Kammermusik

Barocke Wassermusiken mit der Akademie für Alte Musik Berlin

In der Musik spielte das Wasser schon immer eine prominente Rolle. Komponisten ließen sich von den irisierenden Lichtreflexionen auf dem Wasser ebenso inspirieren wie von seiner quecksilbrigen Beweglichkeit oder den beängstigenden Urgewalten sturmumtoster Meere. Die Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung von Georg Kallweit stellt Kompositionen von Marin Marais, Michel-Richard de Lalande, Georg Philipp Telemann und Georg Friedrich Händel vor, die das Wasser in ganz unterschiedlichen Stimmungen musikalisch schildern.

Akademie für Alte Musik Berlin

Georg Kallweit Violine und Leitung

Marin Marais

Tempête aus der Tragédie en musique Alcyone

Michel-Richard de Lalande

Suite aus dem Divertissement Les Fontaines de Versailles

Georg Philipp Telemann

Ouvertürensuite C-Dur »Hamburger Ebb und Fluth« TWV 55:C3

Georg Friedrich Händel

Wassermusik HWV 348 ‐ 350

Termine und Karten

Programm

In der Musik spielte das Wasser schon immer eine prominente Rolle: sein Murmeln, Gluckern, Plätschern, Rauschen, Gurgeln, Brausen, Tosen, Perlen, Sprudeln, Tropfen, Branden und Spritzen – egal ob im Brunnen, Bach, Fluss, See oder Meer. Komponisten ließen sich von den irisierenden Lichtreflexionen auf dem Wasser ebenso inspirieren wie von seiner quecksilbrigen Beweglichkeit oder den meditativen Momenten, wenn der Blick über das Wasser schweift. Doch auch die beängstigenden Urgewalten von sturmumtosten Meeren sowie Flüssen, die unkontrolliert über die Ufer treten, beschäftigten die Tonsetzer von jeher: Die dunkle Seite der Elemente, die etwa in Marin Marais’ Tempête aus der Tragédie en musique Alcyone ihren Widerhall fand. Diese Sturmmusik, die in der Barockoper den Untergang von König Ceix samt seinen Matrosen begleitet, steht am Anfang dieses Konzerts der Akademie für Alte Musik Berlin.

Mit Michel-Richard de Lalandes Suite aus dem Divertissement Les Fontaines de Versailles stehen anschließend weniger dramatische Klänge auf dem Programm, da hier die unzähligen Wassergrotten und Fontänen des kunstvoll angelegten Versailler Schlossgartens musikalisch nachgezeichnet werden. Abgerundet wird der Abend mit Georg Philipp Telemanns Suite Hamburger Ebb und Fluth (die ein klingendes Bild vom Meer mit seinen unvermuteten Stimmungsumschwüngen zeichnet) sowie mit Georg Friedrich Händels bekannterWassermusik, die am 17. Juli 1717 zur musikalischen Untermalung einer Bootsfahrt des englischen Königs George I. von Whitehall nach Chelsea erstmals erklang.

Über die Musik

Wehende Winde, wallende Wellen

Elementares von Marais, de Lalande, Telemann und Händel

»Alles ist aus dem Wasser entsprungen.
Alles wird durch das Wasser erhalten.«
Johann Wolfgang von Goethe

Das Wasser gehört zu jenen vier Elementen, die offenbar schon immer da waren. Bereits in der biblischen Schöpfungsgeschichte heißt es gleich im zweiten Vers: »Und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.« Und auch in der griechischen Antike wurde das nasse Element unter die Herrschaft eines Gottes gestellt: Poseidon, dem Bruder des Zeus und des Hades, war bei der Aufteilung der Welt das Meer zugefallen. Dort wohnte er, der mächtige und oft grollende Gott, zusammen mit seiner Gattin Amphritite, mit der Meernymphe Thetis, den Najaden, auch sie Nymphen von Quellen und Gewässern, seinem wasserspeienden Sohn Tritonus und anderen Meeresgottheiten. Fast alle werden uns in Telemanns Hamburger Ebbʼ und Fluth begegnen. Bei den Römern wurde aus Poseidon Neptun. Allerdings hatte sich nur der Name verändert, die Befugnisse des Meeresgottes waren dieselben geblieben. Nach wie vor verfügt er über göttliche Kräfte, die er zum Beispiel in Marin Maraisʼ Tragédie en musique Alcyone zum Schutz und Wohlergehen der Protagonisten einsetzt. Kein Wunder, dass er daher auch auf einem der größten Brunnen der Welt, auf Berlins Neptunbrunnen, in einer freundlich-herrschaftlichen Pose dem Spiel der Meeresgeschöpfe zuschaut: Der Bildhauer Reinhold Begas hat von 1888 bis 1891 diesen Brunnen gestaltet, der ursprünglich vor dem Berliner Stadtschloss seinen Platz hatte und seit 1969 zwischen der Marienkirche und dem Roten Rathaus in Berlins Mitte steht.

