Weltmacht im Westwind

Die großen Kulturzentren Chinas

Peking: Nationales Zentrum der Darstellenden Künste
(Photo: Monika Rittershaus)

Wer die Prognose wagt, dass Chinas Wiederaufstieg zur Weltmacht dereinst als die wichtigste weltgeschichtliche Veränderung unseres Zeitalters erscheinen wird, geht wohl kein großes Risiko ein, vom weiteren Verlauf des Jahrhunderts widerlegt zu werden. Möglicherweise werden demgegenüber sogar der Ost-West-Konflikt und der Fall des Eisernen Vorhangs als Episode gelten. Eine zentrale Frage unserer Zeit ist daher, ob sich »der Westen« in den akuten politischen und kulturellen Populismen selbst zerlegt – oder ob er den Herausforderungen dieser neuen globalen Konstellation zu entsprechen vermag.

Realitätsfremd ist die optimistische Perspektive nicht, zumindest hat sie günstige Voraussetzungen. Denn »der Westen« gilt etwas im Reich der Mitte. Und schließlich: Was hat es zu bedeuten, dass an prominenten Stellen der neuen Metropolen Chinas große Kulturzentren entstanden und entstehen, in denen der westlichen Kultur – allen voran der westlichen Kunstmusik – superbe Foren geboten werden? Dies sind übrigens meist architektonische Großprojekte, wie sie die Welt so noch nicht gesehen hat. Die zahlreichen Konzertsäle, die dort in den vergangenen Jahrzehnten auch abseits der Hauptstädte errichtet wurden, stellen viele ihrer westlichen Pendants in den Schatten. Hier ein Überblick über die wichtigsten davon.

Nationales Zentrum der Darstellenden Künste, Peking

Im Herzen Pekings, unweit der Verbotenen Stadt, des Tian’-anmen-Platzes, der Großen Halle des Volkes und des Mausoleums für Mao Zedong, liegt das Nationale Zentrum der Darstellenden Künste (NCPA). Der 2008 rechtzeitig zu den Olympischen Spielen eröffnete Komplex steht hinter der ikonografischen und monumentalen Wucht seiner Umgebung nicht zurück und darf als städteplanerische, architektonische und logistische Meisterleistung gelten. Denn dem französischen Architekten Paul Andreu gelang es, einen Konzertsaal für 2000 Besucher, ein Operntheater für 2500 Besucher und ein Theater für die traditionelle Peking-Oper mit 1000 Sitzplätzen unter einem einzigen Dach unterzubringen. Dazu verlegte Andreu sämtliche Zugänge und Schleusen unter die Erde, sodass er das gesamte Ensemble mit einer riesigen Hülle aus Glas und Titan ummanteln und wie eine monumentale Blase auf einer ringsum reichenden Wasserfläche erscheinen lassen konnte. In dem auf den ersten Blick konventionell anmutenden Konzertsaal, der sich unter der futuristischen Hülle des NCPA verbirgt, finden sich nahezu alle Elemente der maßgeblichen Vorbilder wieder. Mit einer großen Chorempore, fast bis zur Bühnenrückwand durchgezogenen Seitenemporen und Balkonen mutet der Saal fast hybrid an und belohnt Musiker wie Publikum gleichermaßen mit einer guten Akustik.

Shanghai: Oriental Art Center
(Photo: TAO images)

Shanghai Oriental Art Center

Mit diesem weltweit größten Zentrum für darstellende Künste demonstrierte Peking auch symbolisch die traditionelle Vormachtstellung der Hauptstadt gegenüber der ewigen Rivalin Shanghai, der Handelsmetropole am Jangtsekiang-Delta, die sich schon immer als die vitalere und weltoffenere Stadt darstellte. Doch trotz seiner reichen Tradition galt Shanghai lange als kulturell weniger ambitioniert. Das hat sich zuletzt nachhaltig verändert, etwa durch das Grand Theater aus den frühen 1990er-Jahren, die Museen des West Bund Cultural Corridor, dem für die Expo 2010 entstandenen China Art Museum und nicht zuletzt mit dem Shanghai Oriental Art Center (SHOAC).

