Kammermusik

Unterwegs – Weltmusik mit Roger Willemsen

Roger Willemsen wandelt in diesem Konzert auf dem Spuren Marco Polos und stellt Musik der an der Seidenstrasse lebenden Völker vor: klassische chinesische Musik, usbekische Lieder, indische Melodien, höfisch-persische Musik, byzantinisches Melos, mittelalterliche Musik aus Venedig. Musikalischer Wegbegleiter ist u. a. der Oud-Spieler Kyriakos Kalaitzidis.

Roger Willemsen Moderation und Programmgestaltung

En Chordais

Kyriakos Kalaitzidis Gesang, Kyriakos Petras Geige, Drossos Koutsokostas Gesang, Petros Papageorgiou Defi, Alkis Zopoglou Kanun

Constantinople

Kiya Tabassian Setar, Ziya Tabassian Daf

Lingling Yu Pipa

Marco Rosa Salva Blockflöte

Amartuvshin Baasandorj Khoomii Gesang und Tobshur

Pierre-Yves Martel Viola da gamba

sowie Mitglieder der Berliner Philharmoniker

Teil 3: Die musikalischen Reisen des Marco Polo

Termine und Karten

Programm

Was würden wir heute hören, wenn Marco Polo die Klänge und Musiken aufgenommen hätte, denen er auf seinen legendären Reisen begegnete? Inspiriert von den Berichten des berühmten Venezianers über seine Reisen durch die Länder der Gewürz- und Seidenstraße, wird an diesem Konzertabend ein prächtiges Mosaik von Musiktraditionen freigelegt: klassisch chinesische Musik, usbekische Lieder, indische Melodien, höfisch- persische Musik, byzantinisches Melos, mittelalterliche Musik aus Venedig. Kyriakos Kalaitzidis, virtuoser Oud-Spieler sowie künstlerischer Leiter und Gründungsmitglied des preisgekrönten griechischen Ensembles En Chordais, zudem Musikwissenschaftler mit Schwerpunkt byzantinische Musik, hat Musiker aus Italien, Griechenland, Iran, China und der Mongolei versammelt, um mit ihnen einer der bewegtesten Epochen der Geschichte musikalisch nachzuspüren.

Sehr schnell entwickelte Kalaitzidis seine Ausgangsfrage zu einem kreativen Ansatz: »Was wäre, wenn Marco Polo selbst ein Komponist oder zumindest ein Musiker gewesen wäre?« Statt sich entlang des dünnen Seils hypothetischer musikalischer Erinnerungen Marco Polos zu bewegen, beschloss er, einen Schritt weiter zu gehen und komponierte selbst die musikalischen Reisen Marco Polos. Hörbar wird eine beeindruckende musikalische Begegnung des globalisierten 21. Jahrhunderts mit den Klanglandschaften des Mittelalters Marco Polos – auf traditionellen Instrumenten wie Oud, Kanun, Setar, Tobshur oder Pipa, die bis heute eine fast unveränderte musikalische Umgebung prägen.

Über die Musik

Von der Serenissima nach Xanadu

Die musikalische Reise des Marco Polo

Ein Kaufmann aus Venedig

Nur wenige Menschen gehören zum Kulturerbe der Menschheit. Marco Polo ist seit 700 Jahren einer von ihnen. Wäre der Venezianer wohl in die Geschichte eingegangen, wenn er nicht an jenem 8. September 1298 bei einem Seegefecht der Flotten von Genua und Venedig in Gefangenschaft geraten wäre? Drei Jahre zuvor war er, nachdem er 24 Jahre lang kreuz und quer durch den Orient gereist war, in Lumpen unerkannt nach Venedig zurückgekehrt, doch im Futter seiner Bettlerkleidung waren Rubine und Juwelen verborgen, die er während eines Mahls präsentierte, um sich zu erkennen zu geben – so jedenfalls will es die Legende. Er nahm dann sein gewohntes Leben wieder auf. Kein offizielles Willkommen, keine Ehrungen. Die Serenissima Repubblica blieb völlig unberührt von den Abenteuern ihres Helden.