Stürmisch gefeiert: La Tempête aus Alcyone von Marais

Ob Maler, Dichter oder Musiker, das Wasser in all’ seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen besaß für sie immer wieder eine besondere Anziehungskraft, namentlich im 17. und frühen 18. Jahrhundert. »Imitatio naturae« hieß die bereits in der Renaissance geltende Devise. Und nachgeahmt wurden Naturvorgänge genauso wie akustische Phänomene (bevorzugt Vogelstimmen!), optische Ereignisse oder poetische Schilderungen. Besonders in Frankreich wurde diese Imitationskunst aufs Feinste perfektioniert. Ein Meister hierin war Marin Marais. Der in Paris Geborene, ein musikalisches Wunderkind, wird mit elf Jahren Chorknabe an der Pariser Kirche St. Germain-l’Auxerrois. Direkt gegenüber dem Louvre gelegen, galt sie als Hofkirche. Hier erhält der Knabe eine gründliche Ausbildung[,] im Gesang, in der Komposition und im Gambenspiel. Marais sollte einer der größten Gambisten seiner Zeit werden, von dem die Zeitgenossen sagten, er spiele »comme un ange« (wie ein Engel). Um 1675 finden wir ihn dann im von Jean-Baptiste Lully geleiteten Hofopernorchester. Schon bald darf er den Maestro ab und an beim Dirigieren vertreten. 1679 wird er zum »officier ordinaire de la musique de la chambre du Roi« ernannt, zum Anführer der königlichen Kammermusik.

Mit Alcide wendet sich Marais 1693 erstmals der Tragédie en musique zu, der französischen Oper. Von seinen insgesamt vier Beiträgen zur Gattung ist die am 18. Februar 1706 in der »salle du Palais Royal« uraufgeführte Alcyone die bedeutendste. Sie konnte bis in das Jahr 1771 auf der Bühne bewundert werden. Die Geschichte ist den Metamorhosen des Ovid entlehnt. Alkyone (Alcyone), gerade mit Keyx, dem König von Trachis vereint, kann das Glück nicht lange genießen. Grässliche Furien, ein böser Zauberer, höllische Kräfte lassen ihren Ehemann verschwinden und treiben sie – die seinen Schiffbruch in einem Seesturm träumt – zur Verzweiflung. Als sie ihre Qualen mit dem Tod beenden will, greift Neptun ein. Er gibt dem Paar das Leben und damit das gemeinsame Glück zurück.

Marais hat mit seiner dramatischen Sturmmusik La Tempête aus Alcyone Geschichte geschrieben. Sie wurde zum Prototyp für Stücke desselben Genres von nachfolgenden Komponisten. Ob Rameau oder Campra, ob Gluck oder Mozart – sie alle haben sich Marais’ meisterhafte Tonmalerei zum Vorbild genommen. Bereits 1732 wies ihm deshalb Evrard Titon du Tillet einen Platz auf dem Parnasse françois [] des poètes et des musiciens zu: »Marais’ Einfall war es, die tiefe Lage des Sturms nicht nur wie üblich von Fagotten und Violonen [gemeint ist der Kontrabass, der sich gerade erst im Orchester einen Platz erobert hatte] spielen zu lassen, sondern auch von [nur] wenig gespannten Trommeln, die mit ihrem beständigen Rollen ein dumpfes, düsteres Geräusch erzeugen, das zusammen mit den von den oberen Quintsaiten der Violinen und den Oboen hervorgebrachten hohen, spitzen Tönen die ganze Wut und den ganzen Schrecken eines stürmischen Meeres und das Röhren und Pfeifen eines entfesselten Windes zum Klingen bringt, kurzum: es handelt sich um einen sehr realen und wirkungsvollen Sturm.«

Reflexe des royalen Glanzes: Les Fontaines de Versailles von de Lalande

Wie Marais wird der nur ein Jahr jüngere Michel-Richard de Lalande als Chorknabe in der »Hofkirche« St. Germain-l’Auxerrois umfassend ausgebildet. 20-jährig ist er bereits ein an mehreren Pariser Kirchen begehrter Organist; zudem unterrichtet er die Töchter Ludwigs XIV. im Cembalospiel; als Komponist wirkungsvoller Bühnenmusiken wird er bereits als »le génie de M. de La Lande« gepriesen. Ein Lob, das er am 5. April 1683 mit der Uraufführung von Les Fontaines de Versailles, einem Divertissement in sechs Szenen, bestätigt. Der Durchbruch ist geschafft! Der Sonnenkönig, Frankreichs absoluter Herrscher, würdigt höchstpersönlich die kompositorische Fähigkeiten de Lalandes. Der gehört fortan zur Chapelle royale, wird 1689 Nachfolger Lullys und übernimmt weitere hoch angesehene Posten als Hofmusiker.

