(Foto: Sascha Kletzsch)

Kammermusik

»BIX«– Eine Bix-Beiderbecke-Hommage

Leon »Bix« Beiderbecke, Spross einer mecklenburgischen Auswandererfamilie, gehört zu den oft übersehenen Gründervätern des Jazz. Mit seinem lyrisch-coolen Kornett-Ton und einem überragenden Harmonieverständnis war er seiner Zeit weit voraus. Das erste Konzert der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic erinnert an diesen Jazzpionier. Unter der Leitung des weltweit gefeierten Stride-Pianisten Bernd Lhotzky lassen ganz unterschiedliche Instrumentalisten Beiderbeckes Musik neu aufleben. Als Special Guest wird der fantastische französische Sopransaxofonist Émile Parisien erwartet.

Echoes of Swing:

Bernd Lhotzky Klavier und Musikalische Leitung

Chris Hopkins Altsaxofon

Colin T. Dawson Trompete und Kornett

Oliver Mewes Schlagzeug

Shannon Barnett Posaune und Gesang

Mulo Francel C-Melody-Saxofon und Gitarre

Pete York Schlagzeug und Gesang

Henning Gailing Kontrabass

Special Guest: Émile Parisien Sopransaxofon

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Karten

Programm

Der 1903 in Iowa geborene, aus einer mecklenburgischen Auswandererfamilie stammende Leon »Bix« Beiderbecke gehört zu den oft übersehenen Gründervätern des Jazz. Mit seinem lyrisch-coolen Kornett-Ton und einem überragenden Harmonieverständnis war er seiner Zeit weit voraus und beeinflusste bis heute zahllose Jazzmusiker. Bereits 1931 mit 28 Jahren gestorben, steht eine entsprechende allgemeine Würdigung des Pioniers weitgehend aus. Daran erinnert im ersten Konzert der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic in dieser Saison der weltweit gefeierte Stride-Pianist Bernd Lhotzky. Unter seiner Leitung lassen ganz unterschiedliche Instrumentalisten Beiderbeckes Musik neu aufleben, allen voran Lhotzkys Quartett Echoes of Swing mit Chris Hopkins am Altsaxofon, Colin T. Dawson an der Trompete und Oliver Mewes am Schlagzeug.

Dazu gesellen sich Mulo Francel, Kopf von Deutschlands erfolgreichster Weltmusik-Gruppe Quadro Nuevo und einer der wenigen Virtuosen auf dem C-Melodie-Saxofon, die Posaunistin Shannon Barnett, Kontrabassist Henning Gailing sowie Drummer-Legende Pete York. Der Brite wurde in seiner über 50-jährigen Karriere vor allem mit Fusion- und Rockbands wie der Spencer Davis Group oder Hardin & York berühmt, doch der klassische swingende Jazz war immer die Wurzel seines Spiels. Als Special Guest wird der fantastische französische Sopransaxofonist Émile Parisien erwartet. Regelmäßige Besucher dieser Konzertreihe werden sich noch an seinen Auftritt im Februar 2015 erinnern, wo er mit seinem Duopartner Vincent Peirani bei der Accordion Night zu hören war.

Über die Musik

»Bix«

Kein Fortschritt ohne Tradition

Das rhythmische, harmonische wie improvisatorische Gebäude, in dem alle modernen Jazzstile wohnen, ruht nach wie vor auf einem von einigen wenigen Pionieren gelegten Fundament. Es ist daher umso verwunderlicher, wenn junge Jazzmusiker allzu oft allzu wenig von der Jazztradition vor dem Bebop wissen. Kein klassischer Musiker würde auf die Idee kommen, sich in seiner Ausbildung auf Musik nach Beethoven zu beschränken. Er würde sich obendrein der Schönheit etwa der Musik Bachs berauben – so wie zu viele junge Jazzer sich der Kraft und der Aktualität der Musik etwa eines Louis Armstrong verschlossen haben. Oder der des Kornettisten Bix Beiderbecke, der neben Armstrong prägenden, legendären Gestalt des Jazz der 1920er-Jahre. Fast alle seine direkten Nachfolger hat Beiderbecke auf die eine oder andere Art beeinflusst, schon deshalb steckt er in der DNA selbst des modernen Jazz.