Wie konnte dieser Kaufmann, so furchtlos er auch war, zu einem der berühmtesten Forschungsreisenden seiner Zeit werden, dessen Name selbst heute noch allgemein bekannt ist? Seine Abenteuer sind zweifellos außergewöhnlich, aber sie wären bestimmt in Vergessenheit geraten, hätte Marco Polo nicht die Idee gehabt, von seinen Reisen in einem Buch zu berichten, das zwei Titel erhielt: Die Wunder der Welt und Aufteilung der Welt. Er verfasste das Werk zusammen mit einem gewissen Rustichello, einem in aristokratischen Kreisen sehr geschätzten Schriftsteller aus Pisa. Ohne die Begegnung dieser beiden Männer wären Marco Polos Erinnerungen im Staub der Jahrhunderte verschwunden.

Die bemerkenswerte Geschichte dieses Kaufmanns auf der Seidenstraße, der ein Günstling des Mongolenherrschers Kublai Khans wurde und in dessen Namen verantwortungsvolle Aufsehen zu erfüllen hatte, trug dazu bei, den Westen mit dem Orient vertraut zu machen. Marco Polo und seine Begleiter waren Vorläufer des heute als Globalisierung bekannten Phänomens. Aber seine Reise bot auch Gelegenheit, ein ethnologisches Werk zu schaffen, die Sitten und Gebräuche der Völker zu entdecken, denen er begegnete, und sich dem Glauben an Legenden zu überlassen. Er war neugierig und wie alle Menschen des 13. Jahrhunderts, bereit zu staunen und berührt zu werden. Vor allem aber war er, wie alle Bewohner seiner Heimatstadt Venedig, tolerant gegenüber anderen Glaubensrichtungen und kulturellen Bräuchen und stets aufs Neue fasziniert von Originalität und Andersartigkeit.

Zwischen Traum und Realität

Stellen wir uns einmal vor, dass unser Marco Polo – ein Venezianer und, wichtiger noch, griechischen Ursprungs – empfänglich ist für die Musik der Länder, die er durchquert, und dass er darüber hinaus in der Lage ist, die gehörten Melodien zu notieren, oder vielleicht ausgestattet ist mit einer Art geistigem Tonbandgerät, das automatisch das akustische Ambiente aufzeichnet. Stellen wir uns auch vor, dass er mit einem Rustichello unseres Jahrhunderts im Gefängnis sitzt, der etwas von Musikwissenschaft versteht und die »Wunder« des Marco Polo in heutige Musik übertragen kann.

Mit Die musikalische Reise des Marco Polo schafft Kyriakos Kalaitzidis eine sehr erfolgreiche musikalische »mise en abyme«, die einen faszinierenden Ausblick auf eine Epoche bietet, wie ihn nur ein großer Komponist und Musiker entwickeln konnte. Die musikalische Reise des Marco Polo ist ein Werk, das Zeugnis ablegt von Kyriakos Kalaitzidis’ innerer Suche, vermittelt durch Musik und Geschichte. In unserer heutigen Welt, in der viele Erscheinungen unser Identitätsgefühl zu verwässern und zu schwächen scheinen, hilft uns Kyriakos Kalaitzidis zu verstehen, wer wir sind, welche Wurzeln wir haben und welchem Zweck sie dienen. Dieses künstlerische Projekt steht ganz in der Kontinuität von Kalaitzidis’ musikalischer Suche und seinem Wunsch, etwas zu schaffen, das an die klassische Tradition anknüpft, wie er sie versteht: Musik und ein zeitloses Thema, eine spektakuläre Geschichte zu schreiben, zu erschaffen – und dabei immer die Gefühlswelt unserer Zeit zu bedenken sowie ihre technischen Möglichkeiten und Ausdrucksmittel zu verwenden. In einer künftigen, idealen Welt, in der Realität und Fantasie sich mischen, wird ein Komponist wie Kyriakos Kalaitzidis versuchen, genau den Weg zu finden, dem Marco Polo folgte, und die Welt, die er dann entdeckte. Er bewegt sich zwischen Traum und Realität, der konkreten und der geistigen Welt gemäß dem mehrdeutigen Spiel mit dem Realen und dem Virtuellen.

