Education

Kinderoper mit Simon Rattle und den Vokalhelden

Wenn Kobolde einem einen Wunsch erfüllen, kann das böse enden. Das muss der Fiedler Gavin erfahren, Held der auf einer alten Legende basierenden Kinderoper Die beiden Musikanten von Sir Peter Maxwell Davies. Mitwirkende dieser Aufführung sind – neben Musikern der Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle – jugendliche Instrumentalisten und der Vokalhelden-Projektchor. Die Aufführung wird kostenlos in der Digital Concert Hall übertragen.

Sir Simon Rattle Künstlerische Leitung

Simon Halsey Künstlerische Leitung Chöre

Florian Hoffmann Sturm

Günter Papendell Gavin

Iwona Sobotka Königin

Konrad Jarnot König

Joaquín Riquelme García Landstreicher

Vokalhelden Level 2 Trolle

Berliner Community Chor Dorfbewohner

Raphael Haeger Einstudierung Orchester

Berliner Philharmoniker und Schüler

Tobias Walenciak Einstudierung Chöre

Ela Baumann Regie

Christophe Linéré Kostüme

Mário Melo Costa Videodesign

Peter Maxwell Davies

Die beiden Musikanten, Kinderoper in zwei Akten, Libretto vom Komponisten nach einer Kurzgeschichte von George Mackay Brown

Sir Simon Rattle Künstlerische Leitung, Simon Halsey Künstlerische Leitung Chöre, Florian Hoffmann Sturm, Günter Papendell Gavin, Iwona Sobotka Königin, Konrad Jarnot König, Joaquín Riquelme García Landstreicher, Vokalhelden Level 2 Trolle, Berliner Community Chor Dorfbewohner, Raphael Haeger Einstudierung Orchester, Berliner Philharmoniker und Schüler , Tobias Walenciak Einstudierung Chöre, Ela Baumann Regie, Christophe Linéré Kostüme, Mário Melo Costa Videodesign

Empfohlen für Kinder und Jugendliche ab 8 Jahren

Termine und Karten

Sa, 18. Jun 2016, 11:00 Uhr

Philharmonie

So, 19. Jun 2016, 16:00 Uhr

Philharmonie

Live in der Digital Concert Hall zur Übertragung

Programm

Peter Maxwells Davies’ Kinderoper Die beiden Musikanten basiert auf einer alten Legende der Orkney-Inseln und enthält eine höchst moderne Moral: Zwei Fiedler, Gavin und Storm, geraten auf der Heimkehr von einer Hochzeitsfeier in die Fänge von Kobolden. Gavin kann entkommen, doch Storm wird in die Tiefen der Unterwelt hinabgezogen und muss dort für die Trolle spielen. Als Dank wollen die Kobolde dem Fiedler einen Wunsch erfüllen. Storm wünscht sich, dass seine Mitbürger von jetzt an nie mehr arbeiten müssen. Ein im Grunde genommen edles Ansinnen – doch es hat seine Tücken!

Als der Geiger wieder zu den Menschen zurückkehrt, entdeckt er, dass er viel länger in der Koboldwelt geblieben ist als gedacht: Was ihm wie eine einzige Nacht erschien, waren 21 Jahre. Bei der Wiedersehensfeier mit seinem Freund Gavin, der es mittlerweile zu einer Familie und Reichtum gebracht hat, sieht Storm die fatalen Folgen seines zwiespältigen Wunsches: Die Menschen sind träge geworden. Sie sitzen vor dem Fernseher, hören Popmusik und wissen nichts mit sich anzufangen. Der Fiedler stimmt eine neue Melodie an, um den Zauber zu brechen und den Leuten ihre Schaffenskraft wiederzugeben. Zum guten Ende wird unter fröhlichen Festklängen der Haggis, ein traditionelles Innereiengericht, hereingebracht.

Das Chorprojekt des Education-Programms der Berliner Philharmoniker vereint Profimusiker und Laien: Unter der Leitung von Sir Simon Rattle wirken neben Musikern des Orchesters auch jugendliche Instrumentalisten und der aus Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen bestehende Vokalhelden-Projektchor mit. Die Einstudierung des Chors übernimmt Simon Halsey.