Die Konzertreihe Jazz at Berlin Philharmonic hat sich von Anfang an auch traditionsbewusste Themen gesucht, um sie mit einmaligen Musikerkombinationen gegenwärtig zu machen – man denke an »Kind of Cool« oder zuletzt »Celtic Roots«. Der heutige Abend nun widmet sich explizit dem Werk des ebenso genialen wie selbstzerstörerischen Bix Beiderbecke.

Der tragische Pionier – Bix Beiderbecke

Leon Bismark Beiderbecke wurde am 10. März 1903 in Davenport im US-Bundesstaat Iowa, gut 280 Kilometer westlich von Chicago, als jüngstes von drei Kindern einer aus Mecklenburg stammenden Einwandererfamilie geboren. Sein Spitzname Bix ist aus dem zweiten Vornamen, dem Rufnamen seines Vaters, abgeleitet worden. Der Vater war ein wohlhabender Holz- und Kohlenhändler, die Mutter Tochter eines Mississippi-Riverboat-Kapitäns und außerdem Kirchenorganistin. Das musikalische Interesse des kleinen Bix war somit früh geweckt, er soll bereits mit zwei oder drei Jahren das Klavierspielen begonnen haben. Ein paar Jahre später konnte man jedenfalls in der Lokalzeitung lesen: »Siebenjähriger als musikalisches Wunder! Little Bickie Beiderbecke spielt alles nach, was er hört.“ Ebenfalls als Autodidakt und mit der Weigerung, Noten zu lernen, wandte er sich bald dem Kornett zu.

1918 schenkte ihm sein älterer Bruder ein Victrola-Grammofon. Bix hörte daraufhin begeistert Platten der Original Dixieland Jass Band und spielte die Soli des Kornettisten Nick LaRocca nach. Bald verbrachte er mehr Zeit in örtlichen Bands wie denen von Wilbur Hatch oder Floyd Bean als in der Schule. Die besorgten Eltern schickten ihn daraufhin auf die Lake Forest Militärakademie nahe Chicago – mit dem Ergebnis, dass Bix bald in den Clubs und »Speakeasies« (Flüsterkneipen, in denen trotz der Prohibition Alkohol ausgeschenkt wurde) von Chicago ein und aus ging. Nachdem er wieder einmal die Ausgangssperre ignoriert hatte und morgens auf der Feuerleiter beim Versuch erwischt wurde, sich wieder einzuschleichen, warf man ihn im Mai 1922 kurzerhand von der Schule. Sein unstetes Leben als Berufsmusiker begann – zunächst unter erschwerten Bedingungen, weil ihm wegen seiner Notenschwäche bis 1923 die »Musikerprüfung« und damit die Arbeitserlaubnis der Gewerkschaft fehlte.

Als er diese endlich hatte, stieg er bei den Wolverines ein, um in Kürze deren wichtigster Musiker zu werden. Das lenkte die Aufmerksamkeit anderer auf ihn: Jean Goldkette engagierte ihn für sein auch in Europa wohlbekanntes Orchester, wo er mit Unterbrechungen blieb, bis er wie viele der besten weißen Jazzer – von Jimmy und Tommy Dorsey bis zu Jack Teagarden – Ende 1927 zum Paul Whiteman Orchester wechselte, der damals berühmtesten und erfolgreichsten Bigband. Nebenbei spielte Beiderbecke aber immer auch in anderen Bands und mit Größen wie Jimmie Noone, King Oliver, Louis Armstrong oder Bessie Smith. Eine der erwähnten Unterbrechungen war im Übrigen das Trio mit dem Saxofonisten Frankie Trumbauer und dem Gitarristen Eddie Lang, mit dem er 1927 seine wohl wichtigste Komposition »Singin’ the Blues« aufnahm. Den Trend, mit Musikern aus Bigbands in kleinen Besetzungen zu spielen, wie ihn Benny Goodman später auslöste, hat Beiderbecke in seiner Zeit bei Whiteman vorweggenommen: Bei Bix and his Gang fand er im kleinen Kreis den Entfaltungsraum, der ihm in großen Formationen selbst als Starsolist fehlte.

