Berliner Philharmoniker

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Berliner Philharmoniker

Eine Entdeckungsreise mit Simon Rattle und Emanuel Ax

»Neue Welten auf der Erde, im Himmel oder im menschlichen Denken«: All das wollte Edgar Varèse in seinen berühmten Amèriques vermitteln. Eine ähnliche Absicht ist in diesen Konzerten mit Simon Rattle und Emanuel Ax erkennbar. Da gibt es bekannte Werke von Debussy, Ravel und Franck, die aber durch die Gegenüberstellung mit Entdeckungen etwa von Betsy Jolas und Percy Grainger in neuem Licht erstrahlen – eine aufregende musikalische Reise.

Berliner Philharmoniker

Sir Simon Rattle Dirigent

Emanuel Ax Klavier

Claude Debussy

Prélude à lʼaprès-midi dʼun faune

Betsy Jolas

A Little Summer Suite Auftragswerk der Stiftung Berliner Philharmoniker Uraufführung

César Franck

Variations symphoniques für Klavier und Orchester

Emanuel Ax Klavier

Maurice Ravel

La Vallée des cloches aus Miroirs (Originalfassung für Klavier)

Emanuel Ax Klavier

Percy Grainger

In a nutshell (Auszüge)

Maurice Ravel

La Vallée des cloches aus Miroirs (Arrangement für Orchester von Percy Grainger)

Edgard Varèse

Amériques

Termine und Tickets

Do, 16. Jun. 2016 20 Uhr

Philharmonie

Einführung: 19:00 Uhr

Fr, 17. Jun. 2016 20 Uhr

Philharmonie

Einführung: 19:00 Uhr

Sa, 18. Jun. 2016 19 Uhr

Philharmonie

Einführung: 18:00 Uhr

Videomitschnitt ansehen

Eine Aufzeichnung des Konzerts wird online in unserer Digital Concert Hall angeboten.

Programm

Die Uraufführung von Claude Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune gilt als Geburtsstunde des musikalischen Impressionismus. Zugrunde liegt dem rund zehnminütigen Orchesterwerk ein 1876 mit einer Illustration von Édouard Manet veröffentlichtes Gedicht des von Debussy bewunderten Lyrikers Stéphane Mallarmé. Der Tänzer Vaclav Nijinsky legte die Komposition 1912 einer seiner skandalträchtigen Choreografien für die epochemachenden Ballets russes zugrunde.

Für einen Skandal ganz anderer Art sorgte 1889 Musik von César Franck: »Was ist das für eine d-Moll-Symphonie, bei der das erste Thema im neunten Takt nach Des, im zehnten nach Ces, im einundzwanzigsten nach Fis, im fünfundzwanzigsten nach C, im neununddreißigsten nach Es, im neunundvierzigsten nach F moduliert?«, fragte Ambroise Thomas in tauber Empörung, nachdem er der Uraufführung der einzigen Symphonie seines belgisch-stämmigen Komponistenkollegen beigewohnt hatte. Drei Jahre zuvor hatte Franck Symphonische Variationen für Klavier und Orchester komponiert. Hört man dieses Werk heute, so erfreut man sich an seinem harmonischen Reichtum ebenso wie an seiner einfallsreichen Formgebung.

Ein halbes Jahrhundert nachdem Franck Paris eroberte, um als Komponist Anerkennung zu finden, übersiedelte der in der Seine-Metropole geborene Edgard Varèse nach New York. Mit der Orchesterkomposition Amériques setzte er seiner Wahlheimat ein musikalisches Denkmal, ohne darüber seine europäischen Wurzeln zu leugnen. Außerdem zu entdecken gilt es in diesem Konzert die ebenfalls in Frankreich und den USA gleichermaßen beheimatete Betsy Jolas, bei der Sir Simon und die Berliner Philharmoniker ein kurzes neues Orchesterstück in Auftrag gegeben haben, sowie den Australier Percy Grainger. Besonderer Kniff dieses raffiniert zusammengestellten Programms: eine Gegenüberstellung von Maurice Ravels Klavierkomposition La Vallée des cloches mit Graingers Orchestrierung desselben Stücks. Wenn Sir Simon und Emanuel Ax gemeinsam ein Konzert gestalten, ist eben immer für Überraschungen gesorgt ...

