(Foto: Harald Hoffmann)

Alan Gilbert und Frank Peter Zimmermann

Moderne Musik der leichtfüßigen Sorte prägt den Beginn dieses Konzerts: mit dem jugendlich beseelten Zweiten Violinkonzert von Béla Bartók und dem genialen, jazzigen Minimalismus von John Adams. Im Kontrast dazu steht das symphonische Hauptwerk des Abends: Tschaikowskys Vierte mit ihrem klanggewaltigen Weltschmerz. Alan Gilbert dirigiert, Solist ist der Geiger Frank Peter Zimmermann.

Berliner Philharmoniker

Alan Gilbert Dirigent

Frank Peter Zimmermann Violine

John Adams

Short Ride in a Fast Machine

Béla Bartók

Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 Sz 112

Frank Peter Zimmermann Violine

John Adams

Lollapalooza für Orchester

Peter Tschaikowsky

Symphonie Nr. 4 f-Moll op. 36

Termine und Karten

Fr, 02. Dez 2016, 20:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie E

Programm

Als Alan Gilbert, damals Chefdirigent des Königlichen Philharmonischen Orchesters Stockholm, zur Spielzeit 2009/2010 zum Music Director des New York Philharmonic Orchestra berufen wurde, kam das für viele überraschend. Schließlich war der gebürtige New Yorker der jüngste Chefdirigent an der Spitze des Orchesters und seit Leonard Bernstein der erste Amerikaner auf diesem renommierten Posten der Musikwelt. Am Pult der Berliner Philharmoniker stand Alan Gilbert erstmals im Februar 2006 und wirkte auch bei seinen späteren philharmonischen Konzerten laut Urteil der Berliner Morgenpost stets wie ein »strahlende[r] Gewinner«. »Ich hatte«, so der unprätentiöse Maestro, »das Glück, eine Zeit lang von Bernstein lernen zu dürfen. Mehr noch als sein Stil hat mich sein Enthusiasmus geprägt. Seine Liebe zur Musik und zu den Menschen – was für ihn das Gleiche war – ist ein ganz wichtiger Einfluss gewesen.«

Bei seinem diesjährigen Gastspiel in Berlin wird sich Alan Gilbert zwei Werken des diesjährigen Residenzkomponisten John Adams widmen: Adams’ Short Ride in a Fast Machine, einem Werk, in dem die Musik mit rhythmisch pulsierender Kraft den Raum durchströmt und in lichter Instrumentation die Gesetze der Schwerkraft außer Kraft zu setzen scheint; weiterhin zu hören ist Lollapalooza für großes Symphonieorchester, das als Geschenk zum 40. Geburtstag von Sir Simon Rattle entstand: Die sich immer wieder neu überlagernden Motive und vertrackten Rhythmen machen diese Musik zu einem mitreißenden Furioso bis zum letzten Paukenschlag. Mit Béla Bartóks Zweitem Violinkonzert steht dann ein lyrisches Werk auf dem Programm, das »warm strömende, glücklich singende Melodien« enthält und »von einem geradezu jugendlichen Feuer beschwingt« ist. (György Kroó) Solist ist Frank Peter Zimmermann, einer der profiliertesten Violinisten der Gegenwart, der für sein brillantes Spiel weltweit bekannt ist – voller Eleganz, Leichtigkeit, intensiver Strahlkraft und geschmackvoll dosiertem Vibrato: »Das Zweite Konzert von Bartók mit einem hervorragenden Orchester zu spielen, ist eine unglaubliche Erfüllung.«

Abgerundet wird der Abend mit der Vierten Symphonie von Peter Tschaikowsky, in der es dem Komponisten in den Worten des renommierten Musikkritikers Hermann Laroche kunstvoll gelang, »das Tragische mit der Sorglosigkeit ballettartiger Rhythmen zu verknüpfen«. Tschaikowsky selbst bezeichnete die bedrohlich wirkende Bläserfanfare zu Beginn als »Samenkorn« der ganzen Symphonie: »Das ist das Fatum, die verhängnisvolle Macht, die unser Streben nach Glück verhindert.«

