John Eliot Gardiner dirigiert Strawinsky

Nach 14-jähriger Abwesenheit kehrt Sir John Eliot Gardiner mit einem Strawinsky-Abend zu den Berliner Philharmonikern zurück. Im Zentrum steht das neoklassische Opern-Oratorium Oedipus Rex, dessen archaische Wucht unüberhörbar Carl Orff bei der Komposition seiner Carmina Burana inspiriert hat. Auch das Ballett Apollon musagète greift auf ältere Musik zurück – beschwört aber in seiner lichten, barocken Grazie eine gänzlich andere Klangwelt.

Berliner Philharmoniker

Sir John Eliot Gardiner Dirigent

Andrew Staples Tenor (Oedipus)

Jennifer Johnston Mezzosopran (Iokaste)

Ashley Riches Bassbariton (Kreon)

Gianluca Buratto Bass (Teiresias)

Alex Ashworth Bariton (Bote)

Gareth Treseder Tenor (Hirte)

Bruno Ganz Sprecher

Herren des Rundfunkchors Berlin (Priester, Wachen, Volk)

Gijs Leenaars Einstudierung

Igor Strawinsky

Apollon musagète, Ballett in zwei Bildern (revidierte Fassung von 1947)

Igor Strawinsky

Oedipus Rex, Opern-Oratorium in zwei Akten für Sprecher, Soli, Männerchor und Orchester konzertante Aufführung

Andrew Staples Tenor (Oedipus), Jennifer Johnston Mezzosopran (Iokaste), Ashley Riches Bassbariton (Kreon), Gianluca Buratto Bass (Teiresias), Alex Ashworth Bariton (Bote), Gareth Treseder Tenor (Hirte), Bruno Ganz Sprecher, Herren des Rundfunkchors Berlin (Priester, Wachen, Volk), Gijs Leenaars Einstudierung

Termine und Karten

Do, 02. Jun 2016, 20:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie C

Fr, 03. Jun 2016, 20:00 Uhr

Philharmonie | Einführung: 19:00 Uhr

Aboserie M

Programm

Mit dem Opern-Oratorium Oedipus Rex schuf Igor Strawinsky ein zentrales Werk des Neoklassizismus – ein rituelles Drama mit lateinischem Text, das die von Sophokles überlieferte Geschichte jenes verzweifelten Helden der Antike erzählt, der unwissentlich seinen Vater umbringt und ohne es zu ahnen seine Mutter heiratet. Kurt Weill hob die »oratorienhafte Form« der aus Rezitativen und Arien sowie Duetten und Chorstücken bestehenden Komposition mit statischem Handlungsverlauf hervor – »die eindeutige Absage an die Form des Musikdramas« und »die Aufnahme eines rein gesanglichen Opernstils, in dem die Handlung, Dramatik und optische Bewegung völlig zurückgedrängt sind zugunsten einer rein musikalischen Formgebung«. (»Die strenge Form dieser Sprache hat an sich schon so viel Ausdruckswert, dass es nicht nötig ist, ihn durch die Musik noch zu verstärken«, erklärte Strawinsky.)

Zu Gast am Pult der Philharmoniker ist in diesen Konzerten Sir John Eliot Gardiner. Der international renommierte Repräsentant der historisch informierten Aufführungspraxis mit denkbar breiter Repertoirebasis, die bis weit ins 19. und sogar 20. Jahrhundert hineinreicht, hat sich auch immer wieder dem Werk Strawinskys und dessen zwischen den Gattungen changierender Musik gewidmet. Auch zu Beginn des Konzerts erklingt ein neoklassizistisches Meisterwerk: Strawinskys Apollon Musagète (Apollon, Führer der Musen), in dem es nach einem Prolog, der mit äußerst filigraner Musik die Geburt des antiken Gottes schildert, zu einer Reihe von allegorischen Tänzen »im hergebrachten Stil des klassischen Balletts (Pas d’action, Pas de deux, Variations, Coda)« (Strawinsky) kommt.