Schon allzu bald freilich verklang Beiderbeckes wunderbare Musik: wegen seines zerstörenden Alkoholismus’, dem er schon seit seiner Akademiezeit verfallen war. Am 30. November 1928 brach Beiderbecke während eines Auftritts in Cleveland zusammen und fiel ins Delirium tremens. Eine Entziehungskur und Aufenthalte bei seinen Eltern – währenddessen Whiteman ihm sein Gehalt weiterzahlte – halfen nur kurz. Beiderbecke kehrte nie wieder ins Orchester zurück, nahm ein paar kleinere Engagements in New Yorker Bands an und spielte noch Aufnahmen mit Hoagy Carmichael – darunter dessen gerade komponiertes »Georgia on My Mind« in einer absoluten Starbesetzung – ein, bevor er am 6. August 1931 in einem New Yorker Appartement starb. Offiziell an Lungenentzündung, in Wahrheit an jahrelanger Selbstzerstörung.

»Bix hatte nicht einen Feind in der Welt«, sagte sein Freund Russ Morgan, »aber er befand sich die meiste Zeit nicht in dieser Welt.« Viele Kollegen bestätigten, dass er in seinem eigenen Universum gelebt habe, bewunderten aber sein Spiel rückhaltlos. Es dauerte eine Weile, bis sich über den Musikerkreis hinaus herumgesprochen hatte, dass dieser Bix Beiderbecke in den knappen zehn Jahren seiner viel zu kurzen Karriere der wichtigste Vertreter des Chicago-Jazz und neben Louis Armstrong der zweite große Solist und prägender Improvisator des frühen Jazz gewesen war. Seine autodidaktischen Eigenarten der Fingerhaltung und des Phrasierens, seine die Sturheit, am Kornett festzuhalten, während fast alle anderen zur Trompete wechselten, vor allem aber sein einzigartig klarer, emotional zurückhaltender und dadurch umso wirkungsvollerer Ton nahmen Elemente des Bebop wie des Cool Jazz vorweg.

Durch Dorothy Bakers 1938 erschienene Novelle Young Man With a Horn – die, wie sie selbst sagte, »von seiner Musik, nicht von seinem Leben inspiriert« war – setzte eine romantische Verklärung dieses »tragischen Genies« ein, nach dessen Muster mehrere Filme und Stücke entstanden. Mit seinen musikalischen Errungenschaften am Kornett wie auch am Klavier haben sich nach Beiderbeckes Tod außer Jazzmusikern und -fans indessen nur noch wenige beschäftigt. Zu einer Hommage an seine Musik versammelt sich in diesem Konzert eine Schar dieser Spezialisten, die alle eines gemeinsam haben: eine ausgeprägte Beziehung zu Bix Beiderbecke.

Moderne Traditionalisten – Bernd Lhotzky und die Echoes of Swing

»Die ersten beiden Bix-Beiderbecke-Aufnahmen hörte ich mit 14: ›I’m Coming Virginia‹ und ›Singin’ the Blues‹. Die Qualität und unvergleichliche Schönheit dieses Kornett-Tons waren überwältigend. Manche Passagen sind so reich an Obertönen, dass sie fast wie Glocken läuten. Besonders liebe ich die, welche er mit einem Sforzato attackiert, um ein schnelles Vibrato folgen zu lassen. Welche Klarheit der Phrasen, welcher Einsatz der Dynamik und welche unglaubliche Kreativität in den melodischen Linien!« Der da so von Beiderbecke schwärmt, muss es wissen: Der Pianist Bernd Lhotzky ist einer der großen Kenner, leidenschaftlichen Spezialisten und virtuosen Interpreten des klassischen Jazz, hat auf zwei seiner Alben Klavierstücke von Beiderbecke eingespielt – und ist deshalb prädestiniert als musikalischer Leiter des »Bix«- Abends.