Über die Musik

Hintergründiges in vielerlei Hinsicht

Orchesterwerke von John Adams, Béla Bartók und Peter Tschaikowsky

Atemraubend und beeindruckend: Zwei Orchesterkompositionen von John Adams

Musik von John Adams eröffnet die beiden Teile des heutigen Konzertprogramms. Der 1947 geborene Amerikaner, mit Steve Reich und Philipp Glass ein herausragender Exponent der Minimal Music, ist in dieser Spielzeit Composer in Residence des Orchesters. Mitte September hat er bereits an zwei Abenden eigene Werke dirigiert. Nun präsentieren Alan Gilbert und die Berliner Philharmoniker zwei sehr kurze, jeweils nur vier und sechs Minuten dauernde Kompositionen von ihm: Short Ride in a Fast Machine und Lollapalooza.

Short Ride in a Fast Machine (1986) trägt die charakteristischen Kennzeichen der Minimal Music: einen durchgehenden Puls, die Wiederholung gewisser Muster und dazu eine von der Konsonanz geprägte Harmonie. Das im Gestus wilde, brillant instrumentierte Werk beginnt delirando. Über dem hartnäckigen Rhythmus der wood blocks (Adams spricht von »sadistisch«!) spielen die Blechbläser eine synkopierte Figur. Holzbläser und Streicher treten mit ungleichen, ebenfalls synkopierten Rhythmen hinzu. Der Mittelteil ist leichter, seine Faktur transparenter. Doch schließlich endet das Stück so wild, wie es begann. Auf die Frage nach der Bedeutung des Titels – auf deutsch so viel wie »Kurze Fahrt in einem schnellen Gefährt« – meinte der Komponist: »Wissen Sie, wie es ist, wenn Sie zu einer Fahrt in einem fantastischen Sportwagen eingeladen werden, und am Ende wünschen Sie sich, Sie wären nie eingestiegen?«. Die musikalische Fahrt im Geschwindigkeitsrausch ist freilich eher unterhaltend und amüsant denn gefährlich.

Lollapalooza komponierte Adams 1995 als Geschenk zum 40. Geburtstag von Sir Simon Rattle, mit dem er schon lange befreundet ist und oft zusammengearbeitet hat. Die genaue Bedeutung dieses lautmalerischen Worts ist ebenso unklar wie seine etymologische Herkunft. Vermutlich kam es an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert auf und meint so viel wie »etwas außerordentlich Beeindruckendes«. Für John Adams bezeichnet es etwas Großes, Ausgefallenes, Überdimensioniertes, »dabei nicht übermäßig Edles«. Seine Unbestimmtheit mache wohl auch seine Popularität als archetypisches amerikanisches Wort aus. Lollapalooza hat aber zudem eine konkrete Bedeutung im Showbusiness, denn es ist auch der Name eines 1991 in den USA gegründeten Festivals mit Rockmusik, Rap, Punkrock, Tanz, Comedy, Mode und Kunst. Dort findet es seit 2005 ausschließlich im Grant Park in Chicago statt. In Berlin gab es 2015 erstmals eine deutsche »Ausgabe« auf dem Tempelhofer Feld und im September dieses Jahres versammelten sich Tausende Besucher imTreptower Park.

Adams schrieb in kurzen Erläuterungen zu der Komposition, er sei vom inneren Rhythmus des Wortes Lollapalooza »da-da-da-DAAH-da« angezogen worden: »Daher wird das Wort in meinem Stück von den Posaunen und der Tuba auch als eine Art idée fixe buchstabiert: c-c-c-es-c (mit einem Schwerpunkt auf dem es). Dieses ›Lollapalooza‹-Motiv ist aber nur eines in der Fülle weiterer Motive, die sich alle in einer repetitiven Kette von Ereignissen entwickeln und auch den tanzenden Koloss bewegen, bis dieser in einem letzten Ruf der Hörner und Posaunen und mit einem mächtigen Schlag von Pauke und großer Trommel endet.«

