Kammermusik

Hommage an John Lennon und Esbjörn Svensson

Dieser Abend ist zwei genialen, aber sehr gegensätzlichen Musikerpersönlichkeiten gewidmet: John Lennon, dem Sänger, Songwriter, Gitarristen sowie Mitbegründer der Beatles, und dem 2008 verstorbenen schwedischen Jazzpianisten Esbjörn Svensson, dessen Esbjörn Svensson Trio mit zu den erfolgreichsten europäischen Jazzformationen gehörte. Die Künstler des Konzerts, allen voran Viktoria Tolstoy, Iiro Rantala und Ulf Wakenius, sind selbst Ausnahmemusiker, die unter dem Motto »Lost Heroes« ihre Bewunderung für Lennon und Svensson musikalisch zum Ausdruck bringen.

Iiro Rantala Klavier

Ulf Wakenius Gitarre

Lars Danielsson Kontrabass

Morten Lund Schlagzeug

Viktoria Tolstoy Gesang

Lost Heroes – Tribute to John Lennon & Esbjörn Svensson

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Karten

Programm

John Lennon war Musiker, Komponist, Autor und Friedensaktivist, weltweit berühmt als Mitgründer, Sänger und Gitarrist der Beatles, für die er neben Paul McCartney die meisten Stücke schrieb. Der schwedische Jazzpianist Esbjörn Svensson, dessen Name in einem Atemzug mit Keith Jarrett und Oscar Peterson genannt wurde, war Mitbegründer des Esbjörn Svensson Trios, einer der erfolgreichsten europäischen Jazzformationen, die bis zum frühen Unfalltod von Svensson im Jahr 2008 bestand.

Unter dem Motto Lost Heroes ist den beiden Ausnahmemusikern dieser philharmonische Jazzabend gewidmet, bei dem sich der finnische Pianist Iiro Rantala, ein »Naturereignis an den Tasten« (Jazzthing) die Ehre gibt: »Iiro Rantala«, so der US-amerikanische Jazzmusiker Gil Goldstein, »ist eine pianistische Sensation und der stärkste mir bekannte Grund, an Reinkarnation zu glauben: Weil seine Technik wie sein musikalischer Sensus aus Tiefen spricht, die unmöglich in einem Leben alleine ergründet sein können.«

Neben Rantala wird auch die schwedische Jazzsängerin Viktoria Tolstoy erwartet (die Ur-Ur-Enkelin des legendären russischen Nationaldichters Leo Tolstoi), sowie der Gitarrist Ulf Wakenius, der knapp elf Jahre lang im Quartett von Oscar Peterson spielte. Der schwedische Cellist und Bassist Lars Danielsson, der an der Seite von internationalen Stars wie Michael Brecker und Randy Brecker und John Scofield zu erleben war, kümmert sich um das nötige Klangfundament, während der dänische Drummer Morten Lund für rhythmischen Drive und ausgeklügelte Schlagzeugsoli sorgen wird.

Über die Musik

Lost Heroes

A Tribute to John Lennon and Esbjörn Svensson

Kaum älter als ein Jahrhundert, ist der Jazz schon von seinen Ursprüngen her eine hybride Musikgattung, die seit jeher Vorläufer aufgegriffen und umgeformt hat. Seine frühen Formen entstammen direkt der europäischen Musik, dem Blues und afrokaribischen Einflüssen. Auch der klassische Jazz der 1920er- und 1930er-Jahre war sich nie zu schade, geeignetes Material bis hin zur »Gebrauchsmusik« der Tin Pan Alley zu nutzen. Das »Great American Songbook« ist so entstanden, und in der Blüte des Modern Jazz war es geradezu Pflicht, sich diese »Standards« anzueignen und persönliche Versionen davon zu erschaffen. Heute sind so gut wie alle Grenzen gefallen. Von der Klassik über die Volksmusiken der Welt bis zum Pop – Jazzmusiker arbeiten mit allem, was ihnen für ihre Klangideen nützlich erscheint. Und leisten dabei immer öfter ihren Tribut an »Lost Heroes«, an große Vorgänger und Vorbilder. Zwei Legenden der Musikgeschichte, eine des Pop und eine des Jazz, stehen nun auch Pate für dieses Konzert der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic.

