Zum Spielplan 2012/2013

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Kammermusik

Roger Willemsen Moderation und Programmgestaltung

Christian Brückner Sprecher

Sheikh Taha:

Taha Mousa Gad Ali Sufi-Sänger

Ali Ahmed Mohamed Ahmed Ibrahim Violine

El Sayed Fahmy Hussein Saad Oud

Ahmed Abdel Nabby Ahmed Khali Qawal

Aboubakr Mohamed Mourad Migally Duff

Elhamy Mohamed Mourad Migally Riqq

Houria Aïchi & L'Hijâz'Car:

Houria Aïchi Gesang

Grégory Dargent Oud

Etienne Gruel Perkussion

Jean-Louis Marchand Klarinette

Antony Gatta Perkussion

Nicolas Beck Tarhu und Hajouj

Teil 1: Unterwegs im arabischen Frühling

Termine

Mo, 12. Nov. 2012 20 Uhr

20:00 | Kammermusiksaal

Programm

Was im Dezember 2010 in Tunesien begann, breitete sich bald über viele Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens aus: Proteste, Aufstände und Rebellionen erschütterten die autokratischen Systeme der Region, wobei der rasante politische Umbruch in Ägypten, dem bevölkerungsreichsten arabischen Land, Anfang 2011 für viele Beobachter völlig überraschend kam.

In seiner Reihe Unterwegs lädt Roger Willemsen zu einer musikalischen Reise durch den arabischen Frühling ein, wo in Ländern wie Tunesien und Ägypten alte Musiktraditionen neu entdeckt und wiederbelebt werden – Traditionen, deren Anfänge auf die arabische Eroberung Nordafrikas zurückgehen und die von der Musik des mittelalterlichen Spanien beeinflusst wurden. Die Wurzeln sind allerdings noch wesentlich älter, da schon die alten Ägypter 3000 v. Chr. über die unterschiedlichsten Harfen, Lauten, Leiern, die pharaonische Doppelflöte Kawala, Pfeifen, Tamburine, Trommeln und das Hackbrett Kanoun verfügten.

Noch heute sind es vor allem die »exotischen« Instrumente, die der orientalischen Musik ihren unverwechselbaren Klang verleihen: die Oud (Laute), die Ney (Flöte), der Mezoued (Dudelsack), die Darbouka (Trommel), Riqq (Tamburin) und Kanun (Zither). Natürlich unterscheidet sich die arabische Musik auch in melodischem Aufbau und Rhythmik deutlich von den europäischen Mustern. In den bewegten Musikszenen unserer Tage treffen altes Liedgut und traditionelles Instrumentarium auf die Instrumente der Gegenwart, was gerade in der allgemeinen Aufbruchsstimmung zu einer reizvollen Mischung führt.

Über die Musik

Wege zu innerer Harmonie

Musik und Poesie der ägyptischen Sufi-Tradition mit Sheikh Taha

»Oh Du, aus dessen Grab der schönste Duft strömt,
Voller Aroma sind die Felder und Berge davon.
Oh Du, Liebster aller Menschen, mein Herr, Du mein Prophet.«
Mit diesem Madih-Gesang – Ya Khayraman – stimmt Scheikh Taha einen Lobgesang auf den Propheten und auf Gott an und eröffnet damit die Zeremonie.

Madih ist einer der ältesten Gesangsstile arabischer Poesie. Er ist grundsätzlich dem Lobe des Propheten oder einiger Heiliger des Sufi-Ordens gewidmet. Dazu rufen die Zuhörer leise das Wort »Allah«, »Gott« in einem bestimmten Rhythmus. Der »Madih« besteht aus einer Folge von vielen Qassidas. Eine Qassida ist ein vertontes Gedicht von mindestens zehn Zeilen, das aber oft auch erheblich länger ausfällt. In Ägypten sind solche Lieder sehr beliebt, weil ihre Religiosität durch volkstümliche Melodien geprägt ist.

