Kammermusik

Art of Duo

Jazz at Berlin Philharmonic – Art of Duo

Der puristische Dialog zweier Instrumentalisten gehört in der improvisierten Musik zu den spannendsten Formen der Begegnung. In diesem Konzert der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic präsentieren sich gleich drei Duos mit sechs herausragenden Leitfiguren des Jazz: So treffen sich hier der schwedische Pianist Jan Lundgren und der italienische Trompeter Paolo Fresu, die Kontrabassisten Lars Danielsson und Dieter Ilg sowie zwei Gitarristen, der Belgier Philip Catherine und der Amerikaner Larry Coryell, zum musikalischen Zwiegespräch.

Paolo Fresu Trompete

Jan Lundgren Klavier

Lars Danielsson Kontrabass und Violoncello

Dieter Ilg Kontrabass

Philip Catherine Gitarre

Larry Coryell Gitarre

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Karten

Programm

Der puristische Dialog von zwei Musikern, das Duett ganz ohne Rhythmusvorgabe oder Hintergrundbegleitung, gehört gerade in der improvisierten Musik zu den spannendsten Formen der Begegnung. Gleich drei Duos herausragender Leitfiguren des Jazz stehen nun auf dem Programm der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic. Zum einen treffen sich zwei der größten Melodiker im europäischen Jazz zum »gemischten Doppel«: der schwedische Pianist Jan Lundgren und der italienische Trompeter Paolo Fresu. Mit Alben wie Swedish Standards und European Standards wurde Lundgren zu einem wegweisenden Vertreter eines eklektizistisch lyrischen Modern Jazz. Bei seinen zwei »Mare Nostrum«-Projekten war auch schon Fresu mit dabei, der Meister des ätherischen Trompetenklangs. Ganz neu ist das Gipfeltreffen der herausragenden europäischen Kontrabassisten Lars Danielsson und Dieter Ilg. Der aus dem schwedischen Göteborg stammende Danielsson ist seit Jahrzehnten als Bassist wie als Cellist nicht nur aus der schwedischen, sondern durch die Zusammenarbeit etwa mit John Abercrombie, Charles Lloyd oder Leszek Możdżer auch aus der internationalen Jazzszene nicht wegzudenken. Was ebenso für den Freiburger Ilg gilt, der an der Seite von Randy Brecker, Albert Mangelsdorff, Charlie Mariano oder Till Brönner bekannt wurde und zuletzt mit seinen herausragenden Klassiker-Interpretationen (Othello, Parsifal und Mein Beethoven) im eigenen Trio für Furore sorgte. Beide sind aktuelle Echo-Jazz-Preisträger. Schließlich darf man das Comeback eines legendären Gitarren-Duos der 1970er-Jahre erleben: Mit den Alben Twin House und Splendid setzten der Belgier Philip Catherine und der Amerikaner Larry Coryell der akustischen Jazzgitarre einen Meilenstein.

Über die Musik

Radikales Musizieren

Das Jazzduo

»Wer sich zu zweit auf die Bühne wagt«, schrieb der Jazzmusiker und -Journalist Michael Naura Anfang der 1990er-Jahre, »liefert neben Musik auch sein Psychogramm ab.« Im Duo zeige sich der Mensch »wie unter einer Lupe«. Denn ein Duo ist nicht nur die kleinstmögliche, intimste Form des Miteinander-Musizierens, es ist ‒ vor allem im Jazz als im Moment entstehende, improvisierte Musik ‒ auch das größte Wagnis. Hier kann sich niemand hinter einer Rhythmusgruppe, hinter dem »Dingading des Trommlers auf dem Becken« (noch einmal Naura) verstecken. Das technische Vermögen und das Timing kommen unausweichlich auf den Prüfstand, ebenso wie die Fähigkeit, auf die Ideen eines anderen einzugehen, sie aufzugreifen und weiterzuspinnen. Eine eingeübte, vergleichsweise »einfache« Form ist noch das Duo eines Sängers oder einer Sängerin mit einem Begleiter, vorzugsweise einem Pianisten oder Gitarristen. Rein instrumental steigern sich die Anforderungen, in dem Maße, in dem sich die Instrumente zu ähnlich oder zu verschieden sind.