Der Revolutionär des Pop – John Lennon

Da ist zum einen John Lennon. Ein naheliegender Adressat für eine Hommage, wäre der Sänger, Gitarrist und Komponist zahlloser unsterblicher Songs doch fast auf den Konzerttag genau, nämlich am 9. Oktober 2015, 75 Jahre alt geworden. Als intellektuelle Frontfigur der »Fab Four« und als genialer Komponist, der zusammen mit Paul McCartney die meisten unvergänglichen Songs der Beatles schrieb, ist Lennon früh unsterblich geworden. Darauf hatte wenig hingedeutet wie er in Liverpool als Sohn eines Matrosen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs geboren wurde – als zweiten Vornamen erhielt er deshalb »Winston« nach dem britischen Kriegspremier Winston Churchill. Lennon wuchs nach der frühen Trennung seiner Eltern bei einer Tante auf. Erst als Teenager baute er – der bereits auf der Mundharmonika musikalisches, mit satirischen und sprachspielerischen Gedichten auch schriftstellerisches Talent erkennen ließ – eine intensive Beziehung zu seiner Mutter Julia auf, die ihm das Banjo-Spiel beibrachte und ihn für den frühen Pop etwa eines Buddy Holly begeisterte. Ihr tödlicher Autounfall 1958 setzte dieser wiedergefundenen Liebe ein jähes Ende, nicht der einzige Verlust enger Bezugspersonen, wie er Lennon immer wieder erschüttern sollte.

Von ihr blieb Lennons Wunsch, ein Rock’n’Roller zu werden. Noch auf der Quarry Bank High School gründete er mit 16 die Skiffleband The Quarrymen, die Klassiker von Buddy Holly, Little Richard oder Gene Vincent spielte. Ein Freund brachte 1957 den noch jüngeren Paul McCartney mit zu einem Auftritt, und nach dem ersten Kennenlernen nahm ihn Lennon sofort in die Band auf. Ein halbes Jahr später kam auch McCartneys Schulfreund George Harrison dazu. Lennon studierte parallel zur Musik an der Liverpooler Kunsthochschule, bis die nun erst in The Silver Beetles, dann zu The Beatles umbenannten Band von 1960 bis 1962 mehrere Engagements in Hamburg bekam, im Indra, im Kaiserkeller, im Top Ten Club und im damals schon legendären Star Club, wo die Beatles zusammen mit Tony Sheridan ihre ersten Aufnahmen machten. Er sei in Hamburg, nicht in Liverpool erwachsen geworden, hat Lennon später gesagt, doch auch in seiner Heimatstadt hatten die Beatles bereits 1961 umjubelte Auftritte im Cavern Club, und dank ihres neuen Managers Brian Epstein und ihres Produzenten George Martin bekamen sie bei Parlophone ihren ersten Plattenvertrag. Auf Martins Wunsch ersetzte Ringo Starr den bisherigen Schlagzeuger Pete Best; so war die endgültige Formation der Beatles gefunden.

Mit der ersten Single »Love Me Do« im September 1962 begann der bislang ungekannte Aufstieg einer Pop-Band zum fast hysterisch verehrten Kultobjekt ihrer Generation: »Beatlemania« schwappte von Europa nach USA über und erreichte schließlich die ganze Welt. Binnen sieben Jahren wurden die Beatles mit zwölf Studioalben, fünf Filmen (von A Hard Days Night bis zum innovativen Zeichentrickfilm Yellow Submarine) und diversen Tourneen zur mit Abstand erfolgreichsten Gruppe ihrer Zeit. Bemerkenswerter als der pure Erfolg war aber die musikalische Entwicklung. Getrieben von Lennons rastloser Neugier und seinen Ambitionen als ernsthafter Songwriter suchten und fanden die Beatles viele neue Wege, von außergewöhnlichen Instrumentierungen und (von einem Indien-Aufenthalt und Drogenexperimenten inspirierten) psychedelischen Elementen über den Einsatz eines Symphonieorchesters bis zu neuer, aufwendiger Studiotechnik. Kurz: Die Beatles revolutionierten die Popmusik, sie wurden zu Wegbereitern eines ganzen Genres und Vorbildern für unzählige Nachfolger.