Lhotzkys Leidenschaft für diese Jazz-Epoche wurde früh geweckt, als ihm sein Onkel eine Fats-Waller-Platte schenkte. Da war er elf, und als er später selbst Pianist wurde, beschritt er zwar den gängigen Ausbildungsweg – klassischer Unterricht und Studium am Münchner Richard-Strauss-Konservatorium als bislang jüngster Angenommener – doch der Harlem Stride ging ihm nie aus dem Kopf. Die Begeisterung dehnte sich auf andere Errungenschaften des klassischen Jazz aus und wurde zur Berufung. Heute gehört Lhotzky zu jener kleinen Schar von Pianisten weltweit, die die spektakulären und hochvirtuosen Stile der alten Meister noch beherrschen.

Weit über die eigenen Auftritte hinaus setzt sich der Überzeugungstäter Lhotzky dafür ein, dass die harmonisch wie melodisch so reiche, technisch so meisterhafte Jazzmusik aus der Zeit vor Bill Evans nicht in Vergessenheit gerät. Als Gründer und künstlerischer Leiter von Swing Festivals beispielsweise, wo er die letzten verbliebenen Großmeister wie Dick Hyman, und die besten ihrer Nachfolger wie den Franzosen Louis Mazetier oder den Italiener Rossano Sportiello ins Rampenlicht holt. Oder den Bochumer Kollegen und Freund Chris Hopkins, mit dem ihn weit mehr verbindet als eine Pianistenpartnerschaft. Hopkins nämlich konnte sich in seiner Jugend nicht entscheiden, ob er den Klavier- oder den Saxofonlegenden des frühen Jazz nacheifern sollte – und lernte deshalb beides. Im Quartett Echoes of Swing spielt deshalb Lhotzky Klavier, und Hopkins ein herausragendes Altsaxofon. Der Dritte im Bunde ist der britische Trompeter und Kornettspieler Colin Dawson, für den der heutige Abend natürlich etwas ganz Besonderes ist, weil er mit seinem Instrument quasi direkt in Beiderbeckes Fußstapften treten wird. Komplettiert wird die Band durch den Kölner Schlagzeuger Oliver Mewes, der als Schüler nicht auf krachende Rockdrums abfuhr, sondern sein Herz an dezent knackende, mit dem Besen bediente Drumset-Dinosaurier wie das legendäre Slingerland »Radio King« verlor.

»Ich bin als begeisterter Bix-Beiderbecke-Fan aufgewachsen«, erinnert sich Chris Hopkins, »umso größer war die Freude, als ich Anfang der Neunzigerjahre Spiegle Wilcox kennenlernen durfte. Spiegle, seinerzeit ein ungemein vitaler und charismatischer Mann von 91 Jahren und musikalisch in Top-Form, blies während der Zwanziger die Posaune in den legendären Orchestern von Jean Goldkette und Paul Whiteman und muss zur Zeit unserer gemeinsamen Konzerte wohl der letzte lebende Zeitzeuge gewesen sein, der mit Bix gespielt und auch Schallplattenaufnahmen mit ihm gemacht hat. Kaum auszudenken, hätte Bix auch nur annähernd ein Alter wie Spiegle erreicht und Gelegenheit gehabt, seinen goldenen Ton wie sein futuristisches Kompositionstalent bis in die Modern Jazz Ära und in unsere heutige Zeit zu tragen.« Und Colin Dawson ist überzeugt: »Bix’ Bedeutung für den Jazz reicht weit über die 1920er-Jahre hinaus. Wir wissen, dass der Swing-Pionier Lester Young, der seinerseits eine ganze Generation von Saxofonisten prägte, Bix’ Spiel in höchstem Maße bewunderte. Man kann sogar sagen, dass sich der Cool Jazz in mancher Beziehung bis zu Bix zurückverfolgen lässt. Sein Klavierspiel und seine geradezu experimentelle Harmonik sind sicherlich in seiner Kenntnis der Musik klassischer Komponisten wie Debussy und Ravel begründet. Zu seiner Zeit war Bix ein Visionär, der (in seinem kurzen Leben) Grenzen überschritt.«