Einige Sternstunden des Jazz sind im Duo entstanden, selbst noch während der Bigband-Ära wie zu den Glanzzeiten der mittleren Besetzungen des Bebop: Von King Oliver mit Jelly Roll Morton in der Frühzeit des Genres bis zu Bill Evans und Jim Hall, die sich 1962 schwerelos auf Undercurrent umtänzelten. In jüngerer Zeit finden sich nun immer mehr Duos mit immer ungewöhnlicheren Kombinationen. Siggi Loch, Kurator von Jazz at Berlin Philharmonic, hat auf seinem ACT-Label schon vor einigen Jahren eine Reihe unter dem Titel Duo Art ‒ Creating Magic gestartet. Nun präsentiert er im Kammermusiksaal der Philharmonie unter dem Titel Art of Duo gleich drei Duos, die für einen der vielfältigsten und abwechslungsreichsten Abende sorgen werden, sind sie doch in ihrer Besetzung, Charakteristik und Thematik höchst unterschiedlich.

Zum einen, was die Instrumente angeht: Neben einem – zumindest in der Gitarrenszene nicht unüblichen – reinen Gitarrenduo und einem Duo mit Klavier und Trompete, das seit den Aufnahmen von Louis Armstrong mit Earl »Fatha« Hines eine lange Tradition hat, findet sich ein Duo mit zwei Kontrabässen, was in der Jazzgeschichte ziemlich einmalig sein dürfte. Auch vom Ausgangspunkt und vom Material her unterscheiden sich die drei Formationen völlig. Beim schwedischen Pianisten Jan Lundgren und dem italienischen Trompeter Paolo Fresu treffen zwei Musiker aufeinander, die zusammen mit dem Akkordeonisten Richard Galliano seit Jahren ihr Projekt »Mare Nostrum« pflegen. Diese im Trio geformte weltmusikalische Klangwelt wird nun auf die Duoform komprimiert. Noch viel länger, über Jahrzehnte hinweg, haben die beiden Gitarristen Philip Catherine und Larry Coryell ihre Zusammenarbeit gepflegt; im Konzert des heutigen Abends reisen sie nun zurück zum Anfang: Unter dem Motto »Twin-House Revisited« beschäftigen sie sich mit ihrem legendären ersten Duo-Album ‒ einem der erwähnten Meilensteine der Jazzgeschichte -, das vor exakt 40 Jahren aufgenommen wurde. Die Bassisten Dieter Ilg und Lars Danielsson schließlich spielen hier nicht nur im Duo, sondern zum ersten Mal überhaupt zusammen. Ein Abend also, der Spannung verspricht und Überraschungen garantiert.

Wogende Weltmusik: Paolo Fresu und Jan Lundgren

Als das Album Mare Nostrum 2007 erschien, waren sich die Kritiker weltweit einig, dass Paolo Fresu, Jan Lundgren und Richard Galliano ein großer Wurf von zeitloser Schönheit gelungen war. Die Süddeutsche Zeitung rühmte die »Poesie und Originalität«, das französische Jazz Magazine sprach von einem »warmem, wundervollen Album«, der britische Independent glaubte, einen »Klangbogen des europäischen Gegenwartsjazz« gefunden zu haben, und selbst das amerikanische Downbeat Magazine, die Bibel der Jazz-Organe, lobte den »verwegenen Sinn für Gelassenheit«. Das war das Ergebnis einer symbiotischen Allianz dreier Ausnahmemusiker, die trotz unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Instrumentenfamilien gemeinsame musikalische Ideen zu einem Idealklang bündelten. Nun geht es für Fresu und Lundgren darum, dies zu zweit zu bewerkstelligen. Die Voraussetzungen sind indes nach wie vor ideal: Beide sind begnadete Melodiker, beide streben seit jeher danach, die Grenzen des Jazz zu erweitern, beide sind dabei im nationalen musikalischen Erbe fündig geworden. Und für beide spielt das Meer ihrer Heimat mehr als eine symbolische Rolle, es ist eine mentale Inspirationsquelle, die für das Reisen, den Austausch, die Weite steht: »Mare Nostrum« eben.