Sheikh Taha stammt aus einer Familie, die seit Generationen in der Sufi-Tradition verwurzelt ist. Er gehört der Schule des Rifaei-Ordens an. Der Gründer des Ordens, Ahmed Rifaei (1119 – 1183), stammte ursprünglich aus dem Irak. Die meisten Anhänger des Ordens finden sich im Nahen Osten, in der Türkei und auf dem Balkan. Sheikh Taha lebt bescheiden und alleine in einer kleinen Zawiya (Bruderschaft) in der Nähe von Luxor und verzichtet auf viele Annehmlichkeiten des heutigen Lebens. Denn Sufi zu sein heißt, erstarrtes Leben abzulehnen und den Dialog mit dem ganzen Sein auf dieser Welt zu suchen.

Wie alle Munshids, das sind religiöse Sänger der Sufi-Tradition, ist auch Scheikh Taha eine bedeutende Persönlichkeit in der Volkskunst Ägyptens. Gleichzeitig ist er ein Mann des Glaubens, ein Sänger, ein Poet. Für ihn ist der Madih-Gesang, wie er selber sagt, »eine Gottesgabe«. Schon früh hat er diese Gesänge bei seinem Onkel, dem Oberhaupt eines sufischen Ordens, erlernt – auf traditionelle Art und Weise, ohne Noten, nur nach dem Gehör. Bis heute kann er keine Note lesen und trägt die Texte und Melodien unzähliger Gesänge aus dem Gedächtnis vor.

Hören im ursprünglichen Sinn bedeutet für die Sufis, für eine besondere Gabe empfänglich zu werden, und zwar für jede Art der sinnlichen Aufnahme, musikalisch wie auch sprachlich. Erst dann erreichen Musik und Gesang die Zuhörer auch wirklich. Ein großer Sufimeister sagte einmal: »Das Zuhören ist beruhigend. Die Seele trinkt mit den Bechern des Ohres.«

Seit dem 13. Jahrhundert entwickelte sich eine reiche Tradition von überaus komplexen Kompositionen, die ihre Kraft bis heute aus der mystischen Erfahrung beziehen. Durch Musik finden die Sufis zu innerer Harmonie und Einklang, und die Musik ist dabei für sie das besondere Instrument der Liebe. Dabei ist die sufische Liebe zuallererst ein Weg der Erkenntnis; gespeist wird sie durch die Wärme eines göttlichen Feuers, dessen Licht durch Funken in die Tiefen der menschlichen Seele eindringt. Ein breites Repertoire von musikalischen Traditionen wird in den verschiedenen Orden für ihre Zeremonien verwendet. Auch das Repertoire von Sheikh Taha erfüllt diesen Zweck. Es umfasst eine enorme Fülle an poetischen Werken, von der Volkspoesie bis hin zu hoch entwickelter Kunstdichtung.

Begleitet von einem traditionellen Al-Tacht-Ensemble in einer Besetzung aus Kaman (einer orientalischen Violine), arabischer Laute Oud , der Rohrflöte Ney und Trommeln in unterschiedlichster Ausführung trägt Scheikh Taha Gedichtvertonungen wie Badi Hosni [Schöne Erscheinung] vor. Darin wird die betörende Schönheit der Geliebten besungen, die ein Abglanz der göttlichen Schönheit ist; sie erscheint als Spiegel, in dem sich die Schönheit Gottes bricht. Scheikh Taha preist die Vorzüge der Angebeteten in Liebesworten, zu denen auch fromme Menschen Zugang finden können. In der mystischen Liebe bleibt, neben der erotischen Idee an sich, das Kontemplative ein bedeutender Teil der Liebe. Was, außer der Liebe, könnte auch sonst die Mystiker so heftig bewegen? Die musikalische Zeremonie folgt keinem festen Reglement, verläuft oft intuitiv. Die Improvisation spielt dabei eine wichtige Rolle, es kommt sogar vor, dass im Laufe der Interpretation ganze Abschnitte abgewandelt werden.

Die musikalischen Darbietungen von Sheikh Taha werden fast jede Woche auf städtischen Plätzen und in den Ordensklöstern veranstaltet. Der Sheikh hat feste Orte, zu denen Schüler, Anhänger und Zuschauer kommen, um ihn zu hören. Zudem dienen die Auftritte karitativen Zwecken. Armen Menschen bietet sein Orden Essen und Wasser, manchmal auch Kleidung. Außerdem tritt Sheikh Taha mit seinem Ensemble bei religiösen Festen auf, wie zum Beispiel anlässlich des Geburtstags des Propheten oder anderer Personen aus dessen Familie, wie auch der Enkelkinder Hussein und Zainab. Hinzu kommen Auftritte bei privaten Festlichkeiten. Sheikh Taha wird dann von einer Familie oder einer Gruppe von Musikliebhabern eingeladen, wenn man eine Hochzeit, eine Beschneidung oder die Rückkehr von einer Pilgerfahrt feiert. Dann singt er nicht nur religiöse Lieder, sondern auch solche, die von Lebensfreude und dem geselligen Zusammensein von Menschen erzählen.