Der Preis für das mörderische Arbeitspensum war eine wachsende Entfremdung speziell zwischen John Lennon und Paul McCartney, zu der nicht zuletzt Differenzen mit ihren neuen Partnerinnen gehörten. Lennon hatte schon 1966 die japanische Avantgarde-Künstlerin Yoko Ono kennengelernt, sie 1969 geheiratet, mit ihr zwei Alben unter dem Titel Unfinished Music No. 1 und No. 2 aufgenommen und die Plastic Ono Band gegründet, noch bevor sich die Beatles im April 1970 offiziell auflösten. Mit Yoko Ono wandte sich Lennon nun konsequent der Friedensbewegung zu. Mit »All You Need is Love« hatte er bereits eine der Hymnen des »Summer of Love« 1967 (aus dem die 68er-Bewegung mit hervorging) geschrieben, nun veranstalteten die beiden radikale Happenings von »Bed-Ins« bis zur Ausrufung des fiktiven Staates »Nutopia« für die Antikriegs- wie die Feminismus-Bewegung. Mit dem in diesem Geist stehenden zweiten Soloalbum Imagine war Lennons Solo-Karriere kaum weniger erfolgreich als mit den Beatles. Bis auf eine 15-monatige Trennungsphase von Yoko Ono, während der er in Los Angeles wohnte, lebte Lennon im New Yorker Dakota-Gebäude. Er arbeitete mit Elton John, ein letztes Mal mit Paul McCartney und David Bowie, bis er sich zurückzog, um sich um seinen 1975 geborenen zweiten Sohn Sean zu kümmern. Mit den beiden kurz zuvor aufgenommenen Alben Double Fantasy und Milk and Honey war er zum Comeback bereit, als er am 8. Dezember 1980 vor seinem Hauseingang von einem geistig Verwirrten erschossen wurde. Sein Tod löste nicht nur Entsetzen, sondern auch eine neue »Beatlemania« aus; Lennons Leben und Werk hat – auch dank der nicht immer unumstrittenen Pflege seines Vermächtnisses durch Yoko Ono – postum noch mehr Anerkennung und Ehrungen erfahren als zu seinen Lebzeiten.

Ein finnischer Working Class Hero – Iiro Rantala

Früh hat Lennons Musik auch den 1970 geborenen finnischen Pianisten Iiro Rantala geprägt: »Ich habe Lennon schon gehört, bevor ich irgendetwas von Jazz wusste«, berichtet er. »›Happy X-Mas‹ war meine erste Begegnung mit seiner Musik, ich sang es mit dem Chor unserer Musikklasse bei der Schulweihnacht 1983. Schon damals verschlug es mir den Atem. Wie konnte dieser Kerl etwas so Einfaches und gleichzeitig so Kraftvolles schreiben? Genauso ging es mir bei Imagine.« Später fand Rantala eine mögliche Erklärung dafür: »Vielleicht liebe ich John Lennons Songs so, weil ich auch aus einer echten Arbeiterfamilie stamme. Meine Eltern betrieben ein Fahrradgeschäft in Helsinki, da wuchs ich auf.« Die Herkunft ist eine Verbindung, die andere natürlich die Karriere als Musiker, auch wenn sie bei Rantala klassisch begann: Er wurde schon als Kind Mitglied des berühmten Knabenchors Cantores Minores, mit dem er auch im Ausland Auftritte hatte. Es folgte eine klassische Klavierausbildung, der der vielseitig Interessierte ein Studium an der Manhattan School of Music folgen ließ. Doch zum reinen Jazzmusiker wurde Rantala dort nicht, er ist bis heute ein stiloffener Interpret seiner eigenen Klangwelten geblieben. Und damit zu einem der führenden europäischen Pianisten geworden. Das demonstrierte er in den 18 Jahren, in denen er mit dem Trio Töykeät als burlesker Piano-Spaßvogel, energiegeladener Tastenlöwe oder auch anschlagszaubernder Romantiker sowohl alle Möglichkeiten seines Spiels wie auch dieser Besetzung auslotete. Er bewies es von 2011 an mit seinen Tradition und Innovation verbindenden ACT-Alben unter eigenem Namen und war folgerichtig an der Seite von Michael Wollny und Leszek Możdżer beim ersten Jazz at Berlin Philharmonic-Konzert zu finden. Und er stellt es aktuell eben mit My Working Class Hero unter Beweis, der solistischen Begegnung mit seinem Seelenverwandten John Lennon.

