Simon Rattle dirigiert Wagner

Er ist nahezu eine Miniaturoper: der erste Akt aus Richard Wagners Walküre, in dem Siegmund, Sieglinde und Hunding spannungsvoll aufeinandertreffen. Simon Rattle präsentiert dieses musikalische Kammerspiel mit einem hochklassigen, Bayreuth-erfahrenen Sängerensemble, bestehend aus Eva-Maria Westbroek, Simon O’Neill und John Tomlinson. Zum Auftakt des Abends erklingt Wagners duftiges Siegfried-Idyll.

Berliner Philharmoniker

Sir Simon Rattle Dirigent

Eva-Maria Westbroek Sopran (Sieglinde)

Simon OʼNeill Tenor (Siegmund)

John Tomlinson Bass (Hunding)

Richard Wagner

Siegfried-Idyll

Richard Wagner

Die Walküre: 1. Akt

Eva-Maria Westbroek Sopran (Sieglinde), Simon OʼNeill Tenor (Siegmund), John Tomlinson Bass (Hunding)

Termine und Karten

Di, 20. Dez 2016, 20:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie B

Mi, 21. Dez 2016, 20:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie G

Programm

»Noch einmal beschwöre ich Sie: lassen Sie die ›Walküre‹ für Sich aufführen, schließen Sie aber das Publikum aus«, schrieb Richard Wagner an Ludwig II. von Bayern, als dieser im Sommer des Jahres 1870 in München die Uraufführung des Werks vorbereiten ließ. Doch wie schon im Vorjahr, in dem gegen Wagners Willen am Münchner Hoftheater Das Rheingold erstmals über die Bühne gegangen war, wehrte sich der Komponist vergeblich dagegen, dass ein Teil der Ring-Tetralogie vorab der Öffentlichkeit vorgestellt werden sollte. Was Wagner seinem »großmütigen Herrn und König« indes verschwieg, war die Tatsache, dass der erste Akt der Walküre bereits 1856 in konzertanter Form aus der Taufe gehoben worden war – in Zürich, wo Wagner in seiner Wohnung am Zeltweg ein ausgesuchtes Publikum die verhängnisvolle Wiederbegegnung zweier Wotanskinder miterleben ließ. Von einem Winterthurer Organisten am Klavier begleitet, sang Emilie Heim damals die Partie der Sieglinde; in den Rollen von Siegmund (Sieglindes Zwillingsbruder) und Hunding (Sieglindes Ehemann) war der Komponist selbst zu hören!

Der improvisierten Aufführung war seinerzeit ein solcher Erfolg beschieden, dass sie am 22. Oktober im Zürcher Hotel Baur au Lac wiederholt wurde – wiederum vor geladenem Publikum, nun aber so öffentlich, dass die Neue Zürcher Zeitung über das »Riesenwerk« zu berichten wusste: »Mit dieser Tondichtung treten die reformatorischen Bestrebungen Wagners im Gebiete des musikalischen Dramas, durch Ausstellung einer neuen Kunstform, in vollendeter Weise zu Tage; seine vielgeschmähten Ideale eines ›Kunstwerkes der Zukunft‹ waren keine kunstphilosophischen Träumereien: sie sind zur That geworden und werden Epoche machend die ganze musikalische Welt bewegen.«

Für die vorweihnachtliche konzertante Aufführung des ersten Akts der Walküre haben Sir Simon und die Berliner Philharmoniker ein Bayreuth-erfahrenes Sängerensemble eingeladen. Eva-Maria Westbroek ist als Sieglinde in jener Partie zu erleben, mit der sie ihr gefeiertes Debüt am Grünen Hügel gab. In die Rolle von Siegmund schlüpft Simon O’Neill, der in Bayreuth als Parsifal und Lohengrin zu hören war. Last but not least John Tomlinson: Der bei zahlreichen Bayreuther und Berliner Aufführungen in die Annalen der Wagner-Interpretation eingegangene Sänger leiht Hunding seine nachtschwarze Stimme. Den Auftakt zu diesen Wagner-Konzerten bildet das Siegfried-Idyll – eine am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1870 als Geburtstagsständchen für die frisch angetraute Gattin Cosima uraufgeführte orchestrale Meditation über Motive aus dem dritten Teil des Rings.