Über die Musik

In einer Nussschale

Weltumspannende Werke für die warme Jahreszeit

Musik mit Migrationshintergrund

Sommerzeit, Reisezeit. Ein Programm zwischen Australien, Europa und den USA, aber am Ende dürfte – so viel sei vorweggenommen – die Erkenntnis reifen, dass es zuhause am schönsten ist: An welchem Ort ließe sich dieses dramaturgisch, logistisch und akustisch überaus ambitionierte Programm trefflicher realisieren als in der Berliner Philharmonie?

Gemeinsam ist den heutigen Komponisten, dass sich ihre Werke wie ihre Herkunft den üblichen Einordnungen entziehen – abgesehen von Claude Debussy, dem »musicien français«: Betsy Jolas wuchs in Paris und New York mit schottisch-amerikanischem Hintergrund auf. César Francks Familie stammt aus der heute belgischen Umgebung von Aachen; der Wallone verbrachte – zum Verdruss einiger völkischer Beobachter – den Großteil seines Lebens in Paris. Maurice Ravel wiederum hatte einen aus dem Kanton Genf stammenden Vater und – worauf er stolz war – eine baskische Mutter. Percy Grainger wird in der Regel als englischer Komponist wahrgenommen, obwohl er aus Australien kam, in Deutschland studierte und die meiste Zeit seines Lebens in den USA verbrachte, wo er sich nach Skandinavien sehnte. Edgard Varèse schließlich wurde als Sohn eines Italieners und einer Französin in Paris geboren, lebte aber überwiegend in den USA, wo sein grenzüberschreitender Geist 1921 die International Composer’s Guild initiierte.

Lichtflöte: Das Prélude à l’après-midi d’un faune von Claude Debussy

Von allen Idolen schätze Varèse Debussy besonders, dessen Prélude à l’après-midi d’un faune noch in den ersten Takten der Amériques nachklingt. Debussy bezeichnete sein Werk als »eine sehr freie Illustration des schönen Gedichtes von Stéphane Mallarmé« – zu einer Szenerie, in der sich »die Sehnsucht und die Träume des Fauns in der Hitze dieses Nachmittags bewegen«.

Das Prélude erscheint als schlichte dreiteilige Liedform mit belebtem Mittelteil – sein klangfarbliches Raffinement erklärte der Musikwissenschaftler Albert Jakobik 1977 mit der Setzung von Tonarten, Mischklängen und unverbundenen Gegentonarten: »Das cis-Moll wechselt ins B-Dur wie Rot ins Blau auf der Wasserfläche, kaum trennbar in einzelne Phasen. Keine Andeutung mehr vom Wechsel Spannung-Lösung […]. Alles ist Schweben, Bewegung von Rauch, verfließendem Duft, von Lichtreflexen. […] Dagegen das Thema des Mittelteils […]: gerade hier ein dauernder Wechsel von Schwer und Leicht, von Spannung und Lösung, Leittongefühl und Auflösung.«

Bei seiner Uraufführung 1894 war das Prélude à l’après-midi d’un faune ein solcher Erfolg, dass es wiederholt werden musste. Es ist ein Meilenstein der Moderne, eine sanfte Klangstudie über das Reich zwischen Traum und Tagtraum; ein geblinzelter Augenblick im Leben eines Fauns, dem die Nymphen so entglitten wie dem Komponisten die Grundtonart. Mallarmé übrigens bewunderte diese Interpretation seiner hermetischen Kunst und widmete Debussy Verse über das Licht, das der Komponist in der Flöte des Waldgottes gebannt habe.