Wie nur wenige beherrscht Sheikh Taha die Gesetzmäßigkeiten des arabischen, gefühlsbetonten Gesangs, Tarab oder Saltana genannt. Diese Begriffe bedeuten Erheiterung, Ekstase oder auch Rausch. Durch den Gesang und die Musik entsteht eine Stimmung, die in ein fast rauschhaftes Glücksgefühl mündet. Improvisation steht jetzt im Mittelpunkt der Musik. In jedem Konzert singt der Sheikh anders. Zwar ist die Musik nach bestimmten Modi aufgebaut, doch unterliegt es seiner Freiheit, zu variieren und zu interpretieren, je nach Atmosphäre, Ort und Zeit. Auch das Publikum mit seinen Wünschen und Vorlieben hat einen Einfluss auf den Vortrag.

Die Texte mit ihren opulenten Bildern fordern den Sänger geradezu heraus, sein Publikum in eine ekstatische, von ansteckender Emotionalität und Heiterkeit beflügelte Stimmung zu versetzen. Gelingt es dem Künstler, dass sich die festliche Spannung durch seinen Gesang löst und die Menschen begeistert und ausgelassen feiern, dann – und nur dann! – ist der eigentliche Sinn eines Festes erreicht.

Die Ritter von Aurès

Musik der Berber mit Houria Aïchi

Houria Aïchi stammt aus einer Berberfamilie, deren Stamm sich Chaouia nennt und der auf dem Aurès-Plateau im Nordosten Algeriens lebt, einem der östlichsten Ausläufer des Atlas-Gebirges. Die Berber – der Name geht zurück auf das lateinische Wort »barbari« für Fremde – sind die Ureinwohner Nordafrikas. Allen gemeinsam ist ein ausgeprägter Freiheitsdrang.

Die Künstlerin wuchs in einem kleinen Dorf auf. In ihrer Familie spielte der traditionelle, volkstümliche Gesang eine wichtige Rolle. Die Frauen lebten in einem großen Hof, wo auch das soziale Leben stattfand. Hier lernte Houria das Singen kennen und lieben: »Abgesehen von vielem gemeinsamem Lachen und der Erziehung der Kinder fand ein sehr intensives kulturelles und künstlerisches Leben statt. Die Frauen sangen und musizierten«, erinnert sich Houria Aïchi. So war es für sie ein Leichtes, die traditionellen Lieder zu erlernen. Die Leidenschaft zu singen gehört zu ihrem Familienerbe, das sie nun bereits in dritter Generation fortführt. Schon als kleines Kind hatte sie ihre Großmutter begleitet, die in der ganzen Umgebung eine weithin geschätzte Sängerin war.

In diesen Gesängen überlieferten die Frauen die Traditionen und Begebenheiten aus der Geschichte ihrer Vorfahren. »Ich habe sehr starke Erinnerungen an meine Kindheit«, sagt Houria Aïchi und fährt fort: »Die Kultur, in der ich aufwuchs, war geprägt von familiärem Zusammenhalt, von einem strikten Ehrenkodex und von einer Gesangstradition, wie sie nur in dieser speziellen Region existiert.« Eigentlich hatte sie nicht vorgehabt, Sängerin zu werden. Ihren Heimatort verließ sie um in Constantine und Algier Soziologie zu studieren. 1970 ging sie nach Paris und setzte dort ihr Studium fort. Nach Abschluss ihres Psychologiestudiums 1984 besann sie sich auf die Tradition ihrer Familie und begann sich in Frankreich daranzumachen, nach den Wurzeln der Musik ihrer Vorfahren zu forschen. Geduldig sammelte sie die letzten Überreste der Musiktraditionen in den Dörfern. Sie schrieb die Lieder der Frauen auf und interpretierte sie. Houria Aïchi lebt heute in Paris und ist längst eine gefeierte Künstlerin. Bereits 1990 lud der italienische Filmregisseur Bernardo Bertolucci sie ein, Musik zum Soundtrack seines Films Himmel über der Wüste zu schreiben.

