Zum Spielplan 2012/2013

In meinen Kalender übernehmen merken gemerkt drucken

Kammermusik

David Aaron Carpenter Viola

Bernhard Hartog Violine

Rüdiger Liebermann Violine

Walter Küssner Viola

Stephan Koncz Violoncello

Felix Mendelssohn Bartholdy

Streichquintett Nr. 1 A-Dur op. 18

Frank Bridge

Lamento

Johannes Brahms

Klarinettenquintett h-Moll op. 115 (Fassung für Viola und Streichquartett)

Termine

Mi, 06. Feb. 2013 20 Uhr

20:00 | Kammermusiksaal

Programm

»Seit vielen, vielen, vielen Jahren habe ich nicht mehr ein so phänomenales Talent wie David Aaron Carpenter erlebt«, lautet das Urteil Christoph Eschenbachs. »Er vereint grenzenloses Ideenreichtum mit atemberaubender Technik. Mit ihm gemeinsam zu musizieren ist eine wahre Freude.« Carpenter, der 1986 in eine New Yorker Musikerfamilie hineingeboren wurde, entwickelte sich schnell zu einem der gefragtesten Bratscher seiner Generation. Seit seinem Debüt mit dem von Eschenbach geleiteten Philadelphia Orchestra im Jahr 2005 trat er mit führenden Musikern und Orchestern in den USA und in Europa auf.

In Berlin wird der junge Virtuose, dessen Instrument schon Hector Berlioz einen »traurig-leidenschaftlichen Ausdruck« und »tiefe Schwermut« bescheinigt hat, gemeinsam mit Bernhard Hartog, Rüdiger Liebermann, Walter Küssner und Stephan Koncz zu erleben sein. Auf dem Programm steht u. a. das Klarinettenquintett von Johannes Brahms in der Fassung für Viola und Streichquartett, ein melancholisches Weltabschiedswerk, das seit seiner Uraufführung am 12. Dezember 1891 in der Berliner Singakademie unangefochten zu Brahms' beliebtesten Kompositionen gehört.

Mit Frank Bridges als Reaktion auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs geschriebenem Bratschen-Klagegesang Lamento erklingt ein weiteres Werk von dunkel timbriertem und grüblerischem Charakter. Dieser Tonfall zieht sich auch durch Felix Mendelssohn Bartholdys erstes Streichquintett op. 18, dessen Zentrum ein elegisches Intermezzo mit vielen tragisch anmutenden Akzenten bildet.

Über die Musik

»Zur sanften Klage gestimmt«

Werke mit zwei Bratschen von Bridge, Mendelssohn Bartholdy und Brahms

Die Bratsche sei eine »melancholisch träumerische Persönlichkeit« – Hector Berlioz musste es wissen! 1834 hatte er sie in seiner Symphonie Harold in Italie op. 16 solistisch eingesetzt: als »alto principal«. Bereits Barockmeister wie Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach schätzten das klangvolle Streichinstrument und übertrugen ihm in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts exponierte Rollen. So lässt Bach beispielsweise in seinem Dritten Brandenburgischen Konzert (BWV 1048) sogar einen dreistimmigen Bratschenchor mit jeweils ebenfalls dreistimmigen Violin- und Violoncellochören konzertieren. Doch ehe das charaktervolle Mittellagen-Instrument im Konzertsaal derart solistisch brillierte, hatte es einen weiten Weg zurückgelegt. Dessen Anfang beschreibt Michael Prätorius, der »Director der Musica«, 1619 in seinem Syntagma musicum so: »Vom gemeinen Volck« wird die »Vivola, Viola da bracio: Item, Violino da brazzo« wie »eine Fiddel / unnd daher de Bracio [›braccio‹ = ital. ›Arm‹] genennet / […] uff dem Arm gehalten«. Damals spielte sie zur Tanzmusik auf. 100 Jahre später finden wir sie dann unter den Solo-Instrumenten in der noch jungen Gattung Konzert und Christian Friedrich Daniel Schubart konstatiert 1784 in seinen Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst: »In neuern Zeiten ist die Bratsche mit großer Wirkung auch zum Solospielen angewandt worden.«

