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»Erlebniswelt Klassik«

Die ersten Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker in Baden-Baden

Von Alexander Dick

Großen Ereignissen eilt oft eine Legende voraus. Zum Beispiel die von ihrer Entstehung. In Salzburg ist sie eng mit dem Namen des großen Theatermanns Max Reinhardt verbunden, der dort gegen Ende des Ersten Weltkriegs, 1917, auf den Plan trat und mit dem Gedanken eines neuen Theaters »abseits vom Getriebe der Großstädte« spielte. Und natürlich dem des Dichters Hugo von Hofmannsthal, der in der Stadt an der österreichisch-bayerischen Grenze in all ihrer Symbolhaftigkeit den idealen Schauplatz für eine geistige Rundumerneuerung nach dem verheerenden Krieg sah. Das Ergebnis ist bekannt.

Wie war das in Baden-Baden, als der Gedanke eines neuen, eigenen Osterfestivals erwuchs, in dessen Mittelpunkt von Beginn – 2013 – an die Berliner Philharmoniker stehen werden? Gab es da auch einen entscheidenden Impuls, den Funken, der ein geistiges Feuerwerk entzündete? Womöglich auf einem Spaziergang auf der weltberühmten Lichtentaler Allee, einer der schönsten Promenaden der Welt, auf der im Schatten mächtiger Eichen schon die vornehme Welt des 19. Jahrhunderts flanierte und sich austauschte? Andreas Mölich-Zebhauser schüttelt lächelnd den Kopf. Die Geburtsstunde der neuen Osterfestspiele schlug anderswo: rund 800 Kilometer südlich, in Aix-en-Provence, und gut 700 Kilometer nordöstlich, in Berlin, genauer: im Zimmer des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker. Es sei vor etwa sieben Jahren gewesen, erinnert sich der Intendant des Festspielhauses Baden-Baden, als Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker ihren Ring in Aix-en-Provence begannen. Da hätten er und Simon Rattle über eine zyklische Aufführung dieses Projekts im Anschluss an die vier Einzelaufführungsjahre in Aix nachgedacht – 2010 in Baden-Baden. Weil es doch schade sei, wenn Wagners Tetralogie nur in ihren einzelnen Bestandteilen verpuffe. Es ist bekanntlich dann nicht dazu gekommen. »Aber irgendwie«, sagt Mölich-Zebhauser, »war das ein Startpunkt für unsere Idee gemeinsamer Opernprojekte.«

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Die Altstadt von Baden-Baden

Nun steht sie unmittelbar bevor, die Premiere am 23. März 2013. Und am Beginn steht nicht, wie ursprünglich favorisiert, Wagners Parsifal, das ideale Werk im Kontext der Karwoche, sondern dafür ein nicht weniger ideales – womöglich das historisch einzige Pendant zum »Bühnenweihfestspiel« im Hinblick auf seine esoterischen Dimensionen: Mozarts Zauberflöte. Der Respekt, ja die Ehrfurcht ist spürbar, wenn Simon Rattle über dieses Werk spricht. Die Oper sei ein Dialog mit Gott, sagt er, und stelle Fragen wie: »Gibt es einen Himmel? Bin ich Teil davon?« Rattle betont die »irdische Spiritualität« die sich in Mozarts Musik wie im Text Emanuel Schikaneders widerspiegelt und einen gewaltigen Bogen spannt: vom Wiener Vorstadttheater mit seinen Kasperlfiguren bis hin zum Oratorium. Ein ideales Feld für einen Magier der Bildsprache wie Robert Carsen. Der kanadische Regisseur wird bei dieser Zauberflöte mit Stars wie Simone Kermes, Pavol Breslik, Kate Royal, Michael Nagy, José van Dam oder Magdalena Kožená das Nachdenken über dieses Meisterwerk mit einer neuen szenischen Idee vertiefen. Und so viel sei zumindest verraten: Die – wie man heute sagen würde – boulevardesken Tendenzen in Schikaneders Libretto werden natürlich nicht ignoriert. Aber dominieren wird die Inszenierungsdramaturgie etwas Anderes, Höheres: die Frage nach dem Sinn des Lebens in all seiner Endlichkeit.