Über die Musik

Eine Volkssage von den Orkney-Inseln

Die beiden Musikanten von Peter Maxwell Davies.

Wasser und Stein. Die Orkney-Inseln, direkt über der Nordspitze des schottischen Festlands. Hier treffen sich die azurblauen Gewässer der Nordsee und des Atlantiks. Fast kunstvoll schleifen sie große und kleine Inseln aus dem weichen roten Sandstein heraus; sie sind bedeckt mit einem Teppich aus saftigem Grün. In dieser magischen Gegend findet man Überreste von Besiedlungen aus der Jungsteinzeit, wie den Ring of Brodgar und die Stones of Stenness. Nicht weniger beeindruckend ist das Erbe der Wikinger und später das der Norweger, die hier Paläste und Kathedralen hinterlassen haben, wie zum Beispiel den Bishops Palace oder die St. Magnus Cathedral. Der »old red sandstone«, der alte rote Sandstein, verleiht den Orkneys eine ganz einzigartige Farbgebung, die ein wenig zwischen Rot und Ocker schwankt. Das sieht man nicht nur an der Küste, wo der Fels unter der grünen Decke von Gras und Heide hervortritt, sondern auch an den Gebäuden und Monumenten, die in fünf Jahrtausenden auf den diversen Inseln errichtet wurden. Da es so gut wie kein Holz auf den Orkneys gibt, wurde der Sandstein auch zum wichtigsten Baumaterial. Heute sind gut 20 der 70 Inseln bewohnt. Fischerei, Landwirtschaft und Whiskybrennerei sind die Haupterwerbsquellen ihrer Bewohner.

In dieser Gegend existieren viele Geschichten aus alten, magischen Zeiten, eine davon haben sich der Komponist Peter Maxwell Davies und der Librettist George Mackay Brown vorgenommen und auf die Bühne gebracht: The Two Fiddlers, bei uns bekannt als Die beiden Musikanten. Davies und Brown war die Geschichte mehr als vertraut, denn sie lebten schon lange auf den Orkneys. Und als schottische Insel-Bewohner, irgendwo an der Peripherie Europas, fernab einer urbanen Kultur und umgeben von tosendem Meer, verfällt man womöglich ab und an dem Gedanken, dass mehr als ein Körnchen Wahrheit in den Geschichten stecken könnte. Gleichzeitig waren sie avancierte Künstler des 20. Jahrhunderts, die einen solchen Stoff mit Leichtigkeit, Witz und Können in die Jetzt-Zeit übertragen konnten.

Peter Maxwell Davies zog Anfang der der 1970er-Jahre auf die Orkneys. Hier fühlte er sich zu Hause. Er bewohnte zunächst auf Hoy, der zweitgrößten Orkney-Insel, einen Bauernhof auf einem Kliff oberhalb des Meeres, und später zog er nach Sanday. »Ich finde es erregend und herrlich, von Sturm und Wetter umgeben zu sein, Wasser aus einer Quelle zu holen, Holz zu hacken und alle die anderen Dinge tun zu müssen, die einem beim komfortablen Leben in der Stadt erspart bleiben.« De facto verbrachte er etwa die Hälfte des Jahres auf den Orkney-Inseln, in der restlichen Zeit lebte »Englands führender Komponist« (The New York Times) oder »Komponist des wichtigsten symphonischen Zyklus seit Schostakowitsch« (The Times) in luxuriösen Hotels, während er auf Konzerttourneen, in Aufnahmestudios und auf Bühnen in aller Welt zu Gast war. 1987 wurde er von der Queen zum Ritter geschlagen und durfte sich fortan Sir Peter nennen, doch er bevorzugte bei Freunden und Kollegen weiterhin das schlichte »Max« aus der Schulzeit. Davies war sehr produktiv und komponierte in einer Vielzahl von Stilrichtungen und Gattungen, oftmals, indem er verschiedene Stile in einem Werk kombinierte. Er fand seine eigene Musiksprache in der Auseinandersetzung mit der musikalischen Avantgarde und der Tradition. Als Komponist machte er sich in seinen frühen Jahren als Gründer und Mitglied der Manchester Group einen Namen. Er und seine Mitstreiter Harrison Birtwistle, Alexander Goehr und John Ogdon fühlten sich der musikalischen Avantgarde verpflichtet, inspiriert durch die Darmstädter Ferienkurse, die sie Mitte der 1950er-Jahre besuchten. Peter Maxwell Davies setze seine Studien bei Goffredo Petrassi in Rom fort. Als er 1959 nach England zurückkehrte, hatte er als Komponist durchaus Aufmerksamkeit erregt und sich den Ruf eines Enfant terrible erworben. Allein mit dieser Anerkennung konnte er seinen Lebensunterhalt jedoch nicht bestreiten und so arbeitete er als Musiklehrer an der Cirencester Grammar School in Gloucestershire. Hier begann er, Stücke zu schreiben, die von Chor und Orchester der Schule aufgeführt werden konnten. Dabei war er sich der Probleme in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen durchaus bewusst. »Beim Komponieren für junge Menschen muss man so ziemlich innerhalb des Rahmens ihres Begriffsvermögens und ihrer technischen Fertigkeiten bleiben», notierte er, «aber man darf keine Kompromisse eingehen oder von einer hohen Warte aus auf sie ›herunterschreiben‹ – Kinder würden eine solche Herablassung durchschauen.«