Dem Aufbau des Programms im heutigen Konzert liegt ein Dialog zwischen den Musikkulturen zugrunde, die durch angesehene, virtuose Künstler vertreten werden: etwa den mongolischen Obertongesang Khoomei und die Tobshuurvon Amartuvshin Baasandorj, die Blockflöte von Marco Rosa Salva aus Italien oder die Saiten der chinesischen Pipa-Laute der überragenden Lingling Yu, dazu die Ensembles En Chordais und Constantinople. Ein Weg, auf dem sich die Musikstile der Welten des Mittelmeers, des Schwarzen Meers und Asiens begegnen und vermengen. Die Titel der Melodien und Lieder sind eine große Hilfe, aber man kann dem Programm ebenso gut folgen, wenn man hört, wie es sich allmählich zu einem wahren Abenteuerbuch entfaltet. Die Reise des Marco Polo, der zunächst als ein in seiner bisherigen Umgebung Befangener erscheint, gestaltet sich in Form einer Quest, einer Suchfahrt, auf der er und seine Begleiter neue Welten entdecken. Die Melodien, die Instrumente und die Stimmen dieses Konzerts erlauben dem Zuhörer, dem Verlauf der Reise des Venezianers zu folgen.

Die Entdeckung der Seidenstraße

Bei den beiden emblematischen Stücken des Programms, dem eröffnenden Marcos Traum, das den Weg der Reise nachzeichnet, und dem abschließenden Die musikalischen Reisen des Marco Polo handelt es sich um Kompositionen von Kyriakos Kalaitzidis, die direkt vom legendären Erforscher des Fernen Ostens inspiriert sind. Sie sind eine Mischung von Volksmusik, die uns von der Türkei nach Bagdad, von Isfahan nach Peschawar, von Samarkand nach Lanzou führt und die Marco Polo selbst im 13. Jahrhundert gehört haben könnte. Der erste Konzertteil bringt uns vom überschwemmten Venedig in die dürre Wüste des kaiserlichen China. Im venezianischen Lamento di Tristano erwecken die Instrumente das Gefühl, dass Marco Polos Körper zwar noch im Westen sein mag (Viola da gamba, mittelalterliche Flöten), sein Geist sich aber schon im Osten befindet (orientalisches Ensemble).

Als sie erneut gen Osten aufbrechen, nehmen die drei Polos statt der 100 christlichen Priester, um die der Kublai Khan gebeten hatte, nur das Heilige Öl aus Jerusalem mit, das als Reliquie Christi galt. Man kann sich vorstellen, dass der junge Marco selbst dieses Öl trug. Heiliges Öl erzählt diese Episode in der Form eines Taksim auf der Oud. Die Abfolge der musikalischen Phrasen von Kyriakos’ Oud ist so leichtfüßig, dass sie tatsächlich flüssig erscheinen. Sie hüpfen, trotzen jeglicher Schwerkraft und stoßen in gefährlichen Sprüngen zusammen. Der Weg führt Marco Polo vom Osten der Türkei in den Iran und dann weiter nach Hormus am Persischen Golf. Von dort durchqueren die Reisenden den Nordosten Persiens nach Balch im heutigen Afghanistan. Diese Wegstrecken werden in dem Lied Cercles migrants [Wandernde Kreise] durch die unaufhörlichen, uralten Schwingungen menschlicher Energie, einen Initiationsritus, ausgedrückt. Es ist eine Komposition des iranischen Setarspielers und Sängers Kiya Tabassian.