Über die Musik

Ungeheurer Anfang von etwas Neuem

Die Walküre, Erster Aufzug

Und hätte Wagner nur diesen einen Akt geschrieben, und wüssten wir nichts von »Musikdrama«, »Gesamtkunstwerk«, »Bayreuth« und »Tetralogie«: Wie würden wir, unbelastet von all dem vielen Wagnerwissen, das so faszinierend, aber auch schwer auf uns lastet und immer mitklingt, sobald nur irgendwo ein Wagnerton erklingt, diese Stunde Musik hören? Nur diese – und danach würden Wotan, Brünnhilde, Fricka nicht mehr auftreten, keine Todesverkündigung mehr folgen, kein Walkürenritt und kein Feuerzauberer?

Schwer zu sagen, denn auch im Fall Wagner helfen keine Vergessenstränke. Und, noch gravierender: Wo das gesamte musikalisch-textlich-szenische Geschehen jedes »Jetzt« so sehr als ein Geflecht von Vorher und Nachher zeigt, scheint es aussichtslos, diesen ungeheuren Anfang von etwas Neuem als das zu hören, was er, so von außen betrachtet, wäre: als ungeheuren Anfang von etwas Neuem. Eingeschlossen die Hoffnung, dass es das im Theater, im Leben, im Mythos denn geben könnte: etwas ganz Neues.

Deshalb könnte man Kinder beneiden, die dieses Ungeheure zum ersten Mal und ohne alles Wagnerwissen erleben – sofern wir sie denn zuließen, denn immerhin wird sich in dieser Stunde ein nächtlicher Inzest auf offener Bühne ereignen, während der betrogene Ehemann nebenan mit Schlaftrunk betäubt liegt.

Eine glasklare Dreieckssituation, eine junge Frau zwischen zwei Männern, von denen der eine ihr rechtmäßiger Gatte, der andere nicht nur ein unrechtmäßiger Liebhaber, sondern ihr leibhaftiger Zwillingsbruder ist. Das Motiv der Unrechtmäßigkeit wird so zur Ungeheuerlichkeit gesteigert, »bräutlich umfing die Schwester der Bruder« wird es, einen Akt später, Wotans Gattin Fricka, der Ehe Hüterin, auf den Punkt bringen. Zur Erhöhung des Empörungspotenzials trägt auch bei, wie schnell und beinahe geradlinig das alles vonstatten geht. Und dass wir, im Parkett, vom ersten Moment an auf der Seite des Ehe- und Inzesttabus brechenden Paars stehen.

»Stürmisch« beginnt es, mit einer druckvoll getriebenen Gewittermusik – eine rhythmisch markante Attacke. Kein langsames Einblenden, Einschwingen in den großen Strom der musikdramatischen Welterzählung wie am Anfang des Vorabends (Das Rheingold) oder auch am Beginn des nächsten Teils, Siegfried. Die ersten Gesten der Walküre-Musik, die nervös tremolierenden Geigen, das wütende Ostinato der Kontrabässe und Celli enthalten diesmal eben nicht das ganze epische Davor und Danach. Weshalb wir uns so stellen könnten, als schauten wir naiv und wie zum ersten Mal auf das Geschehen in Hundings Hütte.

Muss man wissen, was bisher geschah?

Das Rheingold endete mit einem blockhaften Monumentalismus, einer Quaderarchitektur aus Musik, die mit Ges-Dur-Klängen die Götter-Festung Walhall auf die Szene wuchtete, deren Besitz der Gott Wotan ersehnte und dessen Bezahlung ihn in Schwierigkeiten brachte. Die Lösung war – wie so häufig in Schuldenfragen – keine, sondern nur eine Vertagung: dem Nibelungenzwerg Alberich eben jenes Rheingold abzunehmen, das dieser den Rheintöchtern geraubt hatte. Indem Alberich der Liebe entsagte, gewann er die Möglichkeit, daraus einen Ring zu schmieden, der Weltherrschaft versprach. Der befindet sich nun im Besitz des Riesen Fafner, welcher ihn als Lohn für den Bau Walhalls empfangen hatte. Als Drache, seinen Hort bewachend, hat er sich in einen finsteren Wald zurückgezogen. Für Wotan und seine Göttergesellschaft bedeutet das eine Bedrohung, denn Alberich sinnt auf Rache. Loge, sein wendig-windiger Berater, hatte im Rheingold schon vom Ende gesungen, ironisch montiert auf die Klagegesänge der Rheintöchter: Diese Gesellschaft, die da gerade ins Prachtgemäuer Walhall einzieht, eile bereits ihrem Ende zu, womöglich ohne den eigenen Untergang auch nur zu ahnen.