Davies und den 13 Jahre älteren schottischen Schriftsteller George Mackay Brown verband eine enge Zusammenarbeit. »Für mein Schaffen hat sich der Kontakt mit den auf den Orkneys lebenden Menschen stets als außerordentlich fruchtbar erwiesen. Das kann man insbesondere von George Mackay Brown sagen«, erzählt Davies in einem Interview. »Er redet nicht viel, und wenn man mit ihm spricht, dann geht es mehr um die Qualität des Selbstgebrauten oder des Whiskys oder um die Erörterung von Dingen, die man kaum als tiefschürfend bezeichnen könnte. Aber man spürt, dass man es mit einem starken Intellekt zu tun hat, einem hervorragenden Geist, einem erstrangigen Dichter. Das Erstaunlichste ist seine poetische Sprache.«

1977 gründeten Davies und Brown gemeinsam das St. Magnus Festival in der gleichnamigen Kathedrale in Kirkwall. Kennzeichnend für dieses Event ist der Mix aus Konzerten mit erstklassigen Solisten und Orchestern, Uraufführungen neuer Werke und einer intensiven Beteiligung der Bevölkerung. Zehn Jahre lang war Davies der künstlerische Leiter dieses Festivals und wurde dadurch in seiner Heimat sehr populär. » »Ich möchte den Bewohnern der Orkney-Inseln die klassische Musik näher bringen, für sie schreiben und auch anderen Komponisten, besonders denjenigen aus Schottland, die Gelegenheit geben, Werke für die Menschen dort zu komponieren. Außerdem möchte ich gerne, dass die besten Interpreten der Musikwelt hier Konzerte geben.«

Davies und Brown verfassten gemeinsam zahlreiche Bühnenwerke unterschiedlichster Art, die dort zur Uraufführung kamen. Auch die Kurzoper The Two Fiddlers (Die beiden Musikanten) entstand für dieses Festival, wo sie 1978 ihre Premiere erlebten. Peter Maxwell Davies schrieb es für die Schüler der mit 500 Kindern größten Schule in Kirkwall. Kennzeichnend für seine Arbeit war, dass er ihnen volle Verantwortung für die Darbietung anvertraute. Die Kinder agierten nicht nur auf der Bühne, sondern spielten auch im Orchester gemeinsam mit Profimusikern, wie es auch in der heutigen Aufführung geschieht. Ein Lehrer aus Berufung dagegen war Peter Maxwell Davies nicht, wie er einmal bekannte, seine Kinderliebe kenne durchaus Grenzen. »Kinder mag ich sehr gern, wenn sie arbeiten, beschäftigt sind und etwas Konstruktives machen«, sagte er und fügt hinzu: »Wenn sie Musik machen, sind sie frisch; sie haben keine Ausbildung in klassischer Musik und sind sehr offen. Auch wenn es nicht perfekt ist, gibt es eine Intensität und Freude, von der wir als professionelle Musiker noch etwas lernen können.«