Anschließend führt Apollon die Musen auf den Parnass: »Aus Bewunderung für die lineare Schönheit des klassischen Tanzes«, betonte der Komponist, »hatte ich mich für die strenge Form des Balletts entschieden, und dabei dachte ich vor allem an das ›Ballet blanc‹, bei dem sich meiner Ansicht nach das Wesen dieser Kunst am klarsten offenbart.« Der konfliktlosen Handlung entspricht der Verzicht auf dissonante Härten bei Verwendung eines reinen Streichorchesters; der sonst übliche Gegensatz der Instrumentalfarben wird durch dynamische Kontraste ersetzt – ein Verfahren, das Strawinsky bereits in seinem Pulcinella-Ballett erprobt hatte.

Über die Musik

Die Antike der Goldenen Zwanziger

Sagenhafter Strawinsky: Gotteslob und Königsdrama

Dem Apoll und den Musen: Ein Ballett ohne Handlung

Im Sommer 1927 bat die amerikanische Mäzenin Elizabeth Sprague Coolidge Igor Strawinsky um eine halbstündige Ballettmusik für das Washington Festival of Contemporary Music. Von Juli 1927 bis Januar 1928 arbeitete der russische Komponist in Nizza an dieser Partitur. Mit der Wahl des allegorischen Stoffs, dem abstrakten Schönheitsideal, mit seiner strengen, an der antiken Verslehre, der französischen Musik des 17. Jahrhunderts und der klassischen Quartettkunst geschulten formalen Disziplin und seiner schöpferischen »Entdeckung der Vergangenheit« schillert und glänzt der Apollon Musagète als ein Hauptwerk des »neoklassizistischen« Strawinsky. Und kokettiert doch mit dem urbanen Sound, der Lässigkeit und der weltstädtischen Eleganz der Goldenen Zwanziger.

»Apollon Musagète ist ein Stück ohne Intrigen«, erklärte Strawinsky. »Es ist ein Ballett, dessen choreografische Handlung sich aus dem Thema entwickelt. Apollon Musagète bedeutet Apollon, Anführer der Musen, der in jeder von ihnen ihre Kunst entwickelt. Das Ballett beginnt mit einem kurzen Prolog, der die Geburt des Apollon darstellt. Die Geburtswehen überkommen Leto. Sie wirft ihre Arme um einen Baum, sie drückt ihre Knie auf einen weichen Rasen nieder, und das Kind springt ans Licht. Zwei Nymphen eilen herbei, um Apollon zu begrüßen, geben ihm einen weißen Schleier als Windeln und einen goldenen Gürtel. Sie reichen ihm Nektar und Ambrosia und nehmen ihn mit zum Olymp. Ende des Prologs. Apollon bleibt allein, er tanzt (Variation). Am Ende seines Tanzes erscheinen Kalliope, Polyhymnia und Terpsichore: Apollon verleiht jeder eine Gabe (Pas d’action). So wird Kalliope die Muse der Dichtkunst, Polyhymnia die Muse der Gebärde und Terpsichore zur Muse des Tanzes. Sie bieten ihm nacheinander ihre Kunst dar (Variation). Apollon empfängt sie mit einem Tanz zu Ehren dieser neugeborenen Künste (Variation). Terpsichore, welche die Dichtkunst und die Gebärdenkunst in sich vereint, findet den Ehrenplatz an der Seite des Musagète (Pas de deux). Die anderen Musen verbinden sich mit Apollon und Terpsichore in einem Tanz, indem sich alle drei um ihren Anführer scharen (Coda). Diese allegorischen Szenen enden mit einer Apotheose, in der Apollon die Musen, Terpsichore an der Spitze, zum Parnass führt, der von nun an ihr Zuhause sein wird.«