Auch hier war Paul Andreu der federführende Architekt, und wie beim NCPA in Peking ließ er sich von einer organischen Form inspirieren: Die fünf durch Lobbys und Wandelgänge miteinander verbundenen Hallen sind so angeordnet, dass sie von oben einer gigantischen Schmetterlingsorchidee gleichen. Herzstück des SHOAC ist der Konzertsaal, in dem das Modell der Weinberg-Anlage nach dem Vorbild von Hans Scharouns Berliner Philharmonie aufgegriffen wurde. Das Opernhaus wiederum konkurriert mit dem Grand Theater, wirkt aber, da wesentlich kleiner dimensioniert, intimer, wie ein traditionelles italienisches Opernhaus; dennoch kann der Graben ein ganzes Wagner-Orchester aufnehmen, und die Bühne lässt sich sogar in eine Eislaufbahn verwandeln. Alles in allem bietet das SHOAC also drei klassische Theater-Modelle unter einem Dach.

Hong Kong: Cultural Center
(Photo: Wikimedia Commons)

Hong Kong Cultural Center

Als Vorreiter der erstaunlichen Assimilation westlicher Kultur in China kann das Hong Kong Cultural Center (HKCC) betrachtet werden. Offiziell eingeweiht im November 1989 in Anwesenheit von Prinz Charles und Lady Diana, wurde es damals – noch zu Kolonialzeiten – in Europa als symbolträchtige Morgengabe des British Empire an das Mutterland aufgefasst. Bis heute umstritten ist die Architektur der fensterlosen Kulturfestung, deren Umriss an eine Sprungschanze denken lässt. Charakteristisch für die ovale Konzerthalle sind die ringsum laufenden und über der Bühne symmetrisch angeordneten Balkone.

Die Akustik lässt sich durch einen großen Baldachin über dem Podium und ein Vorhangsystem flexibel verändern. Mit einem Fassungsvermögen von über 2000 Plätzen steht dem Hausensemble Hong Kong Philharmonic – das erst im Jahr der Bauentscheidung professionalisiert wurde – eine erstklassige Spielstätte zur Verfügung. Ähnlich großzügig, mit über 1700 Plätzen, ist das Grand Theatre für Oper, Ballett und Musical dimensioniert. Komplettiert wird das Angebot des HKCC mit einem kleineren Studiotheater, einer Kunstgalerie und zwei Konferenzräumen. Doch so eindrucksvoll und für die örtliche Kulturszene belebend das HKCC auch erscheinen mag: Im Vergleich zu seinen Pendants in der Volksrepublik und in Taiwan wirkt die Achtzigerjahre-Moderne des Baus bereits etwas angestaubt.

Shenzhen: Concert Hall
(Photo: mauritius images)

Shenzhen Concert Hall

Die eindrucksvollste unter den »neuen« Städten Chinas ist womöglich Shenzhen. In unmittelbarer Nähe zur britischen Kronkolonie Hongkong gelegen, wurde diese Stadt ab 1979, drei Jahre nach Maos Tod, als erste Sonderwirtschaftszone des modernen China buchstäblich aus dem Erdboden gestampft. In einem Bauboom ohnegleichen entstand eine Mega-City mit derzeit über 12 Millionen Einwohnern – Tendenz steigend. Konzipiert als Brückenkopf zu Hongkong, gilt Shenzhen heute als »Werkbank der Welt« und ist zugleich das modernste Dienstleistungszentrum des Riesenreichs.