»Von jugendlichem Feuer beschwingt«: Béla Bartóks Zweites Violinkonzert

Das Zweite Violinkonzert von Béla Bartók wird im allgemeinen dem sogenannten Spätwerk des ungarischen Komponisten zugerechnet. Dieser Begriff ist allerdings schillernd und vieldeutig. Positiv gebraucht, sind damit progressive, in die Zukunft weisende Züge verbunden (man denke an Beethovens Missa solemnis, seine letzten Klaviersonaten und die späten Streichquartette oder auch an Schuberts letzte Klaviersonaten). Ist dagegen von Bartóks Spätwerk die Rede, hat dieses Etikett oft eine negative Konnotation, fallen Bezeichnungen wie »abgeklärt«, »altersmild«, »kompromisslerisch« – als habe der Komponist eine frühere Fortschrittlichkeit verraten. Dabei stehen die so charakterisierten Werke nicht nur beim Publikum in hoher Gunst, sondern sind zudem bedeutende und wichtige Kompositionen wie etwa das Dritte Klavierkonzert, das Konzert für Orchester oder eben das Zweite Violinkonzert.

Ein stilistischer Wandel offenbart sich bei Bartók schon in der Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta (1936) und der Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug (1937): Seine Arbeiten erschien manchem Kritiker nun weniger rigoros, weniger strikt organisiert, dafür aber fließender, vielleicht farbiger, auch stärker bekenntnishaft. Der Wandel im Stil hat wenig damit zu tun, dass der Komponist seit 1934 praktisch nur Auftragswerke schrieb. Größeren Einfluss auf sein Schaffen dürften die politischen Ereignisse gehabt haben, vor allem die immer deutlicher werdende Bedrohung durch den Nationalsozialismus und den Faschismus. Bartók protestierte dagegen früh auf seine Weise. So gastierte er nach der Uraufführung seines Zweiten Klavierkonzertes am 23. Januar 1933 (unter der Leitung von Hans Rosbaud und mit ihm selbst als Solisten) nie wieder in Deutschland. Schon 1931 hatte er angesichts schwerer Angriffe der italienischen Faschisten gegen den Dirigenten Arturo Toscanini im Namen der ungarischen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Zeitgenössische Musik einen Aufruf zum Schutz der Integrität und der Autonomie der Kunst verfasst. Im Herbst 1937 untersagte er die Übertragung seiner Budapester Rundfunkkonzerte nach Deutschland und Italien. Bartók trat außerdem aus der Nazi-nahen Österreichischen Gesellschaft für Aufführungsrechte aus und wechselte von der Wiener Universal-Edition zum Verlag Boosey & Hawkes in London. Er sah die Gefahren allerdings auch im eigenen Land. In Briefen an Freunde äußerte er beispielsweise: »Ich merke, dass die Politik Ungarns immer krummere Wege geht. […] Es besteht die Gefahr, dass auch Ungarn sich diesem System von Räubern und Mördern ergibt. […] Ich habe keine Lust, Menschen zu treffen, alle stehen im Verdacht, Nazi-Sympathien zu hegen. [...] Die ›gebildeten‹ Christen sind fast ausnahmslos für die Nazis: ich schäme mich wirklich, dieser Gesellschaftsklasse anzugehören.« Während der Arbeit am Violinkonzert dachte er bereits an Auswanderung: »Man müsste weg von hier, weg aus der Nachbarschaft jenes verpesteten Landes, weit weg.« Vollzogen hat Bartók die Emigration dann 1940.

Das Zweite Violinkonzert, Bartóks eigentlicher »großer« Gattungsbeitrag, hat eine lange und komplizierte Entstehungsgeschichte. Im Herbst 1936 bat der Komponist seinen Verlag, ihm die Partituren verschiedener Violinkonzerte zuzusenden, woraufhin ihm die Universal-Edition die Konzerte von Kurt Weill, Karol Szymanowski und Alban Berg schickte. Bald darauf erging an ihn der Wunsch des Geigers Zoltán Székely nach einem ein Konzert für sich. Ursprünglich dachte Bartók an ein größeres Variationswerk, doch gab er dieses Vorhaben zugunsten der traditionellen Dreisätzigkeit wieder auf – was sicher mit den Erwartungen der Hörer und der angestrebten Publikumswirksamkeit zu tun hatte. Die Idee von der Variationsstruktur konnte er gleichwohl realisieren: So wie die beiden Hauptthemen des Kopfsatzes Varianten voneinander sind, werden die Ecksätze insgesamt aus demselben grundlegenden Material entwickelt. Der langsame Mittelsatz aber besteht aus sechs Variationen über ein Thema, das motivisch und strukturell nicht mit den Ecksätzen verwandt ist.

