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Kammermusik

Das Emerson String Quartet spielt Tschaikowsky, Barber und Turnage

Seit seiner Gründung im Jahr 1976 zählt das Emerson String Quartet zu den wichtigsten Kammermusikensembles unserer Zeit. Sein programmatisches Markenzeichen: die Kombination des klassischen Repertoires mit modernen und zeitgenössischen Stücken. An diesem Abend setzt das Ensemble Quartette von Tschaikowsky und Barber in den Kontext zu Shroud, einem Werk, das der britische Komponist Mark-Anthony Turnage im Auftrag der Stiftung Berliner Philharmoniker und der Wigmore Hall schrieb.

Emerson String Quartet:

Eugene Drucker Violine

Philip Setzer Violine

Lawrence Dutton Viola

Paul Watkins Violoncello

Samuel Barber

Adagio aus dem Streichquartett op. 11

Mark-Anthony Turnage

Shroud, Auftragswerk der Stiftung Berliner Philharmoniker gemeinsam mit der Wigmore Hall und weiteren Institutionen Deutsche Erstaufführung

Peter Tschaikowsky

Streichquartett Nr. 3 es-Moll op. 30

Termine und Karten

Programm

Die zweifellos bekannteste Schöpfung des 1981 verstorbenen Samuel Barber ist der Mittelsatz aus seinem in den Jahren 1935/1936 entstandenem Streichquartett op. 11: Schon bald nach der Uraufführung des Werks im Dezember 1936 erstellte der Komponist eine Fassung des Adagios für Streichorchester, das Arturo Toscanini am Pult des NBC Symphony Orchestra im November 1938 der Öffentlichkeit vorstellte. Von nun an war der Siegeszug dieses langsamen Satzes – laut Barber ein echter »Knaller« – nicht mehr aufzuhalten. Barbers Adagio wurde im Rahmen der Trauerfeierlichkeiten für zwei Präsidenten der Vereinigten Staaten sowie bei der Beerdigung eines Nobelpreisträgers für Physik gespielt. Barber ließ sich daraufhin dazu verführen, sein Erfolgsstück 1967 auf den Text der mittelalterliche »Agnus Dei«-Sequenz auch für Chor einzurichten. Am Ende soll sich der zwei Mal mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Komponist aber darüber geärgert haben, dass über das später von Regisseuren wie David Lynch oder Oliver Stone als Filmmusik genutzte Adagio seine anderen Werke in Vergessenheit gerieten.

Vergleichbares lässt sich über Peter Tschaikowskys 1876 entstandenes Streichquartett Nr. 3 es-Moll op. 30 nicht sagen: Die Kammermusik des russischen Komponisten stand von jeher im Schatten der Opern und Ballette sowie der symphonischen und konzertanten Werke Tschaikowskys. Das seit seiner Gründung im Jahre 1976 zu den wichtigsten Kammermusikensembles unserer Zeit zählende Emerson String Quartet setzt Tschaikowskys Streichquartett und Barbers Adagio in den Kontext zu Schroud, einem neuen Werk des 1960 geborenen britischen Komponisten Mark-Anthony Turnage.

Über die Musik

Vierstimmiger Diskurs über Abschied und Tod

Streichquartette von Samuel Barber, Marc-Anthony Turnage und Peter Tschaikowsky

»Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen …« heißt es in Johann Sebastian Bachs Kantate BWV 12 aus dem Jahr 1714. Die einleitende Sinfonia übersetzt diesen Text nonverbal, indem sie den aus der antiken Tradition übernommenen Klageruf expressiv auslegt: in einer Molltonart und in tiefer Lage, mit chromatischen Gängen und in langsamem Tempo, mit einem Spannungsverhältnis zwischen einer ausdrucksstarken Oberstimme und einem sparsamen Bassfundament. Ein »Vokabular«, durch das, unterschiedlich akzentuiert, seit Menschengedenken Gefühle und Empfindungen angesichts von Schmerz und Verlust, Tod und Verderben ausgedrückt werden. Seit jeher spielt die Musik bei der Bewältigung solcher Situationen eine große Rolle, ist sie gleichsam ein ästhetisches Regulativ. Auf der einen Seite sind es die Betroffenen, die ihren schmerzlichen Gefühlen musikalisch Ausdruck verleihen. Auf der anderen Seite sind es die Künstler, die solche Empfindungen in Klänge verwandeln. Ob in Claudio Monteverdis Lamento d’Arianna, jenem zutiefst berührenden »Lasst mich sterben« von 1608, oder ob im herzzerreißendem Abschied der Dido aus Henry Purcells Dido and Aeneas von 1689 – stets finden wir bei der Darstellung von Schmerz und Verlust die gleiche Trauerphonetik.