Die Handlung von Die beiden Musikanten basiert auf der Orkney-Version einer alten Volkssage, die aber mit einer »modernen« Moral endet. Die beiden Geiger Gavin und Storm treffen auf Trolle. Während Gavin fliehen kann, folgt Storm den Kobolden und spielt ihnen zum Tanz auf. Als Belohnung für seine musikalischen Dienste wünscht er sich, dass die Menschen nicht mehr arbeiten müssen. Als er aus dem Troll-Hügel wieder auftaucht sind für ihn nur einige Stunden vergangen, in der »richtigen« Welt Gavins jedoch 21 Jahre. Storm erkennt, welche fatalen Folgen sein eigentlich gut gemeinter Wunsch hatte. Die Menschen sind faul und träge geworden. Doch die Kraft der Musik reißt das Ruder noch einmal herum ...

Das folkloristische Moment wird sowohl vom Text als auch von der Musik aufgegriffen. Weite Teile der Musik sind tonal. »Das geht auch nicht anders, wenn man Volksmusik macht. Die Musik der Fiddler basiert auf der schottischen Folklore«, erklärt der Komponist. Gleichwohl verleugnet Davies nicht seinen Anspruch und seine Herangehensweise als einer der führenden Komponisten des 20. Jahrhunderts. So verwendet er Dissonanzen, Atonalität, Akkordcluster sowie perkussive Elemente auf dem Klavier. Die Musik in den meisten Troll-Szenen ist rau, dissonant und sehr rhythmisch. Sie kontrastiert zur klangvollen, tonalen Sphäre der Volkstänze und der Fiddle-Musik. Die Art und Weise, wie er mit dem Aufbau der Spannung und deren Auflösung umgeht, immer ganz eng an Text und Inhalt der Geschichte entlangkomponiert, zeigt seinen meisterhaften Umgang mit satztechnischen und musikdramatischen Verfahren. Um das Wirrwarr von Gavins Lebensweg nachzuzeichnen, arbeitet Davies in der dritten Szene des ersten Akts mit einer Montage. Jedes Instrument des Orchesters beginnt mit einem individuellen Ostinato jeweils zu unterschiedlichen Zeiten und in einem neuen Tempo. Dieses musikalische Wirrwarr illustriert die Handlung, hat aber auch seine eigene Qualität. Andere interessante Effekte erzeugen die gestimmten Brandy-Gläser (auf As und C), die als Schlägel für die Becken verwendeten Stricknadeln oder das mit Seifenhaltern gespielte Tamtam. Insgesamt ist die Orchester-Besetzung so angelegt, dass Profis gemeinsam mit Kindern musizieren. Eine der großen Kompetenzen von Peter Maxwell Davies war es vielleicht, stilsicher und ohne künstlerische Kompromisse so zu komponieren, dass seine Werke von Berufsmusikern und Amateuren, Erwachsenen und Kindern überall gerne gespielt wird; sei es auf den abgelegenen Orkneys oder mitten in Berlin. – Peter Maxwell Davies starb am 14. März 2016 im Alter von 81 Jahren in seiner Heimatstadt Sanday auf den Orkney-Inseln.

Die Handlung

Erster Akt

Mittsommernacht: Die beiden Geiger Storm und Gavin sind auf dem Heimweg von einer Hochzeit, wo sie zum Tanz aufgespielt haben. Als sie in die Nähe des Troll-Hügels kommen, werden sie von einem Schaf, einer Kuh und einer Eule erschreckt. Oder waren es vielleicht Trolle? Um die Furcht zu vertreiben spielen sie auf ihren Geigen. Doch plötzlich erscheinen die Trolle tatsächlich. Gavin gelingt es zu fliehen, während Storm den Kobolden in das Innere ihres Hügels folgen muss. Dort wird er vom König und der Königin der Trolle empfangen: Er soll der Troll-Gesellschaft zum Tanz aufspielen und als Dank wollen sie dem Geiger einen Wunsch erfüllen. Storm wünscht sich, dass seine Mitbürger von jetzt an nie mehr arbeiten müssen.