Bartók begann die Komposition vermutlich im Frühjahr 1937, kam aber damit nicht recht voran. Im Juni schrieb er an seinen Verlag, er werde die Arbeit an dem Konzert abbrechen, wenn man nicht seinem Wunsch nachkomme, Zoltán Székely die ausschließlichen Aufführungsrechte zu geben. Zwar stimmte der Verlag dieser Bedingung zu, doch das Werk gedieh zunächst nicht weiter. So komponierte Bartók erst einmal die Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug, um sich nach deren Fertigstellung ganz auf das neue Konzert zu konzentrieren, das er im Herbst 1938 schließlich vollendete. Interessant ist die Werkgenese: Zunächst schuf Bartók eine Version der ersten beiden Sätze für Violine und Klavier, die er dann orchestrierte. Das Finale entwickelte er direkt aus dem Entwurf heraus in vollstimmiger Partitur, die Klavierversion entstand erst anschließend. Zwischen dem Abschluss des Konzerts und seiner Orchestrierung im Spätsommer 1938 komponierte Bartók sogar noch die Kontraste für Violine, Klarinette und Klavier. Im November nahm er einen weiteren Kompositionsauftrag von Paul Sacher an, der im Sommer 1939 das Divertimento für Streicher zeitigte. Das Violinkonzert erlebte seine Premiere am 23. März 1939 in Amsterdam: Zoltán Székely spielte es mit dem Concertgebouw Orchester unter der Leitung von Willem Mengelberg – der Mitschnitt dieser Aufführung hat sich als ein auch heute noch eindrucksvolles Tondokument erhalten.

Erstaunlich ist, dass sich im Violinkonzert keine Spuren der gesellschaftlichen, politischen und auch individuellen Krisenstimmung finden, von der bereits die Rede war. »Im Gegenteil, das Werk enthält warm strömende, glücklich singende Melodien, es ist von einem geradezu jugendlichen Feuer beschwingt [...], ist von einer klassischen Sicherheit, einer romantisch übersprudelnden Invention, einer Virtuosität und Schönheit der Melodik, die das Publikum innerhalb von nur wenigen Jahren vollends eroberten« (György Kroó).

Von Anfang an dominieren Kantabilität und großer Ton in diesem Konzert. Harfenklänge und Geigenpizzicati leiten den ersten Satz ein, der in Sonatenform angelegt ist. Dessen im Viervierteltakt und im Rhythmus des ungarischen Tanzes Verbunkos komponiertes, singendes Thema wird im Finale wiederkehren, dort allerdings im Dreivierteltakt, sehr tänzerisch und »con spirito«. In der Solo-Kadenz des Kopfsatzes bricht Bartók aus der ihm offenbar zu eng gewordenen Tonalität aus: Er experimentiert mit Vierteltönen, im Calmo-Thema sogar mit Zwölftönigkeit, jedoch nicht im schönbergschen Sinne, sondern in einer »Art von Zwölfton-Thema, aber mit ausgesprochener Tonalität« (Bartók). Der langsame Satz ist der einzige große Variationssatz in Bartóks Œuvre. Ihn hat der Komponist sehr subtil instrumentiert: In der ersten Variation verwendet Bartók die Pauke als ein Melodie-Instrument, das dieselbe Stimme wie die gezupften Kontrabässe spielt. In der Variation Nr. 2 wird das Thema zerlegt, seine Teile erfahren in den Stimmen von Harfe, Holzbläsern und Celesta eine Verschmelzung; die Nr. 3 ist rhythmisch geprägt, in der Nr. 4 wandert das Thema vom Solisten zu den tiefen Streichern, die Violine umspielt es mit Trillern und Verzierungen. Die fünfte Variation (Scherzando) bietet Farbigkeit mit Harfenglissandi, Einwürfen der Piccoloflöte, der kleinen Trommel und des Triangels; die abschließende sechste ist tänzerisch angelegt. Das Finale in Rondoform gibt sich freier und im Charakter rhapsodisch, hier dominieren rhythmische Kraft und Schwung. Dieser Satz variiert oder paraphrasiert nicht den ersten, sondern übersteigert ihn gleichsam. Für die letzten Takte des Werks schrieb Bartók zwei Versionen: eine erste, die fast ausschließlich dem Orchester zugedacht ist, und – auf Wunsch des Auftraggebers Zoltán Székely – eine effektvolle, solistisch brillante zweite, die auch in diesen Konzerten erklingt.

