Berliner Philharmoniker

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Kammermusik

Rund um Cole Porter

Ein beschwingter Ausklang der Kammermusiksaison: Magdalena Kožená, seit jeher eine leidenschaftliche Wanderin zwischen den musikalischen Welten, ist dem Zauber des Komponisten Cole Porter erlegen und widmet seiner Musik einen Abend in der Reihe »Umsungen – Die Welt der Vokalmusik«. Als musikalische Partner hat die wandlungsfähige Mezzosopranistin Ondřej Havelka und die Melody Makers nach Berlin eingeladen.

Magdalena Kožená Mezzosopran

Ondřej Havelka and his Melody Makers

Rund um Cole Porter

Cole Porter

I Get A Kick Out Of You, I’ve Got You Under My Skin, Letʼs Do It (Let's Fall In Love) und weitere Songs (Arrangements von Juraj Bartoš)

Termine und Tickets

Fr, 24. Jun. 2016 20 Uhr

Kammermusiksaal

Einführung: 19:00 Uhr

Programm

Neben George Gershwin dürfte kaum ein anderer Komponist so viele Evergreens des Jazz geschrieben haben wie Cole Porter: Songs wie »Love for Sale«, »I Get a Kick Out of You«, »Begin the Beguine«, »You Do Something to Me«, »Night and Day«, »I Love Paris« oder »You’re the Top« – nur um ein paar der populärsten zu nennen – sind seit fast einem Jahrhundert in jedermanns Ohren und haben dennoch nichts von ihrem Charme und ihrer Frische verloren. Fred Astaire, Bing Crosby, Judy Garland oder Nat King Cole zählten zu den ersten Interpreten des Komponisten, später ließ es sich von Ella Fitzgerald über Oscar Peterson und Stéphane Grappelli bis hin zu Frank Sinatra kaum ein Star der Jazz- und Unterhaltungsmusik nehmen, Porters Songs in sein Repertoire aufzunehmen.

Seit jeher eine leidenschaftliche Wanderin zwischen den musikalischen Welten, ist nun auch Magdalena Kožená dem Zauber des 1964 verstorbenen Komponisten erlegen und widmet seiner Musik einen Abend in der Reihe Umsungen – Die Welt der Vokalmusik. Als musikalische Partner hat die wandlungsfähige Mezzosopranistin Ondřej Havelka und die Melody Makers nach Berlin eingeladen. Der Name der tschechischen Formation, die sich mit Leib und Seele der Swingmusik der Zwischenkriegszeit verschrieben hat, kann an sich schon als ein Tribut an Cole Porter verstanden werden – denn: Wenn einer wusste, wie man Melodien macht, dann er!

Über die Musik

Rund um Cole Porter

Aus der Zeit, als der Jazz einmal Pop war: die Faszination des Swing

Wer weiß, wie es in der Musikgeschichte weitergegangen wäre, wenn Benny Goodman damals umgekehrt wäre. Die Tour mit seiner Bigband war bis dahin ein Misserfolg, Goodman fast pleite und nahe daran, die Band aufzulösen. Doch er fuhr an diesem 21. August 1935 weiter zum Palomar Ballroom in Los Angeles, dem größten Ballsaal an der Westküste. Er und sein Orchester stießen auf ein begeistertes, aufgeheiztes Publikum, wie er sich in seinen Memoiren erinnerte: »Zu unserer völligen Überraschung hörte der halbe Saal auf zu tanzen und umzingelte unseren Bandstand. Das war der Moment, der die Sache für mich entschied. Wir packten unsere neuen Arrangements aus und legten los. Der erste große Begeisterungsschrei der Menge war einer der süßesten Klänge, die ich in meinem Leben gehört habe.« Das entfesselte Konzert wurde im Radio übertragen, sprach sich herum wie ein Lauffeuer, und die folgenden Stationen Goodmans wurden zum Triumphzug. Zwar hatten zuvor schon einige andere, vor allem Orchester schwarzer Musiker wie das von Duke Ellington jenen Swing gespielt, wie er vom legendären Arrangeur Fletcher Henderson gleichsam »erfunden« hatte. Doch sein Siegeszug begann erst in jenem August 1935. Diese elegante, meist mit großer Besetzung intonierte, volltönende, im typisch nach vorne ziehenden Rhythmus stets tanzbare (und etliche Tanzstile wie den Shimmy erst begründende) Musik verband wie nie zuvor (und selten danach) Kunst und Entertainment, eroberte unaufhaltsam die Welt und wurde ein Jahrzehnt lang nicht nur der dominierende Jazzstil, sondern auch die beherrschende Popmusik ihrer Zeit. Nicht einmal die Nationalsozialisten konnten ihr Deutsches Reich ganz von jenen verhassten Klängen abschotten. In dieser Ära des Swing wurden die wesentlichen Teile des »Great American Songbooks« geschrieben, also die Jazz-Standards, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben und die unter den Jazzmusikern von Generation zu Generation weitergereicht werden, um sie immer neu zu interpretieren. Ein erklecklicher Anteil der Seiten aus diesem Buch stammt von einem 1891 in Peru, Indiana, geborenen Komponisten und Songtexter: Cole Porter. Um ihn dreht es sich im heutigen Konzert der Kammermusik-Reihe Umsungen – die Welt der Vokalmusik: »Rund um Cole Porter« führt mit herausragender Besetzung zurück in die große Zeit des Swing.

