Kammermusik

Alpen-Jazz

Jazz at Berlin Philharmonic: Gipfeltreffen mit Andreas Schaerer und Christian Zehnder

Jazz trifft auf Volksmusik: Unter dem Motto Alpen-Jazz versammeln sich an diesem Abend der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic Künstler, die auf geniale Weise die musikalischen Traditionen ihrer Schweizer, österreichischen oder bayerischen Heimat mit Jazz verbinden. Angeführt wird dieser Abend von dem Berner Stimmartisten und Echo-Jazz-Preisträger Andreas Schaerer und dem Schweizer Experimentalsänger Christian Zehnder. Weitere Gäste sind der Grazer Drehorgelspieler Matthias Loibner, der Innsbrucker Christof Dienz, der Münchner Tubist Andreas Martin Hofmeir sowie der Baseler Schlagzeuger und Perkussionist Gregor Hilbe.

Christian Zehnder Stimme und Wippkordeon

Rom Schaerer Eberle Trio:

Peter Rom Gitarre

Andreas Schaerer Gesang und Human Beat Box

Martin Eberle Trompete

Matthias Loibner Drehleier

Christof Dienz Zither

Andreas Martin Hofmeir Tuba

Gregor Hilbe Schlagzeug, Perkussion und Live-Elektronik

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Karten

Programm

Nicht nur in Skandinavien und Frankreich führte die Wiederentdeckung der eigenen volksmusikalischen Tradition in den vergangenen 20 Jahren zu einer Blüte des europäischen Jazz. Auch vom alpenländischen Raum kamen starke und wegweisende Impulse. Ein schweiz-österreichisch-bayerischer Abend in der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic zeigt den aktuellen Stand dieser in jeder Hinsicht grenzüberschreitenden Entwicklung. Zentrale Figur ist dabei der Berner Stimmartist und Echo-Jazz-Preisträger Andreas Schaerer. Er singt nicht nur in allen Lagen und Stilen, er kann auch nahezu jedes Instrument oder Geräusch imitieren, und dies mehrstimmig und stets humorvoll. In Berlin begleitet ihn sein angestammtes Trio mit dem österreichischen Trompeter Martin Eberle und dessen Landsmann Peter Rom an der Gitarre. Erstmals vor großem Publikum kommt es zum Aufeinandertreffen Schaerers mit dem anderen herausragenden Schweizer Experimentalsänger: Christian Zehnder verschränkte schon in den 1990er-Jahren beim Duo Stimmhorn mit Obertongesang und Jodeln alpine Tradition mit Weltmusik und Jazz. Dies vertiefte Zehnder seither als Sänger wie als Komponist und Regisseur in einer Vielzahl von Projekten, auch für Theater und Film. Weitere Gäste sind der experimentelle Grazer Drehorgelspieler Matthias Loibner, der Innsbrucker Christof Dienz, der die Zither neu entdeckt und neue Spieltechniken für sie entwickelt hat, sowie der Münchner Tubist Andreas Martin Hofmeir, ein exzellenter klassischer Musiker (und Professor am Salzburger »Mozarteum«), der als Mitglied der Kultband La Brass Banda bekannt wurde und auch als Kabarettist erfolgreich ist.

Über die Musik

Jazz aus den Bergen

Alpine Volksmusik reloaded

Nicht nur in Skandinavien oder in Frankreich – das mit Django Reinhardts Hot-Jazz ohnehin den einzigen eigenständigen, nicht in Amerika geprägten Jazzstil Europas für sich reklamieren kann – führte die Wiederentdeckung der eigenen volksmusikalischen Tradition in den vergangenen 20 Jahren zu einer Blüte des Jazz. Auch vom alpenländischen Raum kamen starke und wegweisende Impulse. Das mag zum einen damit zusammenhängen, dass die Swiss Jazz School in Bern und die Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz zu den ersten europäischen Institutionen gehörten, an denen man professionell Jazz lernen konnte. Mit der Befreiung der alpinen Volksmusik aus ideologischer Vereinnahmung durch Ewiggestrige oder historisierende Brauchtumspflege und ihrer Wiederentdeckung durch eine neue Musikergeneration, öffneten sich auch hier die Grenzen, hoben sich die von Volksmusik- oder Jazzpolizei errichteten Schlagbäume. Am meisten profitierte der Pop von dieser Entwicklung, wie spätestens die seit einigen Jahren durch Süddeutschland rollende »Heimatsound«-Welle belegt. Doch auch der Jazz holte sich wichtige Anregungen auf dem Weg zur heutigen Stil- und Weltoffenheit.