Hommage an die beste Freundin: Peter Tschaikowskys Vierte Symphonie

Anders als bei Bartók spiegeln sich im Werk Peter Tschaikowskys und besonders in seiner Vierten Symphonie äußere Ereignisse und innere Zustände wieder. In das Jahr 1877 fielen verschiedene gravierende Ereignisse: Zum einen machte der Komponist die Bekanntschaft Nadeschda von Mecks, der Witwe eines baltendeutschen Eisenbahnindustriellen – eine merkwürdige Beziehung, die rund anderthalb Jahrzehnte dauerte, in der beide Protagonisten aber fast ausschließlich brieflich miteinander verkehrten und die persönliche Begegnung mieden. Die Korrespondenz zwischen Tschaikowsky und seiner Gönnerin ist nicht nur biografisches Zeugnis, sondern enthält auch Einzelheiten über Pläne und Arbeiten an Werken sowie Erläuterungen von Kompositionen. Zudem heiratete Tschaikowsky im selben Jahr eine ehemalige Studentin am Moskauer Konservatorium, Antonina Iwanowna Miljukowa – aus Gründen der Konvention, konnte er damals seine homosexuellen Neigungen doch nicht ausleben. Der gemeinsame eheliche Hausstand war allerdings nur von kurzer Dauer: Tschaikowskys seelischer Zustand verschlechterte sich und er reiste in die Schweiz, nach Paris, Florenz, Rom, Venedig und Wien, um neue Kräfte zu sammeln. In dieser Zeit innerer Unruhe und allmählicher Besserung entstanden zwei seiner bedeutendsten Werke, die Oper Eugen Onegin und die Vierte Symphonie. Die Oper nach dem gleichnamigen Versroman von Alexander Puschkin sollte eine Art Spiegelbild der Enttäuschungen und Erschütterungen Tschaikowskys darstellen, während die Vierte Symphonie Ausdruck der Dankbarkeit gegenüber seiner Freundin Nadeschda von Meck ist.

Im Briefwechsel mit ihr nannte Tschaikowsky die Vierte »unsere Symphonie«. Die Widmung lautet denn auch: »meinem besten Freunde« (= meiner besten Freundin). Aus Venedig schrieb der Komponist im Dezember 1877, er sei mit Eifer an der Instrumentierung des Werks. Im Januar des folgenden Jahres wurde das Manuskript abgeschlossen und dem Verleger Jürgenson in Moskau zum Druck eingereicht. Die Premiere fand am 22. Februar 1878 in Moskau statt, jedoch ohne großen Erfolg.