Sein Divertissement Les Fontaines de Versailles huldigen jenem König, der mit dem Anspruch »L’état c’est moi« die Staatsmacht in seiner Person vereinte und der sich auch in dieser Komposition widergespiegelt finden sollte. Dies gelang mit dem gewählten Sujet um so mehr, als Louis XIV – wie das ganze 17. Jahrhundert – vernarrt war in das nasse Element, in die sprudelnden Fontänen und die schäumenden Kaskaden als »Abbild der Leidenschaften des Lebens« (Érik Orsenna). Die Ouvertüre öffnet gleichsam das »Fenster« hierzu; in der Suite folgt das Lied des Ancelade: Enkelados, einer der Giganten in der griechischen Mythologie, lehnt sich gegen Apollo auf und wird darauf vom Speer der Athene getötet. Begraben in Sizilien unter dem Ätna, bewirkt sein Atmen, dass der Vulkan ausbricht. Bei der Enkelados-Fontäne im Park von Versailles liegt der aufmüpfige Gigant unter einem Felsbrocken und versucht vergeblich, ihn abzuwälzen. Die Plaintesregrets, die leidvollen Klagen, »sprechen« für sich. Auch sie sind ein Sinnbild der Macht des Königs, die 1653 mit der Niederschlagung der Fronde, des Aufstands des Hochadels, »absolut« geworden war.

Doch die unersättlichen Fontänen im Park von Versailles mussten auch gespeist werden, das Wasser sollte sprudeln. Ehe es allerdings so weit war, hatte es zahlreiche fehlgeschlagene Versuche gegeben. Doch dann gelang im Juni 1684 das Wunder: Das Wasser aus der Seine wurde mit der sogenannten Maschine von Marly, einem ausgeklügelten Mechanismus (14 Rädern von je 12 m Durchmesser in drei Reihen) 48,45 Meter nach oben befördert und »sättigte« so die Fontänen. Mit diesem technischen Meisterwerk hatte der König bewiesen, dass er sogar die Natur bezwingen konnte.

Eine »sehr angenehme Musike«: Telemanns Hamburger Ebbʼ und Fluth

Doch nicht nur der König von Frankreich, auch das Bürgertum der Freien Reichs- und Hansestadt Hamburg wusste sich damals mit glanzvollen Festen zu feiern. Und Georg Philipp Telemann schuf die entsprechende Musik dazu. Am 10. Juli 1721 war er von den Hamburger Ratsherren zum städtischen Musikdirektor der fünf Hauptkirchen und Kantor am Johanneum, der angesehenen Schule der Stadt, gewählt worden. Kaum hatte der 40-jährige Komponist am 16. Oktober dieses Amt mit allʼ seinen Verpflichtungen angetreten, gründete er ein Collegium musicum, mit dem er bereits vom 15. November an »Winterkonzerte« veranstaltete. Nicht genug damit, übernahm er 1722 auch noch die Leitung der Oper am Gänsemarkt. Zudem war er der Chef der Ratsmusikanten und überhaupt der maître de plaisir für alle weltlichen und geistlichen Solennitäten. Und die ergaben sich einmal mehr am 6. April 1723. An diesem Tag beging die Hamburger Admiralität ihr hundertjähriges Bestehen. Die Admiralität, vier Ratsherren und sechs Bürgerschaftsvertreter, hatten unter anderem für die Verteidigung der Handelsschifffahrt, für das Hafen- und Lotsenwesen und für die Kontrolle der Seezeichen auf der Elbe zu sorgen. Gefeiert wurde im Baumhaus am Hafen, die Schiffe waren mit Wimpeln und Flaggen geschmückt und es wurde Salut geschossen. Während des Festmahls erklang, den französischen Geflogenheiten folgend, eine Ouvertüre. Und da es um eine Schifffahrtsbehörde ging, lag es nahe, den Wind und die Wellen, die gesamte maritime Natur und die Seemannsbräuche zu schildern.