Als Sarde stammt der 55-jährige Fresu ohnehin von einer Insel. Er begann seine Karriere in einer Jazzband seiner Heimatstadt Berchidda, wo ihn der Bassist Bruno Tommaso entdeckte. Fresu studierte daraufhin in Sassari und Bologna und wurde Schüler des sicher berühmtesten italienischen Jazztrompeters Enrico Rava, als dessen Nachfolger er heute gelten darf. Seinem erfolgreichen ersten Album Ostinato 1985 folgten mit hoher Frequenz weitere, und er gewann prominente Mitstreiter für seine Bands wie das Angel Quartet, Palatino oder Euro4th, unter anderem Nguyên Lê, Ralph Towner, Michel Portal, Uri Caine, James Taylor, Michel Benita, Jon Balke oder Omar Sosa. Bis heute ist er über den Jazz hinaus in die verschiedensten Projekte von Film bis Ballett eingebunden. Diskussionen um die amerikanischen oder europäischen Innovationsanteile im Jazz haben ihn noch nie interessiert, er spielte und spielt mit Europäern, Amerikanern, Afrikanern oder Indern. Mit seinem warm klingenden Flügelhorn wie mit der gestopften Trompete knüpft er an die großen lyrischen US-Bläser der 1940er- und 1950er-Jahre an, auch noch, wenn er durch Bebop-Läufe rast. Doch der Akzent dieser amerikanischen Sprache ist bei ihm unverkennbar italienisch, wie vor allem sein Schlüsselwerk Sonos ʼE Memoria aus dem Jahr 2001 veranschaulicht: von den leuchtenden, mediterranen Farben der Obertöne über die experimentellen impressionistischen, manchmal auch witzigen Hall- und Dopplereffekte bis zum gestikulierenden Geplauder in den Duetten. Die traditionelle Volksmusik Sardiniens trifft sich bei ihm mit der Jazztradition, die Melancholie eines Chat Baker mit mediterraner Lebensfreude. Durch seine technische Brillanz gelingt es Fresu, diesem Fellini des Jazz, all dies wie einen Film ablaufen zu lassen.

Eine Bildhaftigkeit, die ihn mit seinem Widerpart am Klavier verbindet. Der 1966 im südschwedischen Kristianstad geborene Jan Lundgren erhielt er im Alter von fünf Jahren den ersten Pianounterricht und entpuppte sich schon bald als außergewöhnliches musikalisches Talent. Allerdings nicht nur als das: Als Jugendlicher wurde er auch als eines der größten schwedischen Tennistalente nach Björn Borg gehandelt. Zum Glück für alle Jazzfans hat Lundgren rechtzeitig »die Saiten gewechselt« und sich für die Musik entschieden. Lange Zeit war dies die Klassik, den Jazz entdeckte er eher zufällig Ende der 1980er-Jahre – um sich dann umso tiefer in seinen Bann ziehen zu lassen. In Windeseile absorbierte er die komplette Pianojazztradition von Oscar Peterson, Erroll Garner zu Bud Powell oder Bill Evans und eignete sich wie kaum ein anderer europäischer Jazzpianist seiner Generation profunde Kenntnisse des Great American Songbook an. Die Überführung europäischer Musiktraditionen in den klassischen Jazz durchzog fortan sein Schaffen. Swing, nordische Vemod und impressionistisch-klassischer Esprit stehen bei Lundgren ganz selbstverständlich nebeneinander.