Chef-Autor des »Great American Songbook«: Cole Porter

Seit den 1920er-Jahren hatten sich Jazzmusiker gerne bei den einfachen Songs und Schlagern bedient, die in der Tin Pan Alley entstanden. So nannte man den New Yorker Broadway zwischen Fifth und Sixth Avenue, als dort die meisten Musikverlage ansässig waren. In diesem Zentrum der Musikindustrie arbeiteten Heerscharen von Komponisten und Textern, die auf »Sheet Music« in einfachen Notenheften spezialisiert waren. Unter die Besten von ihnen, Größen wie Richard Arlen, Johnny Mercer oder Irving Berlin, reihte sich von 1928 an auch Cole Porter ein.

Porter entstammte einer wohlhabenden Familie aus Indiana, die im Holzhandel reich geworden war. Entsprechend der gesellschaftlichen Stellung der Familie bekam er früh Musikunterricht, und schnell zeigte sich sein Talent. Er begann – unterrichtet von seiner Mutter Kate – mit sechs auf der Geige, zwei Jahre später folgte das Klavier, das fortan sein Instrument sein sollte. Mindestens zwei Stunden am Tag gehörten dem Üben, und damit das nicht langweilig wurde, parodierten Kate und er populäre Songs. Auf diesem Weg begann der kleine Cole sehr früh zu komponieren. Mit Zehn schrieb er das sechsteilige Klavierstück Song of the Birds für seine Mutter, die die Noten stolz in 100 Kopien drucken ließ und an Freunde und Verwandte verschickte. Ohnehin war Kate Porter eine bedingungslose Förderin ihres Sohnes, eine Art frühe »Tennismutter«: So fälschte sie bei der Schuleinschreibung sein Alter, um ihn »besonders weit entwickelt« wirken zu lassen. Sie bezahlte Studentenorchester, damit sie Cole die Soloparts spielen ließen, und versuchte, Presse und Kritiker zu beeinflussen.

Entsprechend unbeschwert trat Cole während seiner Studentenzeit an der renommierten Yale University auf. Zu den vielen Abenteuern, die er – zum Teil bis heute kolportiert – dort erlebte, gehörte auch die Entdeckung der eigenen Homosexualität. Vor allem aber blühte seine musikalische Entwicklung auf: Er schrieb nicht nur »Fight Songs« für die Sportmannschaften, von denen einige dort noch immer Klassiker sind, sondern auch mehrere komplette Musicals oder Shows pro Jahr für die Kappa-Delta-Epsilon-Bruderschaft, die Yale Dramatic Association und den Yale Glee Club sowie unzählige einzelne Stücke. Der Großvater, Geldgeber der Familie, drängte ihn, an die Harvard Law School zu wechseln, doch heimlich studierte Porter dort nicht Jura, sondern widmete sich am Arts and Science Department weiter der Musik. Mit den Yale-Produktionen und -Kontakten im Rücken versuchte sich der junge Komponist schließlich 1916 am Broadway. Doch seine erste Show See America First fiel durch. So ging er 1917 mitten im Ersten Weltkrieg nach Paris – wo er bis 1928 ein wildes Bohème-Leben als reicher »Amerikaner in Paris« führte, beispiellos promiskuitiv, homo- wie bisexuell. Gleichwohl heiratete er 1919 die geschiedene Amerikanerin Linda Thomas, die zu seiner lebenslangen Unterstützerin und Freundin sowie zur perfekten Partnerin für die Öffentlichkeit wurde.