Am ehesten ahnt es Wotan, und sei es mit der Instinktwahrnehmung des Machtpolitikers. Sein Problem: Er hat sich vertraglich verstrickt, denn er hat Gold und Ring geraubt, um seiner Vertragspflicht nachzukommen, die Riesen für den Bau Walhalls zu entlohnen. Dass es sich dabei um Raubgut handelt, taugt nicht als moralische Entlastung, denn als Gott muss er selbst für die Einhaltung der Verträge einstehen. Von diesem Problem hörten wir, am Schluss des Rheingold, zuerst die Lösung, oder das, was er dafür hält, seinen »großen Gedanken«: In strahlendem C-Dur leuchtete da das »Schwert-Motiv« auf. In der Walküre erfahren wir nun, was es damit auf sich hat.

Nach dem Ende des Rheingold und vor dem Initialsturm der Walküre liegt eine unbestimmte Zwischenzeit. Bevor also Siegmund, zu Tode erschöpft von der Flucht vor Verfolgern, in Hundings Hütte zusammenbricht, ist einiges geschehen, von dem erst später erzählt wird, und erst dies erklärt, um wen und was es sich handelt: Ein beträchtlicher Teil der »Handlung« der Walküre besteht, schon im ersten Aufzug, in der Erhellung ihrer eigenen Voraussetzungen. Da sind zunächst Zeugungsvorgänge. Mit Erda, der Urmutter und Seherin, hat Wotan neun wilde Töchter gezeugt, die Walküren, kriegerische Mädchen, die auf den Schlachtfeldern der Welt erscheinen, um gefallene Heldenkämpfer auf ihren fliegenden Rossen in das gelobte Jenseits von Walhall zu befördern. Ein martialisches Himmelfahrtskommando, das dazu dienen soll, auf diese Weise die Tapfersten für den anstehenden Kampf gegen Alberichs Nibelungenarmee zu sammeln, quasi eine Zombie-Truppe von Untoten. Wotan hat aber auch, mit einer unbekannten Menschenfrau und in der Tarnidentität als Wälse, ein Zwillingspaar gezeugt, Siegmund und Sieglinde. Mit dem Vater schweift Siegmund durch eine feindliche, brutale Welt. Eines Tages finden sie ihr Heim verwüstet, die Mutter erschlagen, Sieglinde verschleppt. Als Wolfe und Wölfing ziehen Vater und Sohn ziellos umher, sie werden getrennt, Wolfes Spur verliert sich. – Sieglinde ist unterdessen von Schächern an Hunding ausgeliefert worden, sie wird zur Hochzeit gezwungen. Auf dem traurigen Fest erscheint ein Fremder, »ein Greis in grauem Gewand«, es ist Wotan-Wälse-Wolfe. In den Eschenstamm, um den herum Hundings Hütte gebaut ist, stößt er ein Schwert, »dem sollte der Stahl geziemen, der aus dem Stamm es zög«. Bisher aber hat es niemand vermocht.

All dies ist passiert, als Siegmund, von Feinden gejagt, weil er sich in eine Fehde verwickelt hatte, nichtsahnend im Haus seines Verfolgers strandet. Hunding mit seinen Leuten ist noch unterwegs, Sieglinde findet den »fremden Mann« bewusstlos am Herd liegen. Sie bringt ihm Wasser, er erwacht, beider Blicke treffen sich, und was nun, ohne Worte, in höchst sprechenden Cello-Rezitativen folgt, ist ein gegenseitiger Erkenntnis- und Erkennensprozess, in dem sich die verlorenen Zwillingsgeschwister wiederfinden. – Hunding erscheint und stellt den Unbekannten, der sich Wehwalt nennt, zur Rede. Nur das Gastrecht verhindert, dass er den Gast auf der Stelle erschlägt. Er legt sich schlafen, und es wird ein tiefer Schlaf, denn Sieglinde hat ihrem Mann entsprechendes Pulver in den Trank gemischt. – Dann Siegmund allein, er denkt über seine verzweifelte Lage nach und erinnert sich des Schwerts, das sein verschwundener Vater ihm verheißen hatte. Da fällt ein Mondstrahl auf den Schwertgriff im Eschenstamm. Sieglinde huscht herein, sie erzählt ihre Geschichte (»Der Männer Sippe …«) und das Erkennen der Geschwisterschaft fällt mit dem »Erkennen« im sexuellen Sinn zusammen, nachdem Siegmund (nun unter seinem wahren Namen) Wälses Schwert aus dem Stamm gezogen hat. In das Winterdunkel bricht mondbeschienene Frühlingsnacht (»Winterstürme wichen dem Wonnemond«), das Geschwisterpaar wird Liebespaar (»So blühe denn, Wälsungen-Blut!«). »Er zieht sie mit wütender Glut an sich«, lautet Wagners Regieanweisung zum Inzest. »Der Vorhang fällt schnell.«