Bereits parallel zu seiner universitären Musikausbildung am renommierten Royal College of Music in Malmö beginnt Lundgren seine Karriere als Profimusiker. Sein Debutalbum Conclusion erscheint 1994 und macht ihn schlagartig bekannt. Mit seinem im Jahr darauf gegründeten Trio nimmt er bis 2003 sieben viel beachtete, vielfach preisgekrönte und auch kommerziell sehr erfolgreiche Alben auf, wobei es Swedish Standards 1997 zum Bestseller und sogar in den schwedischen Pop-Charts schafft. Mit der Verknüpfung von schwedischer Folkmusik und Jazz wird es ein ‒ 2009 neu aufgelegter ‒ Klassiker. Als Sideman hat Lundgren unter anderem so bedeutende internationale Jazzgrößen wie Johnny Griffin, Benny Golson, Herb Geller, James Moody, Pete Jolly, Ulf Wakenius oder die Sängerin Stacey Kent begleitet. Mare Nostrum war sein ACT-Debüt unter eigenem Namen, es folgten Magnum Mysterium und European Standards. Parallel dazu arbeitete Lundgren mit dem klassischen Trompeter Håkan Hardenberger und dem vor kurzem verstorbenen schwedischen Schriftsteller Jacques Werup an einer aufregenden Melange aus moderner Klassik und freier Musik. Seit vielen Jahren ist er zudem in Ystad Leiter des berühmtesten schwedischen Jazzfestivals. Zuletzt legte er mit The Ystad Concert eine bezwingende Hommage an Jan Johansson vor, den viel zu früh gestorbenen Pionier der Verwendung schwedischer Volksmusik für den Jazz.

Diese Freiheit des musikalischen Denkens, eine auf der Kenntnis der Tradition fußende Innovationsfreude und die Fähigkeit, unterschiedlichste Musikeinflüsse harmonisch zu einem faszinierenden Ganzen zu vereinen, verbindet Lundgren mit Fresu. Abgesehen von der phänomenalen Technik natürlich, über die beide an ihrem Instrument verfügen.

Gitarrengötter unter sich: Philip Catherine und Larry Coryell

Am 14. November letzten Jahres schrieb Siggi Loch folgende Mail an Philip Catherine und Larry Coryell: »Heute vor auf den Tag genau 40 Jahren haben wir im Olympic Sounds Studio in London Twin-House aufgenommen – bis heute ein historisches Album. Ich freue mich, dass wir diese Musik im Konzert am 24. Januar 2017 in Berlin wieder zelebrieren.« Damals, 1976, hatte Loch die beiden beim Jazzfest Berlin gesehen und sie daraufhin aus dem Stand eingeladen, mit ihm ins Studio zu gehen. Jetzt begegnen zwei der besten und stilprägenden Gitarristen ihrem frühen Meisterwerk wieder, einem Meisterwerk nicht nur dank des begeisternden Aufeinandereingehens der beiden, sondern auch dank bemerkenswerter Kompositionen wie Coryells »Ms. Julie« oder der vier Stücke aus Catherines Feder, vom mitreißenden »Airpower« bis zum Titeltrack. Das Werk von zwei herausragenden, stilprägenden Musikern eben.

Dabei sollte die Bühne nicht allzu klein sein, wenn Philip Catherine auftritt. Weit ausholend wiegt er sein Instrument hin und her, trippelt vor und zurück, tanzt fast mit der Gitarre. Im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie wird dem zum Glück nichts entgegenstehen. Dafür bedankt sich der belgische Stilist üblicherweise mit Musik, die man von keinem anderen Gitarristen auf der Welt hören kann. Mit 17 ist der heute 74-jährige Profi geworden, er tourte schon bald mit Lou Bennett, Dexter Gordon und Jean-Luc Ponty, weiter ging es mit Chet Baker, mit dem er sechs Alben einspielte, mit Tom Harrell, und vielen anderen Größen. Von keinem Geringeren als Charlie Mingus hat er schon zu Beginn seiner Karriere den Spitznamen »Young Django« verpasst bekommen. Abgesehen von der vergleichbaren technischen Virtuosität hat sich eine gewisse Seelenverwandtschaft mit der Hot-Jazz-Legende bis heute erhalten: das Faible für Melodien und das Gefühl für Zeit, durch das auch die atemberaubendsten Tempopassagen relaxt und locker wirken. Dafür hat er sogar eine eigene Grifftechnik entwickelt. Und doch ist dies nur die eine Seite von Philip Catherine. Er mag es auch sphärisch-elektronisch, lehnt sich mit Ohrwürmern wie »The Creeper« an den Blues an, und was den Improvisationsstil angeht, standen eher die großen Bläser des Jazz als Gitarristen Pate.