Bayerische Landler und brasilianische Rhythmik etwa trafen sich schon vor 20 Jahren bei Wolfgang Netzers Gruppe BavaRio oder der von dem Trompeter Claudio Roditi und anderen Jazzgrößen inspirierten Unterbiberger Hofmusikzum interkulturellen Austausch und zur jazzigen Improvisation; ein Matthias Schriefl bleibt seiner Allgäuer Musikantentradition auch als virtuoser Avantgarde-Jazztrompeter treu; die österreichischen Jazzer griffen vor allem auf die große Wiener Tradition der Bläser und Streicher zurück; in der Schweiz schließlich konzentrierten sich vor allem Schlagzeuger und Sänger auf die Verbindung heimischer Musiktradition mit dem Jazz. Davon zeugen einerseits eine lange Reihe exceptioneller Schlagwerker von Samuel Rohrer bis Julian Sartorius, andererseits eine Reihe schräger alpiner Vokalisten wie die schrille Jodelkönigin Erika Stucky.

Zwei Schweizer Stimmartisten aus zwei Generationen, die sich seit langem kennen, aber nun das erste Mal zusammen auftreten, stehen im Mittelpunkt des schweiz-österreichisch-bayerischen Abends im Rahmen der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic, der den aktuellen Stand der in jeder Hinsicht grenzüberschreitenden Entwicklung des Alpen-Jazz abbildet: Christian Zehnder und Andreas Schaerer. Beide bringen zwei ihrer bevorzugten Begleiter mit in den Kammermusiksaal der Philharmonie. Und wie stets bei diesen einmaligen, von besonderen Begegnungen lebenden Konzerten hat Kurator Siggi Loch noch weitere zum Projekt passende Gäste verpflichtet. Eine wahrlich illustre Besetzung wird also mitten in Preußen unerhörten Alpen-Jazz anstimmen.

Pionier des »Global Jodeling« – Christian Zehnder

Es ist stets eine Art Naturschauspiel, wenn man Christian Zehnder in Aktion sieht. Binnen Sekunden wechselt der 55-Jährige vom tiefen Brustton in hellste Kopfstimme, von verblüffenden Würgelauten zum reinsten Vibrato, vom klassischen Bariton zum kuriosen Stimminstrument, gerne auch polyfon. Dabei hat der in Zürich geborene Zehnder zunächst in Basel – wo er heute lebt und arbeitet – Jazzgitarre studiert, bevor er ein klassisches Gesangsstudium als Bariton abschloss. Aus den Erfahrungen in beiden Welten schloss er, dass man für den eigenen Weg neue Pfade freischlagen muss. Zehnder vertiefte sich bei Tokne Nonaka in den Obertongesang und bei Daniel Prieto in Körperstimmtechniken nach Alfred Wolfsohn. All dies führte ihn zum freien, nonverbalen Singen und damit in seinen ganz individuellen Musikkosmos, den er so erklärt: »Jodel und Obertongesang sind für mich die ursprünglichsten und ergreifendsten Gesangsformen, die auch nicht an bestimmte Kulturen gebunden sind. Das Jodeln zum Beispiel findet man überall auf der Welt, in den schillerndsten Ausprägungen. In der Schweiz gibt es klare, große Quint- und Oktavsprünge, der bayerische Jodler ist verspielter und nicht so episch, der afrikanische rhythmischer, der asiatische klangfarblich sehr differenziert. Deshalb ist Global Jodeling eine völkerverbindende Sing- und Kommunikationsform. Es ist eben auch meine Biographie, die aus mir singt, und die kümmert sich nun einmal nicht um Stile und Regeln des Gesangs.«