Bezeichnend für die schillernde Persönlichkeit Cole Porters ist, dass er der amerikanischen Presse sagenhafte Geschichten seiner militärischen Großtaten bei der Französischen Fremdenlegion auftischte – obwohl er tatsächlich nie im Feld stand. Bis zu seinem Tode galt er in den USA als Kriegsheld, sogar die Verfilmung seines Lebens Night and Day von 1946 – für die er selbst Cary Grant als Hauptdarsteller ausgewählt hatte –übernahm diesen Mythos. Porter selbst erklärte das so: »Es sollte ein guter Film werden, weswegen nichts in ihm stimmt.«

Schon in Paris hatte Porter einige Erfolge mit seinen Kompositionen, was bald Interessenten vom Broadway und aus Hollywood auf den Plan rief. Der Durchbruch gelang 1928 mit dem Musical Paris, dessen Produktion Porters Freund Irving Berlin ermöglicht hatte. Danach ging es Schlag auf Schlag: Wake Up And Dream, The New Yorkers, Gay Divorce oder Anything Goes machten Porter zum Star des Broadway-Musicals der frühen 1930er-Jahre. Auch das Filmgeschäft boomte, sodass die Porters neben ihrem Haus im Paris, einem Palazzo in Venedig und der Suite im 41. Stock des New Yorker Hotels Waldorf Astoria auch eine Villa in Hollywood bezogen.

1937 aber passierte etwas, das dem bisherigen Leben in Dur ein langes Ende in Moll folgen ließ. Bei einem schweren Reitunfall brach sich Porter beide Beine so kompliziert, dass sie nur wegen des strikten Verbots seiner Frau nicht amputiert wurden. Fortan musste Porter an Krücken gehen (was seine Eitelkeit extrem kränkte), mehr als 30 Operationen über sich ergehen lassen und bei extremen Beschwerden gar mit dem Klavierspielen pausieren. Seinen Humor verlor er zunächst trotzdem nicht: Angesichts des oft wechselnden Zustands seiner Beine betrachtete er sie als eigenständige Persönlichkeiten und gab ihnen die Namen Geraldine und Josephine – kein Zufall, dass Billy Wilder später seine als Frauen verkleideten Hauptfiguren Jack Lemmon und Walter Matthau in Some Like It Hot ebenfalls so nannte.

Obwohl Porter weiter fleißig schrieb, konnten seine Shows nach diesem einschneidenden Ereignis nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen – bis er 1948 mit Kiss Me Kate ein spektakuläres Comeback feierte. 1952 starb die bis zuletzt von ihm vergötterte Mutter, zwei Jahre später – im Jahr seiner letzten großen Broadway-Produktion Silk Stockings, für die er Hildegard Knef nach New York geholt hatte – auch seine Frau Linda, der er allen Ausschweifungen zum Trotz auf eigene Weise treu geblieben war, ganz nach dem Motto seines Songs Always True To You In My Fashion. Als ihm 1958 schließlich doch noch ein Bein –Geraldine – amputiert werden musste, war dies wohl ein Goodbye zu viel. So wie in Ev’ry Time We Say Goodbye jeden Mal ein Stück von einem stirbt, war nun der kreative Geist in Porter erloschen: Er komponierte danach nie wieder etwas, zog sich völlig zurück und starb 1964.

Seine Songs aber überlebten ihn mühelos. Viele große Jazzer – von Bing Crosby über Frank Sinatra und Louis Armstrong bis zu Ella Fitzgerald – machten sie in ihren Versionen noch berühmter als im Original. Die Bezeichnung »ein Cole-Porter-Song« wurde zum definitiven Qualitätsmerkmal und zum auch in späteren Standards verwendeten stehenden Begriff. Dazu gehört die unerreichte Eleganz, die stets gewitzten, nonchalanten und weltgewandten – außerdem wohl zumeist aus seinen homoerotischen Fantasien gespeisten, aber natürlich auch heterosexuell wirksamen – Andeutungen und Anzüglichkeiten, die ihn oft genug mit der Zensur aneinandergeraten ließen, etwa bei Easy To Love oder I Get A Kick Out Of You. Seine größte Kunst aber war vielleicht die unerreichte Durchdringung von Text und Melodie, die er quasi unzertrennlich miteinander tanzen ließ. Hört man den Band-Refrain von Love For Sale, Night And Day oder I’ve Got You Under My Skin, so kommen einem unwillkürlich die Worte über die Lippen, und umgekehrt singt man sofort die Melodien, wenn man die Zeilen von Porters Hits memoriert.