Ein Pionier ist auch Larry Coryell, und das in mehrfacher Hinsicht. Er begann seine Laufbahn nach dem Studium in New York im Chico Hamilton Quartet und bei Herbie Mann. Wie viele Gitarristen wurde er vom Vibrafonisten Gary Burton entdeckt und ins breite Licht der Öffentlichkeit gerückt. Mit dem Anbruch der 1970er-Jahre wurde Coryell der prägende Gitarrist des aufkommenden elektrischen Jazzrock, erst in Jim Peppers früher Fusion-Band The Free Spirits, dann unter anderem bei Wolfgang Dauners Et Ceteraund schließlich mit seiner eigenen Truppe The Eleventh House, bei der unter anderem Randy Brecker und Alphonse Mouzon mitspielten. Die Zusammenarbeit mit Philip Catherine ab 1976 markiert seine Rückkehr zur akustischen Gitarre. Neben dem bahnbrechenden Twin-House nahmen die beiden auch Alben mit Charles Mingus, Stéphane Grappelli und Niels-Henning Ørsted Pedersen auf. Eigentlich wäre Coryell auch der dritte Gitarrist an der Seite von Paco de Lucía und John McLaughlin beim 1981 erschienenen Welterfolg Friday Night in San Francisco gewesen, war er doch 1979 und 1980 mit den beiden auf Tour. Doch wegen der Präferenz der Plattenfirma und auch wegen privater Probleme, die er damals hatte, wurde er durch Al Di Meola ersetzt. Dafür wandte sich Coryell in den 1980ern kühn Herausforderungen wie Strawinsky und Ravel zu. Die damit endgültig bewiesene nahezu konkurrenzlose Vielseitigkeit machte ihn fortan zum gefragten Begleiter beinahe jeder progressiven Jazz- oder Rockgröße, von anderen Gitarristen wie John McLaughlin, John Scofield oder Pat Metheny bis zu Bob Dylan. Vor ein paar Jahren ging es dann im Trio mit den Pionier-Kollegen Victor Bailey (Weather Report) und Lenny White (Return To Forever) unter dem programmatischen Titel Electric zurück zu den Fusion-Wurzeln. Und jetzt folgt an der Seite von Philip Catherine die Konzentration auf die reine Gitarrenlehre, besteigen beide noch einmal die Stufen des Twin-House – nun »revisited«.

Das Reich der Tieftöner: Dieter Ilg und Lars Danielsson

Die wohl kühnste Kombination des heutigen Duoabends ist die erstmalige Begegnung von Dieter Ilg mit Lars Danielsson auf der Konzertbühne, die sonst jeweils für sich Herrscher über die tiefen Töne sind. Den 55-jährigen Freiburger Dieter Ilg darf man heute wohl ohne Zögern den wichtigsten Jazzbassisten Deutschlands nennen. Nicht nur, weil er sich als Partner von Randy Brecker, Bennie Wallace, Marc Copland, Christof Lauer oder Charlie Mariano und als Stammbassist von Till Brönner international einen Namen gemacht hat, sondern auch, weil er mit eigenen Projekten seine in der europäischen Musiktradition liegenden kulturellen Wurzeln so schlüssig erforscht hat wie kaum ein anderer. Nach dem Studium an der Musikhochschule Freiburg und der New Yorker Manhattan School of Music Mitte der 1980er-Jahre gründete er sein erstes eigenes, mit John Schröder an der Gitarre und Wolfgang Haffner am Schlagzeug prominent besetztes Trio. Anfang der 1990er war er mit dem Mangelsdorff Dauner Quintett, Deutschlands damals renommiertester Modern Jazz Combo, unterwegs, und mit dem Saxofonisten Christof Lauer bereiste er für das Goethe Institut die halbe Welt. Nur wenig später, 1992, war er beim bahnbrechenden Flamenco-Jazz-Experiment Jazzpaña dabei, in den späten 1990ern dann bearbeitete er mit Wolfgang Muthspiel und Steve Argüelles Volkslieder – Ausgangspunkt für eine bis heute anhaltende Beschäftigung mit der eigenen europäischen Musiktradition in der Sprache des Jazz.