Im Reich des Kublai Khan

Dann überquert Marco Polo das Pamirgebirge und erreicht über Kashgar die Taklamakan-Wüste in Nordwestchina. Er umgeht diesen gefährlichen Landstrich südlich, um dann zur Sommerresidenz von Kublai Khan in Xanadu [Shangdu] zu gelangen. Kalaitzidis’ gleichnamige Komposition für die Instrumente der durchquerten Länder umreißt treffend die Klänge, die Marco Polo bis zur Ankunft in dieser Stadt vernommen hat. Dort könnte er auch den diafonischen mongolischen Obertongesang Chandmani nutag [Das Land der Chandmani] gehört haben, den Amartuvshin Baasandorj vorträgt, begleitet von der Tobshuur, der Schwanenhalslaute. Die Gefahren, denen sich Marco Polo bei einer großen Herausforderung gegenübersieht, finden Ausdruck in Kyriakos Kalaitzidis’ Komposition Jeopardy [Gefahr]. Hier befreit Marco Polo sich von seinen letzten Fesseln und stellt sich seinen Ängsten. Im Ostinato des Ensembles kann man die erschöpften Pferde und die lauernde Gefahr hören, während Marco Polos Entdeckerdrang ungeachtet der Gefahren, die ihn umgeben, im virtuosen Spiel der Oud zum Ausdruck kommt.

Marco Polo berichtet von sich selbst: »Binnen kurzer Zeit machte er sich die Sitten der Tataren zu eigen und erwarb Kenntnisse in vier verschiedenen Sprachen.« Das sehr lebhafte Stück Gallopp schildert Marco Polo, wie er zu Pferd die Aufgaben erfüllt, die Kublai Khan ihm anvertraut hat. In das Programm des heutigen Abends aufgenommen ist auch das Stück Yi Zu Wu Qu [Tanz der Leute von Yi] für Pipa, eine chinesische Laute, deren Saiten gezupft werden. Lingling Yu spielt diese Komposition von Huiran Wang aus dem Jahr 1960.

Der lange Rückweg

Auf seiner Heimreise durchquert Marco Polo das Chinesische Meer, Indonesien und dann den Indischen Ozean bis Hormus, von dort zieht er nach Norden durch den Iran bis Täbris. In diesen Zusammenhang gehört das pentatonische Stück Fünf Schritte, das Kyriakos Kalaitzidis für die Sarangi, ein in Indien und Pakistan weit verbreitetes Streichinstrument, geschrieben hat, die von Pipa und Setar begleitet wird. Die Rückreise dauert drei Jahre und verläuft schließlich über Trabzon, Konstantinopel und Griechenland bis nach Venedig. Wir können uns vorstellen, wie Marco Polo, während er sich Venedig nähert, begreift, dass er am Ende seiner Reise ist, die ihn der Vergangenheit entriss, um ihn in die Untiefen einer künftigen, ungewissen Welt zu stürzen. Der außerhalb der Zeit stehende Epilog besteht aus zwei sinnlichen, lyrischen Gesängen: Die goldene Garbe der Zeit mit der Musik von Kyriakos Kalaitzidis und einem Text von Vasiliki Nevrokopli lässt Marco Polo spüren, dass er ans Ende einer mystischen Weltreise gelangt ist. Der Fremde, komponiert von Kyriakos Kalaitzidis und ebenfalls auf Worte von Vasiliki Nevrokopli, gibt dem Gefühl Marcos Ausdruck, ein Fremder in seinem neuen Leben zu sein. Er durchquerte diese Universen wie ein Reisender außerhalb der Zeit.

Die moderne Mischung von Stilrichtungen und Epochen dieses Programms symbolisiert – nicht zuletzt durch die Mitwirkung von Musikern der Berliner Philharmoniker in diesem Konzert – die Begegnung der Welten, denen Marco Polo sich gegenübersah, doch mehr noch die Begegnung von Ost und West, eine Suche nach Identität und besserer Kenntnis seiner selbst durch Kenntnis des anderen. Die musikalische Reise des Marco Polo vereint Instrumentalmusik, Gesang und Sprachen in einer ehrgeizigen künstlerischen Suchfahrt. Sie reicht von Volksmelodien bis zu Klängen der Gegenwartsmusik und stellt sich als eine innere Reise dar: eine Initiationsreise, die von Lebensenergie gespeist ist, um an die Quelle unserer Inspiration zurückzuführen.