Seit Mitte des 16. Jahrhunderts haben Musiktheoretiker darüber diskutiert, wie Trauer klingend darzustellen sei; welche Intervalle, welche Tonarten, welche Tonfolgen geeignet seien, um schmerzliche Gefühle zum Ausdruck zu bringen. So heißt es zum Beispiel bei Christian Friedrich Daniel Schubart in seinen Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst von 1784: »… eine Sterbemusik muss ganz in die Farbe der Schwermut getaucht sein.« Und dann empfiehlt er »die mit b markierten Töne […] diese wiegen durch ihre Sanftheit nicht nur in Schlaf, sondern deuten auch die Natur des Todes durch ihre hinsterbende Dumpfheit an.« Der Tonart es-Moll schreibt er »Empfindungen der Bangigkeit des allertiefsten Seelendrangs, der hinbrütenden Verzweiflung, der schwärzesten Schwermut, der düstersten Seelenverfassung« zu, jener Tonart, in der Peter Tschaikowsky sein Drittes Streichquartett geschrieben hat. In den Termini Threnody und Lament wiederum, mit denen Marc-Anthony Turnage den ersten und den fünften Teil seines Streichquartetts Shroud bezeichnet hat, lebt die Erinnerung an die antiken Trauerbräuche fort. Nur Samuel Barber hat den zweiten Satz seines Streichquartetts schlicht Adagio überschrieben. Doch es ist ein so schwermütiges, ergreifendes Adagio, dass es sowohl 1955 zur Trauerfeier von Albert Einstein als auch 1969 zur derjenigen des amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower gespielt wurde.

Samuel Barber, der Auserwählte

In erstaunlicher Selbstgewissheit hatte der neunjährige Samuel Barber seiner Mutter in einem persönlichen Brief anvertraut: »Ich bin dazu ausersehen, Komponist zu sein, und das werde ich auch ganz bestimmt.« Und so kam es – dank seines Talents, der Einsicht seiner Eltern und der Unterstützung durch die Tante Louise, einer später berühmten Altistin, besonders aber durch deren Ehemann, den Komponisten Sidney Homer. Er war der erste, der die Begabung Samuels erkannte, sie förderte und ihn in seinen ästhetischen Grundsätzen beeinflusste, auch als dieser bereits am Curtis Institut of Music in Philadelphia Komposition, Klavier und Gesang studierte. Danach war Barber über lange Jahre als Konzertsänger tätig, konnte aber auch als Komponist schon bald Erfolge vorweisen. 1934 folgte ein Dirigierstudium in Wien, ein Jahr darauf ermöglichte ihm der Rompreis einen zweijährigen Aufenthalt in der italienischen Metropole. Nachdem 1938 in Salzburg mit seiner Symphony in One Movement op. 9 zum ersten Mal das Werk eines amerikanischen Komponisten aufgeführt worden war, setzte der internationale Erfolg ein. Der endgültige Durchbruch gelang, als Arturo Toscanini im selben Jahr mit dem National Broadcasting Company Symphony Orchestra das Adagio for Strings musizierte, eine Bearbeitung des zweiten Satzes aus Barbers Streichquartett op. 11. Das Konzert wurde vom Rundfunk übertragen und landesweit ausgestrahlt. Von diesem Zeitpunkt an erklangen seine Werke auf internationalen Festivals. Er erhielt lukrative Aufträge, Dirigenten wie Sergej Kussewitzky oder Pianisten wie Vladimir Horowitz widmeten sich seinen Arbeiten. Barber, der zweimalige Pulitzer-Preisträger, war endgültig zum Repräsentanten der amerikanischen Musik geworden.