Die Vierte Symphonie ist das einzige Werk, dessen Inhalt der Komponist selbst mit Worten charakterisierte. So sollen die Anfangstakte des ersten Satzes für das »Fatum« stehen, »jene verhängnisvolle Macht, die unser Streben nach Glück hindert, sein Ziel zu erreichen. Diese Macht ist überwältigend und unbesiegbar. Es bleibt nichts übrig, als sich ihr zu unterwerfen und erfolglos zu klagen.« Das zweite Thema des Kopfsatzes führt zu Traumseligkeit; dem Komponisten schwebte ein »strahlendes, glücksverheißendes Menschenwesen« vor. Doch auch hier fährt das Fatum wieder dazwischen: »Du wirst von Wellen hin- und hergeworfen, bis dich das Meer verschlingt.« Im folgenden Andantino in modo di canzona herrscht eine ganz andere Stimmung: »Es ist jenes melancholische Gefühl, welches einem vorschwebt, wenn man abends allein zu Hause sitzt, erschöpft von der Arbeit; das Buch, welches man zum Lesen genommen hat, ist den Händen entglitten; ein ganzer Schwarm von Erinnerungen taucht auf.« – Der dritte Satz entbehrt eines bestimmten Gefühls, scheint ganz vom Spielerischen geprägt. Lebensbejahend schließt das Werk: »Freue dich an der Freude der anderen, und du kannst leben.« Das Schicksal mag zwar noch drohen, gewinnt aber nicht mehr die Oberhand. Die Äußerungen Tschaikowskys sind widersprüchlich. Er selbst kennzeichnete sie sogar als unklar und betonte, die Eigenart instrumentaler Musik sei es, sich der Analyse (mit Worten) zu widersetzen. Er begriff die Symphonie als lyrischste der musikalischen Formen und fragte: »Muss sie nicht all das ausdrücken, wofür es keine Worte gibt, was aber aus der Seele hervordrängt und ausgesprochen sein will?«

Kern der Symphonie ist das gleich zu Beginn von Hörnern und Fagotten intonierte scharf rhythmisierte Bläsermotiv. Dieses Motto kehrt in den Codas von Kopfsatz und Finale wieder. Den ersten Satz eröffnet eine Andante-Einleitung, an die sich nach 26 Takten das Hauptthema (Moderato con anima) anschließt. Beiden Motiven liegen fallende Tonfiguren zugrunde. Diese Tendenz der Motivbildung lässt sich in der ganzen Symphonie ausmachen: Alle wichtigen Motive beginnen auf diese Weise, wobei die absteigende Quarte häufig wiederkehrt. Das liedhafte Andante wird von einer einfachen und graziösen Melodie der Solo-Oboe eingeleitet. Ihr stellt Tschaikowsky eine inbrünstige Figur zuerst in den Geigen, dann in den anderen Streichern gegenüber. Der Mittelteil (Piu mosso) erinnert an das Schicksalsmotto.

Das Scherzo, eine kapriziöse Arabeske und einer der interessantesten Schöpfungen des Symphonikers Tschaikowsky, ist ein rasendes Perpetuum mobile im Zweivierteltakt; das ostinate Pizzicato der Streicher gibt ihm zusätzliche Raffinesse. Im Trio führt Tschaikowsky wieder das restliche Orchester ein und setzt kontrastreich die Piccoloflöte gegen die mit schwerem, zugleich aber flinkem Marschton auftrumpfenden Blechbläser. In der Reprise werden die beiden bestimmenden Momente des Satzes, Streicher-Pizzicati und Bläser-Groteske, miteinander verbunden. Im feurigen Allegro-Finale wird der optimistische Charakter des sonst eher resignativen Werks durch die großen, wuchtigen Effekte der Orchestrierung (mit Bassposaune, Tuba, Triangel, Großer Trommel, Becken) unterstrichen. Der Satz verarbeitet ein russisches Volksliedmotiv und seine Bewegung ist durchgehend furios (Sechzehntelläufe), die Dynamik facettenreich. Das bekannte Schicksalsmotiv kann den rasanten Lauf nur unterbrechen, aber nicht dauerhaft stoppen und so schließt die Symphonie wild, ausgelassen und extrovertiert.

