Eine ganz neue Art des »Storytellings«

Leif Ove Andsnes über Momentum Mozart 1785/1786

Leif Ove Andsnes
(Photo: Gregor Hohenberg)

»Momentum Mozart 1785/1786« heißt das Projekt, mit dem Leif Ove Andsnes und das Mahler Chamber Orchestra gerade durch Europa touren. Es geht um Mozart, speziell um seine Klavierkonzerte, und um Kompositionen, die in den Jahren 1785/1786 entstanden. In unserem Interview stellt der Pianist das Projekt vor.

Warum werden gerade diese beiden Jahre in den Fokus gerückt?
Leif Ove Andsnes: Mir gefällt die Idee, eine Zeitspanne herauszugreifen und zu schauen, was da gerade passierte. Mozarts Leben war voller grandioser Musik. Aber wenn wir auf diese beiden Jahre blicken, dann waren sie für die Entwicklung des Klavierkonzerts eine ganz entscheidende Phase, ein Gipfelpunkt. Und wir dachten, wir stellen seine Klavierkonzerte in den Kontext anderer Werken, die in dieser Zeit entstanden sind, um die damalige musikalische Vielfalt aufzuzeigen. Mich interessiert nachzuforschen, warum Mozart ausgerechnet in jenen Jahren so eine Entwicklung durchmachte. Öffnete gerade diese Vielfalt, der er in Wien begegnete, seinen Blick für neue kompositorische Möglichkeiten? Dem wollen wir nachgehen.

Mozart komponierte in jenen Jahren einen Großteil seiner Klavierkonzerte, deren Form zukunftsweisend wurde. Jedes von ihnen ist zwar ein Unikat, aber wenn man etwas Übergeordnetes benennen will: Was zeichnet den Stil der mozartschen Klavierkonzerte aus?
L. O. A.: Damals geschah etwas Entscheidendes: Mit dem d-Moll-Konzert verwendet Mozart erstmal eine ganz neue Art des »Storytellings«. Er bricht mit Traditionen und führt den Solisten auf vollkommen neuartige Weise ein. Normalerweise stellt das Orchester das musikalische Material vor, der Pianist greift es anschließend auf. Mozart hingegen lässt den Solisten nun mit einer komplett anderen Musik auftreten, er weist ihm auf einmal die Rolle eines Individuums zu, das sich von der Gesellschaft abgrenzt. Das empfinde ich als sehr revolutionär. Außerdem überträgt er seine Erfahrungen als Opernkomponist auf das Konzert. Seine Musik wird in jenen Jahren theatralischer. Hinzu kommt, dass die Bläser in den Konzerten immer wichtiger werden.

Die meisten Klavierkonzerte schrieb Mozart für sich selbst. Können Sie sich anhand seiner Werke ein Bild davon machen, welche pianistischen Qualitäten er besaß? Wie müssen wir uns den Interpreten Mozart vorstellen?
L. O. A.: Er war sehr spielfreudig, virtuos, ungeheuer schnell und extrem flexibel. Er konnte sich stimmungsmäßig sofort umstellen. Das wird vor allem deutlich, wenn man seine Konzerte mit Werken von Zeitgenossen vergleicht. Ihn trieb die Lust am Experimentieren und er probierte gerne neue Figuren und Klänge aus.

In dem Konzert, das Sie mit dem Mahler Chamber Orchestra im Kammermusiksaal geben, erklingen nur Kompositionen, die in Moll-Tonarten stehen. Wie kam diese Programzusammenstellung zustande?
L. O. A.: Wir wollten zeigen, dass es eine Verbindung zwischen der Mauerischen Trauermusik und der Düsternis des d-Moll-Konzerts gibt. Aber was heißt düster? In allen Moll-Stücken gibt es auch lichte, heitere, glückliche Momente, vor allem in den beiden letzten Sätzen des Klavierquartetts. Dieses Programm enthält trotz allem viele atmosphärische Kontraste.

Wenn Sie gerade so tief und intensiv in die Welt Mozarts der Jahre 1785/1786 eintauchen, was macht das mit ihnen als Musiker? Welche neuen Erkenntnisse nehmen Sie aus dem Projekt mit?
L. O. A.: Das kann ich noch gar nicht genau sagen, ich stecke ja noch mitten drin in dem Prozess. Ich bin sehr neugierig, was die Musik Mozarts mit mir macht. Auf alle Fälle bekomme ich einen neuen Blick darauf, mein Spiel verändert sich. Für mich ist eines sicher: Die besten Mozart-Aufführungen müssen eine Freiheit vermitteln, die man nur durch größtmögliche Offenheit für das »Kind in sich« erreicht.

Wie gestaltet sich für Sie die Zusammenarbeit mit dem Mahler Chamber Orchestra?
L. O. A.: Bei Mozarts Musik geht es darum, die verschiedenen Schichten deutlich zu machen, die sich überlagern. Bei den Klavierkonzerten ist es ähnlich wie in seinen Opern, es passiert musikalisch so viel gleichzeitig. Das transparent zu machen, dafür ist das Mahler Chamber Orchestra ideal. Das Ensemble hat ein untrügliches Gespür für die unterschiedlichen Schattierungen und Nuancen.

Zu Momentum Mozart gehört auch das Projekt »Unboxing Mozart«. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?
L. O. A.: Das ist ein Experiment für die Zuhörer. Sie erhalten eine Box, die ähnlich funktioniert wie ein Computerspiel, und man kann interaktiv mit der Musik spielen. Das ist etwas komplett Neues, ein großes Abenteuer. Ich hoffe, es wird ein Erfolg.