Unterdessen kommt der verängstigte Gavin nach Hause und verkriecht sich gleich in sein Bett. Er träumt von Storm im Troll-Hügel. In der Morgendämmerung fasst er einen Entschluss: Er möchte den verschwundenen Storm, die Musik und selbst seine eigene Geige vergessen. Gavin will sein eigenes Leben führen. Nun rasen die Jahre nur so dahin. Gavin heiratet, hat ein schönes Haus und wohlgeratene Kinder, er ist angesehen und hat auch als Pensionär ein gutes Auskommen. Am Ende der Szene sind 21 Jahre vergangen. Doch trotz all seines irdischen Erfolgs spürt Gavin doch eine Sehnsucht nach Storm und dessen Musik.

Zweiter Akt:

Für Storm hingegen sind nur ein paar Stunden vergangen, als er aus dem Troll-Hügel wieder auftaucht. Er trifft auf den jetzt 21 Jahre älteren Gavin. Bei ihrer Wiedersehensfeier erkennt Storm die fatalen Folgen seines zweischneidigen Wunsches: Die Menschen sind träge geworden. Sie tanzen nicht, sie machen keine Musik, sondern sitzen stattdessen vor dem Fernseher und schauen sich Werbung für Troll-Produkte an. Sie hören Popmusik und wissen nichts mit sich anzufangen. Alle ihre Wünsche werden von den Trollen erfüllt.

Strom bricht den Fluch, indem er eine neue Melodie anstimmt. So finden die Menschen zu ihrer Schaffenskraft zurück und gehen wieder ihrer täglichen Arbeit nach. Die Trolle spüren, dass sie ihre Macht über die Menschen verloren haben. Zum guten Ende wird unter fröhlichen Festklängen der Haggis, ein traditionelles schottisches Gericht (mit Innereien gefüllter Schafsmagen), hereingebracht. Die Trolle ziehen sich zurück, nicht ohne die Warnung, immer dann zurückzukehren, wenn man es am wenigsten erwartet. Also: »Habt Acht vor den Tricks der Trolls!«

»Singen tut gut«

Die 150 Vokalhelden der Berliner Philharmoniker

Dass Singen und Musizieren in jeder Hinsicht sinnvolle Tätigkeiten für Kinder sind, gehört mittlerweile weitgehend zum Allgemeinwissen. Neben den positiven Auswirkungen auf die Gesundheit (Atmung, Stressreduktion etc.) werden gerne auch zahlreiche weitere Effekte hervorgehoben: die Verbesserung von Lernleistungen auf anderen Gebieten (von Sprachen bis hin zur Mathematik) als auch der Erwerb von sozialen und kulturellen Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Empathie, Toleranz, Disziplin und Kreativität, der beim Musikmachen unweigerlich und sozusagen fast nebenbei geschieht. Es gibt keine wissenschaftliche Studie, die belegen könnte, dass Musizieren schädlich sei – im Gegenteil.

Trotzdem führt das Fach Musik an Schulen eher ein Schattendasein. Es herrscht ein ständiger Kampf für mehr qualifizierte Musiklehrer und gegen weitere Stundenreduzierung zugunsten angeblich wichtigerer Fächer. Die Zweck-Argumentation – »Musizieren hilft, um auf anderen Gebieten besser zu werden« – scheint auf politischer Ebene nicht so recht zu überzeugen. Das mag daran liegen, dass das Musizieren per se auch einem reinen Selbstzweck dient: Musik macht Spaß – einfach so, um ihrer selbst willen, oder auch mit dem Ziel gelungener Aufführungen und Konzerte, sei es auf dem musikalisch-technischen Niveau von Kindern oder auf dem von Profis.

