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Kammermusik

Krystian Zimerman Klavier

Claude Debussy

Estampes

Claude Debussy

Präludien (Auswahl)

Karol Szymanowski

Drei Präludien aus op. 1

Frédéric Chopin

Sonate Nr. 3 h-Moll op. 58

Termine

Mi, 03. Okt. 2012 20 Uhr

20:00 | Philharmonie

Programm

Der Perfektionismus von Krystian Zimerman scheint keine Grenzen zu kennen: Von 100 Prozent seines Repertoires, so heißt es, spielt er nur zehn Prozent in öffentlichen Konzerten. Und von diesen zehn Prozent werden wiederum nur zehn Prozent auf CD eingespielt - vorausgesetzt, man rechnet großzügig. »Ich habe mir 1980 eine Liste gemacht«, sagte er vor Jahren in einem Interview, »darauf stehen die Stücke, die ich können möchte. Glauben Sie mir, ich bin mit dieser Liste immer noch nicht durch, und ich weiß schon heute, dass die Zeit mir nicht mehr reichen wird.«

Zum perfekten Spiel gehört natürlich auch eine perfekte Konzertplanung, bei der Zimerman nicht nur die Entfernung der Spielorte voneinander berücksichtigt, sondern auch das Zusammenspiel der unterschiedlichen Saalakustiken: »Ich könnte nie Wien vor Nürnberg einplanen. Das würde nicht funktionieren. Der Wechsel in der Akustik ist anschlagtechnisch nicht zu bewältigen. Eine Tournee zu planen, ist für mich jedes Mal wie ein Kampf mit Windmühlen.«

In Berlin wird sich der polnische Pianist, der am Anfang seiner Karriere als bisher jüngster Preisträger den 1. Preis beim Warschauer Chopin-Klavierwettbewerb gewann, zunächst der Musik Claude Debussys widmen, der zur Gattung der Charakterstücke wahrlich bedeutende Beiträge geliefert hat. In ihnen ist die »göttliche Arabeske« von größter Bedeutung, welche Debussy in der Musik Johann Sebastian Bachs in idealtypischer Weise verwirklicht sah. So diente beispielsweise Bachs Wohltemperiertes Klavier als Vorbild für seine Präludien, in Estampes dagegen beschreibt der Franzose eine imaginäre Reise nach Spanien und in den Fernen Osten.

Außerdem hat Krystian Zimerman noch Werke zweier Landsleute auf sein Programm gesetzt: Frédéric Chopins op. 58 ist die letzte von drei Kompositionen, die der polnische Komponist zur Gattung der Klaviersonate beigetragen hat und besticht durch einen lyrisch-innigen, aber gleichzeitig brillanten Charakter. Die als Opus 1 veröffentlichen Präludien von Karol Szymanowski wiederum orientieren sich noch am romantischen Vorbild Chopins, weisen aber bereits auf eine modernere Klangsprache voraus.

Über die Musik

Noblesse oblige

Ein Porträt des polnischen Pianisten Krystian Zimerman anlässlich seines 50-jährigen Bühnenjubiläums

Vom Komponisten Wolfgang Rihm stammt der hellsichtige (und richtige) Satz, Kunst müsse »aus Obsession entstehen, nicht aus den scheinhaften Klarheiten vorgespielter Unangegriffenheit«. Kunst verstanden nicht als Gewerbe oder als artistischer Schein, Kunst verstanden als Existenzerfüllung, als erhabene Sehnsucht in Wort, Ton oder Bild, als ästhetische Utopie, die sich der Wirklichkeit imperativ einschreibt. Sucht man unter den großen Pianisten unserer Zeit nach einem Künstler, der all dies ohne Wenn und Aber beglaubigt, so ist der Kandidat rasch gefunden. Wie kaum ein anderer verkörpert Krystian Zimerman die Unbedingtheit und Autonomie künstlerischen (Bewusst-)Seins.

Auf seinem Weg, der Zimerman – man mag es kaum glauben – seit nunmehr 50 Jahren durch die (Musik-)Welt führt, wurden ihm schon früh einige Kostbarkeiten zuteil – künstlerische wie menschliche: Da sind die Begegnungen des jugendlichen Pianisten mit Artur Rubinstein und Vladimir Horowitz, mit Witold Lutosławski (der später ein Klavierkonzert für ihn schreiben wird), Leonard Bernstein und Carlo Maria Giulini. Und da ist ein Lehrer von hohen Gnaden. Andrzej Jasiński unterweist ihn nicht nur in der Kunst des Klavierspiels; bei ihm absolviert Zimerman eine Art Studium generale, zu dem neben mehreren Sprachen (Französisch, Englisch, Deutsch) die Fächer Musiktheorie, Geschichte, Mathematik, Physik und Klavierbau zählen. Und sei es auch empirisch nicht zu belegen: Wenn Zimerman spielt, spürt man sie buchstäblich, diese umfassende Bildung.