2010 erfüllte er sich im seither bestehenden Trio mit Rainer Böhm und Patrice Héral den lange gehegten Wunsch, Giuseppe Verdis Otello auf seine jazzigen Möglichkeiten abzuklopfen. Diesem neuen Blick auf die Klassik ist er seither treu geblieben. So machte er sich vor drei Jahren an das Wagner-Wagnis Parsifal ‒ Mit Richard unterwegs, für das er 2014 den Echo Jazz als »Instrumentalist des Jahres« bekam. Im vergangenen Jahr folgte sozusagen als Abschluss der klassischen Trilogie Mein Beethoven, das auch den Giganten der Wiener Klassik, an den sich bislang kaum ein Jazzer herangetraut hatte, bezwingend und erfolgreich in seine persönliche Klangsprache überführte. Die Klassik wird nun auch die Brücke zu Lars Danielsson sein.

Ist sie doch auch die Basis für den schwedischen Bassisten und Cellisten, der zudem als Komponist, Arrangeur und Produzent eine der wichtigsten Stimmen des europäischen Jazz ist. Danielsson spielte mit Stars wie Michael und Randy Brecker, Mike Stern, John Scofield, Charles Lloyd, Terri Lyne Carrington, Nils Petter Molvær und vielen anderen, war Mitglied des Trilok Gurtu Trios und arbeitete als Produzent für Sängerinnen wie Cæcilie Norby und Viktoria Tolstoy. Der bevorzugte Spielplatz für Danielssons Suche nach musikalischen Räumen jedoch war beinahe 20 Jahre lang sein eigenes Quartett mit David Liebman, Jon Christensen und Bobo Stenson. Inzwischen hat er Bezugsrahmen und Bandbreite ausgedehnt, er experimentierte bei seinen Projekten auch mit klassischen und elektronischen Elementen und arbeitete mit unterschiedlichsten Besetzungen, von intimen Projekten mit den Pianisten Leszek Możdżer und Tigran Hamasyan bis zu Auftritten mit Orchestern wie dem Dänischen Rundfunkorchester oder dem JazzBaltica Ensemble. Auch in der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic war er bereits zwei Mal in ganz unterschiedlichen Konstellationen zu sehen – wie übrigens auch Jan Lundgren. Seine Alben der jüngsten Zeit erhielten sämtlich Gold und Platin, das von ihm mitinitiierte und von Vince Mendoza geleitete Orchesterprojekt Blauklang war für den amerikanischen Grammy nominiert. Mit der klanglichen Wärme seines Spiels ist Danielsson ist nicht nur einer der lyrischsten Bassisten (wobei seine Herkunft vom Cello sicher eine wichtige Rolle spielt), als Komponist ist er außerdem ein Meister der Atmosphäre, der subtilen Spannung und der perfekten Balance zwischen einfachen Melodien und dem höchstmöglichen Grad an Improvisation. Auch auf seinem jüngsten Album Liberetto betont er einmal mehr die Freiheit der Musik zwischen Kammerjazz, Klassik und europäischer Volksmusik. Schon der Titel Liberetto drückt das aus. Danielsson erklärt dazu: »Diese Wortneuschöpfung bezeichnet eine bestimmte Stimmung, in der ich meine Musik entwickeln möchte. Es schließt an meine früheren Alben an ‒ rein sprachlich wie in dem Verweis zur klassischen Musik.«

So werden ganz sicher Bach, aber wohl auch Beethoven und andere Klassiker Pate stehen bei diesem erstmals stattfindenden Gespräch zweier Meister der »zweiten Klassik«, die ihre Bässe für weit mehr als nur als Tieftöner oder Rhythmusgeber einsetzen, die sie vielmehr zum Singen bringen und ihnen zarten Melodien entlocken. Einer von drei musikalischen Dialogen gleichberechtigter Partner, die an diesem Abend in Berlin wieder Maßstäbe setzen könnten.

Oliver Hochkeppel

(Foto: Jan Søderstrøm)