Konzert zum Jubiläumsjahr »500 Jahre Reformation« mit dem Bundesjugendorchester

Ein gewichtiges Jubiläum prägt das diesjährige Gastspiel des Bundesjugendorchesters: der 500. Jahrestag der Reformation. Neben Felix Mendelssohns glanzvoller Reformations-Symphonie und Bachs graziöser Orchestersuite Nr. 3 sind auch zwei neuere, den Anlass reflektierende Werke zu hören. Als besonderen Bonus gibt es einen Auftritt des Bundesjugendballetts. Dirigent ist Alexander Shelley, als Choreograf wirkt John Neumeier mit.

Bundesjugendorchester

Alexander Shelley Dirigent

Bundesjugendballett

John Neumeier Choreografie

500 Jahre Reformation

Felix Mendelssohn Bartholdy

Symphonie Nr. 5 d-Moll op. 107 »Reformations-Symphonie«

Michel van der Aa

Reversal für Orchester – Auftragswerk des Bundesjugendorchesters und des Bundesjugendballetts

Johann Sebastian Bach

Orchestersuite Nr. 3 D-Dur BWV 1068

Enjott Schneider

Ein feste Burg, Sinfonisches Gedicht für Orchester

Termine und Karten

Programm

Seit 2008 gibt das Bundesjugendorchester auf Einladung der Berliner Philharmoniker jährlich ein Konzert in Hans Scharouns Prachtbau am Kulturforum – und begeistert mit ebenso ausgereiften wie frischen Interpretationen. In dieser Saison wartet das Bundesjugendorchester mit einer Besonderheit auf: Denn zum zweiten Mal – nach dem ersten Besuch 2014 – bringt es das 2011 ins Leben gerufene Bundesjugendballett mit in die Berliner Philharmonie. Das spannende Zusammentreffen steht ganz im Zeichen des 500. Jahrestags der Reformation und präsentiert ein Programm, das reich an Querverbindungen ist.

Den Auftakt macht Felix Mendelssohn Bartholdys 1829/1830 anlässlich der 300-Jahrfeier des Augsburger Bekenntnisses (einem wichtigen Schritt zum 1555 geschlossenen Reichs- und Religionsfrieden) komponierte, aber erst zwei Jahre später in Berlin uraufgeführte Reformations-Symphonie d-Moll op. 107. Eine erste Brücke zur Gegenwart schlägt ein neues, vom Bundesjugendorchester in Auftrag gegebenes Werk des 1970 geborenen, für seine interdisziplinären Arbeiten bekannten niederländischen Komponisten Michel van der Aa. Eine Aufführung der Orchestersuite D-Dur BWV 1068 von Johann Sebastian Bach gedenkt dann des bedeutendsten Komponisten protestantischer Musik, bevor der Abend mit Enjott Schneiders 2010 entstandenem Symphonischen Gedicht über den (von Mendelssohn im Finalsatz seiner Reformations-Symphonie zitierten) Luther-Choral »Ein feste Burg ist unser Gott« ausklingt. Die musikalische Leitung dieser Reformations-Gedächtnisfeier liegt in den Händen von Alexander Shelley, die choreografische in jenen von Altmeister John Neumeier.

Über die Musik

»… ein Geschenk Gottes«

Musik im Spiegel der Reformation

»Luther selbst war ein vortrefflicher Musiker«, schrieb Christian Friedrich Daniel Schubart in seinen 1806 postum erschienenen Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst. »Er sang mit Gefühl und spielte die Laute. Der große Komponist Händel besaß viele Stücke eigenhändig von Luthern aufgesetzt. Er machte sich seine Schönheiten ganz eigen und würzte mit diesem herrlichen Salze seine eigenen Kompositionen. Einige geistliche Lieder, die wir diesem einzigen Manne zu danken haben, sind ein wahrer Schatz in der deutschen Kunstgeschichte.«