Dieses von Strawinsky selbst entworfene Szenarium – gewissermaßen eine Handlung ohne Handlung – kommt einem ästhetischen Manifest gleich, einem künstlerischen Bekenntnis zu apollinischer Klarheit, zu Maß, Gesetz und Formbewusstsein. Aber nicht nur dies: »Aus Bewunderung für die lineare Schönheit des klassischen Tanzes hatte ich mich«, so verriet der Komponist, »für die strenge Form des Balletts entschieden, und dabei dachte ich vor allem an das Ballet blanc bei dem sich meiner Ansicht nach das Wesen dieser Kunst am reinsten offenbart. Ich glaubte in ihm eine Frische zu finden, die daher rührt, dass die bunten Farben und der überladene Prunk aus ihm verbannt sind. Das reizte mich, meiner Musik den gleichen Charakter zu geben, und am meisten schien mir dazu die diatonische Schreibweise zu passen. Die Reinheit dieses Stils bestimmte auch die Wahl der Instrumente.« Strawinsky schrieb seine Ballettmusik ausschließlich für Streicher. »Es lockte mich«, gestand er, »eine Musik zu komponieren, bei der das melodische Prinzip im Mittelpunkt steht. Welche Freude, sich wieder dem vielstimmigen Wohllaut der Saiten hinzugeben und aus ihm das polyfone Gewebe zu wirken, denn durch nichts wird man dem Geist des klassischen Tanzes besser gerecht, als wenn man die Flut der Melodie in den getragenen Gesang der Saiten ausströmen lässt.« Strawinskys Weggefährte Sergej Diaghilew, Gründer und Lenker der Ballets russes, der als einer der ersten einen Blick auf das noch im Entstehen begriffene Manuskript des Apollon musagète werfen durfte, erkannte sofort, dass dem Komponisten ein »erstaunliches Werk von ungewöhnlicher Ruhe und Klarheit« gelingen würde: »Durchsichtige, deutlich profilierte Themen sind von einem kontrapunktischen Filigran umgeben; alles in Dur. Die Musik ist nicht von dieser Welt, sondern von irgendwoher oben.« Am 27. April 1928 fand in der Library of Congress in Washington die Uraufführung des Apollon musagète statt.

Vom Zwang zur Freiheit: Die Tragödie des Oedipus

Wenige Jahre zuvor, im Herbst 1925, hatte Igor Strawinsky an einem Buchstand in Genua die Lebensbeschreibung des heiligen Franz von Assisi entdeckt. Noch in derselben Nacht begann er mit der Lektüre und war erstaunt, eine längst erwogene, doch vage Idee geklärt und bestätigt zu finden: »Man weiß, dass Italienisch die Muttersprache des Heiligen war, aber bei feierlichen Gelegenheiten, beim Gebet etwa, bediente er sich des Französischen (des Provençalischen? – seine Mutter stammte aus der Provence). Ich war von jeher der Meinung gewesen, dass zu allem, was ans Erhabene rührt, eine besondere Sprache gehört, die nichts mit dem Alltag gemein hat.« Das »Sprachenproblem« belastete den russischen Emigranten eingestandenermaßen, seit er »wurzellos geworden war«. Es hemmte und bedrängte ihn, wenn er über neue Vokalwerke nachdachte: »Russisch, die verbannte Sprache meines Herzens, war musikalisch unbrauchbar geworden; Französisch, Deutsch und Italienisch waren meinem Temperament fremd.« Der damals noch unausgereifte Plan eines Opern-Oratoriums nach dem König Oedipus des Sophokles erfüllte sich mit Leben und Inspiration, als Strawinsky – durch die »Erleuchtung in Genua« – die einzig wahre und erhabene Sprache entdeckte, die seiner monumentalen Komposition angemessen wäre: Latein. »Welche Freude bereitet es«, bekennt Strawinsky in seinen Memoiren, »Musik zu einer Sprache zu schreiben, die seit Jahrhunderten unverändert besteht, die fast rituell wirkt und dadurch allein schon einen tiefen Eindruck hervorruft. Man fühlt sich nicht an Redewendungen gebunden oder an das Wort in seinem buchstäblichen Sinne. Die strenge Form dieser Sprache hat schon an sich so viel Ausdruckswert, dass es nicht nötig ist, ihn durch die Musik noch zu verstärken. So wird der Text für den Komponisten zu einem rein phonetischen Material. Er kann ihn nach Belieben zerstückeln und sich nur mit den einfachsten Elementen beschäftigen, aus denen er besteht: den Silben. Und haben nicht auch die alten Meister des strengen Stils den Text auf diese Weise behandelt? So hat sich auch die Kirche seit Jahrhunderten der Musik gegenüber verhalten und sie dadurch davor bewahrt, sentimental zu werden und dem Individualismus zu verfallen.«

Strawinskys Musikalität wurzelte tief im Rituellen, in Anrufung, Beschwörung und Gebet. Darin unterschied sich der junge Wilde, der mit seinem Sacre du printemps ein heidnisches Frühlingsopfer in Musik bannte, nicht grundlegend von dem greisen Meister, der sich spät den reihentechnischen Künsten zukehrte und der formalen Disziplin der Zwölftontechnik unterwarf. Auch die Anziehungskraft der fremden, altehrwürdigen Sprache blieb für ihn ungebrochen bis ans Ende seiner schaffensreichen Tage. Die geistliche Ballade Abraham und Isaak schuf der fast 80-Jährige nicht zuletzt deshalb, weil er der Faszination des althebräischen Originals, der archaischen Dichtung des Buches Genesis, erlegen war.