Sami Sadak, Übersetzung: Reinhard Lüthje

Biografie

Kyriakos Kalaitzidis, Mitbegründer und künstlerischer Leiter des Ensembles En Chordais, gilt als führender Kenner der weltlichen Musik aus der post-byzantinischen Ära. Der Virtuose auf der orientalischen Kurzhalslaute Oud gab mehr als 2000 Konzerte in über 40 Ländern und trat dabei an bedeutenden Spielstätten wie in der Pariser Salle Pleyel, im venezianischen Markusdom, im Lincoln Center und im Metropolitan Museum of Art in New York, in La Maison symphonique de Montréal, im Melbourne Recital Centre sowie im Opernhaus von Sydney auf; zudem gastierte er beim südfranzösischen Festival Les Suds à Arles sowie beim Festival de Fès des musiques sacrées du monde in Marokko. Kyriakos Kalaitzidis gab Vorlesungen und leitete Meisterklassen an bedeutenden Institutionen (Princeton University, Holy Cross College Boston, Université de Strasbourg, Staatliches Konservatorium Istanbul, Universität Turin, Università Ca’ Foscari di Venezia). In der Zeit von 2002 bis 2005 war er künstlerischer Leiter von »MediMuses«, eines dreijährigen EU-Projekts, das sich der Erforschung und Verbreitung des klassischen musikalischen Erbes im Mittelmeerraum widmete. Kyriakos Kalaitzidis, der 2012 seine Arbeit Post-Byzantine Music Manuscripts as a Source for Oriental Secular Music veröffentlichte, trat auch als Komponist von Instrumentalwerken sowie Theater- und Filmmusiken in Erscheinung.

En Chordais, eines der führenden Ensembles seiner Art, hat sich mit dem post-byzantinischen Musikerbe und mit der griechischen Folklore den vielfältigen musikalischen Traditionen des Mittelmeerraums verschrieben. Von besonderer Bedeutung ist hierbei die Arbeit des künstlerischen Leiters Kyriakos Kalaitzidis, der die europäischen Bibliotheken nach Musik-Manuskriptsammlungen aus dem 15. bis 19. Jahrhundert durchforscht hat und dabei zahlreiche bislang unbekannte Werke zu Tage förderte. Allerdings ist die Tradition für En Chordais Forschungs- und Kreativitätsgebiet zugleich, so dass sich im Repertoire der griechischen Formation auch Neukompositionen ihrer Mitglieder finden lassen. En Chordais gastierte bei bedeutenden Musikfestivals und gab weltweit Konzerte in renommierten Konzertsälen (Salle Pleyel Paris, Palais de Bozar Brüssel, Münchner Gasteig, Lincoln Center und Metropolitan Museum of Art in New York, La Maison symphonique de Montréal). 2008 wurde das Ensemble im Rahmen des Festivals BabMed in Marseille der Preis des Französischen Rundfunks Prix France Musique des Musiques du Monde verliehen, 2014 folgte die Auszeichnung mit dem Grand Prix de l’Académie Charles Cros.