In seinem Werkkatalog, der neben Orchesterkompositionen, Konzerten, Kammer- und Klaviermusik auch drei Opern und zwei Ballette aufweist, dominiert besonders das Lied. Barbers Neigung für weitgespannte melodische Bögen, für nostalgische und sehnsuchtsvolle Texte erklärt möglicherweise die ungemeine Beliebtheit seines Adagio for Strings, das heute hier in seiner Originalfassung für Streichquartett erklingt. Begleitet von den drei anderen Instrumenten, singt die Erste Violine ein ergreifendes, tieftrauriges Lied. Zu Beginn pianissimo und über einem Klangteppich, der anfangs vom Violoncello, danach unterstützt von der Zweiten Violine und der Bratsche ausgebreitet wird. Langsam und immer intensiver schraubt sich die Melodie in die Höhe, fällt wieder zurück und strebt danach erneut in die Höhe, bis alle gemeinsam im Klagesang vereint sind. Immer intensiver wird das unaufhörlich fließende Stimmengeflecht, bis der Fortissimo-Höhepunkt erreicht ist und eine Generalpause zum Nachdenken anregt. Dann folgt in sich gekehrt der Abgesang.

Marc-Anthony Turnage, der Außergewöhnliche

Samuel Barber war zu seiner Zeit der sowohl national als auch international meistaufgeführte und vielfach geehrte Komponist Amerikas. Unter den englischen Tonsetzern nimmt Marc-Anthony Turnage seit nunmehr drei Jahrzehnten genau diese Position ein. Er gehört zweifellos zu den wichtigsten und bekanntesten schöpferischen Persönlichkeiten der britischen Musikszene, aber auch auf internationaler Ebene. Wie kaum einem seiner komponierenden Zeitgenossen ist es ihm in seinem bewundernswert breitgefächerten Schaffen gelungen, die aktuelle und ja durchaus widersprüchliche Lebenswirklichkeit in Klänge, in Rhythmen, in Formen zu verwandeln – häufig verbunden mit einer harschen Gesellschaftskritik. Dabei verweigerte er sich von Anfang an jeglicher »Schule« und pflegt einen wunderbar lockeren Umgang mit allen nur denkbaren musikalischen Richtungen, ob Klassik, Jazz oder Blues, ob Pop oder Black Soul Music.

1960 in Corringham (Essex) geboren, studierte Turnage am Londoner Royal College of Music bei Oliver Knussen und John Lambert. In dieser Zeit entdeckte er den Jazz und insbesondere Miles Davis für sich. Die Verleihung des bedeutenden Mendelssohn Award ermöglichte ihm, in Tanglewood (Massachusetts) bei Gunther Schuller seine Ausbildung zu vervollkommnen. In dieser Zeit lernte er Hans-Werner Henze kennen, der ihn animierte, für die 1. Münchner Biennale 1988 eine Oper zu komponieren. Der fulminante Erfolg der Uraufführung von Greek und die zahlreichen Folgeproduktionen des zweiaktigen Bühnenwerks begründeten endgültig Turnages internationalen Ruf. Nur ein Jahr später wurde er für vier Jahre zum Composer in Association beim City of Birmingham Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle gewählt. Es folgte die Zusammenarbeit mit bedeutenden Klangkörpern wie dem Ensemble Modern, der English National Opera, dem BBC Symphony Orchestra und im Herbst 2002 den Berliner Philharmonikern. Denn in einem seiner ersten Konzerte als Chefdirigent der Philharmoniker führte Sir Simon Rattle in Verbindung mit dem ersten großen Education-Projekt des Orchesters Turnages Blood on the Floor auf, ein Werk, das seinerzeit im Auftrag des Ensembles Modern entstanden war. Seither sind in Berlin immer wieder Orchester- und Kammermusikkompositionen von Turnage erklungen, in der Berliner Philharmonie, in der Komischen Oper und andern Orts. Natürlich gibt es auch mit anderen bedeutenden Klangkörpern und Solisten eine fruchtbare Zusammenarbeit, u. a. mit dem London Philharmonic Orchestra, mit dem Chicago Symphony Orchestra, mit dem Belcea Quartett, mit dem Geiger Christian Tetzlaff – stets kommt es dabei zu einer intensiven und kreativen Partnerschaft. Für sein so außergewöhnliches Schaffen, für die Opern und Ballette, für Orchester- und Konzertkompositionen, Kammermusik, Klavier- und Chorwerke sowie Lieder, aber auch Kompositionen, in die Jazzmusiker oder eine Big Band eingebunden sind, hat der Brite zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Shroud ist nicht Turnages erste Beschäftigung mit der Gattung Streichquartett. Bereits 1995 hatte er ein zwar nur dreiminütiges, doch für ihn sehr charakteristisches Stück geschrieben: Barrie’s Deviant Fantasy (Barries merkwürdige Fantasie) für Streichquartett und Schiedsrichterpfeifen. Das Kreutzer Quartet, das 1995 in London die Komposition uraufführte, musste also das für Fußballspiele so typische Pfeifen beherrschen. Tat es bestimmt auch. Shroud dagegen ist ein fünfsätziges »klassisches« Streichquartett, eine Auftragskomposition, an deren Vergabe auch die Stiftung Berliner Philharmoniker beteiligt ist. Bereits der Titel Shroud (Leichentuch) verweist auf die innere Haltung und das Ausdrucksspektrum des Stücks. Die beiden Ecksätze Threnody und Lament sind im Gedenken an enge Freunde entstanden, an Milly (Christopher Mills) und an den Freund Dag Jiggens. Über Jiggens sagt Turnage: »Er war mein bester Freund als Teenager und er hat mich mit einer Menge nicht-klassischer Musik bekannt gemacht. […] Nachdem er gestorben war, ist mir klargeworden, dass er einen großen Einfluss auf mein früheres und späteres Leben hatte.« Die drei Mittelsätze widmete Turnage dem Emerson String Quartet, mit dem er gleichsam »aufgewachsen« ist, und dessen Mitgliedern. »Ich liebe ihre Präzision und ihr fabelhaftes Zusammenspiel. Es war mein Traum, ihnen ein Stück zu schreiben.« Shroud wurde am 27. September 2016 in Akron (Ohio) durch die Widmungsträger uraufgeführt. »Sehr langsam, intensiv und ausdrucksvoll« – so lautet die Spielanweisung für den Kopfsatz. Er beginnt fortissimo und im Einklang, schreitet dann in kleinen Tonschritten weiter und verstummt nach 13 Takten in einer Generalpause. Es folgen schnellere Passagen, doch das Ausdrucksspektrum bewegt sich, auch in den drei Intermezzi mit ihren Frage- und Antwortfiguren, zwischen Trauer und Schmerz, wohl mitunter auch Zorn. Eine Haltung, die in dem sich gegen das »Schicksal« aufbäumenden (Trauer)-Marsch des Mittelsatzes übernommen und im Finale – besonders in den letzten Takten – noch einmal intensiv aufgegriffen wird. Auch in Shroud ist, wie Anthony Burton feststellt, die für Turnage »unverkennbare Mischung aggressiver und lyrischer Qualitäten« zu finden.