Ihre Rolle innerhalb der Familie der Violin-Instrumente scheint nun gefestigt zu sein – bis sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von den Klavier- und Violinvirtuosen verdrängt wird. Erst als um 1850 die Mittelstimmen im Orchester, die der Streicher genauso wie die der Bläser, mit ihren charakteristischen Klangfarben das Terrain für sich bereiten und sogar Führungsrollen übernehmen, schlägt erneut die Stunde der Bratsche. Fortan wird sie von den Komponisten sowohl in kammermusikalischen Werken als auch in der Orchestermusik als gleichberechtigter Partner der anderen Instrumente behandelt. Doch häufig fehlt es an geeigneter Literatur. Also wird nicht selten kurzerhand die Klarinetten-Stimme alternativ der Bratsche zugedacht. In seinem Klarinettentrio op. 114, im Klarinettenquintett op. 115 und in den beiden Klarinetten-Sonaten op. 120 weist Brahms höchstpersönlich diesen Weg. So erklingt das Klarinettenquintett im heutigen Konzert in der vom Komponisten selbst als Variante empfohlenen Fassung für Viola und Streichquartett.

Dem Bratschenklang virtuos verbunden: Frank Bridge

»Es tut mir leid, dass Mr. Bridges Studienzeit am College nun zu Ende geht. Sein Werdegang war sehr erfolgreich und ich wünsche ihm von Herzen, dass die Karriere, die er nun vor sich hat, ebenso erfolgreich sein möge.« Mit diesen Worten und mit der prominenten Tagore Gold Medal verabschiedete Sir Hubert Parry, der Direktor des Londoner Royal College of Music, im Jahr 1903 den »herausragendsten Schüler« seines Ausbildungsinstituts. Frank Bridge, Sohn eines Orchesterleiters, Geigers und Musikpädagogen, hatte von 1896 an zunächst Violine studiert und ging 1899 in die Kompositionsklasse von Sir Charles Villiers Stanford. Fortan ist er als Instrumentalist, Komponist und nicht zuletzt als Pädagoge – sein bedeutendster Schüler wird Benjamin Britten werden – aus dem englischen Musikleben nicht mehr wegzudenken. Noch als Student gründet Bridge mit dem English String Quartet sein eigenes Ensemble. In ihm ist er, der inzwischen in der Bratsche sein Instrument gefunden hat, selbstverständlich für den Viola-Part verantwortlich. Aber auch für andere renommierte Streichquartett-Formationen, in England genauso wie im übrigen Europa, ist Bridge ein begehrter Mitstreiter. So bittet ihn zum Beispiel 1906 das Joachim-Quartett, bei einer Aufführung des Streichsextetts G-Dur op. 36 von Johannes Brahms eine der beiden Bratschenstimmen zu übernehmen. Und mit Maurice Ravel bzw. Gabriel Fauré musiziert er deren Werke in den Jahren 1913/1914. Als der Künstler 1912 sein Lamento für zwei Bratschen schreibt, ist er auf dem Gipfel seiner Karriere als Instrumentalist angekommen.