Es waren die Liebe zur Musik und ein außergewöhnliches Sprachtalent, die Martin Luther zum Begründer des deutschen evangelischen Kirchenlieds werden ließen. Anders als Huldrych Zwingli oder Johannes Calvin pries er 1530 in seiner Schrift Über die Musik die Schönheit der »Musica«: »Weil sie ein Geschenk Gottes und nicht der Menschen ist. Weil sie die Seelen fröhlich macht, Weil sie den Teufel verjagt, Weil sie unschuldige Freude weckt. Darüber vergehen die Zornanwandlungen, die Begierden, der Hochmut. Ich gebe der Musik den ersten Platz nach der Theologie. Das ergibt sich aus dem Beispiel Davids und aller Propheten, weil sie all das Ihre in Metren und Gesängen überliefert haben. Weil sie in der Zeit des Friedens herrscht. Haltet also aus, und es wird bei den Menschen nach uns besser mit dieser Kunst stehen, weil sie im Frieden leben.«

Die Reformations-Symphonie von Felix Mendelssohn Bartholdy

Zu Luthers bekanntesten Kirchenliedern gehört der 1529 erstmals erschienene Choral »Ein feste Burg ist unser Gott«, der bald zu einem klingenden Symbol der kirchlichen Erneuerung wurde. Noch Heinrich Heine bezeichnete das Stück in seiner 1834 entstandenen Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland als »Marseiller Hymne der Reformation«. Insofern war es naheliegend, dass Felix Mendelssohn Bartholdy 1829/1830 für die »zur Feyer der Kirchenreformation« komponierte d-Moll-Symphonie auf eben jenen Luther-Choral zurückgriff. Gedacht war dieses zweite große symphonische Werk des damals 21-Jährigen für eine Aufführung im Rahmen der Berliner Feierlichkeiten zum Jubiläum der Augsburgischen Konfession von 1530, der grundlegenden Bekenntnisschrift der lutherischen Kirche, mit denen der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. die von ihm seit 1817 angestrebte Vereinigung zwischen lutherischen und reformierten Protestanten vorantreiben wollte.

Das Projekt, mit dem Mendelssohn eine zentrale Position im Musikleben der preußischen Hauptstadt erringen wollte, ließ sich jedoch nicht realisieren, weil der Zeitplan angesichts der ambitionierten Werkidee viel zu knapp bemessen war. Schließlich wollte sich der Komponist nicht damit begnügen, einfach nur eine Festmusik (etwa eine Ouvertüre) über den Luther-Choral »Ein feste Burg ist unser Gott« zu schreiben. Er verfolgte den anspruchsvollen Plan, im viersätzigen symphonischen Rahmen eine religionsgeschichtliche Entwicklung nachzuzeichnen, deren triumphales Ziel die Reformation bilden sollte. Zur Umsetzung dieser Idee bot sich das beethovensche Modell einer Moll-Symphonie an, die sich im Finale spektakulär nach Dur wendet. Allerdings lässt Mendelssohn sein Werk mit einer langsamen Dur-Einleitung beginnen, während die von ihm selbst angegebene Grundtonart d-Moll lediglich im Allegro-Hauptteil des Kopfsatzes präsent ist. Prominentes Beispiel eines derartigen satzinternen Dur-Moll-Wechsels ist Webers Freischütz-Ouvertüre, in der die anfängliche Idylle des Hörnerklangs bald von der düsteren Moll-Motivik Samiels überlagert wird, bevor sich in der Dur-Coda alles zum Guten wendet.

