies. Die große französische Akkordeontradition von Galliano bis Matinier scheint bei ihm durch, wird aber durch einen neuen, eigenen Ausdruck gesteigert. Polyfon bis zur Fünfstimmigkeit kann er spielen, atemberaubende Variationen, schwierigste Läufe, perkussive Effekte und bezwingende Melodien entströmen im Moment seiner inneren Stimme, zu der mitunter auch noch eine faszinierende Gesangsstimme tritt.

Dabei kam auch erst mit 16, also relativ spät, zum Jazz. Schon wenig später aber nahm er ein Jazzstudium in Paris auf und spielte dort schon bald mit der Crème de la crème der französischen Szene. Parallel verfolgte er zahlreiche eigene Projekte und schöpfte dabei aus den unterschiedlichsten Genres – von Jazz, Chanson und Weltmusik über Klassik bis hin zu Heavy Rock. Sein erstes eigene ACT-Album Thrill Box –mit Pianist Michael Wollny, Bassist Michel Benita, dem Holzbläser Michel Portal und seinem langjährigen Freund und Wegbegleiter Émile Parisien am Sopransaxofon prominent besetzt – markiert seinen internationalen Durchbruch. Das Album spiegelt den ganzen Facettenreichtum Peiranis musikalischer Einflüsse wieder und zeigte ihn auch als intelligenten, raffinierten Komponisten sowie als begnadeten Geschichtenerzähler. Was ihm auch bei Mediterraneo gelingen wird, sind doch so prägnante Stücke wie Ennio Morricones »The Man with the Harmonica« (aus Spiel mir das Lied vom Tod) oder Rossinis »Se il mio nome« für ihn als Paradestücke reserviert.

Oliver Hochkeppel

(Foto: Valentina Cenni)