Mit ihrer Stimme erweckt die Sängerin eine unbekannte Facette berberischer Kultur zum Leben. Ihre besondere Art des Gesangs und ihre Interpretation haben sie zur Botschafterin ihrer Chaouia-Kultur werden lassen. Die Lieder wirken archaisch und sind geprägt von einer speziellen Gesangstechnik: Sie singt nasal und doch gleichzeitig tief aus der Kehle kommend. Die emotionsgeladene Stimme von Houria Aïchi gehört zu den stärksten und aufregendsten in der Berbermusik. Ihr Stil beeindruckt indem er viele Elemente des traditionellen Gesangs in sich aufnimmt, der noch heute auf traditionellen Festen zu hören ist. Wie es im Gesang der Frauen des Aurès-Gebirges üblich ist, wechselt sie auch immer wieder zur hohen Kopfstimme, wodurch der Eindruck eines lauten, gesungenen Rufens evoziert wird.

Für ihr Programm Cavaliers de l’Aurès ist Houria Aïchi nun zu den edlen Rittern der Berber auf dem Aurès-Plateau zurückgekehrt, zu der höfischen Poesie, die von Rittern, Damen und Pferden spricht. Sie präsentiert sie zusammen mit dem Straßburger Quintett L’Hijâz’Car. Die Sängerin bereichert die Klänge ihrer Heimat mit einer jazzigen Musiksprache die auch rockige Energie offenbart. Mit diesem Programm beschwört sie die Mythologie der Chaouia, das Leben der berittenen Schäfer, die auch Krieger waren. So ist es keine Überraschung, dass diese Lieder oft auch durch galoppierende Rhythmen geprägt sind.

Die Chaouis leben in einem felsigen und gebirgigen Gebiet, ihre Traditionen sind geprägt von der Liebe zur Natur. Bis zum heutigen Tag züchten sie Pferde, die sich durch ihre außergewöhnliche Beweglichkeit, Ausdauer und Widerstandsfähigkeit auszeichnen. Auf den Festen der Chaouia ist die Tradition der Reiter noch lebendig. Hier, so Houria Aïchi, seien die bäuerlichen Traditionen, in denen es viel um den Ausdruck von Ehre geht, immer noch präsent, und das fasziniert sie: »Als Mädchen war ich wie alle anderen, enorm verliebt in diese Ritter mit ihrer imposanten Erscheinung. Sie kamen auf ihren Pferden daher, verschleiert, ganz in weiß gekleidet, und sie waren für mich damals halb reale, halb mythische Wesen! Ein ganz starkes Gefühl hat von mir Besitz ergriffen, und aus dieser Faszination für die Cavaliers nährt sich noch heute mein künstlerisches Leben.« Diese Musik spricht von der besonderen Beziehung zwischen Mensch und Pferd: »Liebt die Pferde, pflegt sie gut, denn durch sie gelangt ihr zu Ehren und Schönheit.«

Die Texte sind in berberischer und arabischer Sprache gehalten. Sie sind voller Bilder aus der Vorstellungswelt der ländlichen Bevölkerung. Sie handeln von Ritterlichkeit und Mut, von der Freiheit, einem immer wiederkehrenden Thema der Berber, wie in diesem zarten Lied vom Ritter, dem Pferd und der Dame:

Oh berittener Hirte,
Gehe nach Osten.
Oh Hadda, du Perle,
Wen hast du heute empfangen?

Oh Oum Hani, du mich beflügelst,
Ich kann nur in Bildern sprechen.
Ich träume von deinen fließenden Locken.
Oh meine Geliebte, du mein Kind.

Houria Aïchis Lieder sprechen auch von flammender Liebe. Dazu werden schillernde Metaphern verwendet – und dann kann ein Ritter schon einmal mit Quecksilber verglichen werden:

Mein »Bruder«, mein Geliebter,
er ist wie Quecksilber.
Oh Gott, beschütze seinen Clan,
Gib ihm ein langes Leben
und vermehre seinen Wohlstand.“

Diese Musik lebt vom Rhythmus. Die Lieder berühren und ergreifen, betören durch ihren Reichtum an Klangfarben und Düften. Lassen Sie sich einnehmen von der Schönheit der berberischen Musik und ihrer Gesänge.