Der Oedipus Rex, mit dessen Komposition er im Januar 1926 begann, sollte darum auch bloß keine »opernhafte Oper« werden, wie Strawinsky betonte, »denn niemand agiert, und das einzige Individuum, das sich überhaupt bewegt, ist der Erzähler, und das nur, um seine Andersartigkeit gegenüber den übrigen Bühnenfiguren zu zeigen«. Als Stoff wählte Strawinsky die antike Tragödie um den thebanischen König Oedipus, der einem fatalen Orakelspruch entrinnen will – den Vater zu erschlagen und die eigene Mutter zu heiraten – und gerade deshalb seinem Verhängnis nicht entkommen kann: Er findet, was er flieht, er verbricht, was er vermeiden will, und stürzt sich blindlings in sein Unglück. Auf diese universale und altbekannte Fabel fiel Strawinskys Wahl nicht zuletzt aus dem einen Grund, die Handlung ohne lange Umschweife eröffnen und sich ohne lästige dramaturgische Verpflichtungen auf das Wesentliche konzentrieren zu können: die Musik. »Ich wünschte mir, das Stück als Stück hinter mir zu lassen«, bekannte Strawinsky. »Meine Absicht war es, die dramatische Essenz zu destillieren und mir die Freiheit zu nehmen für eine rein musikalische Dramatisierung.«

Für den gleichwohl unerlässlichen Gesangstext des Männerchors und der Solisten gewann er den französischen Schriftsteller Jean Cocteau, ein literarisch-künstlerisches Multitalent, dessen Libretto, eine komprimierte Fassung der Sophokles-Tragödie, von dem Jesuitenpater und späteren Kardinal Jean Daniélou ins Lateinische übertragen wurde – mit Ausnahme der Partie des Erzählers, der das Publikum in der Landessprache der jeweiligen Aufführung über das ritualisierte Geschehen auf der Bühne orientieren soll, etwa gleich am Anfang mit den Worten: »Verehrtes Publikum! Sie werden heute Abend eine lateinische Fassung des Oedipus Rex hören. Damit Sie weder Gehör noch Gedächtnis sonderlich strapazieren müssen, und weil das Opern-Oratorium nur die monumentalen Grundzüge der Szenen wiedergibt, werde ich Ihnen das Drama des Sophokles Schritt für Schritt in Erinnerung rufen.«

Igor Strawinsky wollte keine konventionelle Oper schreiben, aber doch ein Bühnenwerk, wenngleich tunlichst frei von jener »triumphierenden Banalität«, die ihm an den Opern seines Kollegen Richard Strauss so sehr missfiel. Am Ende nannte er seinen Oedipus ein »Opéra-Oratorio«. Im Laufe des Jahres 1926 war Strawinsky in steigender Intensität mit dieser Partitur befasst: »Je mehr ich mich darein vertiefte, umso ernster wurde für mich das Problem der ›Haltung‹, die ein musikalisches Werk haben soll. Ich gebrauche hier den Ausdruck ›Haltung‹ nicht im engen Sinne des Wortes, ich gebe ihm eine viel größere, umfassendere Bedeutung. Ebenso wie mir das Lateinische, dessen man sich im täglichen Leben nicht mehr bedient, eine gewisse ›Haltung‹ aufzwang, so verlangte auch die musikalische Sprache selbst nach einer hergebrachten Form, welche die Musik in strengen Grenzen zu halten vermag und den Komponisten daran hindert, sich Abschweifungen hinzugeben, die oft dem Werk schaden. Indem ich die Form einer Sprache wählte, die durch die Zeit bestätigt, sozusagen gebilligt ist, erlegte ich mir einen freiwilligen Zwang auf.« Respektlose Kritiker haben ihm zwar vorgeworfen, sich ganz zwanglos der Form »aller« Sprachen versichert zu haben, aber das tönende Ergebnis der Oedipus-Partitur bezeugt zweifellos den unverwechselbaren Charakter, die »Haltung«, die eigentümliche Allianz aus Strenge und Verspieltheit, Rigorismus und Ironie, Swing und Liturgie, die alle oder jedenfalls die meisten, die besten Werke des russischen »Neoklassizisten« auszeichnen.