Deshalb bedient sich seine »Neue alpine Volksmusik« bei Elementen und Einflüssen aus aller Welt, bei traditioneller, klassischer und Jazzmusik. Reiner Jazz übrigens sei, so Zehnder, »klangfarblich oft zu langweilig«. Die experimentelle Offenheit zeichnet alle seine Projekte aus, angefangen mit dem 1996 gemeinsam mit dem Bläser Balthasar Streiff gegründeten Duo Stimmhorn, mit dem er international bekannt wurde. Durch zahlreiche, zum Teil preisgekrönte CDs, Film- und Theaterarbeiten sowie die Zusammenarbeit mit Künstlern aus aller Welt – von den tuwinischen Weltmusikern Huun-Huur-Tu bis zum afrikanischen Obertonchor Xosa-Noquolnquo – erlangten die beiden Kultstatus. Von 2008 an führte Zehnder diese Arbeit mit eigenen Bandprojekten wie Gländ, Kraah oder Oloid (wo unter anderem die Hackbrettspielerin Barbara Schirmer, der Holzbläser Don Li oder der Blechbläser Arkadi Shilkloper mit ihm spielten) erfolgreich fort.

Schon da hat sich Zehnder meist an den Schnittpunkten von Performance und Musiktheater bewegt. Der Mann, der ursprünglich Filmemacher werden wollte, versteht sich als Stimmperformer, und so ist er beim Theater nicht nur auf, sondern auch hinter der Bühne zu Hause. Er hat als Regisseur und Komponist unter anderem für die Theater Basel und Luzern, für das Gorki Theater in Berlin oder bei den Salzburger Festspielen gearbeitet. Anlässlich der Münchner Biennale 2010 sang Zehnder in der zeitgenössischen Oper Amazonas eine der Hauptrollen. Von der Stiftung Berliner Philharmoniker erhielt er 2013 eine Carte blanche, um einen Abend in der von Roger Willemsen moderierten Weltmusikreihe Unterwegs zu gestalten. Am Theater Basel entstand 2014 – nach der interdisziplinären Kreation oops, wrong planet! 2012 – als Auftragswerk Zehnders erste, zusammen mit dem Komponisten Fortunat Frölich und dem Schriftsteller Urs Widmer geschaffene Oper Föhn. Auf der Internetplattform »Echotopos Schweiz« baut er derzeit mit Alpinisten, Wanderern, Wildhütern oder Bergbauern interaktiv das erste Echo-Archiv der Schweiz auf. Zur kontinuierlichen Weiterentwicklung seiner Kunst gehört auch die Lehre: Neben Dozenturen an verschiedenen Hochschulen und diversen Lehraufträgen unter anderem bei Chören hat Zehnder nahe St. Gallen beim Institut Klangwelt Toggenburg eine Obertonakademie gegründet. Nicht allein beim Jodeln und Obertongesang ist Zehnder also ein Pionier, sondern auch als Mitbegründer einer »ideologiefreien Volksmusik der Zukunft«, wie die Zeitschrift Jazzthing einmal schrieb.

Zehnders Vertraute: Gregor Hilbe und Matthias Loibner

Um sich bei Jazz at Berlin Philharmonic besser ins Ungewisse stürzen zu können, bringt Christian Zehnder zwei Weggefährten mit. Da ist zunächst der Kosmopolit und Jazzdrummer Gregor Hilbe. Unter dem Titel Oloid stellten Zehnder und Hilbe 2013 mit neu entwickelten Instrumenten ein zwischen urbanen und archaischen Sounds angesiedeltes faszinierendes Performance-Projekt vor. Beiden gemein ist dabei der in alle Welt schweifende Blick der Hilbe die spirituellen Rhythmen der Perkussions-Ensembles Brasiliens ebenso untersuchen ließ wie die Rhythmik der Diwen-Musik aus der Südsahara.