Peter Tschaikowsky, der Meister der Musik

In einem Brief vom 18. Mai 1890 formuliert der damals 50-jährige Peter Tschaikowsky sein künstlerisches Credo: »Seit der Zeit, da ich zu schreiben begann, habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, dasselbe in meinem Fach zu sein, was die größten Meister der Musik gewesen sind: Mozart, Beethoven, Schubert usw. – das heißt nicht, ebenso groß zu sein wie sie, sondern nach Art der Schuster zu arbeiten, […] (sie) haben ihre unsterblichen Werke gerade so geschaffen, wie ein Schuster Stiefel zu machen pflegt, das heißt täglich arbeitend und größtenteils auf Bestellung. Im Resultat ergab sich Kolossales.« Eben genau dieses »Kolossale« gelingt Tschaikowsky. Mit seinen drei Streichquartetten D-Dur op. 11 (1871), F-Dur op. 22 (1874) und es-Moll op. 30 (1876) ist er nicht nur der Vater des russischen Streichquartetts, sondern überhaupt der Begründer der russischen Kammermusik. Denn vor ihm hatten sich nur zwei ältere Kollegen mit der Gattung auseinandergesetzt: der erst vor kurzem wiederentdeckte Alexander Aljabjew (1787 – 1851) und Michael Glinka (1804 – 1857), dessen zwei Streichquartette Tschaikowsky möglicherweise gekannt hat. Ungewöhnlich für einen russischen Komponisten war die Beschäftigung mit Kammermusik ohnehin, denn damals beherrschten ausschließlich vier Gattungen das russische Musikleben, das sich vor allem auf die beiden Metropolen St. Petersburg und Moskau konzentrierte. In den Salons »regierten« die Klaviermusik und die überaus beliebten Romanzen (das russische Pendant zum deutschen Klavierlied), in der Öffentlichkeit die Oper und die Orchestermusik einschließlich des Solokonzerts. Von Kammermusik keine Spur – bis Tschaikowsky 1863 erste Werke in kammermusikalischer Besetzung vorlegt.