Das Lamento hob Bridge am 18. März 1912 in der Londoner Aeolian Hall zusammen mit dem später weltberühmten »Vater der Viola« Lionel Tertis (1876 – 1975) aus der Taufe: als erstes von zwei Bratschenduetten mit den Titeln Lamento und Caprice. Beide waren eigens zu diesem Anlass entstanden. Die Originalmanuskripte der damals noch nicht gedruckten Werke sind verschollen, die Stücke selbst gerieten in Vergessenheit. Doch das Lamento »überlebte« als fast vollständige Skizze in der Frank Bridge Collection des Royal College of Music. Sie bildet die Grundlage zu der von Paul Hindmarsh edierten praktischen Ausgabe, die der Herausgeber wie folgt kommentiert: »Es fehlten einige Dynamik-Markierungen und die Stimmenverteilung musste aus praktischen Gründen minimal verändert werden«, gleichwohl sei »zu 99 Prozent Bridge« zu hören. Das Lamento, schon der Name sagt es, ist ein Klagelied, eine Trauermusik. Will man dem bereits erwähnten Dichter, Publizisten, Komponisten und Pianisten Schubart glauben, dann eignet sich besonders die Bratsche für diese Ausdruckssphäre: Sie hat »etwas so Trauriges, etwas so zur sanften Klage Gestimmtes […]«. Bridge gibt seinem Lamento einen sehr intimen, ganz persönlichen Charakter. Dunkel und schwermütig beginnt erst nur eine Viola mit der Klage, ehe die zweite sehr sanft und ebenfalls mit tragischem Gestus einstimmt. Der Komposition liegt eine Bogenform zugrunde. Die Außenteile sind motivisch-thematisch aufeinander bezogen. In ihnen dialogisieren die beiden Bratschen eindringlich, ehe sie am Schluss der Komposition allmählich verstummen, allerdings nicht ohne noch einmal gemeinsam die klagende Haltung zu betonen. Auch wenn der Mittelabschnitt im Menuett-Rhythmus etwas lebhafter und geschmeidiger ist, wird auch er tragisch überschattet.

»Er fasst seine Zeit bei den Ohren …«: Felix Mendelssohn Bartholdy

Wie beruhigend für Vater Abraham Mendelssohn! Frankreichs Musikpapst Luigi Cherubini bestätigt ihm im Frühjahr 1825 in Paris, dass sein Sohn Felix Talent hat und »Gutes« leisten wird. Dieses »Urteil« gilt dem Klavierquartett h-Moll op. 3 des gerade 16 Jahre alt Gewordenen. Nun steht dem ersehnten Musikerberuf nichts mehr im Wege. Dass dieses Ziel für ihn angemessen ist, hatte der hochtalentierte Knabe bereits durch zahlreiche Werke bewiesen, so durch ein Klaviertrio c-Moll (1820) und zwölf Streichersymphonien (1821 – 1823), durch ein Klavierkonzert a-Moll und das Klavierquartett c-Moll op. 1 (beide 1822) und ein Streichquartett Es-Dur (1823). Sogar eine Oper, Die Hochzeit des Camacho op. 10, entsteht 1824/1825. Systematisch hatte sich Mendelssohn die einzelnen Gattungen erobert. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn 1826 ein Streichquintett folgt, zumal der Komponist selbst sowohl die Violine als auch die Viola souverän beherrscht. Außerdem genießt er den unschätzbaren Vorteil, seine Werke klingend überprüfen zu können: Bereits seit 1822 werden in der Berliner Wohnung der Mendelssohns Sonntagsmusiken veranstaltet, die von 1825 an im Gartenhaus-Saal des neuen Palais der Familie in der Leipziger Straße 3 stattfinden. Doch nicht nur auf dem Gebiet der Musik ist Felix, der gleichermaßen perfekt Klavier und Orgel spielt und die Regeln des Tonsatzes selbstverständlich gründlich beherrscht, hervorragend ausgebildet, sondern auch in Mathematik, in alten und neuen Sprachen, in Geschichte, Zeichnen, Turnen und vielen anderen Disziplinen erhält er Unterricht durch Privatlehrer. Die Familie Mendelssohn gehört in Berlin zum gehobenen und hoch gebildeten Bürgertum – dementsprechend anspruchsvoll sind die Erziehungsziele für ihre Kinder.