Dienerin der Melodie: Magdalena Kožená

Was natürlich erst recht für Sänger gilt – unabhängig davon, ob sie vom Jazz oder aus dem klassischen Fach stammen. Dem Zauber der Musik Cole Porters ist seit langem auch die Mezzosopranistin Magdalena Kožená verfallen, und so beschloss sie – ganz nach Cole Porters Aufforderung Let’s Misbehave! –, zum Abschluss der Kammermusiksaison in der Berliner Philharmonie der Klassik wieder einmal den Rücken zu kehren und einen Flirt mit der leichten Muse zu wagen. Wen anders als den Meister der Melodie Cole Porter hätte da eine erwählen können, die seit jeher im Dienste der Melodie steht.

Im tschechischen Brno geboren, wollte Magdalena Kožená Pianistin werden, was eine schwere Handverletzung im Alter von 12 Jahren vereitelte. Sie wandte sich also ganz dem Gesang zu, studierte in ihrer Heimatstadt sowie in Bratislava und gewann noch im Jahr ihres Diploms 1995 den 6. Internationalen Mozart-Wettbewerb in Salzburg. Nach ersten Engagements in Brno und an der Wiener Volksoper ging Kožená für einige Zeit als freischaffende Sängerin nach Paris – so erfolgreich, dass sie 2003 den Titel des »Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres« vom französischen Kultusminister verliehen bekam. Da lag ihr internationaler Durchbruch bereits vier Jahre zurück: 1999 hatte die Deutsche Grammophon sie unter Vertrag genommen, und ihre ersten beiden Alben mit Bach-Arien bzw. Liedern von Dvořák, Janáček und Martinů wurden ein durchschlagender Erfolg. Vor allem aber hatte sie im Jahr 2000 in der Rolle des Nerone in Monteverdis L’incornazione di Poppea die Wiener Festwochen im Sturm genommen, als sie dort für die erkrankte Anne Sofie von Otter eingesprungen war.

Ihre steile Opernkarriere führte sie danach unter anderem ans Londoner Royal Opera House (La Cenerentola, 2007) und immer wieder an die Berliner Staatsoper (etwa mit dem Rosenkavalier, 2009 oder Chabriers L’Etoile, 2010), an die Oper Basel (Medée, 2015) wie auch zu den großen Festivals in Birmingham oder Luzern. Bei den Salzburger Festspielen gastierte sie 2002 (Don Giovanni) und 2013 (Idomeneo), an der New Yorker Met, wo sie regelmäßig singt, erstmals 2003 (Le nozze di Figaro). Sie arbeitete dabei mit allen großen Dirigenten von Claudio Abbado und Pierre Boulez bis zu Nikolaus Harnoncourt, Mariss Jansons, James Levine oder Sir Simon Rattle zusammen. Kožená ist aber gleichermaßen als Liedersängerin erfolgreich und mit Begleitern wie Daniel Barenboim, Yefim Bronfman, András Schiff oder Mitsuko Uchida und renommierten Ensembles und Orchestern in den wichtigsten Häusern von der Carnegie Hall bis zum Amsterdamer Concertgebouw aufgetreten. Zu ihren Auszeichnungen gehören drei Grammophone-Ehrungen als »Artist oft he Year« und zwei »Klassik Echos«.

Unter ihren jüngsten Arbeiten finden sich nicht nur die Titelrolle in Debussys Pelas et Mélisande mit den Berliner Philharmonikern und dem London Symphony Orchestra sowie eine Monteverdi-Einspielung mit dem La Cetra Barockorchester Basel, sondern auch das Album Prayer mit dem Organisten Christian Schmidt. Nun also folgt der Rollenwechsel ins jazzige Musical-Fach, und für dieses Wagnis suchte sich Kožená einen nicht nur musikalisch idealen Partner, sondern mit Ondřej Havelka auch einen Landsmann aus, dem sie nahe steht und vertraut: Hat Havelka doch 2007 ein Porträt über sie gedreht.