Suleman Taufiq

Der Schriftsteller Suleman Taufiq stammt aus Syrien und lebt seit 1971 in Deutschland. Als freier Publizist schreibt für Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen und hat sich als Lyriker, Erzähler sowie als Herausgeber und Übersetzer arabischer Literatur einen Namen gemacht.

Biographie

Sheikh Taha fühlt sich in der Nachfolge von Sheikh Ahmed al-Tûni aus Assiout einer langen Tradition berühmter ägyptischer Sufi-Meister verpflichtet. Als Munshid, wie die religiösen Sänger in der ägyptischen Welt genannt werden, gehört er zu den letzten Vertretern populärer Volkskunst in seinem Heimatland.Sheikh Taha lebt zurückgezogen in einer kleinen Sufi-Bruderschaft (Zawiya) in der Nähe der Wüstenstadt Luxor. Er ist gleichermaßen Musiker, Poet, Schauspieler und Prophet, der die ausschließlich mündlich überlieferte Form des Sufi-Rituals weiterträgt. Von seinen Glaubensbrüdern wird er als Mittler verehrt, der ihnen im Zustand der Trance das Göttliche offenbart. Dieser Form der toleranten religiös-mystischen Praxis fühlt sich auch die junge Generation Ägyptens verbunden. Sheikh Taha, dessen Gesang von althergebrachtem Instrumentarium begleitet wird, tritt nun erstmals in einem Konzert der Stiftung Berliner Philharmoniker auf.

Houria Aïchi stammt aus der Berbervolksgruppe der Chaouia, die auf dem Aurès-Plateau im Nordosten Algeriens lebt, einem der östlichen Ausläufer des Atlasgebirges. Geboren wurde sie in Batna, der fünftgrößten Stadt Algeriens. Bereits in der Kindheit vermittelte ihr die Großmutter Lieder der Bergregion und traditionelle Vokaltechniken. Doch erst später, nach ihrem Psychologiestudium in Algier und Paris in den 1970er-Jahren, begann Houria Aïchi systematisch, die Musik ihrer Vorfahren zu erforschen und sie in neuen Arrangements weiterzutragen. Ihre Recherche führte sie u. a. in das Pariser Musée de l’Homme, in dem sie alte Wachszylinder-Aufnahmen auswertete. Dieses ethnologische Interesse, das die Wiederentdeckung vieler geistlicher Gesänge der Chaouia zur Folge hatte, ging Hand in Hand mit dem Erkunden anderer Musikformen wie dem Jazz und der freien Improvisation, so dass Houria Aïchi bald auch Konzerte mit dem Gitarristen, Mandolinisten und Lautenspieler Henri Agnel oder dem Jazz-Saxofonisten Jean-Marc Padovani gab. Heute ist die Sängerin, die 2004 vom französischen Kultusministerium mit der Auszeichnung »Chevalier des Arts et des Lettres« geehrt wurde, regelmäßiger Gast bedeutender Weltmusik- oder Interkultur-Festivals in Europa, Afrika, Südamerika und Kanada. In einem Konzert der Stiftung Berliner Philharmoniker ist die Künstlerin nun erstmals zu erleben.

L’Hijaz’Car wurde 2000 von Nicolas Beck, Grégory Dargent, Etienne Gruel, Jean-Louis Marchand und Vincent Posty, fünf Studenten des Straßburger Konservatoriums, gegründet. Das Instrumentarium des Ensembles besteht u. a. aus Rühr-, Hand-, und Rahmentrommeln wie Bendir, Zarb, Daf, Derbukka, aus Bassklarinette sowie aus der auf dem Balkan weit verbreiteten Langhalslaute Saz. Grégory Dargent, Komponist, Arrangeur und Leiter der Gruppe, spielt zudem die arabische Kurzhalslaute Oud. In ihren Stücken, die auch von Jazz, Improvisation und zeitgenössischer Musik beeinflusst sind, schaffen die Musiker moderne Deutungen der traditionellen Klangidiome aus Nahem Osten und Maghreb. L’Hijaz’Car ist mit dem Streichquartett des marokkanischen Violinisten Aziz Boulaaroug und mit dem Tuareg-Chor von Lalla Thara aufgetreten. Eine enge Zusammenarbeit verbindet die Formation zudem mit der Sängerin Houria Aïchi, mit der 2008 die CD Cavaliers de l’Aurès entstand. L’Hijaz’Car war beim Europäischen Jazzfestival in Athen zu erleben, im Stadion von Tamanrasset sowie im Opernhaus von Izmir; nun ist das Ensemble erstmals in einem Konzert der Stiftung Berliner Philharmoniker zu Gast.