Dass Mendelssohn auf eine derartige bogenförmige Anlage zurückgriff, war der inhaltlichen Grundidee seiner Reformations-Symphonie geschuldet. Denn nach protestantischer Lesart befand sich das Christentum ursprünglich auf einem guten Weg, bis es durch die Missbräuche innerhalb der römischen Kirche von ihm abgelenkt wurde; erst die Reformation führte zu den Ursprüngen zurück. Im Kopfsatz wird dieser Dreischritt vom früheren Idealzustand (ätherische Einleitung mit »Dresdner Amen«, einer Klausel der sächsischen Liturgie) über den Konflikt (Allegro con fuoco) bis zur erhofften Wiederkehr des früheren »goldenen Zeitalters« (Reprise) nachgezeichnet. In deutlichem Kontrast hierzu folgt ein Allegro vivace, das Mendelssohn in einem Brief vom 15. Juni 1830 aus München mit einer dort erlebten katholischen Prozession verglichen hat, bei der ganz weltlich »lustige Militairmusik mit Trompeten hineinschallte« und »die bunten gemalten Fähnlein hin und herschwankten«. Nach dieser klingenden Karikatur katholischen Brauchtums spiegelt das anschließende Andante die spirituelle Versenkung des Einzelnen, die nach Mendelssohns Verständnis im offiziell-kirchlichen Rahmen nicht mehr gewährleistet war. Erst im Finale sorgt der Luther-Choral für eine Lösung. Dabei gelingt es Mendelssohn, das bekannte Lied durch eine kühne Überblendung von Sonatensatz und Choralvariation in den thematischen Prozess zu integrieren und das Werk in strahlendem D-Dur ausklingen zu lassen.

Michel van der Aa: Reversal

Auf den fundamentalen Richtungswechsel, den Luther angestoßen hat, bezieht sich der Titel von Michel van der Aas Reversal, wobei der niederländische Komponist in seinem Orchesterstück auch »die jüngsten Wechsel (zum Schlechtesten …)« reflektierte, »ausgelöst von Brexit und Trump«. Formal gliedert sich das rund elfminütige Werk, in dem die Perkussionsinstrumente mit Vibrafon, Marimba und diversen Glockenspielen prominent vertreten sind, in drei Steigerungsphasen, bevor die Musik in einer kurzen Coda in verhaltenem Tonfall verklingt. Im Fokus dieses Prozesses liegt das Spannungsverhältnis zwischen dem Individuum und der Masse, wobei durch die Konfrontation einzelner Soloinstrumente mit dem Orchestertutti vermeintliche Beständigkeit in Frage gestellt wird: »Oft«, so der Komponist, »sorgt ein einzelnes Instrument für eine musikalische ›Befreiung‹ vom Rest des Orchesters. Es gibt je drei Solomomente für die Trompete, die Erste Violine, die Klarinette und das Horn. Passagen der Stille stehen neben wilden und lebhaften Momenten, die manchmal die Soloinstrumente vom Rest des Orchesters isolieren. Pulsierende Bewegungen schaffen die Illusion der Kontinuität, dann aber brechen sie plötzlich auf. Es ist sicher ein Werk der wechselnden Perspektiven.«

Johann Sebastian Bach: Ouvertüre Nr. 3 D-Dur BWV 1068

Felix Mendelssohn Bartholdy war natürlich nicht der erste Komponist, der den Luther-Choral »Ein feste Burg ist unser Gott« musikalisch verarbeitete. Bereits Johann Sebastian Bach verwendete ihn etwa in seiner gleichnamigen Choralkantate zum Reformationsfest (BWV 80) sowie in seiner Orgelbearbeitung BWV 720. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem protestantischen Kirchenlied allgemein erreichte in seinem Schaffen einen Höhepunkt, da Bach mindestens 30 der 37 Luther-Lieder musikalisch aufgegriffen hat. »Vom Himmel hoch, da komm ich her«, das Luther für die Hausandacht geschrieben hatte und das 1535 seinen Weg ins Wittenberger Gesangbuch fand, hat er besonders oft vertont, u. a. im Magnificat und im Weihnachtsoratorium (in letzterem gleich mehrfach). Alle geistlichen Werke Bachs belegen eine umfassende Bibel- und Gesangbuchkenntnis sowie eine große Verbundenheit mit der lutherischen Tradition und dem Geist der Reformation. Allerdings komponierte er bekanntlich auch bedeutende weltliche Werke: während seiner Zeit als Konzertmeister der herzoglichen Kapelle in Weimar, als Hofkapellmeister im anhaltinischen Köthen und ab 1729 als Leiter des von Georg Philipp Telemann gegründeten Instrumentalensembles Collegium musicum, in dessen Konzerten neben Kantaten und kammermusikalischen Werken vor allem Orchesterstücke, Konzerte und »Ouvertüren« aufgeführt wurden. Letztere bezeichneten nicht mehr allein eine Einleitung, sondern eine Folge verschiedener Tanzsätze, weshalb die Gattung später auch als Orchestersuite bezeichnet wurde. Dass sich das Genre größter Beliebtheit erfreute, belegen die Ausführungen des Bach-Zeitgenossen Johann Mattheson, der im zweiten Teil seines Vollkommenen Capellmeisters von 1739 zu Protokoll gab: »Höre ich den ersten Theil einer guten Ouvertür, so empfinde ich eine sonderbare Erhebung des Gemüths; bey dem zweiten hergegen breiten sich die Geister mit aller Lust aus; und wenn darauf ein ernsthaffter Schluß erfolget, sammlen und ziehen sie sich wieder in ihren gewöhnlichen ruhigen Sitz. Mich deucht, das ist eine angenehm abwechselnde Bewegung, die ein Redner schwerlich besser verursachen könnte. Wer Achtung darauf gibt, kan es einem aufmercksamen Zuhörer in den Gesichts=Zügen ansehen, was er dabey im Hertzen empfindet.«