Jahreszeitenmusik: A Little Summer Suite von Betsy Jolas

Vehementer Streit mit pointenreichen Argumenten hat die französische Musikgeschichte immer wieder geprägt, von den Operndebatten im 18. über die Auseinandersetzung mit Wagner im 19. bis zum Serialismus im 20. Jahrhundert. Betsy Jolas, die im August ihren 90. Geburtstag begeht, hat sich dagegen nicht provokant positioniert: Wohl auch dank ihres internationalen Hintergrunds ist Jolas seit jeher über die Demarkationslinien des französischen Musiklebens erhaben; ihre Ausbildung erhielt sie in Paris bei so gegensätzlichen Meistern wie Olivier Messiaen und Darius Milhaud; Pierre Boulez setzte sich für sie ein, und selbst William Christie und sein Alte-Musik-Ensemble Les Arts Florissants haben ein Werk von ihr aufgeführt.

Schon in ihrer Kindheit könnte Jolas ein Gespür für den Umgang mit unterschiedlichsten Künstlern entwickelt haben, denn bei ihren Eltern – einer Übersetzerin und einem Publizisten – gaben sich Hemingway, Joyce, Matisse und Varèse die Klinke in die Hand. Als junge Pianistin, Organistin und Chorsängerin lernte Jolas in den USA die Renaissancemusik von der aufführungspraktischen Seite her kennen, was ihre Skepsis gegenüber einigen allzu theoretischen Ortsbestimmungen der Gegenwartsmusik erklärt. Eine besondere Beziehung der Komponistin zur menschlichen Stimme ist in ihrem Werkverzeichnis unverkennbar; neben vielen Chorstücken findet sich dort auch die Oper Schliemann (1995) über den Pionier der Archäologie. Orchestermusik steht dagegen nicht im Mittelpunkt ihres Schaffens; immerhin beziehen sich mit Musique d’hiver (1971) und den Tales of a Summer Sea (1977) bereits zwei ihrer symphonischen Werke auf Jahreszeiten.

Dies wird nun ergänzt durch A Little Summer Suite, mit deren Uraufführung die Berliner Philharmoniker und Sir Simon Rattle der in Frankreich und den USA gefeierten, hierzulande aber kaum bekannten Komponistin ein Forum geben. Das symmetrische Werk ist in sieben Teile gegliedert; die Abschnitte Zwei, Vier und Sechs zeigen spielerischen Witz schon in den Überschriften: Trockene Rhythmen klopfen gegeneinander an, kurze Klangkaskaden wandern durch die Stimmen, das Englischhorn kontrapunktiert den Gesang der Oboe. Die ungerade nummerierten Abschnitte promenieren etwas beiläufig von einem Zustand zum nächsten (das in den Satztiteln verwendete Verb »to stroll« kann mit »schlendern« übersetzt werden). Schließlich kehren sie – wie bei einer sommerlichen Unternehmung üblich – zum Ausgangspunkt zurück und werden dabei womöglich Vergnügen bereitet haben, was Jolas einmal in zeit-untypischer Weise als ein Ziel ihres Komponierens bezeichnete.

Auf der Suche nach einem Thema: César FrancksVariations symphoniques

Nach der Epoche der Romantik trennten sich im späten 19. Jahrhundert in Frankreich die Entwicklungslinien: Über Gabriel Fauré, das Pariser Conservatoire, Debussy und Ravel führte der Weg zu einer »impressionistisch« grundierten Moderne; über César Franck, die Schola Cantorum, Vincent d’Indy und Albert Roussel entwickelte sich der (Neo-)Klassizismus. Natürlich waren die Grenzen zwischen beiden Schulen durchlässig, und dennoch fällt in César Francks Umfeld die Betonung der klassischen Formen, die Auseinandersetzung mit alter Musik auf. Paradoxerweise gehören die wenigen Werke, für die Franck heute bekannt ist, zu den formal innovativsten seines Schaffens – darunter die Violinsonate und die Symphonie, die wie auch die Variations symphoniques wenige Jahre vor seinem Tod entstanden.