Strawinskys »Opern-Oratorium« ging zunächst gar nicht in Szene, sondern wurde am 30. Mai 1927 in Paris konzertant uraufgeführt. Erst im Jahr darauf folgten Einstudierungen am Theater, in Wien – und an der Berliner Krolloper, mit Otto Klemperer, der den Oedipus Rex dirigierte und in Personalunion auch inszeniert hatte. Und zwar strikt im Sinne des Erfinders: »Chor und Einzeldarsteller sollen nichts anderes sein als lebendig gewordene antike Statuen. Die Träger der Handlung sowie der Chor bleiben während des ganzen szenischen Ablaufes auf der Bühne in gleicher Haltung. Nur Kopf und Arme werden bewegt. Einzige dramatische Bewegung ist Auftreten und Abtreten der Boten und sonstigen Personen. Rein aus der Musik soll die innere Bewegung sich ergeben«, sagte Klemperer gesprächsweise der Berliner Schallkiste, einer »Illustrierten Zeitschrift für Hausmusik«. Viele Jahre später wurde er einmal gefragt, ob Strawinsky die Aufführung des Oedipus Rex an der Krolloper denn zugesagt habe: »Die Bühnenbilder von Ewald Dülberg haben ihm auch sehr gut gefallen, und er hat darüber geschrieben. Natürlich – musikalisch kritisierte er Einzelheiten, dies Tempo war zu langsam und jenes zu schnell. Aber dann spielte er mir Apollon Musagète auf dem Klavier vor, es war geschrieben, aber noch nicht aufgeführt. Ich war entzückt von dem Stück.« Und so könnte alles wieder von neuem beginnen: Strawinsky ad infinitum.

Wolfgang Stähr

Biografie

Sir John Eliot Gardiner,der im September 1997 im Rahmen der Berliner Festspiele erstmals am Pult der Berliner Philharmoniker stand, gilt international als einer der facettenreichsten Dirigenten unserer Zeit. Seine Arbeit mit dem Monteverdi Choir, den English Baroque Soloists und dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique, deren Gründer und künstlerischer Leiter er ist, haben ihn zu einem Pionier der historischen Aufführungspraxis gemacht. Als regelmäßiger Gast der weltweit führenden Symphonieorchester, wie dem London Symphony Orchestra, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Royal Concertgebouw Orchestra und dem Gewandhausorchester Leipzig, dirigiert Gardiner Repertoire vom 17. bis zum 20. Jahrhundert; in den Konzerten der Berliner Philharmoniker dirigierte er zuletzt Anfang April 2002 Werke von Chabrier, Debussy und Franck. Die ganze Spannbreite seines breit gefächerten Repertoires erschließt sich aus seinen über 250 vielfach preisgekrönten CD-Einspielungen, die neben Werken aus Renaissance und Barock auch Musik von Mozart, Schumann, Berlioz, Elgar und Weill umfasst. Sir John Eliot Gardiner hat Opern am Royal Opera House, Covent Garden, an der Wiener Staatsoper und der Mailänder Scala dirigiert; von 1983 bis 1988 war er Künstlerischer Leiter der Opéra de Lyon. Als Experte für die Musik von Johann Sebastian Bachs hat er im Oktober 2013 das Buch Music in the Castle of Heaven: A Portrait of Johann Sebastian Bach veröffentlicht. Im Jahr 2014 wurde Gardiner erster Stiftungspräsident des Leipziger Bach-Archivs und war 2014/2015 erster »Christoph Wolff Distinguished Visiting Scholar« der Universität Harvard. Sir John Eliot Gardiner ist Ehrenmitglied der Royal Academy of Music, Honorary Fellow des King’s College London, der British Academy und des King’s College Cambridge, wo er selbst studierte und von wo er eine Ehrendoktorwürde erhielt. 1990 wurde er zum »Commander of the British Empire« ernannt und 1998 für seine Verdienste um die Musik zum Ritter geschlagen; 2011 wurde Gardiner zudem Ritter der französischen Ehrenlegion und erhielt 2005 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Andrew Staples sang als Knabe im Chor der Londoner St. Paul’s Cathedral, bevor er sein Musikstudium am King’s College in Cambridge absolvierte. Mit einem Stipendium der Britten Pears Foundation setzte er seine Ausbildung am Royal College of Music in London und an der Britten International Opera School fort; derzeit ist er Schüler von Ryland Davies. Mit einem Repertoire, zu dem Werke von Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Strauss, Britten und Tavener zählen, gastiert Andrew Staples an den führenden Opern- und Konzerthäusern sowie bei renommierten Festivals. Sein Debüt am Royal Opera House Covent Garden in London gab er als Jaquino (Fidelio) und war seitdem mehrfach in verschiedenen Rollen dort zu erleben. Weiterhin sang er die Partie des Contino Belfiore (La finta giardiniera) am Nationaltheater in Prag und sowie am Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel und war als Don Ottavio (Don Giovanni) bei den Salzburger Festspielen. Als Konzertsänger gastierte Andrew Staples bei Orchestern wie den Wiener Philharmonikern, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem BBC Symphony Orchestra, dem London Symphony Orchestra, dem Scottish Chamber Orchestra und den Rotterdamer Philharmonikern; hierbei arbeitete er mit Dirigenten wie Andrew Manze, Semyon Bychkov und Yannick Nézet-Séguin zusammen. In den Konzerten der Berliner Philharmoniker, in denen der Sänger Anfang Februar 2009 sein Debüt gab, war Andrew Staples Mitte Dezember 2013 in Aufführungen von Schumanns Szenen aus Goethes Faust zu erleben; Dirigent war Daniel Harding.