Das frankokanadische Ensemble Constantinople wurde 1998 in Montreal von den beiden aus Teheran stammenden Brüdern Kiya und Ziya Tabassian gegründet und wird seit 2008 durch den Gambisten Pierre-Yves Martel ergänzt. Die musikalische Wurzeln des Trios liegen am Bosporus, was bereits der Bezug auf den historischen Namen der Stadt Istanbul, die mehr als ein Jahrtausend lang die östliche Metropole des römischen Weltreichs war, verdeutlicht. Bei seinen Versuchen, die musikalische Vergangenheit dieses historischen Schmelztiegels zwischen den Kulturen und Kontinenten zu beleuchten, kann sich das Ensemble Constantinople trotz spärlicher schriftlicher Überlieferung auf lebendige Musiziertraditionen des Mittelmeerraumes stützen, die über Spanien auch Lateinamerika erreichten. Dabei widmet sich die Gruppe einem breiten musikalischen Spektrum: von mittelalterlichen Handschriften bis zur zeitgenössischen Ästhetik, von der traditionellen Musik Südeuropas bis hin zum »New World Barock«. Constantinople tritt weltweit im Rahmen führender Festivals auf (Schwetzinger Festspiele, Festival d’Aix-en-Provence, Festival d’Île de France, Festival de Lanaudière (Quebec), World Sacred Music Festival of Fez (Marokko), Festival de México en el Centro Histórico) und gastiert in renommierten Konzertsälen weltweit. Es wird vom Conseil des arts et des lettres du Québec, vom kanadischen Council for the Arts sowie vom Conseil des arts de Montréal unterstützt.

Lingling Yu, in Hangzhou im Südosten Chinas geboren, begann im Alter von acht Jahren Violine, Erhu und wenig später auch die Schalenhalslaute Pipa zu spielen. Sechs Jahre später wurde sie an das Zentrale Musikkonservatorium in Beijing aufgenommen, ihren Bachelor erhielt sie als 22-Jährige. 1988 ging die Musikerin aus dem Nationalen Musikwettbewerb in Beijing als Siegerin hervor, bis 1997 unterrichtete sie an der Tsinghua Universität in der chinesischen Hauptstadt. Um die Zusammenhänge zwischen westlicher und fernöstlicher Musik zu erforschen, siedelte Lingling Yu 1998 in die Schweiz über, wo sie zunächst an der Universität von Lausanne studierte. In den Jahren 2000 bis 2005 folgten dann am Genfer Konservatorium Studien bei Jean Balissat (Harmonielehre), Kurt Sturzenegger (Kontrapunkt), Xavier Dayer (Orchestration) sowie bei David Dolan und Marco Ferrari (Improvisation), wobei Lingling Yu auch Kompositionskurse bei Eric Gaudibert und Nicolas Bolens besuchte. Die Künstlerin ist Mitglied des Schweizerischen Tonkünstlervereins und widmet sich im Rahmen von Auftritten in der Schweiz, Europa, Asien und Afrika der traditionellen chinesischen, klassischen sowie der zeitgenössischen Musik.

Marco Rosa Salva studierte Blockflöte und historische Aufführungspraxis bei Aldo Bova in Venedig und bei Pedro Memelsdorff in Bologna; es folgten Kurse bei Paolo Capirci, Han Tol, Kees Boecke und Walter van Hauve. Der vielseitige Musiker arbeitet regelmäßig mit führenden Ensembles für Alte Musik (u. a. Ensemble Biscanto, Accademia di San Rocco, Il Complesso Barocco, Sonatori della Gioiosa Marca, Il Viaggio Musicale, Cappella della Pietà dei Turchini, Cappella Ducale Venezia, La Venexiana). Zudem ist er künstlerischer Leiter des Ensembles La Girometta, das sich der italienischen Tanzmusik des 15. Jahrhunderts verschrieben hat. Marco Rosa Salva unterrichtet seit 1994 an der Scuola di musica antica di Venezia, zu deren Direktor er 1998 ernannt wurde. Darüber hinaus gibt der venezianische Barockflötist an verschiedenen Konservatorien und Universitäten im Rahmen von Meisterkursen sein Wissen an den musikalischen Nachwuchs weiter. Marco Rosa Salvas künstlerisches Schaffen ist auf zahlreichen Aufnahmen dokumentiert.