Helge Grünewald

Biografie

Alan Gilbert ist seit Beginn der Saison 2009/2010 Chefdirigent des New York Philharmonic Orchestra, dessen Leitung er als erster gebürtiger New Yorker sowie als jüngster Dirigent in der Geschichte des Orchesters übernahm. Frühzeitig von seinen Eltern im Violinspiel unterrichtet, studierte Gilbert zunächst Komposition in Harvard und Violine am New England Conservatory of Music. Nach der Fortsetzung seiner Ausbildung am Curtis Institute of Music in Philadelphia sowie an der Juilliard School in New York arbeitete er mehrere Jahre als Geiger und Bratscher, bevor er 1995 ans Dirigentenpult wechselte. Von Januar 2000 bis Juni 2008 war Alan Gilbert Chefdirigent und künstlerischer Berater des Königlichen Philharmonischen Orchesters Stockholm, dem er durch die Ernennung zum Ehrendirigenten weiterhin verbunden bleibt. In den Jahren 2003 bis 2006 stand er als Musikdirektor an der Spitze der Santa Fe Opera, von 2004 anwar er für mehr als zehn Jahre Erster Gastdirigent des NDR Sinfonieorchesters. Alan Gilbert hat Produktionen an führenden Opernhäusern geleitet und ist u. a. mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France, dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam und dem London Symphony Orchestra sowie mit den wichtigsten amerikanischen und japanischen Orchestern aufgetreten. Die Berliner Philharmoniker dirigierte Alan Gilbert erstmals im Februar 2006; zuletzt stand er Ende November 2014 mit Werken von Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy und Carl Nielsen bei ihnen am Pult. 2009 übernahm Alan Gilbert an der Juilliard School den neu geschaffenen William-Schuman-Lehrstuhl für Musikalische Studien, seit 2011 ist er dort außerdem Leiter des Studiengangs Dirigieren. Zu den zahlreichen Auszeichnungen des Musikers zählen die Aufnahme in die Königlich Schwedische Musikakademie; die Ehrendoktorwürde des Curtis Institute of Music und die Aufnahme in die American Academy of Arts & Sciences aufgenommen. Überdies ist Alan Gilbert »Chevalier dans l’Ordre des Arts et des Lettres« der Republik Frankreich und Träger der Foreign Policy Association Medal.

Frank Peter Zimmermann, 1965 in Duisburg geboren, erhielt als Fünfjähriger ersten Violinunterricht. Im Alter von zehn Jahren gab er bereits sein erstes Konzert mit Orchester. Nach Studien bei Valery Gradow, Saschko Gawriloff und Hermann Krebbers begann 1983 seine steile Karriere, die ihn als Solisten mit vielen Spitzenorchestern und renommierten Dirigenten zusammenführte (zuletzt u. a. mit Alan Gilbert, Manfred Honeck und Kirill Petrenko). Vier Violinkonzerte brachte der Musiker bisher zur Uraufführung: Matthias Pintschers en sourdine mit den Berliner Philharmonikern (2003, Dirigent: Peter Eötvös), Brett Deans The Lost Art of Letter Writing mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter der Leitung des Komponisten (2007), Juggler in Paradise von Augusta Read Thomas in Paris mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France (2009, Dirigent: Andrey Boreyko) und im Dezember 2015 Magnus Lindbergs Zweites Violinkonzert mit Jaap van Zweden am Pult des London Philharmonic Orchestra. Im Frühjahr 2017 beginnt ein den Konzerten Johann Sebastian Bachs gewidmetes Projekt mit den Berliner Barock-Solisten, das sich über zwei Spielzeiten erstrecken wird. Neben seinen zahlreichen Orchester-Engagements arbeitet Frank Peter Zimmermann regelmäßig als Kammermusiker. Mit dem Bratscher Antoine Tamestit und dem Cellisten Christian Poltéra gründete er 2007 das Trio Zimmermann, das u. a. zu den Salzburger Festspielen, dem Edinburgh Festival, dem Schleswig-Holstein Musik Festival und dem Rheingau Musik Festival eingeladen wurde. Der Geiger erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen wie den Premio dellʼ Accademia Musicale Chigiana in Siena (1990), den Musikpreis der Stadt Duisburg (2002), das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland (2008) und der Paul-Hindemith-Preis der Stadt Hanau (2010). In Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker war Frank Peter Zimmermann seit seinem Debüt im Jahr 1985 regelmäßig zu erleben, zuletzt Ende Januar 2016 mit der Deutschen Erstaufführung des Zweiten Violinkonzerts von Magnus Lindberg (Dirigent: Daniel Harding).

(Foto: Harald Hoffmann)

John Adams

Composer in Residence 2016/2017

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