1968 in Basel geboren, ging Gregor Hilbe 1987 zum Studium an die Musikhochschule Graz. Nach dem Abschluss 1991 zog er nach Paris, von wo es 2000 nach London weiterging. Mittlerweile ist er nach Basel zurückgekehrt. Entsprechend vielfältig und eindrucksvoll ist die Liste der Musiker, mit der er als Drummer, Perkussionist oder Produzent zusammenarbeitete; sie reicht von den Gesangsstars Mark Murphy, Kurt Elling, Andy Bey und Sheila Jordan über Instrumentalisten wie Dave Liebman, Bob Mintzer, Wolfgang Muthspiel oder Laurent de Wilde bis zum Vienna Art Orchestra, dem er von 1996 bis 1998 angehörte. Etliche Reisen um die Welt und 19 Alben als Sideman hatte Hilbe schon vorzuweisen, bis er 2010 mit Bowwsein erstes eigenes Album Tribal Poetry: The Tree vorlegte. Dort wie bei den mittlerweile zahlreichen namhaften und weltumspannenden Band-Projekten sowie weiterhin als Schlagzeuger der Jazz Big Band Graz arbeitet er an der organischen Verbindung pulsierender Grooves mit digitaler Ästhetik. Seit jeher verzahnt er gerne die an Fellen oder »analogen« Geräten erzeugten Grooves mit modernen elektronischen Sounds – schon 1992 (!) nahm er erstmals einen Laptop mit auf die Bühne. Dabei treibt ihn stets die Idee an, »eine leicht tranceartige Musik zu kreieren, die Körper und Geist, Grooves und improvisatorische Einfälle vereint«.

Unter anderem bei Oloid spielte auch Matthias Loibner schon mit Zehnder und Hilbe – an der Drehleier. Dabei hat der 1969 geborene Grazer bis zu seinem 20. Lebensjahr Klavier, Gitarre und Posaune gespielt. In seiner Heimatstadt studierte er dann einige Semester klassische Komposition, Jazzkomposition sowie Orchester- und Chorleitung, widmete sich aber von 1990 an ganz der Drehleier. Von Wien aus wurde er als Musiker wie als Lehrer zu einem ihrer großen Wiederentdecker. Von allen Seiten und in allen Facetten lotet Loibner sein Instrument aus. Das beginnt mit der rein baulichen Weiterentwicklung der Alto-Drehleier, der er seit 1995 zusammen mit dem Instrumentenbauer Wolfgang Weichselbaumer unter anderem die mehrkanalige elektronische Abnahme beigebracht hat. Mit Weichselbaumer und Christophe Coin vom Ensemble Baroque de Limoges arbeitet er seit über einem Jahrzehnt an der Rekonstruktion der Orgelleier (lira organizzata) für die Wiederaufführung und Erstaufnahme der dafür komponierten Werke von Joseph Haydn, Ignaz Josef Pleyel und anderen.

Aus diesen technischen Ansätzen ergaben sich seine Interpretationen von Originalkompositionen für Drehleier aus dem französischen Barock, zu dem freilich Zug um Zug ein breites stilistisches Spektrum oral tradierter Musik verschiedener Herkunft dazukam: Österreichische Volksmusik und Neue Volksmusik (anfangs als Drehleierspieler der Gruppe Wullaza), World- und Ethnomusik, elektronische Musik, Neue Musik, Avantgarde sowie schließlich improvisierte Musik und Jazz (wie zum Beispiel mit Jörg Mikula, Franz Hautzinger oder Tunji Beier). Er kombiniert die Drehleier mit einem eigenen Setup aus Live-Effekten und Live-Looping-Software am Computer. Seine vielfach, unter anderem mit dem »Austrian World Music Förderpreis« und dem Ö1 »Pasticcio-Preis« ausgezeichnete Arbeit umfasst inzwischen auch die verschiedensten Medien bis hin zu Theater und Film.

