Aufbruch in die Fremde

Unterwegs – Weltmusik mit
Roger Willemsen

Seit der Kammermusiksaal der Philharmonie seine Türen der Weltmusik geöffnet hat, ist er vieles geworden: Zelt, Iglu, Klosterzelle, Tempel, Jurte, Dorfplatz, Bühne. Die Architektur dieses besonderen Raums hat immer wieder seine Charakteristik geändert unter dem gestalterischen Einfluss der Musik, und diese hat auch das Publikum geformt wie eine Skulptur. Mal war es in der Rezeption fremder Sakralmusik ganz verinnerlicht, mal war es agitiert von der Energie der musikalischen Aktivisten aus der Sahara oder dem Maghreb. Mal wurde es still vor den Zeugnissen gefährdeter Musik aus dem Polarkreis oder Afghanistan, und mal swingte es mit den Tänzen aus Algerien oder den Spielmannszügen Süditaliens.

Der Aufbruch in die Fremde war zugleich ein Aufbruch ins Unerhörte. Sobald sich das Spektrum der musikalischen Idiome entfaltete, demonstrierten sie mehr Reichtum, als das globalisierte Etikett »Weltmusik« vermuten lässt. Brechen wir also wieder auf!

Musikalische Großmacht und künstlerische Minderheit

Das westafrikanische Mali ist eine musikalische Großmacht. Von hier stammen die Griots mit ihren Stegharfen und Spießlauten. Sie hüten als legendäre Epen-Sänger seit Jahrhunderten das musikalische Wissen und geben es weiter. Ali Farka Toré, einer der Väter der hiesigen Musik, nennt Mali gar die Heimat des Blues und sagt: »Ihr kennt die Zweige, wir haben die Wurzeln und den Stamm.« Das Konzert unserer Reihe erzählt Geschichten aus dem ganzen Raum zwischen Timbuktu und Bamako. Es ist heute ein umkämpfter Raum. Die Stimmen aber, die uns von dort erreichen, eint die Hoffnung auf den Frieden. Auch die afro-peruanische Musik entstand vor einem politischen Hintergrund. Ehemals arbeiteten schwarze Sklaven in den Kupfer-, Gold- und Silberminen entlang der peruanischen Küste. Nach der Abschaffung der Sklaverei 1854 siedelten sich die Nachfahren der Sklaven hier an. Nur selten haben sie sich mit den indigenen Ethnien und den Nachfahren der europäischen Kolonialherren vermischt. Seit Jahrhunderten leben sie lieber als kleine, fast geschlossene Minderheit – mit ihrer Musik, die den Takt der Arbeit und der Lebensgeschichten über die Generationen trug, und ohne die »Latin Music« nicht denkbar wäre.

Neue Töne aus den Alpen und der Ukraine

Das Bewahren traditioneller, vom Verschwinden bedrohter Musik und ihre Erneuerung kennen wir aber selbst aus dem alpinen Europa. Hier hat sich in den letzten Jahren Erstaunliches entwickelt: Musiker aus abgelegenen Bergtälern und alpinen Metropolen zwischen Slowenien und Okzitanien haben sich auf die Suche nach neuartigen Alpentönen gemacht. Experimentierfreudig nahmen sie sich die reichen melodisch-rhythmischen Traditionen dieser Kulturregion vor, um neue Klangformen zu erfinden, die als Weiterentwicklungen alter Lieder, Klänge und Geräusche überwältigend traurig oder wild sein können. Mit den typischen Instrumenten wie Hackbrett, Ziehharmonika und Zither im Verbund mit der menschlichen Stimme brechen sie in unbekannte Klanglandschaften, traditionell verankerter europäischer Musik auf. In der vierten Ausgabe von Unterwegs laden wir Sie schließlich zu einem musikalischen Beschwörungsfest ein – einer Kupala Nacht, so wie sie in den Weiten der osteuropäischen Ebene zwischen Wolga, Ural oder Don, in den wilden Landschaften zwischen Beringsee, Kaspischem und Schwarzem Meer gefeiert wird. Die Musiker singen und spielen hier von den geheimen Ritualen junger Liebender, sie beschwören die Kräfte des Wassers und der Sonne in der Hoffnung auf magische Selbstreinigung und Heilung von Mensch und Natur. Bis zum heutigen Tag senden diese Musiker kraftvolle künstlerische Impulse aus, deren Wellen uns noch in Paris und Berlin erreichen. Lauter gute Gründe, unterwegs zu sein.

Roger Willemsen

willemsen
Roger Willemsen (Foto: Anita Affentranger)
Video Preview

Birgit Ellinghaus, Kuratorin der Konzertreihe, im Gespräch mit Gerhard Forck.

Die Musiker

Habib
Habib Koitè (Foto: Ferenc Kalmandy)
Bassekou
Bassekou Kouyaté mit Familie (Foto: Jens Schwarz)
Zehnder
Christian Zehnder (Foto: privat)
Sadovska
Mariana Sadovska (Foto: Eberhard Weible)

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