Die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle widmen sich seit vielen Jahren intensiv der künstlerischen und kreativen Arbeit mit Kindern. Das ist in den überaus erfolgreichen Tanzprojekten sehr deutlich geworden. Seit 2013 ist das philharmonische Education-Programm um ein Projekt reicher: das der Vokalhelden. Es versteht sich nicht als Konkurrenz zum musikalischen Angebot an Schulen, sondern als Ergänzung. An drei Standorten – in Hellersdorf, in Schöneberg und in Moabit – proben wöchentlich etwa 150 Kinder mit je einer eigenen Chorleiterin bzw. einem Chorleiter, unterstützt von Stimmbildnern und ehrenamtlichen Helfern. Simon Halsey, verantwortlich für die künstlerische Leitung des Vokalhelden-Programms, betont neben dem musikalischen auch den sozialen Wert des Projekts: »Wir wollen gemeinsam musizieren und miteinander in Kontakt kommen. Wir sitzen so oft allein in unserem Zimmer am Computer, sind auf Facebook oder Twitter. Wir brauchen Projekte, bei denen wir neue Leute treffen können, Menschen, die nicht alle gleich sind.« Die Vokalhelden arbeiten in verschiedenen Altersgruppen: die Minis (6- bis 7-Jährige), Level I (8- bis 10- Jährige) und Level II (11- bis 13-Jährige). Ein Level III für die bis zu 18-Jährigen ist in Planung. Bei dieser Aufführung singen vor allem Kinder des Level II. Außerdem wirkt ein etwa 100-köpfiger »Community-Chor« mit, in dem sich Menschen von 13 bis 60 Jahren eigens für dieses Projekt gefunden haben.

Parallelen zu der pädagogischen Arbeit, wie sie in Großbritannien gepflegt wird, sind nicht zu übersehen und sicher auch kein Zufall. Die Idee, mit Kindern (als auch mit Erwachsenen) vor Ort zu arbeiten, ohne eine musikalische Vorauswahl zu treffen und dennoch hohe künstlerische Ergebnisse zu realisieren, entspricht ziemlich genau der Herangehensweise, die Peter Maxwell Davies mit dem von ihm gegründeten St. Magnus-Festival auf den Orkney-Inseln anstrebte. Seine Landsleute Simon Rattle und Simon Halsey kennen diesen Ansatz sehr gut und beweisen mit diesen Konzerten, dass er ohne weiteres übertragbar ist.

Tobias Walenciak, Chorleiter der Schöneberger Vokalhelden, beobachtet, dass die musikalische Arbeit die Kinder fordert, aber nicht überfordert: »Die Musik ist durchaus komplex, weil sie viel mit wechselnden Rhythmen und Dissonanzen arbeitet. Von den Kindern wird das aber gar nicht als so schwierig wahrgenommen, weil die musikalische Arbeit immer sehr eng mit den Rollen und der szenischen Gestaltung verknüpft ist.« Schon gleich zu Beginn des Probenprozesses, im Rahmen einer Chorfahrt ins Berliner Umland Anfang Februar, war das Regieteam mit dabei. Von Mai an trafen sich die beteiligten Vokalhelden dann, neben den normalen wöchentlichen Proben an den drei Standorten, mehrfach zu gemeinsamen Proben in der Philharmonie. Hier wurden die choreografischen und szenischen Elemente mit allen erarbeitet und ausprobiert. Der Regisseurin Ela Baumann lag es dabei am Herzen, dass die Kinder sich gut in ihre Rolle als Troll einfühlen können und sich mit ihr identifizieren, indem sie aufgefordert waren, ihre eigenen Vorstellungen und Verhaltensweisen einzubringen. Sie überlegten beispielsweise gemeinsam, wie sich ihr Troll-Clan bewegen soll, welche charakteristischen Eigenheiten sie haben und wie die von Christophe Linéré in je einer farblichen Grundrichtung pro Clan entworfenen Kostüme individuell gestaltet werden sollten. Jedes Kind durfte sein eigenes Outfit schon früh mit nach Hause nehmen, um es nach den so festgelegten Kriterien eigenständig im Detail zu verändern. Alle diese Dinge wurden im sogenannten Trollbuch festgehalten, das jedes Kind vorab bekommen hatte und das sich im Laufe des Probenprozesses mit Eintragungen, Bildern und Material füllte. Auf diese Weise konnte sich jeder auch außerhalb der Probenarbeit spielerisch mit der Oper und ihrer Thematik auseinandersetzen, weiter üben und sich mit der neuen Rolle als Troll vertraut machen.