Der vokale Alleskönner: Andreas Schaerer

Ist Christian Zehnder der erfahrene Bergführer der Schweizer Vokalartistik, so ist der Berner Andreas Schaerer der jüngste Gipfelstürmer. Es gibt mehrere Gründe, warum der 40-Jährige aktuell vielleicht sogar der interessanteste Vokalist der Musikszene überhaupt ist. Was damit beginnt, dass der 2015 mit dem »Echo Jazz« in der Sparte »Gesang international« (und damit als Nachfolger von Gregory Porter) Dekorierte ebenfalls weit mehr ist als nur ein Sänger und auch nur bedingt in die Schublade Jazz passt; Schaerer ist vielmehr ein Stimmjongleur, der sein Organ nicht nur in den verschiedensten Lagen und Stilen (vom klassischen Lied- bis zum Crooner- oder Scat-Gesang) erklingen, sondern – gerne mithilfe von Effektgeräten und polyfonen Loops – auch alle denkbaren Geräusche erzeugen und allerlei Instrumente bis hin zum Schlagzeug imitieren kann. In den Bergen des Wallis aufgewachsen, schnappte Schaerer schon als kleines Kind die Geräusche seiner ländlichen Umgebung auf und versuchte sie zu reproduzieren. Bald machte er eigene Hörspiele daraus und dies so gut, dass man ihn bereits als Teenager für die Tonspuren von Computerspielen und Animations-Filmen holte. Wer ihm heute zuhört, kann kaum glauben, was da aus einer Kehle kommt – Alltags-Sounds, Musik-Instrumente, Operngesang, Beat-Box, oft mehreres gleichzeitig und übereinander. Selbst wer ihn schon öfter gesehen hat, ist von Mal zu Mal zunehmend fasziniert, weil Schaerer eben auch ein großer Improvisator ist, der alles immer wieder variiert.

Darüber hinaus ist er ein glänzender Komponist, was er inzwischen bei den verschiedensten Projekten unter Beweis gestellt hat: von den Duetten mit dem Kontrabassisten Bänz Oester und dem Schlagzeuger Lucas Niggli über das Trio mit Peter Rom und Martin Eberle und das ganz neue Quartett A Novel Of Anomaly mit Niggli, dem Gitarristen Kalle Kalima und dem Akkordeonisten Luciano Biondini bis zum Projekt Perpetual Dilirium mit den vier Saxofonen des Arte Quartet und dem E-Bassisten Wolfgang Zwiauer. Die bisherige Krönung seiner Komponisten- wie Sängerkarriere war wohl das Anfang des Jahres beim Lucerne Festival uraufgeführte und stürmisch bejubelte 70-Minuten-Werk The Big Wig für ein 66-köpfiges Symphonieorchester. Last but not least verfügt Schaerer bei all seinen Betätigungen in reichem Maße über Charisma und die in der »ernsten Musik« eher seltene Gabe des Humors, was vor allem bei seiner Paradeband Hildegard lernt fliegenzur Geltung kommt. Bei diesem sehr erfolgreichen, unter anderem mit dem »BMW Welt Jazz Award« dekorierten Sextett, das jede Art von Musik vom Schweizer Volkslied und vom Tango über symphonische Klassik und Oper bis zu Swing und Jazzrock ebenso virtuos wie anarchistisch verwirbelt, kann man auch gut den Teamplayer Andreas Schaerer beobachten, der in Bern lange Dozent und Mitbegründer der Jazzwerkstatt war: So spektakulär seine Einlagen sein mögen, es sind keine One-Man-Shows, alles ist dicht und homogen in einen Bandsound integriert. Mit all seinen Qualitäten wird es Schaerer auch bei Jazz at Berlin Philharmonic fertigbringen, experimentelle, an sich komplexe Musik verblüffend zugänglich, ja geradezu zum Ohrwurm zu machen.

Schaerers Basistrio: Peter Rom und Martin Eberle

Auch Schaerer holt sich dafür wie Zehnder zwei getreue Helfer: den Trompeter Martin Eberle und den Gitarristen Peter Rom. Gegründet im Jahre 2009 im Umfeld der Jazz-Werkstätten in Wien und Bern hat das EnsembleRom-Schaerer-Eberle mit seiner außergewöhnlichen Besetzung Gitarre-Stimme-Trompete eine beeindruckende Reise durch die Jazzszene in Europa begonnen. Die auf bislang zwei Alben dokumentierten Stücke der drei strotzen vor Spielwitz und Einfallsreichtum, mixen Swing, Afrikanisches, Blues oder Hip-Hop, mal lyrisch und virtuos, mal perkussiv und explosiv.