Amartuvshin Baasandorj ist Multi-Instrumentalist und ein Meister des traditionellen Obertongesangs Khoomei. Er spielt die Schwanenhalslaute Tobshuur und die Schlangenhaut-Geige Khuuchir, die Pferdekopfgeige Moriin Khuur sowie zahlreiche Perkussionsinstrumente. Aufgewachsen ist Amartuvshin Baasandorj in der Region Chandman Sum im Westen der Mongolei in einer Familie berühmter Khoomii Sänger: Das traditionelle Repertoire und die Feinheiten von fünf verschiedenen Khoomei-Stilen lernte er von frühester Jugend an von Vater und Onkel. Weltoffen und experimentierfreudig wirkte der Musiker an zahlreichen internationalen Projekten und Tourneen mit, u. a. gemeinsam mit dem Bundesjazzorchester, dem offiziellen Jugendjazzorchester der Bundesrepublik Deutschland, sowie im Rahmen des Marco-Polo-Projekts von Kyriakos Kalaitzidis. Amartuvshin Baasandorj trat im Rahmen zahlreicher internationaler Festivals auf. 2008 wurde er mit dem mongolischen Staatspreis für Kultur ausgezeichnet und trägt seitdem den Titel »Ausgezeichneter Kulturschaffender der Mongolei«.

Aleksandar Ivić erhielt im Alter von sechs Jahren ersten Geigenunterricht. Sein Studium absolvierte er in seiner Geburtsstadt Zagreb bei Kristijan Petrović, später setzte er die Ausbildung in Köln bei Igor Ozim sowie in Düsseldorf bei Rosa Fain fort. Kurse mit dem Amadeus-Quartett gaben dem Musiker wichtige Impulse für sein Kammermusikspiel. Vor allem in seiner Heimat ist Aleksandar Ivić mehrfach als Konzertsolist aufgetreten. Von 1988 bis 1995 war er Erster Geiger im WDR-Sinfonieorchester Köln; seit 1996 gehört er bei den Berliner Philharmonikern der Gruppe der Ersten Violinen an. Aleksandar Ivić ist Mitglied der Philharmonischen Stradivari-Solisten und musizierte zudem von 1997 bis 2002 im Scharoun-Ensemble und von 1999 bis 2003 bei den Berliner Barock Solisten. Er unterrichtet privat in Berlin und gibt Meisterkurse in Kroatien und Frankreich.

Raimar Orlovsky absolvierte sein Violinstudium bei Herbert Koloski, Werner Heutling, Thomas Brandis und Walter Forchert. Bevor er 1991 zu den Berliner Philharmoniker kam, spielte er in verschiedenen Ensembles, u. a. im Stuttgarter Bach-Collegium und im Chamber Orchestra of Europe. Von 1993 bis 2002 war der Geiger im Apos-Quartett Berlin tätig. Raimar Orlovsky ist Gründungsmitglied und Geschäftsführer der Berliner Barock Solisten und des Ensembles Concerto Melante; zudem engagiert er sich im Brahms Ensemble Berlin. Er ist in der Jury vieler Wettbewerbe vertreten, betreut regelmäßig als Dozent internationale Jugendorchester und lehrt im Rahmen von Meisterkursen. Die Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker verpflichtet ihn seit 2003 als Dozenten für Programme mit aufführungspraktischem Hintergrund. In musikwissenschaftlichen Arbeiten widmet sich Raimar Orlovsky dem Auffinden und Erforschen von verschollenen Werken des 17. und 18. Jahrhunderts.