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Chefdirigent Sir Simon Rattle und Andreas Mölich-Zebhauser, Intendant des Festspielhauses Baden-Baden (Foto: Jochen Klenk)

»… und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft«, heißt es in Hermann Hesses Gedicht Stufen. Zauber – Zauberflöte: Die Symbolhaftigkeit dieses Aufbruchs der Berliner Philharmoniker in Baden-Baden ist evident. Denn der Ortswechsel von der Salzach an die Oos ist für das Orchesterflaggschiff natürlich mehr als einfach nur ein Wechsel des Schauplatzes. Er geht einher mit einer Neuausrichtung der Koordinaten. Und die nimmt längst nicht nur in der weit größeren Flexibilität des Musiktheater-Produzierens Gestalt an – von den variableren Probenbedingungen bis hin zur größeren Zahl an Aufführungen und möglichen Koproduktionen. Sie zeigt sich insbesondere auch in einer selbstbewussten Neudefinition des Organismus Orchester, die weit über das vom 19. Jahrhundert her tradierte Bild der Halbgötter im Frack hinausgehen soll. Somit bilden Oper und Symphoniekonzert zwar zwei traditionelle Eckpfeiler des neuen Festivals – aber bei weitem nicht mehr solitär. Nicht nur das Publikum kommt zu den Musikern, sondern auch umgekehrt: Diese gehen auf die Menschen zu. Zum Beispiel mit einem riesigen Musikfest im Festspielhaus, bei dem die zahlreichen Spitzenensembles aus den Reihen der Philharmoniker auftreten und wie selbstverständlich zwischen den Stilen und Jahrhunderten switchen werden. Zum Beispiel bei den Meisterkonzerten an den unterschiedlichsten – sehr oft historischen – Schauplätzen Baden-Badens, in der Mitglieder des Orchesters ihrer großen Liebe zur Kammermusik frönen dürfen. Und zum Beispiel auch bei all dem, was unter dem neudeutschen Wort »Education« im Zusammenhang mit klassischer Musik in den vergangenen Jahren so sehr an Bedeutung gewonnen hat. Und weiter gewinnen wird, darin sind sich Sir Simon und Andreas Mölich-Zebhauser absolut einig. »Unsere Aufgabe ist es, so vielen Menschen wie möglich die Gelegenheit zu geben, klassische Musik zu erfahren«, so Rattle. Und Mölich-Zebhauser bestärkt ihn darin, denn: »Die jungen Menschen, das ist die Zukunft. Unsere Nachwuchsarbeit wird in den kommenden Jahren sicher nicht weniger werden.« Nicht von ungefähr gibt es parallel zur großen auch eine »Zauberflöte für Kinder«, mit Studierenden Baden-Württembergischer Musikhochschulen und Mitgliedern der Philharmoniker.

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Vor dem Theater Baden-Baden: Sir Simon Rattle, Andreas Mölich-Zebhauser und Martin Hoffmann, Intendant der Stiftung Berliner Philharmoniker (Foto: Jochen Klenk)

Klar, dass die Osterfestspiel-Planung längst über 2013 hinaus reicht. Puccinis Manon Lescaut (2014), Strauss’ Rosenkavalier (2015) und Wagners Tristan und Isolde (2016) werden das musiktheatralische Rückgrat des Festivals in den kommenden drei Jahren bilden. Aber noch sind auch die Festspiele 2013 Zukunft, noch gilt es am neuen Ort Wurzeln zu fassen, der trotz aller Bekanntheit immer im Schatten des glamourösen Salzburg stand. Dabei zeigt nicht zuletzt ein Blick auf die Geschichte der gerade mal 55.000 Einwohner zählenden Bäderstadt am Westrand des nördlichen Schwarzwalds, dass Verstecken nicht angesagt sein muss. Dies nicht unbedingt, weil die Spuren der ersten menschlichen Besiedlung dort bis in die Mittelsteinzeit zurückreichen oder weil der Ort für die Geschichte der Markgrafschaft Baden von eminenter Bedeutung war. Sondern weil aufgrund der Bedeutung seiner Thermalquellen, die schon die Römer zu nutzen wussten, dem Kurwesen auch ein ausgesprochenes Kulturwesen folgte, zumal im 19. Jahrhundert, wo Baden-Baden zu einem europäischen Schauplatz von Rang und Namen heranwuchs. »Manche glückliche Stunde habe ich da verlebt und manche hübsche Noten geschrieben, traurig und lustig – was auf das Glück der Stunden keinen Einfluß hat«, schrieb Johannes Brahms, selbst regelmäßiger Kurgast an der Oos, 1878 an einen Freund. Viele andere seiner Zunft taten es ihm gleich – vorher und nachher. Von Hector Berlioz, der in Baden-Baden jahrelang Sommerfestspiele leitete über Pauline Viardot, deren Salonoper Cendrillon bei den Osterfestspielen ihre Wiederentdeckung erlebt, bis hin zu Valery Gergiev, für den Baden-Baden eine »neue Sommerresidenz« geworden ist.