Ob die thematischen Überschriften der einzelnen Sätze von Telemanns Hamburger Ebbʼ und Fluth tatsächlich auf den Komponisten zurückgehen, ist nicht gesichert. Auf zeitgenössischen Abschriften sind sie jedoch überliefert. In Form von stilisierten Gesellschaftstänzen, kurzen, prägnanten Charakterstücken und ihren unterschiedlichen Bewegungstypen beschreibt Telemann das Wasser in seinen wechselnden Erscheinungsformen. So schildert er in der dreiteiligen Ouvertüre mit liegenden Oboenklängen »die Stille«, während im fugierten Allegro-Mittelteil virtuos-solistische Bläserepisoden »das Wallen des Meeres« abbilden, wie es in einem zeitgenössischen Bericht heißt. Es folgen in Form von Tänzen kurze und prägnante Bilder: eine »ernsthafte« Sarabande, eine »freudig-jauchzende« Gavotte, eine »unbekümmerte« Bourrée, ein »mäßig lustiges« Menuett, eine »hurtige« Gigue oder eine »frische« Canarie. Es sind Zustandsbeschreibungen des Wassers und seiner Beherrscher oder auch nur Bewohner mit Anleihen aus der antiken Mythologie: die schlafende und erwachende Thetis, das sanfte Lispeln des »angenehmen Zephirs«, der spektakuläre »stürmende Aeolus«, letzteres eine echte Tempête. Das Auf und Ab von Ebbe und Flut hat Telemann einfühlsam als Orchestercrescendo und -decrescendo komponiert. Mit der Canarie, ursprünglich ein Volkstanz von den Kanarischen Inseln, setzt er dann einen übermütig-temperamentvollen Schlusspunkt unter die – wie es in einem zeitgenössischen Bericht heißt – »sehr angenehme Musike«.

Mehr als ein Marketing-Coup: HändelsWater Music

Hatten Marais, de Lalande und Telemann mit ihren Kompositionen wahre Tongemälde entworfen, die das Wasser in all’ seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen fantasievoll nachzeichnen, so verdankt Händels Komposition ihrem Aufführungsort, der Themse, den wohlbekannten Namen Water Music. Den hatte ihr allerdings nicht der Kompnist selbst gegeben, sondern der pfiffige Londoner Verleger John Walsh, der die Suiten-Sätze gleich mehrfach druckte, etwa 1733/1734 unter dem Titel The Celebrated WATER MUSICK. Angespielt wurde damit auf ein Spektakel, an das sich die Londoner noch sehr gut erinnern konnten. Seit dem Sommer 1715 unternahm der neue englische König George I. Wasserfahrten, um sich dem Volk bekannt zu machen. Da der aus dem Hause Hannover gebürtige Regent der englischen Sprache nicht mächtig war, boten sich solche Unternehmungen an. Doch erst am 17. Juli 1717 fand jenes Ereignis statt, bei dem Händel eine von ihm speziell hierfür komponierte Unterhaltungsmusik dirigierte. Im Daily Courant konnte man wenige Tage später lesen, dass der König unmittelbar nach Sonnenuntergang, umgeben von zahlreichen weiteren Barkassen »mit Personen von Stand«, von Withehall flussaufwärts bis Chelsea gefahren war. Dem königlichen Boot, so berichtete es dann der preußische Gesandte seinem König Friedrich Wilhelm I. nach Berlin, folgte ein Boot mit 50 Musikern, »die alle Arten von Instrumenten spielten, das heißt Trompeten, Hörner, Oboen, Fagotte, Querflöten, Blockflöten, Violinen und Bässe […]. Die Musik war speziell zu dieser Gelegenheit von dem berühmten Händel komponiert worden. […] Sie gefiel seiner Majestät so gut, dass er sie dreimal wiederholte, obwohl jede Aufführung eine Stunde dauerte.« Erst weit nach Mitternacht wurde daher das Konzert beendet. Es muss ein großartiges, vom Mond wirkungsvoll beschienenes Spektakel gewesen sein, über das noch lange geredet wurde.

Das Autograf dieser Musik ist nicht überliefert. Dafür aber existieren etliche Abschriften und Druckausgaben aus dem Jahren 1722 bis 1743, für die häufig 22 Sätze zu drei verschiedenen Suiten zusammengestellt wurden. Erst als 2004 der Händel-Forscher Terence Best die älteste Quelle untersuchen konnte, legte er die Abfolge von jenen 22 Nummern fest, wie sie vermutlich am 17. Juli vor 300 Jahren erklungen war. Sie wurde dann auch der Neuedition in der Hallischen Händel-Ausgabe zugrunde gelegt und erklingt im heutigen Konzert. Mit ihrem festlichen Gestus, ihrer Klangsinnlichkeit und ihrem sensiblen Gefühl für ausgewogene Formen entsprach sie ideal dem Geschmack des illustren Publikums. Dieses bevorzugte damals die so sehr beliebte Form der französischen Ouvertüren-Suite mit ihrer kontrastreichen Satzfolge – und Händel »serviert« sie delikat und fantasievoll auf höchst eigene Weise.

Ingeborg Allihn

(Foto: Uwe Arens)