Bach schrieb seine Ouvertüre Nr. 3 D-Dur BWV 1068 für Streicher und Continuo vermutlich während seiner Köthener Jahre um 1718. Als Thomaskantor ergänzte er die Partitur um zwei Oboen, drei Trompeten und Pauken, wohl anlässlich einer festlichen Aufführung des Collegium musicum in Leipzig. Auf den brillanten Kopfsatz, dessen schneller Mittelteil für die ausführenden Musiker große virtuose Herausforderungen bietet, folgt ein erlesener Kaleidoskop geistvoller Instrumentalminiaturen: das bekannte Air, ein Satztypus von intim in sich gekehrtem Charakter, den Telemann in seinen Orchestersuiten wahrscheinlich als »Plainte« (Klagelied) bezeichnet hätte, dann zwei rasche Gavotten, eine Bourrée und eine Gigue. Albert Schweitzer sah in diesen stilisierten Tänzen »ein Stück einer versunkenen Welt von Grazie und Eleganz in unsere Zeit hinübergerettet. Sie sind die ideale musikalische Darstellung der Rokokozeit. Der Reiz dieser Stücke beruht in der Vollendung, mit der Kraft und Anmut sich in ihnen durchdringen.«

Ein feste Burg: Ein Symphonisches Gedicht von Enjott Schneider

Neben Bach und Mendelssohn haben auch andere Komponisten Luthers Kirchenlied »Ein feste Burg ist unser Gott« zitiert. Zu nennen wäre u. a. Otto Nicolai, der 1836 die Kirchliche Festouvertüre über den Choral »Eine feste Burg ist unser Gott« für Chor, Orgel und Orchester schuf, die Franz Liszt später für Orgel bearbeitet hat. Auch in Giacomo Meyerbeers Oper Les Huguenots (1836) wird der Choral aufgegriffen, ebenso wie in Max Regers Orgelfantasie op. 27 aus dem Jahr 1898. Zu den jüngsten Beispielen dieser künstlerischen Adaptionen zählt das 2010 entstandene Symphonische Orchestergedicht Ein feste Burg von Enjott Schneider. Der aus Südbaden stammende Komponist, der in Freiburg Orgel und Kirchenmusik studierte und viele Jahre an der Musikhochschule München Musiktheorie und Filmkomposition unterrichtete, hat ein ungemein vielseitiges Œuvre vorzuweisen, das sich durch eine gekonnte Verknüpfung der unterschiedlichsten Stile auszeichnet. Fernsehproduktionen und Kinofilme wie Herbstmilch (1988), Stalingrad (1992), Schlafes Bruder (1995), Stauffenberg (2004) und Die Flucht (2007) verdanken ihren Erflog nicht zuletzt seiner Musik, ebenso wie die TV-Serien Weißblaue Geschichten und Marienhof. Schneider, der 1998 seine ursprünglichen Vornamen Norbert Jürgen auf die Initialen reduzierte und daraus »Enjott« kreierte, schuf zudem acht abendfüllende Opern, zahlreiche Orchester- und Kammermusikwerke sowie Orgelsymphonien und Oratorien. Er ist seit 2012 Vorsitzender des Aufsichtsrates der GEMA, Präsident des Deutschen Komponistenverbandes DKV und seit 2013 Mitglied im Präsidium des Deutschen Musikrats.

