Ein Zusammenspiel von Raum und Musik

Das Foyer der Philharmonie Berlin

»Im Foyer war ich verblüfft, aufgeregt, wir gingen treppauf und treppab, fasziniert vom Wechsel der Durchblicke …«, schrieb der Schriftsteller Max Frisch ein Jahr nach der Eröffnung des Hauses (1963) an Architekt Hans Scharoun und bekräftigte: »Es ist mir selten widerfahren, dass mich ein Werk heutiger Architektur so beglückt hat wie die Philharmonie in Berlin, die Sie geschaffen haben.« Labyrinthisch, verwirrend und gleichzeitig großzügig, weitläufig und hell – so erscheint das Foyer der Philharmonie Berlin.

Wie auf einem Schiff

Das Foyer der Philharmonie Berlin, in dem das diesjährige Europakonzert am 1. Mai stattfindet, hat einen ganz eigenen Charakter. Das liegt vor allem an den asynchron rhythmisierten Treppenaufgängen, den brückenartigen Galerien mit den filigranen Geländern und den balkonartigen Austritten, die den Besucherinnen und Besuchern das Gefühl vermitteln, auf einem Kreuzfahrtschiff zu sein. Diese maritime Assoziation kommt nicht von ungefähr: Hans Scharoun, in Bremen geboren und in Bremerhaven aufgewachsen, war von Kindheit an von Schiffen fasziniert und ließ sich von ihnen auch beim Entwurf der Philharmonie inspirieren. Seine lebendige Raumgestaltung mit vielen verschiedenen Ebenen, die nicht nur den Konzertgästen reizvolle Ein-, Aus- und Durchblicke auf das Foyer erlauben, sondern auch Platz für unterschiedliche  Instrumentalgruppen und -ensembles bietet, hat die Programmgestaltung des Europakonzerts entscheidend geprägt – mit Werken von Blacher, Ives, Mozart, Penderecki, Tschaikowsky und Adams.

 

Leichtigkeit mit Licht

Die Durchdringung von Musik und Architektur begegnet uns im Foyer mehrfach: Da wären als Erstes die vier Farbglaswände, die Alexander Camaro mit dynamischen Farbverläufen aus runden, industriell gefertigten Glasbausteinen gestaltet hat. Jeder Glasbaustein ist ein Unikat.  Am auffälligsten ist die als »Farb-Decrescendo« bezeichnete Glaswand im nördlichen Umgangsfoyer, das vom intensiven Rot über grau-weiße Töne zum durchsichtigen Glas abklingt. Die drei anderen changieren zwischen Grau-Rosa, Blau-Grün und Braun-Gold. Der besondere Reiz dieser Installation besteht in ihren überraschenden Farbabstrahlungen, die sich durch den Wechsel und die Intensität des Lichteinfalls ergeben. Hans Scharoun, der sich diese farbigen Akzente gewünscht und seinen Freund Camaro mit deren Ausgestaltung beauftragt hatte, schwebte die Idee vor, »Wände zu durchbrechen, Schweres leicht zu machen, Lichtquellen zu schaffen und dadurch den festlichen Eindruck zu steigern«. Genau dies ist auch die Wirkung: Ähnlich der Instrumentation eines großbesetzten Orchestersatzes sind diese Farbinseln in das Ensemble der Foyerlandschaft eingeflochten und tragen nicht unerheblich zur meditativen, freundlich-lichten und beschwingten Atmosphäre des Ganzen bei.

Wussten Sie schon?

Die 110 kugelförmigen Leuchten des Foyers sehen auf den ersten Blick aus, als stammen sie von einem gewissen schwedischen Möbelhersteller. Weit gefehlt! Sie wurden von Günter Ssymmank entworfen und setzen sich aus je 72 fünfeckigen Teilen aus Polyamid zusammen.

Diese Polyamidteile nehmen Bezug auf die Form des Pentagons, aus der Scharoun die gesamte Architektur der Philharmonie Berlin entwickelt hat. Auch im Logo der Berliner Philharmoniker ist diese Form enthalten.

Die Kunst der Fuge

Auch die den Treppenaufgängen vorgelagerte Plastik »Auftakt 63« von Bernhard Heiliger nimmt auf Musik Bezug: Obwohl gänzlich abstrakt konzipiert, lässt sie in ihrem filigranen Gebilde die Anmutung eines Dirigenten erblicken – den Vorgang des Hinführens und Verteilens der Publikumsströme auf den Saal zu. Ob dem Publikum bewusst ist, dass es bei seinem Weg in den Konzertsaal über die Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach läuft? Bei der Gestaltung des Fußbodens diente dem Bildhauer Erich F. Reuter das Werk Johann Sebastian Bachs als Inspirationsquelle: »B-A-C-H am Eingang, wo diese Spitzen liegen – wunderbare Steinmetzarbeit. Passacaglia da, wo die Treppe geht, und die Kunst der Fuge, also die Spiegelfuge, weiter rechts. Ein Thema gerade dann, wenn eine so verwirrend große Fläche vor uns liegt, fast wie ein Fußballfeld so groß.« Ursprünglich sollte der gesamte Boden mit bunten Glasmosaiksteinen bedeckt sein, doch das ließ sich aus Kostengründen nicht realisieren. So bekam das Foyer seinen charakteristischen Boden aus grauem Naturstein, aus dem die bunten, von Bach inspirierten Glasmosaikflächen wie kostbare Edelsteine herausstrahlen. Als Scharoun Reuters Werk einen Tag vor Eröffnung der Philharmonie zum ersten Mal als Gesamtes sah, meinte er humorvoll und sehr zufrieden zu dem Künstler: »Dein Glück, daß du so wenig Geld gekriegt hast!«


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