Ursache dafür ist das 1998 eröffnete Festspielhaus, dessen Gründerjahre indes kein Ruhmesblatt für die Stadtgeschichte bedeuten und die Institution schon nach wenigen Monaten an den Rand der Auflösung brachten. Mit dem Wechsel zum privat finanzierten Opern- und Konzertbetrieb gelang die Wende – und die trägt die Handschrift Andreas Mölich-Zebhausers. Der erfahrene Kulturmanager ist vielleicht das beste Beispiel dafür, dass die Tugenden des guten alten Impresarios aus dem 19. Jahrhundert – Unternehmerverstand gepaart mit Kenntnis der und Liebe zur Musik – hin und wieder doch fortleben können. Durch die Gründung einer Kulturstiftung sowie zahlreiche Sponsoren und Mäzene gelang es ihm, das Festspielhaus von öffentlichen Zuschüssen unabhängig zu machen – es entstand der attraktivste Klassikschauplatz im Südwesten Deutschlands.

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Zuschauerraum des Festspielhauses Baden-Baden (Foto: Jochen Klenk)

Das ist der Boden, auf den die Berliner Philharmoniker in Baden-Baden stoßen – ein fruchtbarer, nicht zuletzt auch wegen des Potenzials, den das Festspielhaus als zentraler Ort der Osterfestspiele bietet: 2500 Plätze, eine riesige Bühne, deren Ausmaße gleichwohl mit 21,5 Metern Portalbreite optimale Bedingungen bietet. Und eine Akustik – da ist sich die Fachkritik einig –, in der sich zumal die große Symphonik des 19. und 20. Jahrhunderts exzellent zu entfalten vermag. Man kann die drei Symphoniekonzert-Programme der Philharmoniker durchaus dahingehend deuten: dem großartigen Sound des Orchesters einen großartigen Rahmen geben, von Wagner, Brahms, Bruckner bis hin zu Debussy und Ravel. Natürlich gebührt Gustav Mahlers Zweiter Symphonie (der Auferstehungssymphonie) in diesem Zusammenhang eine Sonderrolle. Zum einen, weil ihre gigantische Besetzung mit 120 Musikern, Chor und zwei Gesangssolistinnen (in Baden-Baden werden dies Kate Royal und Magdalena Kožená sein) nach extremen Dimensionen verlangt. Zum anderen, weil ihre synkretistische – verschiedenen Kunst- und Gedankenbereiche vermischende – Haltung auch für das Osterfestival so etwas wie eine Signalwirkung hat. Und dann – last but not least –, weil es die Berliner Philharmoniker selbst waren, die das Opus 1895 in seiner fünfsätzigen Form aus der Taufe hoben.

Auratische Interpreten, auratische Musik und ein auratischer Ort: Das ist das älteste Rezept für erfolgreiche Festspiele – gleichwohl aber keine Garantie für ihren Erfolg. Was macht die Macher so sicher, dass es funktionieren wird mit dem Südwesten und dem Orchester aus der Hauptstadt – überdies noch zu erschwinglichen Festivalpreisen? Die Antwort ist so einfach wie komplex: Die Mischung. »Man darf den Leuten nicht ein Gericht anbieten, das unverdaulich ist«, sagt Simon Rattle und fügt hinzu: »Es soll ein gutes Menu werden.« Und Andreas Mölich-Zebhauser weist noch einmal auf den Rahmen hin: Alle zögen an einem Strang, die Stadt Baden-Baden werde im Vorfrühling, der da immer etwas früher eintreffe, in einer Farbe erstrahlen. Die »Megamarke Berliner Philharmoniker« dagegen könne erstmals all ihre Facetten an einem Ort im Festspielgewand zeigen. Und zwar eben nicht nur in der Masse, sondern vor allem in der Klasse. Und dann orakelt der Intendant: »Ich bin mir sicher, wir bieten eine Erlebniswelt Klassik, die es so noch nie gegeben hat.« Stoff für neue Legenden zuhauf.

Der Autor ist Musikjournalist, publiziert in Fachzeitschriften wie der Opernwelt und leitet das Ressort Kultur/Magazin der Badischen Zeitung in Freiburg

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