Und so werden das Singen und Spielen zu einer ganzheitlichen Tätigkeit, bei der alle dazulernen und sich gegenseitig inspirieren: die Kinder, die Profis der Berliner Philharmoniker und ganz sicher auch das Publikum. Kurz: Singen tut gut.

Michael Betzner-Brandt

Biografie

Ela Baumann studierte an der Salzburger Universität »Mozarteum« Musik und Tanz. Als Regisseurin, Choreografin und Librettistin arbeitete sie an Opernhäusern wie der Wiener Staatsoper, dem Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel, der Vlaamse Opera Antwerpen und der Opéra nationale de Lorraine. Weitere Engagements führten die Österreicherin ans John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington, an die Philharmonie Luxemburg, ans Berliner Konzerthaus sowie zum Lucerne Festival. Mit großer Leidenschaft kreiert Ela Baumann Musik- und Tanztheater für ein junges Publikum. Ihre Stücke erhielten mehrfach Auszeichnungen wie den »Junge Ohren Preis«, den »YEAH ! Young EARopean Award« und den YAMA-Publikumspreis.

Der gebürtige Franzose Christophe Linéré bezeichnet sich selbst als »Stoff-Former«. 1995 zog der Kostümbildner, Schauspieler und Tänzer nach Berlin, wo er ein Volontariat an der Deutschen Oper durchlief. Seitdem arbeitet Christophe Linéré für verschiedene Tanz-, Theater- und Filmproduktionen. So war er u. a. als Kostümbildner an Steven Spielbergs Bridge of Spies – Der Unterhändler (2015), an Gore Verbinskis A Cure For Wellness (2015) sowie an Paul Greengrass’ fünftem Teil der Jason-Bourne Filmreihe beteiligt. Auf der Bühne hat Christophe Linéré in diversen großen und kleinen Produktionen als Darsteller, Schauspieler und Tänzer mitgewirkt. So war er u. a. in Strawinskys The Rake’s Progress und in Tschaikowskys Eugen Onegin an der Staatsoper Unter den Linden zu erleben sowie in Glucks Alceste am Teatro Real in Madrid.

Mário Melo Costa studierte Bildhauerei in Lissabon und Venedig; außerdem ließ er sich an der Kodak-Filmakademie in Paris sowie im Rahmen des Advanced Cinematography Course von Rudolfo Denevi in Kuba zum Kameramann und Videodesigner ausbilden. Costa erstellte Animationsfilme und Videoinstallationen für verschiedene Musikprojekte von Ela Bauman (u. a. Le carnaval des animaux von Camille Saint-Saëns an der Philharmonie Luxembourg) sowie die musikalische Erzählung Mausemärchen und Riesengeschichte von Elisabeth Naske am Grand Théâtre de Luxembourg und der Gesellschaft für Musik Wien. Mário Melo Costa, der für zahlreiche Filmprojekte Auszeichnungen erhielt, erarbeitete Videoinstallationen für Opernproduktionen im Almada Auditorium Lissabon, für die Studios der Vlaamse Opera in Gent und Rotterdam sowie am Grand Théâtre de Luxembourg. Er unterrichtete an der portugiesischen Escola Superior de Artes e Design Matosinhos.

Der gebürtige Berliner Florian Hoffmann startete seine Ausbildung als Jungstudent am Peter-Cornelius-Konservatorium in Mainz und absolvierte anschließend an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« ein Gesangstudium bei Renate Faltin und Reiner Goldberg. Auftritten bei der Ruhrtriennale in Essen 2002 und im Fürstentum Liechtenstein folgte ab der Spielzeit 2005/2006 ein Engagement an der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Der Tenor arbeitete mit weltbekannten Dirigenten, darunter Daniel Barenboim, Ingo Metzmacher und Sir Simon Rattle. Neben seinen Verpflichtungen an der Berliner Staatsoper ist Florian Hoffmann auch als Konzert- und Oratoriensänger aktiv. Zudem gastierte er u. a. an den Opernhäusern in Antwerpen, Brüssel, Mailand, beim Festival in Aix-en-Provence und war seit seinem Debüt im Sommer 2009 wiederholt Gast bei den Bayreuther Festspielen. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker war Florian Hoffmann zuletzt im Juni 2016 im Rahmen einer Aufführung von Jonathan Doves Kinderoper Was lauert da im Labyrinth; Dirigent war Sir Simon Rattle.