In jedem Fall hätte er wohl die Echoes of Swing geliebt. Denn die spielen klassischen Jazz sozusagen antimuseal, in seinem experimentellen und fortschrittlichen Geist. Vor fast 20 Jahren standen die vier erstmals gemeinsam auf einer Bühne – ausgerechnet in einem Club der ehemaligen Münchner Partymeile Kunstpark Ost. »Ursprünglich wollte ich eine Session mit zwei Holzbläsern machen«, sagt Lhotzky. »Nach dem Auftritt wussten wir: Das ist die beste Band der Welt, wir können nie wieder auseinander gehen.« Diverse CDs und zahlreiche Auszeichnungen liefern seither den Beweis, dass hier das Ganze wirklich mehr ist als die Summe seiner Teile. So paradox das angesichts jahrzehntealter Musik klingen mag: Die Echoes of Swing haben sich kontinuierlich weiterentwickelt. »Uns geht es nicht um größtmögliche Authentizität«, betont Chris Hopkins, »unsere Musik klingt so, weil wir sie so spielen wollen.« Und Peter Mewes ergänzt: »Wir spielen Jazz so, wie er damals gemeint war. Aber wir spielen ihn heute.«

Weltmusiker mit Jazz Spirit – Mulo Francel

»Wie viele andere Heroen des Jazz, die nach ihm kamen, war Bix offen für Inspirationen durch andere Stilrichtungen. Begeistert von Debussy, Ravel oder Stravinsky beeinflussten diese seine eigenwillige Melodieführung und fortschrittliche Harmonieauffassung. Wir Musiker lieben Bix. Wieviel Wunderbares hätte er noch durch sein Horn geblasen, was hätte er aus dem Tango, aus der Latin Music, aus dem Modern Jazz in seine eigene Musik fließen lassen? Aus all dem, was Bix selbst nie hören konnte, weil es erst in den Jahrzehnten nach seinem frühen Tod erklang. Bix, wir hören dich noch immer spielen. Elegant swingend, klug, witzig und vor allem mit einer großen inneren Schönheit.« Der da so von Bix Beiderbecke spricht, hatte ein ähnliches Schlüsselerlebnis wie sein Idol. War es bei Bix der Bruder, der ihn zum Jazz brachte, so war es bei Mulo Francel der Vater. Der war ein Vertriebener aus Böhmen und starb, als Francel erst sechs Jahre alt war. Doch er hinterließ ihm etwas Prägendes: eine Jazz-Plattensammlung: »Wes Montgomery, Stan Getz, Miles Davis und viele andere. Als ich zwölf war, holte ich eine nach der anderen in mein Zimmer. Es war wie eine spirituelle Brücke zu meinem Vater«, erinnert sich Francel. Mit 16 kaufte er ein Saxofon, übte wie verrückt, um schließlich in Linz, München und New York Saxofon und Komposition zu studieren.