Tschechischer Tausendsassa: Ondřej Havelka

Das faszinierende Porträt von Magdalena Kožená ist nur eine von mehreren bemerkenswerten Regiearbeiten Ondřej Havelkas: 2009 drehte er eine Dokumentation über den tschechischen Pianisten, Komponisten und Jazz-Pionier Jiří Traxler, der 1951 nach Kanada emigriert war. Seit 2004 hat sich Havelka außerdem als Opernregisseur an der Prager Staatsoper, den Nationaltheatern in Prag und Brno sowie am Krumlover Freilichttheater einen Namen gemacht; er inszenierte unter anderem Smetanas Die verkaufte Braut, Puccinis La bohème, Offenbachs Les Contes d’Hoffmann, Die Fledermaus von Johann Strauß und Glucks Orfeo ed Euridice. Zuvor, und das schon seit 1977, hatte er auch vor der Kamera gestanden, bei zahlreichen TV- und Filmproduktionen, unter anderem in Steven Soderberghs Kafka 1991. In vier Kinofilmen und zwei Fernsehserien spielte er Hauptrollen. Und doch ist dies nur ein kleiner Ausschnitt im künstlerischen Schaffen des Multitalents Ondřej Havelka. Da steht vielleicht an erster Stelle seine Rolle als tschechischer Gralshüter des klassischen Jazz, eine Art tschechischer Andrej Hermlin, Götz Alsmann und Max Raabe in Personalunion.

Denn Havelka ist außerdem als Sänger, Musiker, Bandleader, Moderator und Tänzer einer der international profiliertesten Spezialisten für alten Swing. Vielleicht ist dem 1954 geborenen Prager das bereits in die Wiege gelegt worden, war doch sein Vater Svatopluk ein renommierter Komponist und seine Mutter Libuše Havelková Schauspielerin. So studierte Havelka zuerst an der Theaterakademie für darstellende Künste in Prag und danach Opernregie an der Janáček-Akademie der musischen Künste in Brno. Direkt nach dem Abschluss war er sechs Jahre lang Mitglied im Ensemble Studio Ypsilon, einem Prager Theater. In den 1980er-Jahren schrieb er Filmmusik und nach der Samtenen Revolution 1989 widmete er sich auch dem Drehbuchschreiben und führte Regie bei drei Musicals. Doch schon während seiner Studienzeit, mit 22, fand er seine populärste musikalische Rolle: Er wurde Sänger und Frontmann des vom Trompeter Pavel Klikar geleiteten Original Prague Syncopated Orchestra, das sich ganz auf die authentische Interpretation der Jazz- und Tanzmusik der 1920er-Jahre konzentrierte und sich über die Tschechoslowakei hinaus schnell eine bis heute ungebrochene Popularität erwarb. Sechs Alben nahm er mit der Band auf, und er war Autor und Co-Produzent eines Musicalfilms des Orchesters, der beim Montreux Festival für TV-Unterhaltung 1991 mit der Silbernen Rose ausgezeichnet wurde. 19 Jahre gehörte Havelka den Original Prague Syncopated Orchestra an, bis er schließlich sein eigenes gründete: die Melody Makers.

Seit inzwischen auch schon 20 Jahren jagt Ondřej Havelka mit seinen Melody Makers alten Instrumenten, Noten und Dokumenten nach und absorbiert alles Gefundene, um live so authentisch zu spielen wie die Bigbands von einst. »Unsere Konzerte sind mehr als ein paar Musikstücke. Sie sind Shows, die minutiös und bis ins Detail geplant sind, um die typischen Erscheinungsformen der Zeit des Swing nachzugestalten, bis hin zu Kostümen und Frisuren, und abgerundet durch eine alles einbeziehende Performance«, erklärt er. Etliche bemerkenswerte Programme, dokumentiert auf bislang 14 Alben, sind so entstanden, von der Jazz Story über die Gershwin-Hommage Rhapsody In Blue Room bis zum Tribute an Bing Crosby-, Havelkas größtes Vorbild und bevorzugtem Jazzsänger. Zahlreiche Preise, unter anderem der tschechischer Grammy und der Titel »Jazzman of the Year 1996« haben Havelka und sein Orchester dafür bekommen. Und weil Havelka natürlich auch hier nicht von seiner dramatischen Ader lassen kann, hat er schon vor Jahren einige großartige Film-Clips gedreht, die heute zum Beispiel auf Youtube zu finden sind. Beat Me Daddy (Eight To The Bar) oder Jingle Bells sind grandiose, in kunstvoll gekörntem Schwarz-Weiß erzählte Geschichten voller komischer Einfälle, die nicht nur Havelkas überragende Qualitäten als Sänger, Darsteller, Autor und Regisseur veranschaulichen, sondern auch seinen einerseits in der tschechischen Tradition von Schwejk bis Pan Tau stehenden, andererseits aber auch ganz offensichtlich an Hollywoods Komikern der 1930er-Jahre wie Olsen & Johnson, Laurel & Hardy oder den Marx Brothers geschulten Humor.