Am 20. April 1825 schreibt Felix aus Paris an seine jüngere Schwester Rebecka nach Berlin: »Mit Baillot, Mial und Norblin habe ich neulich bei Mad. Kiéné mein Quartett aus h-moll gespielt.« Gemeint ist sein Opus 3, das er Goethe gewidmet hat. Pierre Baillot (1771 – 1842) ist der Konzertmeister und Solo-Geiger der Pariser Opéra, und genauso wie Joseph Joachim später in Berlin, hat Baillot in Paris regelmäßige Séances für Kammermusik eingeführt. »Er fasst seine Zeit bei den Ohren und führt sie mit sich, und so könnte man’s gelten lassen«, berichtet Karl Friedrich Zelter, zufrieden über seinen Schüler Mendelssohn, am 1. Juli 1825 seinem Freund Goethe nach Weimar. Auch beim Opus 18 »fasst« Felix »seine Zeit bei den Ohren«. Von Vorgängern wie Haydn und Mozart (z. B. vom Es-Dur-Quintett KV 614 des letzteren) übernimmt er die geltende Gattungsnorm. Er überprüft ihre Tauglichkeit und schreitet die Grenzen aus, bleibt aber im vorgegebenen »Rahmen«. Allerdings präsentiert er mit dem A-Dur-Quintett op. 18 seine eigene Lesart.

Das viersätzige Werk hat eine verwickelte Entstehungsgeschichte. Am 31. Mai 1826 abgeschlossen, überarbeitet Mendelssohn die viersätzige Komposition Anfang 1832, als er in Paris erfährt, dass der Geiger und enge Freund Eduard Rietz, dem er das Quintett gewidmet hat, am 22. Januar 1832 mit 29 Jahren in Berlin gestorben ist. Mendelssohn stellt die Abfolge der Binnensätze um und tauscht das fis-Moll-Menuett gegen das neu als Epitaph für den Verstorbenen geschriebene Intermezzo in F-Dur aus. »Ich habe ein großes Adagio componirt in das Quintett hinein als Intermezzo. Es heißt ›Nachruf‹ und ist mir eingefallen, wie ich eben Etwas für Baillot componiren musste, der so schön spielt […]«, schreibt er im Februar 1832 an die Familie nach Berlin. Doch auch die anderen drei Sätze überarbeitet er und gleicht sie seinem inzwischen reiferen Stil an. Kunstvoll sind die fünf Stimmen im ausgedehnten Kopfsatz, einem Sonatensatz im 3/4-Takt, ineinander verwoben. Während dem ersten Thema eine weitgeschwungene sehnsuchtvolle Melodie zugeordnet ist, huscht das zweite Thema leichtfüßig wie »Luft im Laub und Wind im Rohr« (Goethe: Faust I) dahin. Das geniale, 1825 entstandene Oktett op. 20 »guckt« gleichsam »um die Ecke«. »Doch nicht die ›mondbeglänzte Zaubernacht‹ der Romantik, sondern die klassische Helle der Goetheschen Walpurgisnacht, der Shakespearschen Sommernacht sind ihm Vorbild«, schreibt der renommierte Musikwissenschaftler Georg Knepler. Im nachfolgenden Intermezzo führt – im Gedenken an Eduard Rietz – streckenweise die Erste Violine, während das nachfolgende Scherzo mit seinen dahinhuschenden 16tel-Figuren erneut an das Oktett erinnert. Erstaunlich, wie es Mendelssohn gelingt, aus diesem motivisch-thematischen Material eine veritable Fuge zu entwickeln. Im furiosen Finale wird die Sonaten- mit der Rondoform kombiniert, folgen gesangliche auf fugierte Abschnitte und werden Themenpartikel aus dem Kopfsatz wieder aufgegriffen.