Dann ging es in die Welt, denn das Reisen, physisch wie musikalisch, war immer Francels Leidenschaft, die Sehnsucht nach fremden Orten und ihren Klängen trieb ihn seit jeher um. Dementsprechend waren seine Bands und Projekte stets musikalische Reisen, bei denen er mediterrane oder südosteuropäische Volksmusik aufsaugte, orientalische Motive verarbeitete oder mit den Rhythmen Südamerikas flirtete, alles durch den Jazz grundiert. Das war schon bei der Formation Mind Games mit der Sängerin Lisa Wahlandt und bei Tango Lyrico mit der Harfenistin Evelyn Huber so, erst recht bei Quadro Nuevo, dem Quartett mit Bassist D. D. Lowka, Akkordeonist Andreas Hinterseher und ebenfalls Evelyn Huber, das sich seit 1996 mit seiner luftigen Mischung aus Tango, Filmmusik, Valse Musette, Klezmer und Jazz zur erfolgreichsten und stilbildenden Weltmusik-Formation Deutschlands entwickelte. Das Rezept: »Wir ergänzen uns und lieben es, unterwegs zu sein. Früher haben wir auch immer eine Woche im Berliner A-Train für 70 Euro den Abend gespielt. Weil uns Berlin immer wichtig war, und es Spaß macht, wenn nachher noch Leute wie Till Brönner hereinkamen.« Der Erfolg hält bis heute an, aber nebenbei findet Francel auch noch Zeit, seine Jazz-Roots in anderen Besetzungen zu pflegen. Wie auch heute Abend, wo er dies ganz authentisch mit einem C-Melody-Saxofon tun wird, also einem einen Ganzton über dem Tenorsaxofon liegenden Instrument, wie es Anfang der 1920er-Jahre von den Saxofon-Kollegen Beiderbeckes gespielt wurde, bevor es von 1930 an aus der Mode kam.

Meister aller Schlagzeugklassen – Pete York

»Bix war ein Träumer. Er fand die schönsten Noten im Fluss seiner Soli, was ich absolut nachvollziehen kann. Er riss durch seine Präsenz jede Band mit, in der er spielte, und konnte ›heiß‹ oder poetisch spielen, ohne auf irgendwelche Klischees zurückzugreifen. Sein Sound lässt mich erschauern in seiner Reinheit und Schönheit.Ich mag die Geschichte, die Eddie Condon erzählte: Bix schlief einmal einfach neben einem Eisenbahngleis ein – der Effekt von geschmuggeltem Schnaps und viel zu großen Schuhen. Er schlief friedlich durch, selbst als nachts ein Güterzug vorbeifuhr. Condon und Pee Wee Russel fanden ihn morgens sehr erfrischt, aber auch geschockt: Der Zug war über die seine Schuhe gefahren und hatte die Spitzen abgeschnitten, ohne die Zehen zu verletzen. Man darf wetten, dass er deswegen nicht zu trinken aufhörte.« Es ist kein Wunder, dass auch der Schlagzeuger Pete York ein Fan von Bix Beiderbecke ist. Schwarzer britischer Humor, Sinn fürs Dramatische, die Liebe zur Melodie und das Denken in Bandkategorien – vieles wird da bei ihm angesprochen. Gibt es doch nicht viele derart vielseitige und raffinierte Schlagzeuger. Berühmt wurde Pete York bereits Mitte der 1960er-Jahre bei der Spencer Davis Group und im Duo mit Eddie Hardin (»kleinste Bigband der Welt«). Fortan spielte er mit Jazzern wie Chris Barber und Klaus Doldinger, Bluesern wie Dr. John, Rockmusikern wie dem Deep-Purple-Organisten Jon Lord, mit Elektronik-Grenzgängern wie Eberhard Schoener oder Liedermachern wie Konstantin Wecker. Mit allen maßgeblichen Kollegen an den Stöcken, egal welcher Stilrichtung, von Louie Bellson und Ed Thigpen über Billy Cobham und Trilok Gurtu bis zu Ian Paice oder Steve Ferrone arbeitete er für seine Fernsehserie Super Drumming zusammen.

Die eigentliche musikalische Heimat des Pete York aber ist der frühe Jazz, vor allem der Swing: »Als Kind hörte ich all die großen Bigbands im Radio. Ich wollte zuerst Klarinette spielen, aber als meine Mutter endlich ein Grammofon und Benny-Goodman-Platten gekauft hatte, hörte ich nur noch Gene Krupa heraus.« Dahin zieht es ihn immer wieder, zuletzt bei seinem jüngsten, mit einigen ganz jungen Jazzern eingespielten Album Basically Speaking – der Titel spielt natürlich auf Count Basie an. Gut 200 Alben waren es davor, an denen er beteiligt und verewigt ist. Und ebenso gut wie als Drummer ist der seit 1984 in Bayern lebende Mann aus Middlesbrough auch als Entertainer. Acht Jahre lang hat er das nicht zuletzt mit dem wunderbaren Humoristen und Jazzliebhaber Helge Schneider bewiesen. Eine Prise davon wird sicher auch bei diesem Konzert zu erleben sein.