Vor allem eines jedoch hebt Havelka nicht zuletzt von allen seinen deutschen Kollegen Max Raabe, Götz Alsmann, Andrej Hermlin oder auch Ulrich Tukur ab: Im Vergleich zu ihnen ist der Mann mit der der kreisrunden Harold-Lloyd-Brille ein wahrer Fred Astaire und insbesondere ein großartiger Step-Tänzer. »Als junger Mann traf ich einen alten Tanzlehrer aus Karlsbad. Er war 80 und hatte in den Zwanzigern unterrichtet; er kannte also viele Figuren und spezielle Schritte der alten Tänze wie Charleston, Black Bottom, Shimmy und so weiter. Und natürlich auch Steppen. Ich habe eine Menge von ihm gelernt – auch wenn ich mir das meiste, was mit dem Gesang und Tanz zu tun hat, mithilfe von Videos alter Filme selbst beigebracht habe«, berichtet er.

Wer also könnte dem Tausendsassa Ondřej Havelka eine bessere Vorlage für seine multiplen Talente liefern als Cole Porter, der König des Musicals? Wer wäre für die Hommage eines Swing-Orchesters mit dem Namen Melody Makers ein angemesseneres Objekt als Cole Porter, der Meister der Melodie?

Der Arrangeur: Juraj Bartoš

Zum Gelingen des Projekts »Rund um Cole Porter« bedarf es aber noch eines Mannes, der Cole Porters musikalischen Kosmos exakt auf die 15 Mann der Melody Makers, auf Ondřej Havelka und auf Magdalena Kožená abstimmt, der sich an das Arrangement der Evergreens traut. Es ist Havelkas langjähriger Weggefährte, der Trompeter und musikalische Leiter der Melody Makers Juraj Bartoš.

Auch Bartoš ist ein vielseitiger Grenzgänger. Er studierte am Konservatorium von Bratislava bei Kamil Roško und machte als klassischer Trompeter Karriere. Von 1991 an war er Solotrompeter der Slowakischen Philharmonie und spielte außerdem mit vielen namhaften Orchestern wie den Mährischen Philharmonikern, den Pardubice Chamber Philharmonics, dem Symphonieorchester des Slowakischen Radios oder der Cappella Istropolitana. Gleichzeitig aber wurde er ein international gefragter Mann im Jazz, dem er seit seiner Kindheit verfallen ist. Schon 1993 bekam er den tschechischen Kritikerpreis »Kaja« als »Talent des Jahres«, zahlreiche Auszeichnungen folgten, vom »Sideman des Jahres« über den Ladislav Martonik Preis bis zwei IFPI Awards als Produzent und Künstler des Jahres. Sein Renommee erstreckt sich weit über die Grenzen seiner Heimat: Bartoš spielte mit internationalen Stars wie Christian und Wolfgang Muthspiel, Django Bates, Arkadi Schilkloper, Michel Godard oder Tomas Stańko. Fast fünf Jahre lang war er Mitglied des legendären Vienna Art Orchestra; in Österreich spielte er auch in der äußerst erfolgreichen Crossover-Band Nouvelle Cousine und in der Lungau Big Band. Wie bei den Melody Makers ist er auch bei den Bratislava Hot Serenaders künstlerischer Direktor, Lead-Trompeter und Arrangeur. Reichlich Erfahrung und beste Voraussetzungen also, um die Berliner Philharmonie mit Bearbeitungen von rund 15 der größten Hits Cole Porters zu verzaubern. Oder um es mit Cole Porter selbst zu sagen: »Let’s do it – Let’s fall in love!«

Oliver Hochkeppel

Magdalena Kožená

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