Als Jugendlicher hatte Franck unter dem Einfluss von Franz Liszt zwei Klavierkonzerte für den Eigenbedarf komponiert, aber erst ein halbes Jahrhundert später kam er wieder auf diese Besetzung zurück: 1884 entstand nach einem Gedicht von Victor Hugo die Tondichtung Les Djinns, in der ein spektakulärer Klavierpart die titelgebenden orientalischen Geister ins rechte Licht rückt. Für den Pianisten der Uraufführung, Louis Diémer, schrieb Franck im folgenden Jahr seine vergleichsweise zurückhaltenden und dennoch ungewöhnlichen Variations symphoniques, in denen sich Symphonie, Solo-Konzert und Variationenzyklus kreuzen.

In diesem konzisen Werk vermisst man zunächst ein Thema, das variiert werden könnte – im Unterschied etwa zu den ein knappes Jahrzehnt zuvor entstandenen Rokoko-Variationen für Violoncello und Orchester von Peter Tschaikowsky. Francks Stück erweckt sogar den Eindruck eines instrumentalen Dramas in fis-Moll, in dem sich Orchester und Klavier mit eigenen Motiven unversöhnlich gegenüberstehen – der langsame Satz von Beethovens Viertem Klavierkonzert mag hier als Modell gedient haben. Erst nach geraumer Zeit formuliert der Komponist im Klavierpart das Thema in seiner lyrischen Reinform, das zunächst symphonisch ausgearbeitet und nicht im engeren Sinne variiert wird. Wie sehr das Klavier hier als Teil des Orchesters anzusehen ist, verdeutlicht ein Lento-Abschnitt, in dem der Solist eine melancholische Cello-Variation mit Legatissimo-Arpeggien begleitet, ehe die Entwicklung auf ein brillantes Fis-Dur-Finale zusteuert.

Geschlagen und gepfiffen: In A Nutshell von Percy Grainger

Das 20. Jahrhundert brachte den Typus des Selfmademan und unerschrockenen Pioniers auch in die Musikwelt: etwa den Briten John Foulds, den Amerikaner Charles Ives und den Kanadier Colin McPhee, von denen es zumindest in Sachen Skurrilität keiner mit dem Australier Percy Grainger aufnehmen kann. Nach einer gediegenen Ausbildung in Frankfurt am Main und einer lehrreichen Reise zu Edvard Grieg nach Norwegen scheint Grainger einige bizarre Vorlieben entwickelt zu haben, über deren politische und erotische Implikationen man sich heute lieber mokiert, anstatt über seine Musik zu sprechen. Als einer der ersten dokumentierte Grainger Volksmusik mit Tonaufnahmen; neben Europa und Amerika bereiste er auch Afrika; er reüssierte als Klaviervirtuose, experimentierte mit elektronischer Musik, dirigierte Militärkapellen und Universitätschöre, arbeitete mit Duke Ellington zusammen. Sein ausuferndes Werk reicht von der simplen Schnulze bis zum Avantgardestück mit riesiger Schlagzeugbesetzung – zur leichteren Spielbarkeit weisen Graingers Partituren allerdings zahlreiche pragmatische Besetzungsvarianten auf.

Die Suite In A Nutshell, die Grainger 1916 aus älteren Entwürfen destillierte, scheint seine Musikwelt tatsächlich »in nuce« zusammenzufassen. Wesentlich für die unkonventionelle Orchesterbehandlung ist das melodiefähige Schlagzeug, die »tuneful percussion«, die idealerweise von acht Spielern bedient werden soll. Grainger stellte sich dafür eine Perkussionsbatterie aus dem Hause Deagan vor, einer Firma aus Chicago, die seinerzeit Xylofone und Röhrenglocken herstellte. Für die erforderlichen Schlägel gibt Grainger sogar die Bestellnummern an: In diesem Fantasie-Ensemble nach dem Vorbild des indonesischen Gamelan sollte, bei allem Pragmatismus, nichts dem Zufall überlassen bleiben.