Viele Kompositionen Enjott Schneiders nehmen auf die stiltypische Idiomatik einzelner Komponisten oder bekannte Werke der Musikgeschichte Bezug, um im kreativen Reflex auf die Tradition durch subjektives Kommentieren von vorhandenen Formen und Modellen Neues zu schaffen. In diesem Sinne ist auch die Beschreibung seines Symphonischen Gedichts für Orchester Ein feste Burg zu verstehen: »packende Ergänzung von Mendelssohns Reformations-Symphonie in derselben Orchesterbesetzung«. Schneider bemerkte weiterhin zu dem rund 13-minütigen Orchesterwerk: »Das symphonische Gedicht lässt die symbolkräftige Melodie aus dunklen und magischen Texturen entwachsen, sie wird mit Gegenthemen verwoben und evoziert zunehmend – mitten in stürmischem Gewebe des Orchesters – etwas von dem Kampfgeist, der mit diesem Lied verbunden war. Auf dem Höhepunkt findet dann jedoch eine Abwendung von Kampf, Glaubenskrieg und religiöser Rechthaberei statt, und ein pastoral-friedlicher Epilog mit unschuldig zwitschernden Vogelstimmen und murmelnder Natur formuliert die klare Aussage: Gottes Schöpfung, die wir zunehmend mit Füßen treten, zerstören, verschmutzen und verwüsten, ist der wahre Ort eines tiefen Glaubens und der Erscheinung Gottes. Eine Schöpfung, die allen Religionen gemeinsam ist und allen gleichermaßen gehört, ob protestantisch, katholisch, jüdisch oder muslimisch.«

Harald Hodeige

Biografie

Das Bundesjugendorchester ist das Patenorchester der Berliner Philharmoniker und vereint die besten jungen Nachwuchsmusiker aus ganz Deutschland, die unter der Leitung von namhaften Dirigenten wie Sir Simon Rattle, Gerd Albrecht und Kirill Petrenko ihr Können auf nationalen und internationalen Konzerttourneen beweisen. Die jungen Instrumentalisten zwischen 14 und 19 Jahren qualifizieren sich mit einem Probespiel vor fachkundiger Jury für ihre Mitgliedschaft im Orchester. Während intensiver Arbeitsphasen erarbeiten sie mit einem Team von Dozenten (darunter auch Mitglieder der Berliner Philharmoniker) und wechselnden Dirigenten anspruchsvolle Werke aus allen Epochen; auch Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts sowie Uraufführungen sind feste Bestandteile der Arbeit.

Tourneen führten das Orchester, häufig als Kulturbotschafter der Bundesrepublik Deutschland, durch ganz Europa, nach Nord- und Südamerika, Asien und Afrika. Im Rahmen zeitgeschichtlich bedeutender Projekte konzertierte das Ensemble zum Beispiel anlässlich des 50. Jahrestages der Berliner Luftbrücke unter der Leitung von Kurt Masur in New York, im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2007 in Europa und im kulturellen Vorprogramm der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Kapstadt. In der vergangenen Saison führten Gastspiele u. a. nach China und ins Baltikum. Unter der Leitung von Sir Simon Rattle gastiert das Orchester seit 2013 alljährlich bei den Osterfestspielen Baden Baden, darüber hinaus unterstützen die Berliner Philharmoniker ihr Patenorchester durch gemeinsame Proben, Meisterkurse und Konzerte. Auf Einladung der Berliner Philharmoniker gastierte das Bundesjugendorchester auch mehrfach in der Philharmonie, zuletzt Anfang April 2016 unter der Leitung von Sebastian Weigle.

Viele ehemalige Mitglieder des Bundesjugendorchester spielen heute in Berufsorchestern oder sind bekannte Solisten geworden – ein Beleg für die herausragende Bedeutung dieser 1969 gegründeten Einrichtung, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, der Daimler AG, dem Westdeutschen Rundfunk, der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL), der Stadt Bonn und der Deutschen Orchestervereinigung unterstützt wird.