Johannes Brahms, »der Fortschrittliche«

Neue Bahnen: Unter diesem Titel begrüßt Robert Schumann im Oktober 1853 in der Neuen Zeitschrift für Musik den damals 20-jährigen Johannes Brahms. »Ich dachte […] es würde und müsse […] einmal plötzlich einer erscheinen, der den höchsten Ausdruck der Zeit in idealer Weise auszusprechen berufen wäre.« Brahms ist ein »Berufener«! Seit Ende 1871 lebt der gebürtige Hamburger ständig in Wien, von 1875 an freischaffend, zunehmend anerkannt und öffentlich ausgezeichnet, beispielsweise durch die Universität Breslau mit der Ehrendoktorwürde oder von seiner Heimatstadt mit der Ehrenbürgerschaft. Als der Pianist und Komponist 1891 sein Klarinettenquintett schreibt, kann er auf ein umfangreiches Œuvre verweisen, auf jeweils vier Symphonien und Konzerte sowie andere Orchesterwerke, auf Klavier- und Kammermusik, zahlreiche Vokalkompositionen wie Ein deutsches Requiem op. 45 und Lieder – nur die Operngattung fehlt. Während Schumann seinen jüngeren Kollegen als einen »Berufenen« bezeichnet, blickt Arnold Schönberg 1933 – im Jahr des 100. Geburtstags von Brahms – auf diesen zurück als den »Fortschrittlichen«, der »nicht vom ererbten Vermögen [lebte]«, sondern »selber eines [verdiente].« Denn »Brahms, der Klassizist, der Akademische, [war] ein großer Neuerer, ja, tatsächlich ein großer Fortschrittler im Bereich der musikalischen Sprache.« Diese Charakteristika treffen ganz besonders auch auf das Klarinettenquintett h-Moll op. 115 zu.

Es handelt sich im wahrsten Sinne des Wortes um ein »Alterswerk«: In ihm fasst Brahms die Summe seiner Erfahrungen zusammen. Seit 1889/1890 hatte er begonnen, sein »Haus zu bestellen«, hatte »viel zerrissenes Notenpapier zum Abschied von Ischl [in Bad Ischl verbrachte er seit Jahren den Sommer] in die Traun geworfen«, wie er seinem Verleger Simrock berichtet. Unfertiges wurde vernichtet, Unvollendetes vollendet. Und »[…] einige Sommerfrüchte«, erfährt im Juli 1891 Clara Schumann, behalten ihr »Leben«: das a-Moll-Trio für Klarinette (oder Viola), Violoncello und Klavier op. 114 und das Quintett für Klarinette (bzw. Viola) und Streichquartett h-Moll op. 115. Im Frühjahr 1891 lernte Brahms in Meiningen den Klarinettisten Richard Mühlfeldt (1856 – 1907) näher kennen: Dieser gehörte seit 1873 dem Meininger Orchester an, anfangs als Geiger, vom Ende des Jahrzehnts an als Solo-Klarinettist. »Er ist der beste Bläser überhaupt, den ich kenne«, schreibt Brahms an Clara Schumann – und wagt mit den beiden Opera einen kompositorischen Neubeginn. Bereits im November 1891 wird Opus 115 intensiv geprobt, mit Mühlfeldt und dem Joachim-Quartett. Wenig später, am 12. Dezember, stellen sie – zusammen mit Opus 114, bei dem Brahms am Klavier sitzt – in Berlin im Haus der Sing-Akademie (dem heutigen Maxim-Gorki-Theater) das noch ungedruckte Werk der Öffentlichkeit vor. Das Konzert ist ein Novum für Joachims seit 1869 veranstaltete Quartettabende, bei denen grundsätzlich keine klavierbegleitete Kammermusik gespielt wurde. Brahms zuliebe jedoch durchbricht Joseph Joachim diesen »Kanon«, ja, mehr noch, es werden – auch dies eine Novität – zwei Werke von ein und demselben Komponisten aufgeführt.

