11. Nov 2021

Glücksspiel, Klatsch und goldene Zeiten

Baden-Badens heiße Thermalquellen waren schon zur Zeit der Römer bekannt und beliebt. Doch vor allem ab dem 19. Jahrhundert erfreute sich die Stadt regen Zulaufs von Reisenden, Adligen und wohlhabenden Bürgern und wurde zur »Sommerhauptstadt Europas«. Eine besonders aktive Besuchergruppe waren wohlhabende russische Kosmopoliten. Auf ihren Spuren kann man in der Kurstadt noch heute wandeln.

Das Casino im Kurhaus

Während in Frankreich das Glücksspiel verboten wurde, brachen in deutschen Städten mit großen Spielbanken im 19. Jahrhundert buchstäblich goldene Zeiten an. So auch im Kurhaus in Baden-Baden, damals noch das Maison de Conversation. Hier traf sich von morgens bis abends alles, was Rang und Namen hatte. Doch das Casino diente nicht nur zur Unterhaltung – und teilweise bis hin zum Bankrott unglücklicher russischer Schriftsteller wie Fjodor Dostojewskij –, sondern finanzierte auch den Ausbau der Stadt, das Theater und ein vielfältiges Kulturleben.

Mit dem allgemeinen Verbot des Glückspiels im Deutschen Reich fand das Treiben 1872 ein jähes Ende und die Stadt richtete sich stärker auf den Kurbetrieb aus. Von 1933 bis 1944 nahm das Casino als erste Spielbank in Deutschland den Betrieb wieder auf. Die feierliche Wiedereröffnung der Spielbank in der heutigen Form als Casino und kulturellem Veranstaltungsort fand schließlich 1950 statt.

Die Trinkhalle

Die Trinkhalle neben dem Kurhaus glich im 19. Jahrhundert einem Salon, in dem man gemeinsam flanierte und den neuesten Klatsch und Tratsch austauschte. Unterstützt wurde dies durch das Badeblatt, in dem nicht nur anstehende Veranstaltungen und aktuelle Nachrichten zu lesen waren, sondern auch ausführliche Namenslisten der neu angekommenen Gäste aus Russland.
 

Historische Hotelkultur

Die illustren Gäste mussten in Baden-Baden natürlich standesgemäß untergebracht werden. So entstanden in dieser Zeit aus kleinen Herbergen Luxus-Hotels, die teilweise bis heute Gäste mit großem Portemonnaie willkommen heißen. Das Hotel Atlantic zum Beispiel, damals noch der Englische Hof, konnte sogar mit einem eigens für seine Gäste veranstalteten Ball im Kurhaus aufwarten. Hier wohnten der spätere Zar Alexander II. und die Zarenwitwe Alexandra Federovna. Andere wie Lev Tolstoj wohnten im preisgünstigeren Hotel Holland. Nachdem Tolstoj schon am ersten Abend in Baden-Baden sein gesamtes Geld verspielt hatte, konnte auch ein großzügiges Darlehen des Dichters Ivan S. Turgenev seine finanzielle Lage nicht verbessern.

Russisch-Orthodoxe Kirche

Ein Wahrzeichen der Stadt und ihrer großen russischen Gemeinde wurde Ende des 19. Jahrhunderts erbaut: die russisch-orthodoxe Kirche zur Verklärung des Herrn. Die Kirche ist mit zahlreichen Fresken des russischen »Malerfürsten« Grigorij Gagarin geschmückt und ihr Bau wurde vor allem von Großherzogin Maria Maximilianowna, einer Enkelin des Zaren Nikolaus I., vorangetrieben. Seitdem muss die russische Gemeinde ihre Gottesdienste nicht mehr im Privaten feiern. Ob Dostojewskij, Tolstoj, Turgenev oder die Romanovs – wer etwas auf sich hielt, war im 19. Jahrhundert im Sommer in Baden-Baden anzutreffen. Die Sommerhauptstadt Europas, die inzwischen Teil des UNESCO Weltkulturerbes ist, versprüht bis heute ihren weltmännischen Charme.

Fotos: Monika Rittershaus