So beginnt dieser Jazz at Berlin Philharmonic-Abend mit zwei hinreißenden Solo-Stücken: Zunächst wird Rantala aus minimalistischen Akkordclustern das unverwechselbare Thema der Lennon/McCartney-Komposition »Norwegian Woods« herausschälen, die Melodie zum Tanzen bringen und bis zur Hymne steigern, sie abklopfen, mit Grieg-Zitaten und Jazz-Phrasen erweitern. Dann wird er von der minimalistischen und melancholischen Invokation bis zum rhythmisch verschärften, emphatischen Powerplay die ungebrochene Kraft von »Woman«, dem 1981 erschienenen Standard aus Lennons Nachlass, in den Kammermusiksaal der Philharmonie schicken. Auch hier gilt, was Rantala über die Aktualität von Lennons Musik sagt: »Das Schlüsselwort heißt Ehrlichkeit. John Lennon glaubte an die Dinge, von denen er sang. Daran, dass die Menschen in Frieden auf diesem wunderbaren Planeten leben. Leider sind wir von dieser Utopie weit entfernt. Deshalb wecken seine Songs in heutigen Generationen dieselben Emotionen, wie in mir, damals, in den 80ern bei meiner Schulaufführung.«

Freilich wird Iiro Rantala in Berlin nicht einfach sein aktuelles Lennon-Programm spielen. Jeder Jazz at Berlin Philharmonic-Abend soll ja nach dem Credo des Kurators Siggi Loch ein einmaliges Konzertereignis sein und neue, überraschende Begegnungen stiften. Deshalb macht sich dieser Abend zunutze, dass Rantala seit langem ein besonderes Händchen für musikalische Heldenverehrung bewiesen hat. Schon auf seinem ACT-Debüt Lost Heroes 2011, dem bislang erfolgreichsten Album seiner Karriere, aber auch mit der folgenden CD My History of Jazz zollte er seinen persönlichen musikalischen Helden Tribut, von Johann Sebastian Bach und Jean Sibelius über Bill Evans und Thelonious Monk bis zu Erroll Garner und Michel Petrucciani. Darunter befand sich auch ein schwedischer Freund und Pianisten-Kollege, der bis zu seinem viel zu frühen Tod den Jazz neu inspiriert und beeinflusst hat wie kaum ein anderer: Esbjörn Svensson. Er ist der zweite »verlorene Held«, an den diese Ausgabe von Jazz at Berlin Philharmonic erinnern will, beginnend mit »Tears for Esbjörn«, dem berührenden Solo, mit dem Rantala auf seinem Lost Heroes-Album den großen Kollegen würdigte.

Der Popstar des Jazz – Esbjörn Svensson

»Wir sind eine Rockband, die Jazz spielt«, hat Esbjörn Svensson einmal über sein e.s.t.-Trio mit dem Bassisten Dan Berglund und dem Schlagzeuger (und Schulfreund) Magnus Öström gesagt. Es ist fast folgerichtig, dass er damit Ende der 1990er-Jahre zum Popstar des Jazz aufstieg. Dabei hatte auch der 1964 im schwedischen Västeras geborene Esbjörn Svensson wie Iiro Rantala einen klassischen Hintergrund: Seine Mutter war Konzertpianistin, sein Großonkel der Pianist und Sänger Gunnar Svensson. Immerhin war sein Vater jazzbegeistert, auch diese Musik also im Elternhaus präsent. Doch nach jugendlichen Bandexperimenten mit Pop und Rock’n’Roll studierte Svensson an der Königlichen Musikhochschule in Stockholm zunächst vor allem klassisches Piano und Komposition. Schließlich brachten ihn mehrere Lehrer, vor allem Bengt-Arne Wallin doch zum Jazz. Von 1985 an arbeitete er in der schwedischen und dänischen Jazzszene als Sideman, unter anderem in der Fredrik Norén Band und im Quintett von Lina Nyberg. 1990 gründete er sein eigenes Trio, aus dem 1993 e.s.t. hervorging. Mit Esbjörn Svensson Trio plays Monk und Winter in Venice machte sich das Trio in Skandinavien einen Namen, mit dem ersten ACT-Album From Gagarin’s Point of View kam der internationale Durchbruch. Alle folgenden Alben, von Good Morning Susie Soho und Strange Place for Snow bis zu Tuesday Wonderland verdichteten den unverwechselbaren Bandsound, waren nach Jazz-Maßstäben riesige Verkaufserfolge und gewannen zahlreiche Preise. Das Trio tourte im Vorprogramm von Sting und erreichte selbst Besucherzahlen, die man sonst nur aus dem Pop kannte. Als erster europäischer Band überhaupt widmete ihm das legendäre amerikanische Jazz-Magazin Down Beat eine Titelgeschichte. Der tragische und tödliche Tauchunfall von Esbjörn Svensson am 14. Juni 2008 beendete die Ära e.s.t. vorzeitig. Das postum erschienene, auf der Australien-Tour 2007 als reine Studio-Improvisation aufgenommene Album Leucocyte zeigt, welche Weiterentwicklung in Richtung Improvisation und Klangerweiterung noch geplant war und möglich gewesen wäre …