Zur dramaturgischen Genialität Wagners gehört, dass und wie er die Vermischung der Sphären des Irdischen und Überirdischen, des Natürlichen und Übernatürlichen auf seiner Szene in Spannung bringt. Im Wagnertheater geht das. Nach dem Vorspiel mit Göttern, Nibelungen und Rheintöchtern befinden wir uns jetzt – mit einem harten Schnitt – unter Menschen, also in historischer Zeit, so fern sie auch erscheint: Hundings Hütte steht in einer unwirtlichen, archaischen Welt, in einer frühen Stufe der Zivilisation, noch nah an der Natur, und der Szenenbildner Wagner findet dafür ein sinnfälliges Bild: »In der Mitte steht der Stamm einer mächtigen Esche, dessen stark erhabene Wurzeln sich weithin in den Erdboden verlieren; von seinem Wipfel ist der Baum durch ein gezimmertes Dach geschieden, welches so durchschnitten ist, daß der Stamm und die nach allen Seiten hin sich ausstreckenden Äste durch genau entsprechende Öffnungen hindurch gehen; von dem belaubten Wipfel wird angenommen, daß er sich über dieses Dach ausbreite. Um den Eschenstamm, als Mittelpunkt, ist nun ein Saal gezimmert; die Wände sind aus roh behauenem Holzwerk, hie und da mit geflochtenen und gewebten Decken behangen [...].« Wie so etwas aussieht, kann man in der Nähe von Ludwigs II. Schloss Linderhof besichtigen, da steht die Germanenhütte nachgebaut.

Die Welt der frühen Menschen, in die wir hier eintauchen, ist eine Umgebung der Gewalt. Es regiert das Gesetz des Stärkeren. Über Frauen wird verfügt; Sieglinde erlebt es, wie auch jene Unbekannte, für die sich der heimatlose Wehwalt in eine Fehde mit der Hundingsippe verwickelt. Grob und archaisch klingt Hundings Musik, ganz anders die langen Passagen im ersten Akt, in der auf der Bühne Gesten und vor allem Blicke sprechen, aus dem mit feinster Differenziertheit behandelten Orchester aber Musik, die zum Dichtesten, Inspiriertesten, Organischsten gehört, was Wagner überhaupt komponiert hat.

Wer vom ersten Akt der Walküre nicht mitgerissen wird, in dem der Dramaturg Wagner vom Sturmbeginn zum nächtlichen Ruhepunkt in Siegmunds Monolog führt und von da das Spannungsgeschehen von Erkennen und Liebeserfüllung in einem einzigen riesigen Crescendo zum finalen Höhepunkt steigert, der ist für Wagners Kunst der Emotionalisierung wohl auch sonst nicht zu erreichen. Das Siegmund-Sieglinde-Drama, diese tieftraurige kleine Geschichte inmitten der großen epischen Vorgänge, geht im zweiten Akt weiter: Siegmund fällt im Kampf mit Hunding, hingestreckt aber nicht von diesem, sondern von Wotan selbst, der nun direkt ins Geschehen eingreifen muss, das er doch als Stellvertreterkrieg geplant hatte. Denn das ist die weltpolitische Pointe des Geschwisterdramas: Aus der Verbindung von Siegmund und Sieglinde wird Siegfried hervorgehen, Held aus eigenem Recht, der zugleich als Agent Wotans handeln soll. Das kann nicht gutgehen.

Schwerlich lässt sich aus dem Ring ein Akt herausnehmen, wenn aber, dann dieser. Im ersten Aufzug der Walküre gehört die Szene ganz diesen zwei traurigen, einsamen Geschwistermenschenkindern, die für einen kurzen Frühlingsmoment in einer langen Winternacht sich finden, bevor es sie für immer auseinanderreißt. Für die große, die Wotans-Politik, deren Opfer sie werden, können sie nichts. Siegmunds und Sieglindes Geschichte berührt ganz unmittelbar, man muss vom großen Ganzen nicht wissen, um sie zu verstehen. Weiß man aber davon, wird es noch trauriger.