Damals hatte der komponierende Jurist gerade seine Tätigkeit im Justizministerium aufgegeben. Ein Jahr zuvor finden wir bereits seinen Namen unter den ersten Studenten, die sich in die Matrikel des neugegründeten St. Petersburger Konservatorium eingeschrieben hatten. Nach Beendigung des Musikstudiums übernimmt Tschaikowsky von 1866 an eine Lehrtätigkeit am ebenfalls neugegründeten Moskauer Konservatorium. Hier beginnt seine intensive Auseinandersetzung mit der kammermusikalischen »Königsgattung«, dem Streichquartett. À la mémoire de F. Laub ist die Nr 3 es-Moll op. 30 überschrieben. Ferdinand Laub (1832 – 1875), der brillante Geiger, Dirigent und Komponist, war ebenfalls als Lehrer am Moskauer Konservatorium tätig gewesen. Hier hatte er als Primarius eine Streichquartettformation gegründet, die sich intensiv Beethovens späten Quartetten widmete. Angeregt durch Laub, setzte sich jetzt auch Tschaikowsky mit der klassischen Literatur für diese Gattung auseinander. In seinem es-Moll-Quartett, entstanden ein Jahr nach Laubs Tod, musste er diesen Weg nun allerdings alleine gehen. Doch inzwischen war auch er zum »Meister der Musik« herangereift. Selbstbewusst legt er seinem Opus 30 eine ungewöhnliche Form zugrunde: Im Verhältnis zu den anderen drei Sätzen kommt das Schwergewicht dem Kopfsatz zu. Es ist ein bereits ins Symphonische drängender Klagegesang. Dolce – zart – wird das Thema angestimmt. Dann aber bestimmt eine ganz andere Kraft die Durchführung, erklingen energische und kämpferische Töne. Der eigentliche Trauermarsch besteht nach einem kurzen Scherzando im erschütternden dritten Satz, einem berührenden Lamento, voller Tränen und Seufzer. Danach gibt es jedoch einen Schluss-Satz in jubelnden Es-Dur – ganz im Sinne von Beethovens »durch Nacht zum Licht«.

Ingeborg Allihn

Biografie

Das Emerson String Quartet – Eugene Drucker (Violine), Philip Setzer (Violine), Lawrence Dutton (Viola) und Paul Watkins (Violoncello), der mit dem Ende der Konzertsaison 2012/2013 die Position des Cellisten David Finckel einnahm – ist eines der international führenden Kammermusikensembles, das regelmäßig in den bedeutendsten Konzertsälen, in bekannten Kammermusikreihen und bei renommierten Festivals zu Gast ist. Es wurde 1976 gegründet und benannte sich nach dem großen amerikanischen Poeten und Philosophen Ralph Waldo Emerson. Das Quartett, dessen Geiger sich als Primarius abwechseln, kann auf eine beeindruckende Liste von Erfolgen zurückblicken, beispielsweise die wiederholte Auszeichnung mit »Grammy«-Awards – unter anderem für die Einspielungen der Quartettzyklen von Bartók, Beethoven, Mendelssohn und Schostakowitsch. Im Januar 2010 erhielt zudem das Album Intimate Letters mit den beiden Quartetten Janáčeks und den Drei Madrigalen für Violine und Viola von Bohuslav Martinů einen »Grammy«. Im Herbst 2002 wurde das Emerson String Quartet zum Quartet in Residence der Stony Brook University berufen, um dort Kammermusik zu unterrichten; 2004 erhielt es zum 18. Mal den begehrten Avery-Fisher-Preis. Das Ensembles, das in dieser Spielzeit das 40. Jubiläum seines Bestehens feiert, arbeitet mit renommierten Künstlern wie Emmanuel Ax, Maurizio Pollini, Menahem Pressler, dem Guarneri String Quartet, Renée Fleming, Thomas Hampson, Lynn Harrell und David Shifrin zusammen. Das mit bedeutenden Preisen wie mit dem Richard J. Bogomolny National Service Award geehrte Quartett unterstützt mit Hilfe von Benefizkonzerten Projekte gegen Aids und Hunger sowie gegen Diabetes bei Kindern und Jugendlichen. In den philharmonischen Konzerten gab das Emerson String Quartet im Dezember 2006 sein Debüt; zuletzt war es in einer Veranstaltung der Stiftung im Mai 2012 mit Werken von Beethoven, Rihm, Barber und Dvořák zu erleben.

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