Scheinbar einfach ist die klassische viersätzige Anlage des Quintetts. Doch hinter dieser vermeintlichen Einfachheit verbirgt sich ein großartiges Gedankengebäude, zeigt sich »Brahms, der Fortschrittliche«. Was in der Symphonie von anderen bereits erprobt wurde, überträgt er in sein Quintett: Dem Kopfsatz ist ein Motto vorangestellt. Dieses erweist sich im weiteren Verlauf als Keimzelle sämtlicher thematischer Einfälle. Alle vier Sätze beziehen sich motivisch und thematisch auf dieses Motto. Zwar übernimmt Brahms im Eröffnungs-Allegro der Tradition folgend die Sonatenform, das Kontrastthema jedoch erscheint nur in geringer Ausprägung. Dafür wird der Gegensatz auf den Rhythmus und auf die Harmonik verlagert. Und nach dem brahmsschen Prinzip der »entwickelnden Variation« wird der thematische Grundgedanke in ständiger Permutation verändert. Der Mittelabschnitt des dreiteiligen hochexpressiven Adagios ist eine Liebeserklärung an die ungarische alla Zingarese-Musik, von der Brahms zeitlebens fasziniert war. Den Kontrast hierzu bildet die gesangvolle Umrahmung, wesentlich getragen von der (im heutigen Konzert alternativ zur Klarinette musizierenden) Viola und der Ersten Violine des Streichquartetts. Im anschließenden Andantino wird ein liedhafter Dur-Teil einem Moll-Presto gegenübergestellt, das allerdings nicht allzu stürmisch und überdies mit Gefühl (»con sentimento«) vorzutragen ist. Wie in diesen beiden Mittelsätzen greift Brahms den Motto-Gedanken auch im Finale wieder auf – in den fünf Variationen und besonders deutlich in der abschließenden Coda. Das Prinzip der »entwickelnden Variation« findet hier erneut eine besonders eindrucksvolle Prägung und präsentiert seinen Schöpfer abermals als den »Fortschrittlichen«.

Ingeborg Allihn

Biographie

David Aaron Carpenter, 1986 in New York geboren, spielte zunächste Geige und wechselte mit elf Jahren zur Bratsche; später wurde er von Yuri Bashmet, Roberto Diaz, Nobuko Imai, Robert Mann und Pinchas Zukerman unterrichtet. Neben seiner Musikausbildung studierte er Politik und Internationale Beziehungen an der Universität in Princeton. 2005 debütierte David Aaron Carpenter mit Waltons Violakonzert beim Philadelphia Orchestra (Dirigent: Christoph Eschenbach), 2006 gewann er den Internationalen Naumburg-Viola-Wettbewerb. Seitdem trat er mit führenden Musikern sowie mit Orchestern in den USA und Europa auf, z. B. dem Philharmonia Orchestra, der Dresdner Staatskapelle, dem NDR Symphonieorchester und dem Luzerner Sinfonieorchester. Der Künstler gastiert regelmäßig bei den Festivals in Schleswig-Holstein und Verbier. Zu seinen Kammermusik-Partnern zählen Emanuel Ax, Sarah Chang, Sol Gabetta, Leonidas Kavakos, Gidon Kremer, Julian Rachlin, Dmitry Sitkovetsky, Jean-Yves Thibaudet und Yuja Wang. Mit seinen Geschwistern Lauren und Sean gründete er 2009 das Kammerorchester Salomé, dessen Künstlerischer Leiter er ist. David Aaron Carpenter spielt auf einer Viola von Michele Deconet (Venedig 1766); in Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker gibt er heute sein Debüt.