Geerdete Generalisten – Shannon Barnett und Henning Gailing

»Ich entdeckte Beiderbeckes Musik dank des Trompeters Jan Faddis. Der war einer meiner Universitätsdozenten und stellte uns viele frühe Jazzbands vor, die ich vorher nicht kannte, einschließlich denen von Jean Goldkette, Paul Whiteman und Frankie Trumbauer, in denen Bix spielte. Ich war wirklich überrascht, dabei einige meiner Lieblingsstücke zu entdecken –mit frecher Harmonik und skurrilen Arrangements, aber alle essentiellen Elemente bewahrend: Geschmack, Humor, Präzision und Lässigkeit.« Diese Faszination für die Tradition hat sich die junge australische Posaunistin Shannon Barnett bewahrt: Bis heute und auch noch nach Umzügen auf drei Kontinenten spielt sie regelmäßig in New-Orleans-Bands, obwohl ihre Schwerpunkte natürlich woanders liegen.

Schon während ihres Studiums in Australien um 2005 wurde Barnett ein unersetzlicher Teil der dortigen Musikszene. Sie trat in Gruppen wie Vada, The Vampires und der Bennetts Lane Big Band auf, mit dem Australian Art Orchestra, Barney McAlls Mother of Dreams and Secrets (mit Kurt Rosenwinkel und Charlie Haden), Flap! und dem Sextett von Paul Grabowsky. Ihre enorme Vielseitigkeit stellte sie auch bei Weltmusik-Projekten wie The Black Arm Bandoder dem Tatana Village Choir aus Papua-Neuguinea wie auch als Zirkusmusikerin im experimentellen Circus Oz unter Beweis. Schon 2007 wurde sie bei den Bell Awards als »Young Australian Jazz Artist of the Year« ausgezeichnet. Ihr Debütalbum Country wurde 2010 mehrfach als »bestes Jazz Album des Jahres« nominiert. Im Jahr darauf zog Shannon Barnett – von einem Workshop mit Dave Douglas inspiriert – nach New York, wo sie ihren Master machte und unter anderem für Dee Dee Bridgewater und Cecile McLorin Salvant spielte. Im Frühjahr 2014 bekam sie ein Angebot der WDR Big Band und lebt seither in Köln, wo sie auch zum Large Ensemble von Jan Schreiner gehört und ein eigenes Quartett zusammengestellt hat.

Ebenfalls aus Köln reist der Bassist Henning Gailing an. Ein großer Sound, bodenständiger Groove und melodiöses Solospiel charakterisieren den in der Szene sehr gefragten, ebenfalls ungewöhnlich vielseitigen Instrumentalisten, von dem John Goldsby sagt: »Henning ist zweifellos einer der wenigen modernen Bassisten, der mit dem Sound eines Oscar Pettiford, wie eines Paul Chambers oder eines Israel Crosby vertraut ist.« Seit 25 Jahren spielt Gailing mit dem Pianisten Martin Sasse, er war erste Wahl für US-Stars wie Lee Konitz, Mark Murphy, Kevin Mahogany, Vincent Herring oder Scott Hamilton, aber auch für die Bigbands eines Paul Kuhn oder eines Tom Gaebel. Seit über zehn Jahren ist er Dozent für Kontrabass und Ensembleleitung an der Musikhochschule Mainz.