Martin Stegner erhielt mit acht Jahren von seinem Vater den ersten Geigenunterricht. Nach dem Studium an der Musikhochschule Mannheim bei Roman Nodel wechselte er zur Bratsche und wurde 1992/1993 an der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker von Neithard Resa und Wilfried Strehle weiter ausgebildet. Meisterkurse u. a. bei Wolfram Christ und Rainer Kussmaul vervollkommneten sein Können. Nach dreijähriger Tätigkeit als 1. Solo-Bratscher im Deutschen Symphonie-Orchester Berlin wechselte er 1993 zu den Berliner Philharmonikern, 2006 wurde er in den Fünferrat des Orchesters gewählt. Martin Stegner konzertiert weltweit als Solist und engagiert sich neben seiner Orchestertätigkeit bei den Philharmonischen Streichersolisten, im Ensemble Lachmusik sowie im 2014 ins Leben gerufenen Bratschenquartett Violentango. Als Liebhaber des Jazz spielte er in diversen Formationen und auf vielen Festivals; er trat u. a. mit Thomas Quasthoff, Nigel Kennedy, Herbie Mann und Diane Reeves auf. 2008 gründete Martin Stegner das Ensemble Bolero Berlin, in dem er sich mit Kollegen aus dem Orchester der südamerikanischen Musik widmet. Er arbeitete als Dozent beim Gustav Mahler Jugendorchester sowie beim Orquesta Juvenil Centroamericana und gab Kurse an der Yale University in New Haven (Connecticut).

Solène Kermarrec wurde in Brest (Frankreich) geboren. Sie absolvierte ihr Cellostudium an drei renommierten Institutionen: am Pariser Conservatoire National Supérieur de Musique bei Jean-Marie Gamard, an der Budapester Franz-Liszt-Akademie bei Miklos Perényi sowie an der Universität der Künste Berlin in der Klasse von Wolfgang Boettcher. Die Musikerin wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Ersten Preis beim Berliner Domenico-Gabrielli-Violoncellowettbewerb (2003) sowie mit dem Zweiten Preis und zwei Sonderpreisen beim Internationalen David Popper Violoncello-Wettbewerb Budapest (2004). Seit Januar 2007 ist Solène Kermarrec Mitglied der Cellogruppe der Berliner Philharmoniker und auch des weltweit erfolgreichen Ensembles der 12 Cellisten.

Roger Willemsen studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in seiner Heimatstadt Bonn sowie in Florenz, München und Wien. Nach seiner Promotion über die Dichtungstheorie Robert Musils arbeitete er als Dozent, Herausgeber, Übersetzer (u. a. von Thomas Moore und Umberto Eco) und für drei Jahre als Korrespondent in London. 1991 begann seine Fernsehlaufbahn als Moderator, später auch als Produzent von Kultursendungen (z. B. Willemsens Woche, Nachtkultur, Willemsens Zeitgenossen). Sein Debüt als Regisseur gab er 1996 mit einem Film über den Jazzpianisten Michel Petrucciani, der inzwischen in 13 Ländern gesendet wurde; es folgten Porträts von Personen der Zeitgeschichte wie Gerhard Schröder und Marcel Reich-Ranicki. Hauptberuflich war Willemsen jedoch stets Autor: Regelmäßig erschienen seine Essays und Kolumnen beispielsweise in der ZEIT, im Spiegel und in der Süddeutschen Zeitung. Seit 2002 widmet er sich verstärkt literarischen Arbeiten. Seine Bestseller Deutschlandreise, Gute Tage, Kleine Lichter, Afghanische Reise, Der Knacks, Die Enden der Welt und Momentum wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien sein Buch Das hohe Haus. Ein Jahr im Parlament, eine Dokumentation über die Sitzungen des Deutschen Bundestags im Jahr 2013. Willemsen ist Schirmherr mehrerer Literaturfestivals und lehrt seit 2010 als Honorarprofessor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. Er engagiert sich darüber hinaus bei verschiedenen Hilfsorganisationen (Terre des Femmes, Afghanischer Frauenverein e. V., CARE International) und war lange Jahre Botschafter von Amnesty International. Zu den zahlreichen Auszeichnungen Roger Willemsens zählen der Bayerische Fernsehpreis (1992), der Adolf-Grimme-Preis in Gold (1993), der Rinke-Preis für sein Buch Der Knacks (2009) und der Julius-Campe-Preis (2011). Für die Stiftung Berliner Philharmoniker gestaltet und moderiert er seit der Spielzeit 2011/2012 die Reihe Unterwegs – Weltmusik mit Roger Willemsen.

(c) Alexander Mirsch

Unterwegs – Weltmusik mit Roger Willemsen

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