Für das in dieser intimen Besetzung besonders einfühlsame und virtuose Trompetenspiel ist der 1981 im österreichischen Dornbirn geborene Martin Eberle zuständig. Schon von seiner Ausbildung her ist er dabei breit aufgestellt: Zunächst studierte Eberle in Feldkirch klassische Trompete, anschließend in Bern Jazztrompete und schließlich setzte er noch ein Arts Management-Studium in Wien drauf. Schon während der Ausbildung entfaltete er eine rege Aktivität als Musiker; so war er von 2000 bis 2004 Mitglied im Symphonieorchester Vorarlberg, später wurde er Mitgründer und musikalischer Leiter des Jazzorchesters Vorarlberg. Seine in den vergangenen zehn Jahren angeschobenen Projekte gehen in alle möglichen Richtungen: Er begleitete ganz unterschiedliche Stars wie den multistilistischen amerikanischen Pianisten Uri Caine, den brasilianischen Gitarristen, Perkussionisten und Komponisten Alegre Correa oder die österreichische Musikerin, Sängerin und Schauspielerin Anja Franziska Plaschg in ihrer Popband Soap&Skin; mit Kompost 3 – ein nach dem 3. Wiener Stadtbezirk benanntes Quartett, das unter anderem 2014 den »Bremer Jazzpreis« gewann – spielt Eberle seit 2009 schillernden NuJazz, der von Club Sounds ebenso beeinflusst ist wie von Minimal Music; schließlich begleitet Eberle im Rahmen der Wiener Jazzwerkstatt auch Die Strottern, sobald dieses geniale, vielfach preisgekrönte Neue-Wienerlied-Duo von Klemens Lendl und David Müller in die größere Besetzung strebt.

Da ist dann auch der 1972 in Wien geborene Peter Rom mit von der Partie, einer der profiliertesten jungen Gitarristen Europas. Nachdem er 1997 sein Diplomstudium der Jazzgitarre am Wiener Konservatorium abgeschlossen hatte, ging er 1999 bis 2001 ans berühmte Berklee College of Musik nach Boston. In seine Heimatstadt zurückgekehrt, war er 2004 Mitgründer der Jazzwerkstatt Wien samt des eigenen Labels; bis heute absorbiert ihn diese Arbeit stark, und Rom ist einer ihrer kreativen Angelpunkte. 2006 gewann er den »Hans-Koller-Preis« als »Newcomer des Jahres«, der »Preis der deutschen Schallplattenkritik« und mehrere Amadeus-Nominierungen für seine Projekte folgten. Neben Rom-Schaerer-Eberle und den Strottern gehören dazu das Trio Traramit Klemens Lendl und Manu Mayr, das Vincent Pongracz Synesthetic Octetund die Avantgardeband Fuzz Noir.

Zither und Tuba auf völlig neuen Wegen: Christof Dienz und Andreas Martin Hofmeir

Einige wichtige Instrumente des alpenländischen Volksmusikspektrums fehlen bislang, und so komplettieren ein Zitherspieler und ein Tubist die Besetzung des Alpen-Jazz-Abends, beide junge Revolutionäre ihres Fachs. Da ist zunächst der 1968 in Innsbruck geborene Christof Dienz, der nach dem entsprechenden Studium Fagottist an der Wiener Staatsoper war und nebenbei für sein Ensemble Die Knödel, das Bruckner-Orchester Linz – in dem er Andreas Martin Hofmeir begegnete – oder Ernst Kovacic komponierte. Als er dann 2002 mit dem Ergebnis eines Kompositionsauftrags für Zither solo vom Klangspuren-Festival für Neue Musik in Schwaz unzufrieden war, entschloss er sich, wieder selbst zur Zither zu greifen, das er als Kind gelernt hatte – und entdeckte das Instrument neu. Mit neuen Spieltechniken und ausgerüstet mit Loopgenerator sowie den verschiedensten Werkzeugen von der Büroklammer bis zur Stimmgabel, entlockte er ihm ungeahnte Sounds – was ihn bei Avantgardisten und Experimentatoren jeder Art gefragt machte, zum Beispiel bei Marc Ribot, DJ DSL, Rupert Huber, Zeena Parkins, Wolfgang Puschnig, Lorenz Raab und vielen anderen. 2005 war er Composer in Residence beim Komponistenforum Mittersill. Das im selben Jahr entstandene erste Album Dienz Zithered wurde aus dem Stand mit dem Ö1 »Pasticcio-Preis« ausgezeichnet. 2007 erhielt Dienz den »Förderpreis der Stadt Wien«, 2010 gleich zwei erste Kunstpreise der Stadt Innsbruck. Zu seiner Zithermusik sagt er selbst: »Das ist sozusagen meine Sehnsucht, dass diese zeitgenössische Musik intuitiv und körperlich wahrnehmbar ist; dass man sie einfach aufnehmen kann und zum Hören keine Vorbildung braucht.«