Aus heutiger Sicht gehört Esbjörn Svensson mit e.s.t. in vielerlei Hinsicht zu den Pionieren des aktuellen Jazz, in gewisser Weise darf man ihn den John Lennon des Jazz nennen. Er war der Prototyp des jungen europäischen Jazzmusikers, der sich nicht für Genregrenzen interessiert und Elemente aus Klassik, Jazz und Pop zu einem eigenen Stil verbindet – alle Musiker dieses Jazz at Berlin Philharmonic-Konzerts stehen in dieser Beziehung in seinen Fußstapfen. Völlig neu im Jazz war auch die fast ausschließliche Konzentration auf ein Projekt, eben e.s.t., das außerdem personell unverändert blieb. Musikalisch prägte Svenssons Klangsprache mit dynamisch variierten, einfachen Motiven, die eine bis dato unbekannte Sogwirkung erzeugten, und sein Verzicht auf »technisches« Spiel zugunsten des Gruppenklangs bis heute den Weg zahlloser Jazzformationen. Und schließlich war Svensson als Komponist ein Meister der wirkungsvollen und eingängigen Melodien, die trotzdem als Plattform für komplexe Improvisationen und Soli taugen. Ein Stück wie »Believe, Beleft, Below« (in der Gesangsversion als »Love is Real« bekannt) wird für immer Teil eines »Great European Songbook« sein.

Esbjörns Stimme – Viktoria Tolstoy

Wenn man an den großen Songwriter Esbjörn Svensson erinnern will, darf Viktoria Tolstoy nicht fehlen. Man kann die 1974 nahe Stockholm als Ur-Ur-Enkelin des russischen Nationalliteraten Leo Tolstoy geborene Sängerin mit Fug und Recht die Stimme Esbjörns nennen. Neben Nils Landgren war sie die einzige, für die Svensson das Diktum brach, sich ganz auf e.s.t. zu konzentrieren. Nachdem die Tochter eines Jazzmusikers sich blutjung und autodidaktisch in den Stockholmer Clubs einen Namen gemacht und mit dem Pop-Album För Älskad die schwedischen Charts gestürmt hatte, nahm er die 22-Jährige 1997 für ihr Debüt White Russian beim legendären amerikanischen Label Blue Note unter seine Fittiche: Er selbst schrieb zusammen mit Tolstoy die melodiösen Pop-Jazz-Songs und produzierte das Album; e.s.t. wurde das Begleittrio des Projekts und ging mit ihr auch auf ihre erste große Tour durch Deutschland. Und noch für ihr ACT-Debüt Shining on You 2004 schrieb und arrangierte Svensson alle Stücke und übernahm für die Aufnahme unter dem Pseudonym Bror Falk den Klavierpart.

Schon bei der musikalischen Gedenkfeier für Esbjörn Svensson in Stockholm am 8. Juli 2008 war Viktoria Tolstoy dabei, und natürlich ist es für die Sängerin, die sich mit Konzeptalben wie Pictures of Me (mit Interpretationen von Paul Simon bis Stevie Wonder), My Russian Soul (mit einem Kaleidoskop russischer Musik als Wiederaneignung ihrer familiären Wurzeln) oder Letters to Herbie (einer Hommage an Herbie Hancock) als international wohl bekannteste »typisch schwedische« Jazz-Stimme etabliert hat, fast schon Pflicht, auch bei Jazz at Berlin Philharmonic des ihr so nahestehenden »Lost Hero« zu gedenken. Dies mit drei von Svensson geschriebenen Meilensteinen ihres Repertoires: Mit »Waltz for the Lonely Ones«, mit dem Titeltrack ihres Albums »Shining on You« und natürlich mit dem schon erwähnten »Love is Real«.