Es gehört zum »touch of madness«, der Grainger gerne attestiert wird, dass mit dieser Kanone zum Teil auf Spatzen geschossen wird, denn der erste Satz stellt dem Komponisten zufolge eine Melodie dar, die am Bahnsteig in Erwartung der verspätet eintreffenden Geliebten gepfiffen wird. Dem verständlicherweise ungeduldigen Charakter dieses Stücks fügt das zweite eine entspannt swingende Weise im »popular London style« der Varieté-Theater an. Klassisch-englisch beginnt die Pastorale, die fast so lange dauert wie die drei anderen Sätze zusammen – ein Werk, das sich zur universalen Vision weitet, bis das Kehraus-Finale ein australisches Volkslied aufgreift und den Brauch schildert, im Sommer zur Erfrischung Eukalyptusblätter zu kauen …

Klavier und Kirchenglocke: La Vallée des cloches von Maurice Ravel und deren Bearbeitung von Percy Grainger

Werk und Bearbeitung sind bei Grainger kaum voneinander zu trennen, und auch Arrangements fremder Stücke finden sich in seinem Œuvre. Die Instrumentation eines Klavierstücks von Maurice Ravel, die Grainger 1944 im Falle von La Vallée des cloches unternahm, ist allerdings ein doppelt heikles Unterfangen: Erstens instrumentierte Ravel einige seiner Klavierwerke selbst in unnachahmlicher Weise – so gingen aus dem Zyklus Miroirs, dem auch dieser Satz entstammt, die Orchesterstücke Une Barque sur l’océan und Alborada del gracioso hervor. Zweitens bewies Ravel am Beispiel der Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgsky, dass er sich auch in die Musik anderer Komponisten kongenial einfühlen konnte. Doch Grainger war vorsichtig genug, nicht originaler als das Original orchestrieren zu wollen – seine Instrumentation kann als durchaus persönlicher Kommentar zu Ravel aufgefasst werden.

Die Miroirs (Spiegelbilder) wurden 1905 beendet, als Ravel das in Paris obligatorische Rompreis-Stipendium auch im fünften Anlauf nicht erhalten hatte. Zugleich musste er sich gegen den Vorwurf wehren, ein Debussy-Epigone zu sein, was gerade an diesem Beispiel leicht widerlegt werden kann: Ravel schrieb sein »Tal der Glocken« als Hommage an die Pariser Kirchen zwei Jahre bevor Debussy seinen Klavier-Images ein Glocken-Stück hinzufügte.

Ravel verteilt die Glockenschläge auf drei Systeme, eine schnelle Sextolenbewegung wirkt darin wie die flirrende Luft, die den Klang transportiert. Diese übereinander gelagerten Schichten werden in Graingers Instrumentation verräumlicht und getrennt: Das mittlere System wird unter anderem von einer Celesta übernommen, die Sextolen von einer Holz-Marimba, die Gegenklänge von einer Metall-Marimba, und für die tiefen Glocken sollen Klaviersaiten mit Schlägeln bearbeitet werden. Erst im kantablen Mittelteil kommen die Streicher zum Einsatz, insgesamt aber dominieren auch hier die Perkussionsinstrumente, die Ravels Musik einem gänzlich fremden Ritual anverwandeln.

Ein unentdeckter Kontinent: Amériques von Edgard Varèse

Die Lebensdaten von Percy Grainger und Edgard Varèse überschneiden sich weitgehend, und wie Grainger war auch Varèse um eine radikale Aufwertung von Perkussions- und Maschinenmusik bemüht; wie Grainger sah er in der Kultur der USA mehr Anknüpfungspunkte als in Europa; wie Grainger hatte er in dem Dirigenten Leopold Stokowski einen prominenten Förderer – und überhaupt liest sich Varèses Biografie wie ein »Who’s Who«: Studium in Paris sowohl an der Schola Cantorum (was ihn zum Enkelschüler Francks macht) als auch am Conservatoire, erste musikalische Schritte in Berlin, Fachmann für Alte Musik, Zusammenarbeit mit Hugo von Hofmannsthal und Max Reinhardt, Förderung durch Richard Strauss und Gustav Mahler, Leben im Umkreis der Dadaisten und Surrealisten, Zusammenarbeit mit Le Corbusier, später dann Vorbild des Rockmusikers Frank Zappa.