Bernhard Hartog, geboren in Bielefeld, wurde nach seinem Studium an der Musikhochschule Hannover bei Werner Heutling und Andre Gertler zunächst Mitglied des Berliner Philharmonischen Orchesters, 1980 dann Erster Konzertmeister des Radio-Symphonie-Orchesters (heute: Deutschen Symphonie-Orchesters) Berlin. Seit vielen Jahren unterrichtet er außerdem an der Universität der Künste Berlin. Neben seiner Orchester- und Unterrichtstätigkeit engagiert sich Bernhard Hartog solistisch und als Mitglied verschiedener Kammermusikensembles wie dem Philharmonischen Streichsextett Berlin und dem Hartog-Quartett, mit dem er sämtliche Streichquartette Haydns und Schuberts zyklisch aufführte. Als Solist in Orchesterkonzerten spielte er unter der Leitung von Dirigenten wie Gerd Albrecht, Vladimir Ashkenazy, Riccardo Chailly, Ingo Metzmacher und Kent Nagano. Seit 1987 übernimmt Bernhard Hartog auch die Position des Konzertmeisters im Bayreuther Festspielorchester.

Stephan Koncz begann als Achtjähriger ein Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in seiner Heimatstadt Wien. Im Jahr 2000 wechselte er zu Róbert Nagy ans Wiener Konservatorium. Meisterkurse bei Steven Isserlis, Heinrich Schiff, Olaf Maninger, Tamás Varga und Daniel Barenboim sowie Kompositions- und Dirigierstudien vermittelten weitere entscheidende Impulse. 2006 wurde Stephan Koncz Stipendiat der Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker. Der Preisträger mehrerer renommierter Wettbewerbe ist als Solist und Kammermusiker beispielsweise in Wien im Musikverein und im Konzerthaus sowie in der Berliner Philharmonie aufgetreten; künstlerische Partnerschaften verbinden ihn unter anderem mit Julian Rachlin, Dmitry Sitkovetsky und Maxim Vengerov. Zu Beginn der Spielzeit 2010/2011 wurde Stephan Koncz in die Cellogruppe der Berliner Philharmoniker aufgenommen.

Walter Küssner erhielt seine Ausbildung bei Jürgen Kussmaul in Düsseldorf, Kim Kashkashian in New York und Michael Tree in St. Louis. In der Saison 1986/1987 war er Stipendiat der philharmonischen Orchester-Akademie. Der Preisträger mehrerer Wettbewerbe wurde 1987 Mitglied des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks in München. Zwei Jahre später wechselte er zu den Berliner Philharmonikern, bei denen er auch in zahlreichen Kammermusikformationen mitwirkt, z. B. bei den Berliner Barock Solisten, im Concerto Melante, im Philharmonischen Streichoktett und im Athenäum Quartett. Außerdem kümmert Walter Küssner sich archivarisch um die Geschichte des Orchesters. Als Gastprofessor für Viola unterrichtet er an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Berlin, 2005 wurde er auf eine Ehrenprofessur an der Musikhochschule in Schanghai berufen. Im Rahmen von Meisterkursen lehrt Walter Küssner in Europa, Asien, Süd- und Nordamerika.

Rüdiger Liebermann stammt aus einer Musikerfamilie; er begann als Fünfjähriger mit dem Klavierspiel und erhielt vom neunten Lebensjahr an Violinunterricht bei Jacob Weinsheimer. Er studierte an der Folkwang Hochschule Essen bei Adolphe Mandeau, an der Indiana University bei Josef Gingold sowie an der University of Southern California bei Jascha Heifetz. Bevor der Geiger 1980 bei den Berliner Philharmonikern in die Gruppe der Ersten Violinen aufgenommen wurde, war er Assistent von Saschko Gawriloff an der Hochschule der Künste (heute Universität der Künste) Berlin. Neben seiner Orchestertätigkeit tritt Rüdiger Liebermann sowohl solistisch als auch kammermusikalisch auf: Derzeit ist er im Philharmonischen Streichsextett Berlin und bei den Berliner Barock Solisten aktiv.

2013-02-06_01 Carpenter, David Aaron (Charles Quiles).jpg

Newsletter-Service Regelmäßig informiert über das aktuelle Programm und Highlights aus der Welt der Philharmoniker.

Alle Veranstaltungen in der Philharmonie finden Sie auch auf:

Berliner Bühnenzu berlin-buehnen.de