(Foto: Monika Rittershaus)

07. Nov 2021

Im Interview: Anna Handler

Die 25-jährige Anna Handler studiert zurzeit Dirigieren an der New Yorker Juilliard School und assistiert hier in Baden-Baden Kirill Petrenko bei den Proben und Aufführungen von Tschaikowskys Mazeppa. Wir haben mit ihr über Bühnenmusik, ihre Liebe zur russischen Sprache und ein besonderes Geschenk gesprochen.

Was genau macht die Assistentin des Chefdirigenten?

Ich prüfe ständig die Balance zwischen dem Orchester, dem Chor und den Sänger*innen vom Saal aus, also aus der Zuhörerperspektive. Zu meinen Aufgaben gehört es außerdem, die Bühnenmusik zu dirigieren. Die Bläser stehen dazu hinter der Bühne oder auf der Empore und ich sehe Herrn Petrenko über den Monitor, damit wir die Musik von hinter der Bühne rechtzeitig zum Klingen zu bringen. Das ist nicht ganz leicht und diese Situation kann man nicht im Studium simulieren. 

Wie haben Sie sich auf das Werk vorbereitet?

Ich habe mich zunächst mit der Handlung und den Gesangspartien beschäftigt. Als Inspiration für seine Oper diente Tschaikowsky Alexander Puschkins Gedicht Poltawa, das die Geschichte des Kosakenhauptmanns Mazeppa erzählt. Dieser kämpfte 1709 in Poltawa in der heutigen Ukraine an der Seite der Schweden gegen den russischen Zaren – und verlor. Mazeppas Geschichte und Gefühlswelt hat Tschaikowsky in Töne umgewandelt.

Können Sie das genauer erklären?

Mich fasziniert, wie Tschaikowsky Puschkins Worte in Töne übersetzt hat: Welche Worte waren ihm besonders wichtig? Mit welchen Instrumenten hat er sie vertont? Oder welche Worte hat er musikalisch hervorgehoben? Das macht das Studium einer solchen Partitur besonders interessant.

Sie haben also sehr stark vom Text ausgehend gearbeitet?

Die intensive Auseinandersetzung mit dem Text, hat mir geholfen, das Stück in kurzer Zeit zu verinnerlichen. Ich hatte zudem Hilfe von russischen Muttersprachlern, um die genaue Bedeutung des Texts zu begreifen. Ich kann Kyrillisch lesen, aber es war doch eine Herausforderung für mich, jedes Wort zu verstehen und die Aussprache zu beherrschen. Teilweise sind die Begriffe und Redewendungen auch sehr poetisch, das ist in etwa so, als versuchte man, Goethe mit Google zu übersetzen. Am Ende konnte ich dadurch viel tiefer in das Werk eintauchen.

Haben Sie eine Lieblingsstelle?

Am Anfang des dritten Aktes, der Schlacht von Poltawa, wird der Kampf zwischen den Schweden und den Russen dargestellt. Hier spielt das Orchester alleine und zwar hochvirtuos. Nach der Kampfmusik erklingt eine majestätische Hymne auf das russische Heer. Danach kommt ein Choral, der aus dem russisch-orthodoxen Kirchengesang übernommen wurde. Ich stelle mir hier vor, dass die Russen zurückweichen, noch mal in sich gehen und beten. Für mich ist es eine ganz besondere Freude, auf diese Weise in eine andere Kultur, in eine andere Mentalität einzutauchen. Und ich muss gestehen, ich war zuvor schon verliebt in die russische Sprache und ich bin deshalb sehr dankbar für die Chance, mich mit dieser Musik auseinandersetzen zu dürfen.

Wie ist es für Sie, mit den Berliner Philharmonikern zu arbeiten?

Ich freue mich sehr, dass ich bei einer großen Produktion dabei sein darf, bei der alles mit der höchsten Perfektion ausgeführt wird und man als junger Mensch ein Gefühl dafür bekommt, was es bedeutet, auf diesem Niveau zu arbeiten. Ich befinde mich am Anfang einer noch langen Reise in der Musikwelt. Aber jetzt schon einen Einblick zu bekommen in die Welt der Berliner Philharmoniker, einmal reinschnuppern zu dürfen, ist ein großes Geschenk.

Nicht verpassen!

In Baden-Baden präsentieren wir Tschaikowskys Mazeppa am 10. und 12. November. Tickets erhalten sie hier. Das Konzertprogramm wird am 14. November auch in der Philharmonie aufgeführt und live in der Digital Concert Hall übertragen.  Tickets kaufen

Fotos: Monika Rittershaus