Ende 1915 übersiedelte Varèse nach New York, 1918 begann er mit der Komposition der Amériques. Da er sein Frühwerk größtenteils vernichtete, handelt es sich hier um das offizielle Opus Eins eines knappen, aber höchst einflussreichen Lebenswerks. Der Titel suggeriert eine Programmatik à la Symphonie aus der Neuen Welt – Varèses Ästhetik waren solche Ideen allerdings fremd, auch wenn es schwerfällt, dieses Werk mit all seinen konkreten Signalen (am markantesten die Sirene und das Schiffshorn) nicht als ein Hörbild der Metropole New York aus der Perspektive eines »Parisian in America« zu hören. Intendiert scheint jedoch eine Erkundung des Klangs an sich, was auch die Reihung kurzer statischer Blöcke erklärt, die das Nachvollziehen formaler Entwicklungen im klassischen Sinn unmöglich macht. Der polnische Philosoph Józef Maria Hoene-Wroński formulierte das Motto, das Varèse für seine abstrakte Musik beanspruchte: »Musik ist die Verkörperlichung der Intelligenz, die in den Klängen liegt.«

Als Varèse 1921 die Amériques-Partitur abschloss, schwebten ihm hierfür nicht weniger als 140 Spieler vor. In dieser Version wurde das Stück erstmals 1926 in Philadelphia präsentiert, wo es zu einem Skandal führte, der Varèse zu einer Revision für »nur« noch 120 Musiker veranlasste. Doch auch diese Fassung löste – 1929 in Paris – Befremden aus. Jahrzehntelang wurden die Amériques überhaupt nicht gespielt, und weitere Jahre vergingen, ehe Varèses Schüler Chou Wen-chung aus der chaotischen Materiallage textkritisch abgesicherte und aufführbare Editionen beider Versionen herausgeben konnte. Die Suche nach den idealen »Amerikas«, für Varèse das »ewige Symbol der Entdeckung«, hält an.

Olaf Wilhelmer

Biografie

Emanuel Ax, 1949 in der heutigen Ukraine geboren und schon als Kind in Warschau musikalisch ausgebildet, studierte nach der Übersiedlung seiner Familie in die Vereinigten Staaten bei Mieczyław Munz an der New Yorker Juilliard School. Im Alter von 25 Jahren gewann er den Arthur-Rubinstein-Klavierwettbewerb (Tel Aviv), fünf Jahre später den Avery-Fisher-Preis (New York). Emanuel Ax ist in den internationalen Musikmetropolen und Festivalorten regelmäßig als Konzertsolist der Spitzenorchester sowie mit Klavierabenden und als ambitionierter Kammermusiker zu erleben: Er war langjähriger Duopartner von Isaac Stern und musiziert regelmäßig mit dem Cellisten Yo-Yo Ma sowie den Geigern Jaime Laredo und Itzhak Perlman; mit Yefim Bronfman bildet er ein Klavierduo. Das Repertoire von Emanuel Ax umfasst nicht nur die bedeutenden Werke der Klassik und Romantik; so hat sich der Pianist in den letzten Jahren auch der Gegenwartsmusik zugewandt und Kompositionen von John Adams, Christopher Rouse, Krzysztof Penderecki, Bright Sheng und Melinda Wagner uraufgeführt. Er ist Mitglied der American Academy of Arts and Sciences und Ehrendoktor der Universitäten von Yale und Columbia; seine CD-Einspielungen wurden mehrfach mit dem Grammy Award ausgezeichnet. Bei den Berliner Philharmonikern ist Emanuel Ax seit 1988 wiederholt aufgetreten; in der Saison 2005/2006 war er dem Orchester als Pianist in Residence verbunden. Zuletzt gastierte der Künstler Mitte Oktober 2014 in drei von Andris Nelsons dirigierten philharmonischen Konzerten als Solist in Mozarts Klavierkonzert Es-Dur KV 449 sowie in der Burleske d-Moll von Richard Strauss.

Sir Simon Rattle

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