Sonnengruß im Treppenhaus – Siegfried-Idyll

Sonntag, 6. Juni 1869, sehr früher Morgen. Auf der Halbinsel Tribschen am Vierwaldstättersee sind von Luzern her die Glocken zu hören. Bestimmt zwitscherten Vögel. In leuchtendem Orange war zuvor die Sonne über dei Rigi aufgegangen. Orange auch die Tapetentür zum Schlafzimmer von Frau Cosima von Bülow, die um vier Uhr einen Knaben zur Welt gebracht hatte. »Ein Sohn ist da! – Der musste Siegfried heißen. Für ihn und Dich durft ich in Tönen danken, – wie gäb’ es Liebestaten holdren Lohn? Sie hegten wir in unseres Heimes Schranken, die stille Freude, die hier ward zum Ton?«

Wurde je ein Menschenkind freundlicher auf der Erde begrüßt als dieser kleine Siegfried von seinem Vater Richard Wagner, der ihm, gerade die Arbeit an seiner Siegfried-Partitur unter den Händen, diese 20 Minuten Wundermusik für kleines Ensemble komponierte und das Werk auf den schön verschwurbelten Titel »Tribschener Idyll mit Fidi-Vogelsang und Orange-Sonnenaufgang« taufte, später dann kurz Siegfried Idyll? Anderthalb Jahre nach Ankunft des Sohnes, zum 33. Geburtstag der Mutter, erklang es zum ersten Mal im Treppenhaus der Tribschener Villa. 15 Musiker, dirigiert vom Meister, auf den schmalen Stufen postiert, die Stimmen hatten sie, weil für Notenständer kein Platz war, mit Wäscheklammern am Rücken der Vorderleute befestigt. So wurde Cosima sanft, symphonisch-idyllisch geweckt, zart klang an, was im dritten Akt der Oper Siegfried die erst scheue, dann euphorisch-hysterische Begegnung Siegfrieds und Brünnhildes begleitet: Zögern, Herzklopfen, Sonnenbegrüßung und Horngruß aus der Ferne, als freie Orchesterfantasie. Wagners vielleicht liebenswürdigste, schwereloseste Musik. Tatsächlich tongewordene Freude – und wirklich ein Idyll.

Holger Noltze

Biografie

Eva-Maria Westbroek wurde nach ihrem Gesangsstudium am Konservatorium in Den Haag von James McCray und Iris Adami Corradetti ausgebildet. Die Preisträgerin renommierter Internationaler Wettbewerbe gab ihr Operndebüt als 25-Jährige am Teatro Manzoni in Rom in der Titelrolle von Puccinis Tosca. Nach Engagements an der Komischen Oper Berlin war die niederländische Sopranistin von 2001 bis 2006 Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart, die sie 2006 zur Kammersängerin ernannte. Heute ist die Botschafterin der gemeinnützigen Organisation »Musicians without Borders« an den international renommiertesten Opernhäusern regelmäßiger Gast. Ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen gab sie 2003 als Agave in einer konzertanten Aufführung der Oper Die Bakchantinnen von Egon Wellesz, bei den Bayreuther Festspielen war sie erstmals 2008 als Sieglinde zu hören. Für ihre Interpretation der Jenůfa an der Bayerischen Staatsoper wurde Eva-Maria Westbroek 2010 mit dem Deutschen Theaterpreis »Der Faust« ausgezeichnet. Am Royal Opera House, Covent Garden, übernahm sie im Februar 2011 die Partie der Anna Nicole Smith in der Weltpremiere von Mark-Anthony Turnages Oper Anna Nicole. In jüngster Vergangenheit war die Künstlerin an der Metropolitan Opera als Elisabeth (Tannhäuser) zu erleben, am Royal Opera House, Covent Garden, als Santuzza (Cavalleria Rusticana) sowie an der Opéra de Monte-Carlo in der Titelpartie in Alfredo Catalanis Oper La Wally; die aktuelle Spielzeit begann mit einer Neuproduktion von Puccinis Manon Lescaut in Amsterdam. Bei den Berliner Philharmonikern gastierte Eva-Maria Westbroek erstmals Ende Oktober 2005. In den philharmonischen Konzerten war sie zuletzt in einer konzertanten Aufführung von Wagners Tristan und Isolde Ende März/Anfang April 2016 zu erleben; Dirigent war Sir Simon Rattle.