Jennifer Johnston, geboren in Liverpool, erhielt ihre Gesangsausbildung am Royal College of Music in London. Opernauftritte führten die dramatische Mezzosopranistin, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, zu den Festivals von Salzburg, Edinburgh, Aix-en-Provence, Aldeburgh und Beijing sowie an Opernhäuser wie die Mailänder Scala, die Bayerische Staatsoper, die Opéra de Lille, die Scottish Opera und die Opera North. Ihr Repertoire umfasst Partien wie Fricka/Waltraute/Wellgunde/2. Norn (Der Ring des Nibelungen), Suzuki (Madama Butterfly), Giovanna Seymour (Anna Bolena), Hänsel (Hänsel und Gretel), Hedwige (Guillaume Tell) und Jokaste (Oedipus Rex). Jennifer Johnston ist mit international führenden Orchestern wie dem BBC Symphony Orchestra, dem Royal Philharmonic Orchestra, dem Philharmonia Orchestra, der Akademie für Alte Musik Berlin, dem Dallas Symphony Orchestra und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks aufgetreten und hat mit Dirigenten wie Andrew Davis, John Eliot Gardiner, Bernard Haitink, Kirill Petrenko, Ingo Metzmacher, Kent Nagano, Donald Runnicles und Jaap van Zweden zusammengearbeitet. Als gefragte Liedsängerin gastierte sie beim Cheltenham, beim City of London, beim Perth und beim Aldeburgh Festival sowie in der Wigmore Hall, wobei Graham Johnson, Malcolm Martineau, Alisdair Hogarth und Joseph Middleton zu ihren Klavierpartnern gehörten. In den Konzerten der Berliner Philharmoniker gibt Jennifer Johnston nun ihr Debüt.