Die Shenzhen Concert Hall teilt sich ein Gebäude mit der wichtigsten modernen Bibliothek Chinas im Shenzhen Cultural Center, gelegen in unmittelbarer Nähe zum gigantischen Rathaus-Komplex der Boom-Metropole. Der japanische Architekt Arata Isozaki, Jahrgang 1931, hat das Gebäude entworfen, in dem er die für sein Spätwerk charakteristischen Elemente eines modernen Eklektizismus einer Praktikabilität dienstbar macht, die keine Wünsche für einen modernen Konzertsaal offen lässt.

Taipeh: Nationaltheater und Nationale Konzerthalle
(Photo: Monika Rittershaus)

Nationaltheater und Nationale Konzerthalle, Taipeh

Mindestens so beeindruckend wie die Volksrepublik hat sich auch Taiwan mit zwei Kulturzentren in Taipeh und Kaohsiung auf internationalem Niveau positioniert. Das Nationaltheater und die Nationale Konzerthalle (NTCH) in Taipeh rahmen als Zwillingsbauten den zentralen Platz der Freiheit an der nördlichen und südlichen Seite ein. Yang Cho-cheng (1914–2006), der als renommiertester Architekt des Landes galt, bemühte sich beim NTCH um eine Vermittlung von Tradition und Moderne. Die äußere Gestalt der beiden Bauten orientiert sich an der traditionellen chinesischen Palast-Architektur, während im Inneren in deutsch-holländischer Kooperation ein hochfunktionales Ensemble von Theater- und zwei Konzerträumen entstand.

Die einschüchternde Monumentalität des großen Konzertsaals mit seiner dunklen Holzverkleidung und der riesigen Flentrop-Konzertorgel auf der Bühnenrückseite lassen sich durch raffinierte Beleuchtungstechnik ins Dezente dimmen. Zugleich bietet die traditionelle Schuhschachtel-Anlage des Saals erstaunlich vielfältige Anpassungsmöglichkeiten an verschiedene Veranstaltungsformate. Die Haus-Ensembles – National Symphony Orchestra und National Chinese Orchestra and Chorus – werden von dem weitgehend unabhängigen National Cultural Center verwaltet, das auch für zahlreiche Gastspiele verantwortlich zeichnet.

Kaohsiung: Nationales Zentrum für Kunst und Kultur
(Photo: Nationales Zentrum für Kunst und Kultur)

Nationales Zentrum für Kunst und Kultur, Kaohsiung

Im äußersten Süden der Insel, 350 Kilometer von Taipeh entfernt, liegt Kaohsiung. Auf einem alten Kasernen-gelände entstand dort mit dem Nationalen Zentrum für Kunst und Kultur ein Pendant zum NTCH in der Hauptstadt. Der spektakuläre, zwischen 2009 und 2017 entstandene Komplex erhielt bereits während der Bauzeit eine ganze Reihe internationaler Auszeichnungen für Architektur und Städteplanung. Die niederländische Architektin Francine Houben verband die Parklandschaft, die nach der Auflösung der militärischen Einrichtungen angelegt worden war, geschickt mit einem gigantischen Ensemble an Gebäuden, das sich über 1160 Meter Länge und 225 Meter Breite erstreckt.

Die große, wellenförmige Stahlkonstruktion, die von oben der Gestalt eines Rochens ähnelt und den gesamten Komplex ummantelt, öffnet sich in unterschiedlichster Weise für Pflanzen und Grünflächen, die in dem subtropischen Klima die Kühlung der Anlage effizient unterstützen. Das zentrale Performing Arts Centre beherbergt ein Theater mit 2260 Plätzen, den Konzertsaal mit rund 2000 Plätzen, eine mittelgroße Bühne mit 1250 Plätzen sowie einen kleineren Konzertsaal mit 470 Plätzen. Die Rochenform bestimmt auch die Anmutung des weinbergartig mit weichen Hölzern angelegten Konzertsaals, der mit den neuesten bühnentechnischen Finessen ausgestattet ist. Die Meinungen über die akustischen Bedingungen des Saals sind einstweilen noch geteilt, was freilich die herausragende Qualität des Gesamtkonzepts nicht schmälert.