Berliner Philharmoniker

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Berliner Philharmoniker

Eröffnungskonzert in Zusammenarbeit mit der Deutsche Bank AG

Berliner Philharmoniker

Sir Simon Rattle Dirigent

Johannes Brahms

Symphonie Nr. 3 F-Dur op. 90

Dmitri Schostakowitsch

Symphonie Nr. 10 e-Moll op. 93

Termine

Fr, 29. Aug. 2008 19 Uhr

Philharmonie

Sonderkonzert

Live-Übertragung

Über die Musik

Lorbeerspenden und ein Orchestertusch

»Ich wohne hier reizend«, schreibt Johannes Brahms im Juni 1883 an den befreundeten Wiener Chirurgen Theodor Billroth: »Ursprünglich als Atelier gebaut, ist es nachträglich zum hübschesten Landhaus geworden, und so ein Atelier gibt ein herrliches, hohes, kühles, luftiges Zimmer! Unsere Gesellschaft hier würde Dir ungemein behagen!« Wie fast jedes Jahr hatte der Naturliebhaber Brahms auch 1883 seiner Wahlheimat Wien für die Sommermonate den Rücken gekehrt. Auf Vermittlung deutscher Freunde schlug er sein Sommerdomizil diesmal am Rande der Kurstadt Wiesbaden auf. Während die Nachmittage und Abende mit langen Wanderungen im Umland und allerlei geselligen Aktivitäten gefüllt waren, konnte sich der 50-Jährige in den Morgenstunden und an den Vormittagen in der Kühle des Atelierhauses oder auf einsamen Spaziergängen ungestört der Arbeit widmen. Welche Frucht in diesem Wiesbadener Sommer langsam heranreifte, hielt der in Schaffensdingen so schweigsame Komponist selbst vor den engsten Freunden lange geheim. Erst nach seiner Rückkehr in die Donaumetropole offenbarte er, dass er über den Sommer eine neue Symphonie fertig gestellt hatte. Nach zwei privaten Voraufführungen der Klavierfasssung im Freundeskreis wurde die Dritte Symphonie am 2. Dezember 1883 in Wien mit großem Erfolg uraufgeführt.

Wüllner, der beim Philharmonischen Orchester in einem direkten Konkurrenzverhältnis mit Joachim stand, war über diese Entwicklung verständlicherweise nicht sehr erfreut. In einem Brief an Brahms schreibt er am 13. November 1883: »An Deiner Mitwirkung bei uns am 28ten Januar möchte ich zunächst noch unbedingt festhalten. Dirigiert Joachim Deine Symphonie ohne Deine Anwesenheit, so sähe ich wenigstens kein Hindernis darin, daß Du sie dann später selbst noch einmal aufführtest.« Brahms ging auf diesen Vorschlag postwendend ein. Am 4. Januar 1884 dirigierte Joachim die Berliner Erstaufführung der Dritten Symphonie in einem Konzert der Akademie der Künste. Drei Wochen später kam Brahms dann selbst nach Berlin, um am 28. Januar in der Philharmonie am ersten Abonnement-Konzert des Philharmonischen Orchesters im Jahr 1884 mitzuwirken. Nachdem er unter Wüllners Leitung sein Erstes Klavierkonzert gespielt hatte, ergriff er nach der Pause selbst den Taktstock und dirigierte mit dem – wie der Programmzettel explizit hervorhebt– »auf 80 Musiker verstärkten Orchester« die philharmonische Erstaufführung seiner neuen Symphonie. Nicht nur das Publikum, sondern auch die Musiker waren von Brahms’ Debüt bei den Philharmonikern begeistert. So berichtet ein zeitgenössischer Rezensent: »[…] der dritte Satz mußte auf stürmisches Verlangen wiederholt werden. Brahms, der außerdem sein Clavierconcert in D moll spielte, war Gegenstand begeisterter Huldigungen, die in Lorbeerspenden und einem Orchestertusch ihren Höhepunkt erreichten.«

Mit ihren vier konzentrierten Sätzen und einer Gesamtspieldauer von ungefähr einer halben Stunde ist die Dritte die kürzeste der vier Brahms-Symphonien. Dass sie bei den meisten Zeitgenossen auf vorbehaltslose Begeisterung stieß, liegt an der gelungenen Verbindung von musikalischer Komplexität und Zugänglichkeit. So schreibt der berühmte Wiener Kritiker und Brahms-Apologet Eduard Hanslick in seiner Uraufführungskritik: »Von klarer unmittelbarer Wirkung beim ersten Hören, wird sie beim zweiten, dritten und zehnten für jedes musikalische Ohr noch reicheren Genuß aus immer feineren und tieferen Quellen strömen lassen.« Was Hanslick hier meint, lässt sich an der Anfangspassage des ersten Satzes erläutern. Sie beginnt mit drei vollen Bläserakkorden, die auf wirkungsvolle Weise den Werkanfang markieren. Zugleich exponieren sie ein aufsteigendes dreitöniges Motiv (in seiner ersten Formulierung f-as-f), das den gesamten Kopfsatz wie ein roter Faden durchzieht und auch im Finalsatz wiederkehrt. Auf dem letzten Bläserakkord setzt in den Geigen dann das dramatische Hauptthema des Allegro von brio ein, das über drängenden Synkopen in den Bratschen und zunächst von tiefen Posaunenklängen geerdet, unerbittlich nach vorne treibt. Ein Hörer, der mit dem Werk noch nicht vertraut ist, wird sich vermutlich zunächst von der dramatischen Kraft und klanglichen und emotionalen Intensität der Musik hinweg tragen lassen. Bei einem zweiten oder dritten Hören entdeckt er dann vielleicht, dass Brahms das am Anfang exponierte dreitönige Motiv auf kunstvolle Weise auch als kontrapunktische Gegenstimme zum Hauptthema verwendet. Beim Einsatz der Geigen erklingt es zunächst in den Bassinstrumenten des Orchesters und wandert dann nach und nach in höhere Klangregister.

In den beiden kurzen Mittelsätzen kommt die bereits von Brahms’ Zeitgenossen bewunderte »instrumentale Schönheit« der Dritten Symphonie zu voller Entfaltung. So beginnt das an zweiter Stelle stehende Andante mit einem liedhaften Thema in den Klarinetten und Fagotte. Am Ende jeder Phrase treten nahezu unmerkbar die Hörner und Flöten hinzu und geben dem sich wunderbar mischenden Klang eine neue Färbung und gesteigerte Intensität. Durch den Eintritt der tiefen Streicher wird die subtile Klangfarbenkomposition der Anfangspassage noch erweitert. Sie greifen die Schlussfigur jeder Bläserphrase auf und wiederholen sie echoartig in einer ganz anderen Klanglichkeit.

Die innere Spannungskurve der Dritten Symphonie kulminiert in ihrem dramatischen Finale. In der ausgedehnten Coda des Allegro kehren nicht nur die wichtigsten Themen des vierten Satzes wieder, sondern auch musikalisches Material aus den vorangehenden Sätzen. Nach der kunstvollen kontrapunktischen Kombination des dreitönigen Kernmotivs aus dem ersten Satz mit dem Themenkopf des Finales greift Brahms in den Schlusstakten das Hauptthema des Eröffnungssatzes nochmals auf. Die inneren Konflikte und Spannungen, die dem Thema am Anfang des Werkes innewohnen und das symphonische Entwicklungsgeschehen erst in Gang setzen, werden bei seinem letzten Erscheinen aufgelöst. Umhüllt von reinen F-Dur-Akkorden in den Bläsern erklingt es in gewandelter Gestalt leise tremolierend in den Streichern.

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