Das Bundesjugendballett wurde 2011 von John Neumeier mit dem Ziel gegründet, junge Tanztalente zu fördern sowie das Ballett an neue, ungewöhnliche Orte zu bringen und junge Zuschauer zu begeistern. Das kleine Ensemble ist am Ballettzentrum Hamburg angesiedelt und besteht aus acht jungen Tänzerinnen und Tänzern zwischen 18 und 23 Jahren mit abgeschlossener Berufsausbildung, die für maximal zwei Jahren gefördert werden. Das Repertoire des Bundesjugendballetts besteht aus Klassikern der Ballettgeschichte, Arbeiten zeitgenössischer Choreografen unterschiedlichen Alters und Stils sowie eigenen Kreationen der Mitglieder. Technische Basis der Compagnie ist das klassisch-akademische Ballett. Bei den Auftritten der jungen Compagnie mit ihren Partnern sind Tanz, Musik und Gesang gleichwertige Künste, die sich gegenseitig inspirieren. Das Ensemble tanzt an den unterschiedlichsten Spielstätten bundesweit: Um auch Menschen zu erreichen, die mit Ballett selten in Berührung kommen, treten die Tänzer in Schulen, Seniorenwohnheimen, Krankenhäusern und Gefängnissen ebenso auf wie in Theatern, Konzerthäusern und bei Festivals. In der Berliner Philharmonie war das Ensemble erstmals im Mai 2014 gemeinsam mit dem Bundesjugendorchester zu sehen.

Das Bundesjugendballett wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Tänzerinnen und Tänzer der Spielzeit 2016/2017:
Sara Ezzell, Charlotte Larzelere, Larissa Machado, Teresa Silva Dias, Kristian Lever, Tilman Patzak, Joel Paulin, Ricardo Urbina Reyes

Künstlerischer und pädagogischer Leiter des Ensembles ist Kevin Haigen. In Miami geboren, wurde der Tänzer an der American Ballet School ausgebildet. 1976 kam er zum Hamburg Ballett, wo er schon ein Jahr später zum Ersten Solisten avancierte. John Neumeier kreierte zahlreiche Rollen für ihn. Nach Zwischenstationen u. a. in London und Lausanne, ist er heute Erster Ballettmeister des Hamburg Ballett, Ballettpädagoge der angegliederten Schule und seit 2011 auch für das Bundesjugendballett verantwortlich.

Alexander Shelley ist Musikdirektor des kanadischen National Arts Centre in Ottawa, Chefdirigent der Nürnberger Symphoniker (seit September 2009) und Erster Gastdirigent des Royal Philharmonic Orchestra. Eine regelmäßige Zusammenarbeit verbindet ihn außerdem mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, wo er auch die preisgekrönte Serie Zukunftslabor künstlerisch leitet. 1979 in London geboren, studierte Shelley Violoncello am Royal College of Music sowie an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf, bevor er dort ein Dirigierstudium bei Thomas Gabrisch anschloss. 2005 gewann er den Dirigentenwettbewerb in Leeds. Als Gastdirigent leitete er bisher u. a. das Philharmonia Orchestra, das Philharmonische Orchester Rotterdam, die Niederländische Radio-Philharmonie, verschiedene deutsche Rundfunkorchester, das Gewandhausorchester und das Deutsche Symphonie-Orchester, sowie weitere Orchester in Großbritannien, Schweden, Kanada und Asien. Sein Operndebüt gab er 2008 mit Léhars Lustiger Witwe an der Königlichen Oper Dänemark; 2011 kehrte er für eine Produktion von Gounods Roméo et Juliette dorthin zurück. Es folgten La Bohème in Ottawa, Iolanta mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, Così fan tutte in Montpellier und Die Hochzeit des Figaro an der Opera North. Alexander Shelley ist Gründer und musikalischer Leiter der Schumann Camerata, mit der er die Konzertreihe 440Hz ins Leben rief, die auf ein jüngeres Publikum zugeschnitten ist. Als Dirigent des Bundesjugendorchesters war er bereits im Mai 2014 in der Philharmonie zu Gast.