Ein skandinavisches All-Star-Trio – Ulf Wakenius, Lars Danielsson und Morten Lund

An der Gitarre trifft Viktoria Tolstoy dabei auf einen alten Bekannten. Ihr Landsmann Ulf Wakenius spielte oft mit ihr, bevor er zum festen Begleiter des koreanisch-französischen Gesangsstars Youn Sun Nah wurde. Für den »Lost Heroes«-Abend bei Jazz at Berlin Philharmonic bringt Wakenius aber noch eine Reihe besonderer Qualifikationen mit. Kaum einer kennt den praktischen Umgang mit Jazzlegenden so gut: Elf Jahre lang, bis zu Oscar Petersons Tod 2007, hatte Wakenius als Mitglied in dessen Quartett die wahrscheinlich prestigeträchtigste Gitarristenstelle im Jazz inne. Auch mit den Bass-Ikonen Niels-Henning Ørsted Pedersen und Ray Brown arbeitete er bis zu ihrem Tod zusammen. Als einer der größten Gitarrenvirtuosen spielte er trotzdem immer auch aufs Wesentliche reduzierte, lyrische und an den Pop angelehnte Stücke. Vor allem aber hat Wakenius als großer Bewunderer seines Landsmanns Esbjörn Svensson 2008 als erster ein komplettes Hommage-Album mit dessen Musik eingespielt – natürlich heißt es Love is Real.

Während sowohl Viktoria Tolstoy wie auch Ulf Wakenius zum ersten Mal vor Publikum zusammen mit Iiro Rantala spielen, waren Lars Danielsson und Morten Lund bereits bei My History of Jazz Rantalas Begleiter und sind auch mit allen anderen Beteiligten des heutigen Konzerts künstlerisch verbunden. Den aus Göteborg stammenden, 1958 geborenen Lars Danielsson muss man Jazz at Berlin Philharmonic-Stammgästen kaum mehr vorstellen. Zuletzt war er mit Leszek Możdżer im Berliner Kammermusiksaal zu Gast. Doch diese herausragende Gestalt unter den europäischen Jazz-Bassisten und -Cellisten hat nicht nur mit allen bedeutenden Landsleuten und internationalen Stars wie den Garristen John Abercrombie und John Scofield, den Pianisten Bobo Stensson, den Schlagzeugern Terri Lyne Carrington und Billy Hart oder den Saxofonisten Johannes Enders und Charles Lloyd sowie dem Trompeter Kenny Wheeler zusammengearbeitet, sondern auch mit allen Mitwirkenden dieses Abends. Diesmal sorgt er erst im Duo mit Iiro Rantala bei dessen programmatischer und titelgebender Lennon-Ode »Working Class Hero« und schließlich in wechselnden Besetzungen bei allen Svensson-Stücken für die konkurrenzlos sensiblen und zugleich sonoren Tieftöne – vom nur von Gitarre, Bass und Schlagzeug interpretierten »Seven Days of Falling«, einer der dramatischsten Kompositionen Svenssons, bis zum finalen »Dodge the Dodo«, dem vielleicht bekanntesten, in den Konzerten fast zur Erkennungsmelodie gewordenen e.s.t.-Stück.

Wenn das Konzert nach den ersten Solo-, Duo- und Trio-Stücken richtig Fahrt aufnimmt, ist schließlich ein Jazz at Berlin Philharmonic-Debütant besonders gefordert: der Schlagzeuger Morten Lund. Der 43-jährige Däne aus Viborg, aus einer Musikerfamilie stammend und bereits mit 15 professionell unterwegs, ist eine hierzulande noch nicht ausreichend gewürdigte Größe des skandinavischen Jazz. Dabei war er bislang an gut 60 Aufnahmen beteiligt; mit internationalen Stars wie Enrico Rava, Stefano Bollani oder Doug Raney, mit fast allen herausragenden Vertretern des Nordens und zuletzt mit vielen Mitgliedern der ACT-Künstlerfamilie wie Jan Lundgren, Cæcilie Norby, Adam Bałdych oder eben Iiro Rantala. Seine Erfahrung und Vielseitigkeit macht ihn zum idealen Interpreten des e.s.t.-Parts von Magnus Öström, der ja in seine Jazz-Rhythmik viele andere Elemente bis hin zum Progressive Rock einband.

So erwarten den Besucher von Jazz at Berlin Philharmonic erneut spannende, offene, wagemutige Begegnungen. Mit sieben prägenden Figuren der Musikgeschichte des ausgehenden 20. und des jungen 21. Jahrhunderts; mit lebenden und toten; mit Großmeistern in der Kunst, Klassik, Jazz und Pop zu entgrenzen und in ihre eigene Musik zu verwandeln.

Oliver Hochkeppel