Ashley Riches sammelte seine ersten musikalischen Erfahrungen im Chor des King’s College in Cambridge; später studierte er an der Londoner Guildhall School of Music and Drama und wurde anschließend in das Young Artists Programme des Royal Opera House, Covent Garden, aufgenommen. Dort war er als Morales (Carmen), Mandarin (Turandot), Baron Douphol (La Traviata), Officier (Les Dialogues des Carmelites)und Osmano (L’Ormindo) zu erleben, aber auch im Rahmen der Uraufführung von Søren Nils Eichbergs Science-Fiction-Oper Glare. Die Garsington Opera verpflichtete ihn als Guglielmo in Mozarts Così fan tutte, die English National Opera als Schaunard in Puccinis La Bohème; zudem gastierte der britische Bariton beim Scottish Chamber Orchestra in Strawinskys The Rake’s Progress (Dirigent: Robin Ticciati). Ashley Riches Konzertrepertoire umfasst neben zahlreichen Händel-Partien seines Fachs auch die Solo-Basspartien in Verdis Messa da Requiem, Brittens War Requiem, Beethovens Missa solemnis und Schostakowitschs satirischem Opernfragment Orango, an dessen britischer Erstaufführung durch das Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Esa-Pekka Salonen Riches beteiligt war. Der Sänger gab Rezitals in der Londoner Wigmore und Barbican Hall und trat beim City of London Festival, beim Chelsea Schubert Festival und beim Ludlow Festival im englischen Shropshire auf. In den Konzerten der Berliner Philharmoniker gibt er nun sein Debüt.

Bruno Ganz, 1941 in Zürich geboren, absolvierte seine Schauspielausbildung in seiner Heimatstadt sowohl an der Hochschule für Musik und Theater als auch am Bühnenstudio. 1962 kam er nach Deutschland und arbeitete fortan mit Regisseuren wie Peter Zadek, Klaus Michael Grüber, Wim Wenders sowie mit Peter Stein an der Berliner Schaubühne und mit Claus Peymann bei den Salzburger Festspielen. Neben seiner beispiellosen Theaterlaufbahn baute sich Bruno Ganz kontinuierlich eine Filmkarriere auf. Er drehte u. a. mit Wim Wenders Der Himmel über Berlin (1986), In weiter Ferne, so nah (1993) und begeisterte das Publikum in Literaturverfilmungen wie Henrik Ibsens Wildente (1976). Einer seiner großen internationalen Kinoerfolge wurde im Jahr 2000 die Komödie Brot und Tulpen in der Regie von Silvio Soldini. 2004 war er in der Rolle des Adolf Hitler in Oliver Hirschbiegels Der Untergang zu sehen; es folgten Filme wie Der Vorleser (2008, Regie: Stephen Daldry), Satte Farben vor Schwarz (2010, Regie: Sophie Heldmann), Unknown Identity (2010, Regie: Jaume Collet-Serra), Nachtzug nach Lissabon (2012, Regie: Bille August), The Councelor (2012, Regie: Ridley Scott), Heidi (2014, Regie: Alain Gsponer) und Remember (2014, Regie: Atom Egoyan). Bruno Ganz erhielt zahlreiche Auszeichnungen wie den Hans-Reinhart- und den Iffland-Ring, den Adolf-Grimme-Preis, den Europäischen Filmpreis für sein Lebenswerk sowie die Carl Zuckmayer Medaille. Mit den Berliner Philharmonikern arbeitete er als Sprecher bereits mehrfach zusammen, zuletzt im Mai 2006 in einer von Claudio Abbado dirigierten Aufführung von Robert Schumanns Manfred.

Mit rund 60 Konzerten jährlich sowie Gastauftritten bei Festivals zählt der Rundfunkchor Berlin zu den herausragenden Chören des internationalen Konzertlebens. 1925 in Berlin gegründet, feierte er 2015 sein 90-jähriges Bestehen. Ein breites Repertoire und reich nuanciertes Klangbild machen den Profichor zu einem begehrten Ensemble für bedeutende Orchester und Dirigenten in aller Welt; in Berlin bestehen langjährige Kooperationen mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem Deutschen Symphonie-Orchester und den Berliner Philharmonikern. Eine rege Aufnahmetätigkeit und viele Auszeichnungen, darunter drei »Grammy Awards«, dokumentieren den großen Erfolg dieser Arbeit. Gemeinsam mit Künstlern unterschiedlicher Disziplinen erschließt der Chor jedes Jahr mit einer spartenübergreifenden Produktion neue Erlebnisweisen von Chormusik: So stieß z. B. 2012 die szenische Umsetzung des Deutschen Requiems von Johannes Brahms durch Jochen Sandig und ein Team von Sasha Waltz & Guests auf große Beachtung. Mit zahlreichen Aktivitäten im Bildungs- und Erziehungsbereich wie dem jährlichen Mitsingkonzert in der Philharmonie, der Liederbörse für Kinder und Jugendliche oder dem Grundschulprojekt SING! möchte der Chor möglichst viele Menschen zum Singen bringen; zudem setzt er sich auch für professionelle Nachwuchssänger ein. Seit seiner Gründung wurde das Vokalensemble von Dirigenten wie Helmut Koch, Dietrich Knothe, Robin Gritton und zuletzt Simon Halsey geprägt; mit Beginn dieser Spielzeit übernahm Gijs Leenaars die Position des Chefdirigenten und Künstlerischen Leiters. Mit den Berliner Philharmonikern war der Rundfunkchor Berlin zuletzt am Anfang April 2016 unter der Leitung von Seiji Ozawa in Beethovens Chorfantasie c-Moll op. 80 zu erleben.

