»Ich empfinde es als besondere Ehre und gleichzeitig als Verantwortung für mein zukünftiges Schaffen, Träger des Claudio-Abbado-Kompositionspreises 2014 zu sein«, meint Valerio Sannicandro. Die Freude und Dankbarkeit ist groß – obwohl der italienische Komponist wahrlich schon zahlreiche renommierte Preise gewonnen hat: u. a. den Kranichsteiner Musikpreis (2000), zweimal den BMW-Kompositionspreis der musica viva (2002 und 2010) und den Giga-Hertz-Produktionspreis für elektronische Musik (2012). »Doch dieses Mal musste ich mich nicht mit einer Komposition bewerben, ich wurde einfach erwählt!«, strahlt Sannicandro. Für den Preisträger verkörperte Claudio Abbado eine bewunderungswürdige Künstlerpersönlichkeit: »Als Dirigent war er der traditionellen klassischen Musik verpflichtet, gleichzeitig jedoch interessierte er sich sehr für zeitgenössische Musik und setzte sich für sie auf eine sehr idealistische Weise ein, um die Visionen der Komponisten zu verwirklichen.«

Preis für herausragende Talente

Mit Vergabe des Preises wollen die Berliner Philharmoniker ihre Dankbarkeit gegenüber ihrem ehemaligen Chefdirigenten Claudio Abbado zum Ausdruck bringen, der der Orchester-Akademie 2002 das Vermögen der Claudio-Abbado-Musikstiftung gespendet hatte. Das besondere Konzept der Auszeichnung: Ein arrivierter zeitgenössischer Komponist, dessen Werke auch der ästhetischen Welt Abbados entsprechen, empfiehlt einen jüngeren, hochbegabten Kollegen für diesen Preis. 2006 schlug Wolfgang Rihm seinen Schüler Jörg Widmann vor, 2010 wählte Pierre Boulez Bruno Mantovani, Valerio Sannicandro verdankt die Ehrung seinem Lehrer Peter Eötvös.

Drei inspirierende Lehrer

Eötvös gehört neben York Höller und Hans Zender zu den wichtigen Lehrern des heute 43-jährigen Komponisten. Jeder der drei hat Valerio Sannicandros künstlerische Laufbahn und sein musikalisches Denken entscheidend geprägt: York Höller ermutigte ihn, sich ganz dem Komponieren zu widmen. Hans Zender inspirierte Sannicandro durch seine Art des Denkens und die kritische Auseinandersetzung mit Musik. Bei Peter Eötvös lernte der junge Komponist die praktischen Aspekte des Musizierens mit visionären Ideen zu verbinden. »Eötvös hat seine eigene Studienzeit nie vergessen, ihn treibt immer noch die Lust an der Entdeckung.«

Erforschung des Raums

Valerio Sannicandros eigenes Komponieren kreist um die Dialektik zwischen Form und Freiheit. Im Zentrum seines Schaffens steht der Raum: Ihn gilt es zu erforschen und klanglich auszuloten. Er ist für den aus Apulien stammenden Komponisten ein eigener musikalischer Parameter. Wie sehr der Raum in das Kompositionskonzept einbezogen ist verdeutlicht auch AQUAE, eine Komposition für fünf Streicher, Klarinette, Horn und Klavier, die Sannicandro als Claudio-Abbado-Preisträger im Auftrag der Stiftung Berliner Philharmoniker für die Stipendiaten der Orchester-Akademie geschrieben hat und die am 9. November 2014 uraufgeführt wird.

Rastloser Klangfluss

Der Raum bestimmt die Dramaturgie des Stückes, Klänge treten in den Vordergrund oder ziehen sich wieder in den Hintergrund zurück. Das Klavier ist nicht nur Tasten- sondern auch Resonanzinstrument, das durch das Hineinblasen von Klarinette und Horn in Schwingung versetzt wird. Sannicandro spannt seine Musik durch den gesamten Raum, flüsternd, flirrend, fragil und gleichzeitig aufbrausend, akzentuiert, attackierend. Für die jungen Stipendiaten ist vor allem das exakte Zusammenspiel eine große Herausforderung: Die einzelnen Figuren und Motivfragmente, die aus den verschiedenen Instrumenten hervorwachsen und herausbrechen, müssen so platziert sein, dass sich ein rastloser Klangfluss ergibt, den der Hörer mal als nah, mal - wie einen Horizont – als ganz weit weg empfindet. Die Idee zu diesem Stück kam Sannicandro in Japan. Dort weilte er an einem Ort, in dem verschiedene Formen des Wasser aufeinandertrafen: eine sprudelnde Thermalquelle, das rauschende Meer und prasselnder Regen, eben: »Aquae«.

Partiturausschnitt von AQUAE