Simon O’Neill ist Absolvent der University of Otago, der Victoria University of Wellington, der Manhattan School of Music und des Julliard Opera Centers. Er erhielt ein Fulbright-Stipendium, wurde 2005 mit dem »Arts Laureate of New Zealand« ausgezeichnet und war 2002 Finalist der Metropolitan Opera National Auditions. Der gebürtige Neuseeländer tritt als einer der weltweit führenden Heldentenöre regelmäßig an den bedeutendsten Opernbühnen auf. Sein Siegmund (Die Walküre) am Royal Opera House, Covent Garden, (Dirigent: Antonio Pappano), an der Berliner Staatsoper Unter den Linden (Daniel Barenboim) und an der Metropolitan Opera (Donald Runnicles) wurde von der Kritik ebenso gefeiert, wie sein kurzfristiges Einspringen in der Titelpartie von Verdis Otello in einer konzertanten Aufführung am Barbican Centre mit dem London Symphony Orchestra unter der Leitung von Colin Davis. 2010 debütierte Simon O’Neill bei den Bayreuther Festspielen in der Titelpartie des Lohengrin (Regie: Hans Neuenfels) und kehrte dorthin ein Jahr später als Parsifal in der Inszenierung von Stefan Herheim zurück. Er war ebenso als Gran Sacerdote (Idomeneo) an der Metropolitan Opera New York zu erleben wie als Sergej (Lady Macbeth von Mzensk) an der Opera Australia, als Parsifal an der Wiener Staatsoper, als Mao Zedong (Nixon in China) an der San Francisco Opera sowie als Fidelio an der Hamburgischen Staatsoper. Darüber hinaus führten den Sänger Konzertverpflichtungen in Beethovens Missa solemnis, Mahlers Lied von der Erde und Achter Symphonie sowie in Schönbergs Gurreliedern zu Orchestern wie dem Boston Symphony Orchestra, der Accademia Nazionale di Santa Cecilia Roma, dem Montreal Symphony Orchestra und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Bei den Berliner Philharmonikern gibt Simon O’ Neill nun sein Debüt.

John Tomlinson, in Lancashire geboren, studierte zunächst an der Manchester University Ingenieurwesen (Civil Engineering), bevor ihn ein Stipendium ans Royal Manchester College of Music führte. Seit Mitte der 1970er-Jahre hat sich der Sänger vor allem als Wagner-Interpret Weltruf erworben, bei den Bayreuther Festspielen war er in 18 aufeinander folgenden Jahre zu hören: als Wotan in Das Rheingold und Die Walküre, als Wanderer in Siegfried, als Hagen in Götterdämmerung, als Titurel und Gurnemanz in Parsifal, als König Marke in Tristan und Isolde, als Heinrich in Lohengrin und in der Titelrolle in Der Fliegende Holländer. Zudem gastierte John Tomlinson an den Opernhäusern in Mailand, New York, Chicago, San Francisco, Paris, Amsterdam, Berlin (Deutsche Oper und Staatsoper Unter den Linden), München, Wien und Bilbao sowie bei den Festivals in Orange, Aix-en-Provence, Salzburg, Edinburgh und Florenz. Neben den großen Wagner-Partien gehören auch Rollen von Mozart (Sarastro, Leporello, Komtur), Strauss (Ochs, Orest), Pfitzner (Borromeo), Verdi (König Philipp, Großinquisitor), Mussorgsky (Boris Godunow, Pimen), Schönberg (Moses) und Debussy (Golaud, Arkel) zum umfangreichen Repertoire des Sängers, der auch im Konzertbereich mit den internationalen Spitzenorchestern und namhaften Dirigenten zusammengearbeitet hat. Dreimal wurde John Tomlinson mit dem Royal Philharmonic Society Music Award ausgezeichnet, 2004 wurde ihm von der britische Konzertgesellschaft zudem die Goldmedaille verliehen. Der »Commander of the British Empire« erhielt 2005 von der Queen den Ritterschlag. Bei den Berliner Philharmonikern war John Tomlinson seit seinem Debüt Ende September 1988 mehrfach zu hören, zuletzt im April 2013. Auf dem Programm stand die Premiere von Brett Deans Last Days of Socrates sowie Michael Tippetts Oratorium A Child of Our Time. Es dirigierte Sir Simon Rattle.

(Foto: Monika Rittershaus)