Vielleicht ist er gerade deswegen, noch vor Maurizio Pollini (der dies verzeihen möge), der Aristokrat unter den Großen seiner Zunft. Weil er für jede künstlerische Herausforderung das feinste Maß findet. Alles, was er als Pianist unternimmt, sitzt, stimmt, ist in höchstem Maße geschmackvoll: Zimermans Spiel ist ohne Ausnahme von distinkter Brillanz, es ist das Spiel eines vollendeten Kavaliers, der um die Essenz und die Poesie einer vollendeten (Ton-)Dichtung weiß – und sehr wohl auch, wie sie zu klingen habe.

In der Tradition Chopins stehend

Damit einher geht, dass Krystian Zimerman die Möglichkeiten, welche ihm seine Laufbahn bescherte, immer lediglich als probates (prosaisches) Mittel zum höheren (poetischen) Zweck betrachtet. Selbstredend hat er, wie Maurizio Pollini und wie Martha Argerich, profitiert vom Sieg beim Chopin-Wettbewerb in Warschau, wo er 1975 mit gerade 18 Jahren der Jüngste unter den 118 Teilnehmern und nach Halina Czerny-Stefánska (1949) und Adam Harasiewicz (1955) bereits der dritte Pole war, dem man mit dem Siegeslorbeer kränzte. Dieser souveräne, von niemandem angezweifelte Sieg öffnete ihm alle Türen. Aber so prophetisch darf man in der Rückschau sein: Er wäre ohnehin durch diese Türen hindurch gegangen, mit federndem, zugleich entschiedenem Schritt. Der Grund liegt in Zimermans Art, Werke zu »lesen«, ihren Ursprung zu erkennen. Auf nachgerade frappierende Art und Weise erinnert sie an jene aus dem Mund George Sands stammende Charakterisierung ihres Gefährten auf Zeit, Frédéric Chopin, dieser sei »eine Mischung aus Liebem und Strengem, Keuschen und Feurigem«. Eben so ist Zimermans Klavierspiel: seelenvoll und leidenschaftlich, sinnlich und (schlicht) singend, fest gefügt und frei. Damit steht er in einer ruhmreichen Tradition polnischer Pianisten, die im Grunde bei Chopin beginnt und von dort über Józef Hofmann und den glückhaften Virtuosen Artur Rubinstein bis zu ihm reicht.

Mit Letzterem eint ihn die Naturhaftigkeit der Existenz. Klavierspielen – das bedeutet eo ipso Leben, Da-Sein, Ent-deckung ästhetischer Geheimnisse. Und es ist eine Art, das Leben zu lieben. Es zu schildern. Zimermans Interpretationen – und beileibe nicht nur jener klassisch-romantischen Werke, die man mit seinem Namen verbindet, sondern auch eines zeitgenössischen Stücks wie etwa der Zweiten Klaviersonate seiner (nach wie vor sträflich unterschätzten) Landsfrau Graźyna Bacewicz – sind durchdrungen von erzählerischer Würde und Spannung, von tiefem, verständlichem Sinn. Und stets sind sie bis ins kleinste Detail ausgewogen. Das behandelte Werk wird nicht ausgekostet. Es wird vorgestellt, in all seinen Facetten und Nuancen, natürlich auch in seinen Widersprüchen und Ambivalenzen. Den unvergleichlichen Glanz gewinnt es von innen heraus. Zimerman ist »lediglich« derjenige, der das alles mit äußerster Konsequenz gestaltet, frei nach dem Motto: Noblesse oblige.

Gezügelte Leidenschaft

Man könnte es auch Magie nennen. Eine Magie, die dort, wo es die Partitur nahelegt, mit Klarheit, Wucht, mit Grandezza und Prägnanz gepaart ist. Zimermans Beethoven-Exegesen etwa tragen fast ausnahmslos das Gepräge des Erhabenen, selbst dort noch, wo Beethoven wütend wird wie ein Stier. Seine Sicht auf die (frühen wie späten) Romantiker Chopin, Schubert, Grieg und Brahms und selbst noch auf Debussy (die Interpretation von dessen Préludes reicht, man möge dies wieder und wieder überprüfen, tatsächlich sogar an diejenige des göttlichen Arturo Benedetti Michelangeli heran) ist durchaus schwärmerisch, ohne aber je deren sentimental angewehter Seite zu verfallen. Und doch: In gewisser Weise ist er ein Romantiker, dieser unvergleichliche Pianist, der inzwischen beinahe das Alter erreicht hat, wo wir ihn auch ganz offiziell als Grandseigneur titulieren dürfen. Ein Romantiker jedoch, der, bevor er seine Leidenschaft ausübt, den Hut zieht. Wohl zeigt er uns sein Feuer, doch er hat es in jeder Sekunde unter Kontrolle. Sein Klavierspiel ist, und das ausschließlich, ein Sieg der tiefschürfenden Reflexion über die pure Bravour.