Roger Willemsen studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in seiner Heimatstadt Bonn sowie in Florenz, München und Wien. Nach seiner Promotion (über Robert Musil) arbeitete er als Dozent, Herausgeber, Übersetzer (u. a. von Thomas Moore und Umberto Eco) und für drei Jahre als Korrespondent in London. 1991 begann seine Fernsehlaufbahn als Moderator, später auch als Produzent von Kultursendungen (z. B. Willemsens Woche, Nachtkultur, Willemsens Zeitgenossen). Sein Debüt als Regisseur gab er 1996 mit einem Film über den Jazzpianisten Michel Petrucciani, der inzwischen in 13 Ländern gesendet wurde; es folgten Porträts von Personen der Zeitgeschichte wie Gerhard Schröder und Marcel Reich-Ranicki. Hauptberuflich war Willemsen jedoch stets Autor: Regelmäßig erschienen seine Essays und Kolumnen beispielsweise in der ZEIT, im Spiegel und in der Süddeutschen Zeitung. Seit 2002 widmet er sich verstärkt literarischen Arbeiten. Seine Bestseller Deutschlandreise, Gute Tage, Kleine Lichter, Afghanische Reise, Der Knacks, Die Enden der Welt und zuletzt Momentum wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Willemsen ist Schirmherr mehrerer Literaturfestivals und lehrt seit 2010 als Honorarprofessor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. Er engagiert sich darüber hinaus bei verschiedenen Hilfsorganisationen (Terre des Femmes, Afghanischer Frauenverein e. V.) und war lange Jahre Botschafter von Amnesty International. Zu den zahlreichen Auszeichnungen Roger Willemsens zählen der Bayerische Fernsehpreis (1992) und der Adolf-Grimme-Preis in Gold (1993). Für die Stiftung Berliner Philharmoniker gestaltet und moderiert er seit der vergangenen Spielzeit die Reihe Unterwegs – Weltmusik mit Roger Willemsen.

Christian Brückner wurde in Schlesien geboren und wuchs in Köln auf. In Berlin studierte er Germanistik, Soziologie und Theaterwissenschaften, belegte Schauspielkurse, nahm Sprechunterricht und bekam schon bald Engagements im Hörfunk und in den Synchronstudios der Stadt. Einer großen Zahl von Schauspielern gab er eine deutsche Stimme, seit vielen Jahren vor allem Robert de Niro, aber auch Alain Delon, Warren Beatty und Harvey Keitel. Christian Brückner hat als Sprecher in ungezählten Hörspielen, Literatursendungen und Features sowie bei Hörbüchern und Fernsehdokumentationen mitgewirkt, wofür er 1990 den Grimme-Preis Spezial in Gold erhielt. Theater spielte er immer wieder in Freiburg, Berlin und New York. Wichtig sind Christian Brückner seine öffentlichen Literaturlesungen, die oft in einen musikalischen Zusammenhang eingebunden sind und heute einen Schwerpunkt seiner Arbeit bilden. Seit dem Jahr 2000 betreibt er mit seiner Frau zudem ein eigenes Hörbuchlabel. In Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker war der Künstler in der Vergangenheit wiederholt als Sprecher und Erzähler zu Gast, nicht zuletzt in den Philharmonischen Salons. Auch in Veranstaltungen der Reihe Unterwegs – Weltmusik mit Roger Willemsen wirkt Christian Brückner seit der letzten Saison regelmäßig mit.

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25 Jahre Kammermusiksaal

Die Saison 2012/2013 steht ganz im Zeichen des 25. Geburtstags des Kammermusiksaals. Entdecken Sie seine Geschichte, seine Musik und mehr.

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