Gianluca Buratto wurde zunächst als Saxophonist und Klarinettist ausgebildet, bevor er am Mailänder Konservatorium »Giuseppe Verdi« bei Margaret Hayward ein Gesangsstudium absolvierte; Meisterkurse bei Sara Mingardo, Ernesto Palacio, Jaume Aragall und Dalton Baldwin rundeten seine Ausbildung ab. Auf der Opernbühne debütierte der mehrfach mit renommierten Preisen ausgezeichnete Gianluigi Buratto, 2009 im Rahmen der Uraufführung von Alessandro Solbiatis Il carro e i canti am Teatro Verdi in Triest. In jüngerer Vergangenheit war der Bass als Argante am Theater an der Wien zu erleben (Rinaldo), sowie als Nettuno am Opernhaus Zürich (Il Ritorno d'Ulisse in Patria), als Giorgio am Maggio Musicale Fiorentino (I Puritani) und als Timur in Montpellier (Turandot). Zudem begleitete Gianluca Buratto den von John Eliot Gardiner dirigierten Monteverdi Choir auf einer USA-Tournee, der Auftritte bei den BBC Proms in London sowie in Versailles folgten. Als gefragter Konzersänger arbeitete Gianluca Barutto mit Künstlern wie Riccardo Muti, Kent Nagano und Jordi Savall zusammen. In den Konzerten der Berliner Philharmoniker gibt es nun sein Debüt.

Alexander Ashworth stammt aus Birmingham und studierte an der Royal Academy of Music in London bei Mark Wildman und Julius Drake. Anschließend gastierte der Bariton an führenden britischen Häusern wie der Glyndebourne Festival Opera, der Scottish Opera und der Welsh National Opera. Weitere Engagements führten Alexander Ashworth an die Icelandic Opera in Reykjavík, an die Opéra comique in Paris und an die Opéra de Lille. Als Konzertsänger trat er in renommierten Sälen auf (u. a. Royal Albert Hall London, Concertgebouw Amsterdam, Carnegie Hall New York, Palau de la Música Barcelona). Er arbeitet regelmäßig mit Dirigenten wie Colin Davis, John Eliot Gardiner, Paul McCreesh, Roger Norrington und Trevor Pinnock zusammen. Seit 2007 unterrichtet Alexander Ashworth als Professor an der Royal Academy of Music Gesang; zudem unterstützt er die Nachwuchsförderung des von Eliot Gardiner gegründeten Monteverdi Choir. In den Konzerten der Berliner Philharmoniker gibt es nun sein Debüt.

Gareth Treseder studierte an der University of Bristol und am Royal Welsh College of Music and Drama in Cardiff, bevor er das Ausbildungsprogramm des von John Eliot Gardiners gegründeten Monteverdi Choir durchlief. Bereits während dieser Zeit trat der Tenor als Solist im Cité de la Musique Paris, in der Berliner Philharmonie sowie in der Londoner Cadogan Hall auf. Es folgten Solo-Auftritte im Londoner Buckingham Palace sowie in der Carnegie Hall New York, im Château de Versailles, in der Tonhalle Zürich und in der Philharmonie de Paris, wo Gareth Tresender in Werken wie Händels Dixit Dominus, Monteverdis Marienvesper und Mozarts Messe c-Moll zu erleben war. Der Sänger, der in den Konzerten der Berliner Philharmoniker nun debütiert, auch als Komponist von geistlichen Chorwerken tätig, die in Großbritannien, den USA und Australien aufgeführt wurden; A Song Was Heard at Christmas und Blessed be that Maid Marie wurden erst kürzlich von den BBC Singers auf CD eingespielt.