John Neumeier ist Ballettintendant und Chefchoreograf des Hamburg Ballett. Er wurde 1942 in Milwaukee, Wisconsin (USA), geboren. Ballettunterricht erhielt er zuerst in seiner Heimatstadt, später in Kopenhagen und an der Royal Ballet School in London. Darüber hinaus studierte er Englische Literatur und Theaterwissenschaften. 1963 engagierte ihn John Cranko für das Stuttgarter Ballett, wo er zum Solisten avancierte und als Choreografie hervortrat. 1969 wurde er Ballettdirektor in Frankfurt am Main und ging von dort 1973 nach Hamburg. Dort hat John Neumeier eine weltweit anerkannte Compagnie aufgebaut und seine eigene, unverwechselbare Tanzsprache entwickelt. Sein Hauptinteresse gilt der Pflege der klassischen Ballett-Tradition in Verbindung mit neuen, zeitgenössischen Ausdrucksformen, sowohl in Neufassungen der historischen Handlungsballette (Der Nussknacker, Romeo und Julia) als auch in Choreografien zu Werken, die bis dahin als nicht »vertanzbar« galten: etwa die Symphonien von Gustav Mahler oder Bachs Matthäus-Passion. Seine neuesten Kreationen für das Hamburg Ballett sind Duse (2015) und Turangalîla (2016). Darüber hinaus arbeitet John Neumeier regelmäßig als Gastchoreograf mit renommierten Ballettcompagnien weltweit. 1975 rief John Neumeier die Hamburger Ballett-Tage ins Leben; drei Jahre später gründete er die Ballettschule des Hamburg Ballett, deren Absolventen mittlerweile über 80 % der Compagnie-Mitglieder stellen. Zuletzt gründete er 2011 das Bundesjugendballett. Zu den vielen internationalen Auszeichnungen des Künstlers zählen das Große Bundesverdienstkreuz, die Ernennung zum Ritter der französischen Ehrenlegion und der japanische Kyoto-Preis (2015).

Zhang Disha wurde 1980 in Guizhou (China) geboren. Sie studierte Choreografie und Performance an der Beijing Dance Academy. Von 2002 bis 2007 war sie als Choreografin und Tänzerin der Beijing Modern Dance Company tätig. Für ihre Arbeiten hat Zhang Disha zahlreiche Preise in China und darüber hinaus erhalten, so beispielsweise beim Internationalen Choreografie-Wettbewerb in Hannover (2008), beim Masdanza-Festival der kanarischen Inseln (2009) und beim Ballett-Wettbewerb Helsinki (2012). Für die Nijinsky-Gala in Hamburg studierte das Bundesjugendballett 2015 ihre Choreografien How Beautiful Is Heaven und Linen Braidsein.

Andrey Kaydanovskiy wurde in Moskau geboren underhielt seine Tanzausbildung an der dortigen Bolschoi-Ballettschule, am Ballettkonservatorium in St. Pölten, an der John-Cranko-Ballettakademie in Stuttgart sowie an der Ballettschule der Wiener Staatsoper. Seit 2007 ist er Mitglied des Wiener Staatsballetts, seit 2015 auch Halbsolist. Sein umfassendes Repertoire beinhaltet Solorollen sowohl in klassischen als auch zeitgenössischen Stücken. Kaydanovskiy hat mit zahlreichen renommierten Choreografen zusammengearbeitet und 2009 seine erste eigene Choreografie präsentiert. 2013 choreografierte er zwei Stücke für das Wiener Staatsballett (Zeitverschwendung und Das hässliche Entlein); es folgte Love Song am Odeon-Theater Wien (2014) sowie Tea or Coffee (2016) am Stanislawsky-Theater in Moskau. Im Juni 2015 wurde er beim Festival Tanzolymp in Berlin mit dem Spezialpreis als »Best Dance Theatre Performer and Choreographer« ausgezeichnet. Im März 2016 erhielt der Choreograf den Deutschen Tanzpreis 2016 in der Kategorie »Zukunft«.

(Foto: Bundesjugendorchester)