Seltsam genug: Manche Beobachter haben Krystian Zimerman dennoch, seiner offenkundigen technischen Grandezza wegen, früh zum berechtigten Nachfolger von Vladimir Horowitz stilisiert. Wer allerdings nur einige Aufnahmen der beiden schon habituell völlig unterschiedlichen Pianisten miteinander vergleicht, wird schnell merken, dass kaum Übereinstimmungen bestehen. Zwar hat der Jüngere mit Horowitz über die Kunst des Klavierspiels debattiert, also gewiss einige bedeutsame Ratschläge mit auf den Weg genommen, doch dem Typus des durch und durch subjektivistisch-exaltierten Virtuosen, wie ihn Horowitz verkörpert, entspricht Zimerman keineswegs. Dazu passt, was Zimerman einmal in einem Interview über Horowitz und seine potentiellen Erben gesagt hat: »Ich glaube nicht, dass der Einschätzung, es gäbe nur wenige Pianisten, die eine derartige Tiefe und Individualität in ihrem Spiel besäßen, zuzustimmen ist. Es gibt sehr viele Talente heute. Wahr aber ist, dass sehr viele Pianisten heute keinen Reiz mehr in der großen Solisten-Karriere empfinden. Mit dem Tod der großen Pianisten sind Vakuum-Stellen entstanden, die niemand mehr füllen kann, aber auch niemand mehr füllen will. Denn es hat sich irgendwie erwiesen, dass es eigentlich keinen Vorteil bedeutet, solche Karrieren zu machen.« Der beste Beweis für diese These ist Krystian Zimerman. Karriere bedeutet ihm kaum mehr als ein nützliches Werkzeug, um das Wesen der Musik zu ergründen.

Dass die Musik Chopins dabei eine führende Rolle übernehmen würde, wird kaum verwundern. Was schon eher irritiert, ist die Sichtweise Zimermans. Nur zu leicht wäre es, dem Glauben anheim zu fallen, ein schwärmerischer junger Mann, wie es Krystian Zimerman gewiss in seiner Jugend gewesen ist, würde dem Charisma der Klavierkonzerte erliegen und sie als Manifest romantischer Weltanschauung präsentieren. Doch weit gefehlt. Weder im Konzert noch in einer der drei Einspielungen des e-Moll-Konzerts – mit Carlo Maria Giulini und dem Los Angeles Philharmonic, mit Kirill Kondrashin und dem Concertgebouw Orkest, sowie späterhin mit dem von ihm selbst dirigierten Polish Festival Orchestra – verlässt Zimerman den Pfad der Tugend. Allein die Tempi differieren zwischen den beiden Wiedergaben von 1979 und 1999 merklich, auch fügt Zimerman in der von ihm dirigierten Aufnahme einige Rubati hinzu, um die Dramatik zu steigern. Ihm erscheint Chopin als gültiger und würdiger Nachfahre Beethovens.