Konrad Jarnot, 1972 in Brighton geboren, studierte an der Guildhall School of Music and Drama in London, deren Opernschule er mit Auszeichnung absolvierte. Meisterkurse führten den Sänger an die Londoner Wigmore Hall, an die Hugo-Wolf-Akademie Stuttgart sowie an die Stuttgarter Bachakademie; seine Ausbildung vervollständigte er bei Dietrich Fischer-Dieskau. Der britische Bariton erhielt u. a. den Ersten Preis beim ARD Musikwettbewerb in München und war seither weltweit in den renommiertesten Konzertsälen sowie an Opernhäusern wie dem Royal Opera House, Covent Garden, dem Théâtre des Champs-Elysées Paris und dem Théâtre de la Monnaie Bruxelles zu erleben. Regelmäßig arbeitet Konrad Jarnot als Gast bedeutender Orchester mit Dirigenten wie Riccardo Chailly, Philippe Herreweghe, Marek Janowski und Antonio Pappano zusammen. Zu seinen Liedbegleitern zählen Pianisten wie Helmut Deutsch, Norman Shetler, Ralf Gothóni und Alexander Schmalcz. Konrad Jarnot ist Professor an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf, internationaler Wettbewerbsjuror und gibt weltweit Meisterkurse. In den Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt er nun sein Debüt.

Günter Papendell begann seine musikalische Laufbahn bei den Augsburger Domsingknaben. Nach einem Gesangsstudium an den Musikhochschulen Köln und München war der Bariton von 2004 bis 2007 Ensemblemitglied am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen. Seit der Spielzeit 2007/2008 gehört der Preisträger und Finalist verschiedener Wettbewerbe zum Ensemble der Komischen Oper Berlin. Weitere Gastspielverpflichtungen führten den Sänger u. a. an die Dresdner Semperoper, die Volksoper Wien, die Deutsche Oper am Rhein, die Bayerische Staatsoper und das Gärtnerplatztheater in München sowie an die Nationaltheater Mannheim und Weimar. In den Konzerten der Berliner Philharmoniker war der Bariton zuletzt Ende April 2013 in Benjamin Brittens Noye’s Fludde unter der Leitung von Sir Simon Rattle zu erleben.

Iwona Sobotka studierte Gesang an den Musikhochschulen in Warschau und Madrid. Internationale Aufmerksamkeit erregte sie als die Grand-Prix-Siegerin des Königin-Elisabeth-Musikwettbewerbs in Belgien. Seither war sie in verschieden Rollen an der Pariser Nationaloper zu erleben, zudem gastierte sie am Opernhaus Perm (Russland), an der Podlaska-Oper in Bialystok (Polen) sowie beim Schleswig-Holstein Musik Festival. Konzertengagements führten die Sopranistin u. a. zum Londoner Royal Philharmonic Orchestra, zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, zum NDR Elbphilharmonie Orchester und zum Orchestre Philharmonique du Luxemburg. Iwona Sobotka ist weithin bekannt für ihre Interpretationen des polnischen Vokalrepertoires, wobei vor allem die Werke Karol Szymanowskis einen Schwerpunkt bilden. Bei den Berliner Philharmonikern debütierte Iwona Sobotka in Beethovens Neunter Symphonie im Rahmen der letzten Japan-Tournee im Mai 2016.

Viele Mitglieder der Berliner Philharmoniker engagieren sich regelmäßig und leidenschaftlich bei den Education-Projekten des Orchesters. Dabei lassen sie sich wagemutig auf allerlei musikalische Abenteuer ein. Joaquín Riquelme García ist auf dem Podium normalerweise als Bratscher zu erleben, in diesen Konzerten tritt er allerdings als landstreichender Sänger in Erscheinung. Die beiden Geiger Dorian Xhoxhi und Laurentius Dinca verleihen mit warmen Streicherklängen dem Gesang der Protagonisten als Fiddler das gewisse Etwas.