Composer in Residence 2016/2017

John Adams

(Foto: Deborah O'Grady)

John Adams gilt als die musikalische Stimme Amerikas – zumindest in der zeitgenössischen klassischen Musik. In der Saison 2016/2017 ist der aus Massachusetts stammende und heute in Kalifornien lebende Künstler Composer in Residence. Als solcher stellt er sich im Laufe der Spielzeit nicht nur als Komponist mit einigen seiner wichtigsten Werke vor, sondern präsentiert sich dem Berliner Publikum auch live als Dirigent am Pult des Orchesters und in Zusammenarbeit mit den Stipendiaten der Orchester-Akademie.

Brillant, energetisch, humorvoll

»Zwei Dinge begeistern mich an Johns Musik besonders«, meint Sir Simon Rattle, den eine jahrzehntelange künstlerische Freundschaft mit dem Komponisten verbindet: »Erstens, dass sie sich immer vorwärts durch den Raum zu bewegen scheint, sodass ich mir beim Hören vorstelle, ziemlich schnell dicht über dem Boden in einem Leichtflugzeug zu fliegen. Zweitens die Mischung aus Ekstase und Trauer, die es in fast allen seiner besten Stücke gibt.« Die entscheidenden Impulse für seine Musiksprache bekam John Adams nach dem Studium an der Harvard University durch die Minimalisten Philip Glass und Steve Reich, deren Stil ihn faszinierte, inspirierte und prägte – ohne jedoch deren rituelle, monochrome Klangsprache vollkommen zu übernehmen. Mit dem Ergebnis, dass Adams’ Werke die suggestive Sogwirkung minimalistischer Musik besitzen und zugleich brillant, energetisch, visionär und immer auch humorvoll wirken. Nicht die dialektische Gegenüberstellung konträrer Themen und Motive – so Adams – sei sein Anliegen, sondern ein kontinuierlicher Transformationsprozess: »Die formale Idee meiner Musik ist folgende: Etwas erscheint am Horizont der Ereignisse, gewinnt an Bedeutung, fängt an die Szene zu dominieren und verschwindet dann wieder.«

Zwischen Zeit und Raum

Adams’ Residency beginnt mit Konzerten im Rahmen des Musikfest Berlin, in denen er sein 1985 entstandenes Orchesterwerk Harmonielehre dirigiert, eine Hommage an die Musiktheorien Arnold Schönbergs, Heinrich Schenkers und Hugo Riemanns, sowie die deutsche Erstaufführung der dramatische Symphonie für Violine und Orchester Scheherazade.2 mit Leila Josefowicz als Solistin. Neben Werken wie Short Ride in a Fast Machine, Lollapalooza und City Noir, die in philharmonische Konzertprogramme integriert sind, erklingt unter der Leitung von Sir Simon Rattle das Passionsoratorium The Gospel According to the Other Mary, zu dem der Regisseur Peter Sellars das Libretto aus Texten der Bibel, mittelalterlicher Mystik sowie Schriften von Frauenrechtlerinnen und Überlebenden des Holocaust zusammengestellt hat – eine ebenso konfessions- wie zeitlose Annäherung an die Passion Christi. Als Composer in Residence arbeitet John Adams mit den Stipendiaten der Orchester-Akademie zusammen, mit denen er außer seiner Chamber Symphony auch Werke von Andrew Norman, Timo Andres und Osvaldo Golijov einstudiert. Schließlich stellt er mit den Pianisten Majella Stockhausen und Holger Groschopp in einem Pre-Concert-Talk sein Hallelujah Junction für zwei Klaviere vor. Das Education-Programm setzt sich außerdem in zwei kreativen Projekten mit dem Werk des Amerikaners auseinander.