Ein Zitat, das auch von Andreas Martin Hofmeir stammen könnte, der die Besetzung dieses Konzerts der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic mit der gewaltigen Tuba abrundet und bei diesem alpinen Gipfeltreffen die Farben Bayerns hochhält. In Berlin ist Hofmeir kein Unbekannter: Fast drei Jahre lang war er Stipendiat an der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker und wäre um ein Haar reguläres Mitglied geworden. Für seine persönliche Entwicklung war dies aber wahrscheinlich kein Schaden, ist der Mann aus Geisenfeld in der Hallertau nordwestlich Münchens doch so der wohl vielseitigste Vertreter seines – übrigens 1835 in Berlin und nicht etwa in Bayern erfundenen – Instruments geworden. Er ist zum einen einer der herausragenden klassischen Tubisten, der ständig mit den besten klassischen Orchestern und als Kammermusiker unter anderem mit dem Scharoun Ensemble Berlin, den Blechbläserensembles der Münchner Philharmoniker und dem Heavy Tuba Ensemble konzertiert. Als erster Tubist überhaupt gewann er 2005 den Deutschen Musikwettbewerb und 2013 den »Echo Klassik« als »Instrumentalist des Jahres«; von 2004 bis 2008 war er Solotubist des Bruckner Orchesters Linz, seit 2006 ist er Professor am Salzburger »Mozarteum«.

Schon leicht weg von der reinen Klassik geht es an der Seite von Andreas Mildner, mit dem Hofmeir das weltweit erste Tuba-Harfen-Duo bildet und Festivals von Schleswig-Holstein bis Rio de Janeiro bereist. Richtig populär aber wurde er als Gründungsmitglied von Stefan Dettls Kult-Band LaBrassBanda. Von 2008 bis 2014 führte der Weg dieser bahnbrechenden Brassband der Neuen Volksmusik von kleinen Bühnen bis in die Münchner Olympiahalle und vom Chiemgau bis auf USA-Tournee. Dann stieg Hofmeir zugunsten der Klassik und seiner eigenen Projekte aus. Zu denen eine veritable Karriere als Musikkabarettist gehört. Schon seit seinem 20. Lebensjahr tritt er auch als solcher auf, erst mit dem Musikkabarettensemble Star Fours, dann mit der Wortkabarettformation Die Qualkommission, mit der er unter anderem ein »Passauer Scharfrichterbeil« gewann. 14 Programme sind es bis heute; den zusammen mit dem befreundeten Journalisten Roman Deininger geschriebenen Kabarettabend Der Ball ist wund am Landestheater Linz (anlässlich der Fußball-EM 2008) und das kabarettistische Theaterstück All About That Bass mit Symphonieorchester und Jazzband noch gar nicht mitgerechnet. Unlängst, mit 37, hat er die humoristische Autobiografie Kein Aufwand herausgebracht, die auf der Spiegel-Bestsellerliste zeitweise nur einen Platz hinter Papst Franziskus rangierte, und mit der er auf humoristisch-musikalischen Lesungen im gesamten deutschsprachigen Raum unterwegs ist, begleitet zunächst von dem brasilianischen Gitarristen Guto Brinholi, seit kurzem gemeinsam mit dem Pianisten und Gitarristen André Schwager.

Alle Musiker des heutigen Abends verbindet ihr alpenländischer Hintergrund, aus dem heraus sie, teils für sich, teils gemeinsam und in den unterschiedlichsten Konstellationen, neue Wege einschlugen. Auch wenn die Besetzung dieses Konzerts in ihrer Heterogenität kaum zu überbieten ist, ist eines doch sicher: die leidenschaftliche Begeisterung der Mitwirkenden, Elemente des Jazz mit den Klängen des Alpenraums zu verbinden und daraus Neues entstehen zu lassen.

Oliver Hochkeppel

(Foto: Scriptum/Angel Sanchez/Rafael Brand)