Eigene Sicht auf Beethoven, Schubert und Brahms

Nicht zuletzt deswegen ist es aufschlussreich, Zimermans hintergründig-genialische Beethoven-Interpretationen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Auffälligkeiten wird man darin kaum finden. Eher schon ein gerüttelt Maß an Klassizität. Zimerman ist nicht der Typus des künstlerischen Anarchisten, dessen Streben danach geht, Bestehendes aus den Angeln zu heben oder es gar umzustürzen. Er folgt dem Willen des Komponisten, übersetzt ihn, wie im Falle Beethovens, in die Gegenwart. In den beiden ersten Klavierkonzerten etwa, die Zimerman, was triftig ist, als Geschwisterpaar sieht, formuliert er, sich hierin auf seine fantastische Anschlagskultur stützend, mit jugendlicher Frische, sowie mit einem elán vital und einem jeu perlé, das die beiden wesentlichen Elemente in diesen Konzerten bedenkt: Gleichberechtigt stehen das Ungestüme und das Unbekümmerte nebeneinander. Im c-Moll-Konzert tritt dramatische Energie hinzu. Doch selbst hierin, in den Aufwallungen des Kopfsatzes, waltet bei Zimerman clarté, Ausgewogenheit, Balance, objektivierende Souveränität, der zuweilen etwas Distanziertes anhaftet. Er spielt dieses Konzert im Stile eines Grandseigneurs. Groß, tragend, singend ist sein Ton, deutlich spürbar der Subtext, das humanistische Ethos. Jedoch findet keine Revolution statt. Ein Gentleman nimmt an einer solchen Veranstaltung nicht teil, zumindest nicht aktiv. Schon in der durch enharmonische Verwechslung erwirkten Rückverwandlung vom As-Dur-Teil des Rondos in den E-Dur-Abschnitt klingt sein Spiel geschmeidig, elegant. Und auch das C-Dur-Strahlen im Presto gestaltet er nicht als Apotheose. Selbst im Triumph bleibt Zimerman durch und durch der Künstler des beherrschten Understatements, der auf agogische Verrenkungen verzichtet, sich in absoluter Präzision der Formulierung übt und klare dynamische Verhältnisse bevorzugt. Und der solche Momente liebt, in denen sich das Idyll zart andeutet, wie in den Terzsexttriolen der Durchführung (in Es-Dur) des Kopfsatzes aus dem G-Dur-Konzert, das in Zimermans Lesart ohnehin etwas Mozartisch-Glänzendes, in Teilen sogar Beschwingtes hat. Dadurch verliert die Konfrontation danach an Schärfe. Ähnlich verfährt Zimerman im Andante con moto: Einfach nur schön, schlicht ist seine Klangrede, molto espressivo. Er erhebt die Stimme nicht einmal, aber er »spricht« derart intensiv, dass dem Orchester nichts anderes bleibt, als dem Solisten das Feld zu überlassen, für das dann befreit aufatmende Finale.

Allein schon deswegen muss man es als bedauerlich empfinden, dass Zimerman sich nicht näher zu Schubert hingezogen fühlt. Ach, was wären die späten Sonaten ein Genuss mit ihm. Denn schon die Impromptus verraten einen Klangsinn, wie ihn heute nurmehr Radu Lupu, Grigory Sokolov und Mitsuko Uchida besitzen. Man kann es nur aufzählen, bewundernd: das Schimmern der Farben in unzähligen Facetten, das Spiegelhafte daran; die perfekte Balance zwischen den einzelnen Stimmen, zwischen Ober- Mittel- und Nebenstimme, zwischen Unter- und Oberstimmen; das erlkönighafte Pulsieren etwa im c-Moll-Impromptu D 899; das Changieren zwischen leichtem Sinn und schwerem Mut im Es-Dur-Impromptu aus der gleichen Serie; das Abgründige im As-Dur-Impromptu, das Diamantene des Klangs; diese Geschmeidigkeit in allen postumen Werken der Gattung aus D 935; das Fließende des Übergangs im f-Moll-Impromptu von der Grundtonart über As-Dur zum As-Moll-Teil wie später von F-Dur zurück nach F-Moll; das F-Dur-Licht für sich: ein Frühlingsduft. Es sind nur Nuancen, die den Wechsel der Stimmung beschreiben.

Zimermans Sicht auf Brahms entstammt dieser Welt, gründet auf deren Wesen, man denke nur an seine Lesart der Balladen. Und so, wie hier das Schwergängige, Biertischherbe hinter einem atmenden Espressivo verschwindet, wird man auch bei Liszt, Ravel und Debussy das Exzentrische, Demonstrative in seinen perfekt geschliffenen, aber durch und durch leidenschaftlichen Interpretationen vergeblich suchen. Was diese außerdem auszeichnet, ist eine nachgerade dialektische Logik: Eleganz und Brisanz sind hier vereint, Klarheit und Dämonie, Kraft und Wehmut, enthemmte Leidenschaft und absolute Kontrolle. Und wie dieser Poet darüber hinaus zu singen vermag: leise, zart, sanft, zugleich durchdringend. Da spürt man ihn: den genuinen Sensualisten, der den Werken eben jene Eleganz, jene zauberhafte, nie inkonkrete, sondern immer suggestiv-narrative Klanglichkeit belässt, die sie benötigen, um diesen einen entscheidenden Millimeter über dem Boden zu schweben. Oder, um es mit Baudelaires Harmonie du soir zu sagen, der es vermag, »die Abendlüfte Ton und Duft zum Tanze wecken«.

Jürgen Otten

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Bühnenjubiläum

Der polnische Pianist Krystian Zimerman konzertiert seit 50 Jahren. Grund genug, dieses Jubiläum mit den Berliner Philharmonikern zu feiern, mit denen er seit 1976 künstlerisch zusammenarbeitet.

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