Special Guest und Bechets Erbe – Émile Parisien

Als »Special Guest« stößt bei einigen Bix-Stücken ein weiterer Spezialist hinzu: Der junge Franzose Émile Parisien spielt Sopransaxofon als Hauptinstrument. Und wie. Man muss ihn nicht nur hören, sondern auch sehen: Wie er mit seinem leicht schrägen Ansatz versetzt zum Mikrofon die Hüften schwingt, die Knie anzieht und wie ein Schlangenbeschwörer sein Instrument kreisen lässt. Ist es doch auch eine besondere Kunst, dieses Sopransaxofon zu spielen, das vor rund 170 Jahren von Adolphe Sax entwickelt wurde, sich aber seit Sidney Bechet bei den Saxofonisten meist nur als Zweit- oder Drittinstrument nach Tenor- und Altsaxofon halten konnte. Aller Wahrscheinlichkeit nach, weil es so schwer ist, dem schon nach Klarinette klingenden Gerät das Quäken abzugewöhnen, ihm Charisma, Vibrato und Wärme zu verleihen. Émile Parisien ist aktuell vielleicht weltweit derjenige, das das am besten kann, und bei dem sich Hot-Kompositionen von Sidney Bechet, alte Ragtimes von Henry Lodge und radikal Avantgardistisches, also Vergangenheit und Gegenwart auf faszinierende Weise begegnen.

Parisien gehört damit in Frankreich zusammen mit seinem kongenialer Duo-Partner am Akkordeon, Vincent Peirani, zu den jungen Senkrechtstartern, die alle Preise vom »Prix Django Reinhardt« (den auch Bernd Lhotzky schon gewonnen hat) bis hin zu den »Victoires du Jazz« abräumen. Le Monde schrieb über den 34-Jährigen, er sei »die beste Neuigkeit des europäischen Jazz seit langem«. Und der englische Guardian stellte schon 2012 fest: »Émile Parisien verdient eine größere Bühne.« In seiner Heimat Frankreich ist dieser Wunsch schon lange erfüllt worden, und auch in der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic ist er bereits zum zweiten Mal zu Gast.

Der Geist des frühen Jazz

Die Beteiligten des heutigen Konzerts werden Bix Beiderbeckes Musik in wechselnden Besetzungen, in ganz individuellen Interpretationen und mit überraschend modernen Ansätzen spielen. Gehören doch für einen Musiker, der klassischen Jazz liebt, die Kompositionen Beiderbeckes wie auch das Repertoire, das er spielte, zum unverzichtbaren Kanon. Bernd Lhotzky wird es sich außerdem nicht nehmen lassen, den Blick auch auf den völlig unterschätzten, ja missachteten Pianisten Bix Beiderbecke – »sein ›Candlelight‹ ist mein Favorit« – zu lenken, von dessen Spiel ein enthusiastischer Eddie Condon einst so berichtete: »Mein ganzes Leben lang habe ich Musik gehört. Aber nie habe ich im Entferntesten etwas gehört wie das, was Bix am Klavier spielte. Erstmals erkannte ich, dass nicht alle Musik gleich ist. Das war ein völlig neues Klangbild.« Die »in dieser Zeit maximale Effizienz, mit der Bix das harmonische Material nutzt, um eine Musik voller Freude und Begeisterung zu schaffen«, wie es Lhotzky formuliert, war lange unerkannt: Beiderbecke hat nur eine seiner vier veröffentlichten Klavierkompositionen selbst eingespielt, das unerreichte »In a Mist«. Bekannter gemacht hat das erst der große Ralph Sutton mit seinen Einspielungen. Es ist bezeichnend und das passende Schlusswort, was Bernd Lhotzky von Sutton zu erzählen weiß, der ja nahezu alle großen alten Meister des Jazzpianos wie kaum ein anderer spielen konnte: »Als ich Ralph mit Anfang 20 traf, entdeckte ich durch ihn Bix’ Klaviermusik und verfiel ihr augenblicklich. Ein paar Jahre nach Ralphs Tod besuchte ich seine Witwe Sunny in ihrem Haus in Bailey, Colorado, und sie zeigte mir sein Musikzimmer. Es befand sich genau in dem Zustand, in dem Ralph es hinterlassen hatte – und auf dem Notenständer lagen jene vier berühmten Piano-Solos.«

Oliver Hochkeppel

(Foto: Sascha Kletzsch)

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