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Zukunft@BPhil Familienkonzert

Die 14 Berliner Fl�tisten

Kalus Wallendorf

2. Familienkonzert - Frohe Weihnachten

Werke von Friedrich II. von Preu�en, Leonard Bernstein, Wolfgang Gei�ler, Camille Saint-Sa�ns, Nikolai Rimsky-Korsakow, Modest Mussorgsky, Henri Mancini, Siegfried Matthus, Gregorias Dinicu und Antonio Vivaldi

Termine

Sa, 28. Nov. 2009 16 Uhr

16:00 | Philharmonie

Über die Musik

Zukunft@BPhil ist die von der Deutschen Bank ermöglichte Initiative der Berliner Philharmoniker mit dem Ziel, die Arbeit des Orchesters und seine Musik einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen.

Allerlei Wintermärchen

Mit den 14 Berliner Flötisten beginnt die philharmonische Weihnachtszeit

Erstarrt zittern bei schimmerndem Schnee.
Zum erbarmungslosen, schrecklichen Wind
ununterbrochen mit den Füßen stampfend laufen
und vor Übermaß an Kälte die Zähne aufeinanderschlagen.
Ruhige und zufriedene Tage am Kamin zubringen,
während draußen der Regen viele durchnässt.
Gehen über Eis und mit behutsamem Schritt
aus Furcht vorm Fallen bedächtig laufen.
Kräftig gehen, ausrutschen, zu Boden fallen.
Von neuem über das Eis laufen und kräftig gehen,
bis das Eis bricht und sich öffnet.
Bei verschlossenen Türen herauskommen hören
Schirokko, Boreas und alle streitenden Winde.
So ist der Winter. Doch – welche Freude bringt er.
(Übersetzung: Werner Braun)

Stellt man sich so den Winter vor? So hat ihn sich vor ungefähr 300 Jahren vielleicht »il prete rosso« vorgestellt. Der »rote Priester« lebte in einer Stadt, die im Wasser auf Pfählen steht, und in die Verliebte aus aller Welt fahren, um einander zu küssen. Richtig: Die Stadt heißt Venedig. Und obwohl sie sich im südlichen Europa befindet, fror die Lagune im Winter 1708/1709 wohl vollständig zu. Hat dieses Naturschauspiel »il prete rosso« womöglich dazu angeregt, seinen Winter aus den Vier Jahreszeiten zu komponieren? An dieser Stelle lüften wir das Geheimnis. »Il prete rosso«, den roten Priester, so nannte man Antonio Vivaldi.

Am 4. März 1678 kam er als das erste von neun Kindern in Venedig zur Welt. Der kleine Antonio musste notgetauft werden. Ob die »Lebensgefahr« von einer Krankheit ausging oder einem Erdbeben, das die Stadt heimsuchte, ist nicht ganz gewiss. Überliefert hingegen ist: Sein Vater war ein gefragter Geiger, der trotz seiner anerkannten Begabung mehrere Anstellungen gleichzeitig annehmen musste, um seine fußballmannschaftgroße Familie ernähren zu können. Vielleicht war das der Grund, warum er sich für seinen ältesten Sohn die gesicherte Priesterlaufbahn wünschte und Antonio im zarten Alter von 15 die Tonsur und gleich am Tag darauf die erste niedere Weihe erhielt. Zum Glück war das kirchliche Amt – zumindest zu jener Zeit – die beste Voraussetzung für eine Musikerkarriere. 1703 wurde Vivaldi zum »maestro di violino« am Ospedale della Pietà berufen.

Das Ospedale della Pietà war eine Art christliches Gast- und Waisenhaus, das sich um elternlose oder ausgesetzte Kinder kümmerte. Was auch dringend geboten war, denn zeitweise gab es in den insgesamt vier Ospedali in Venedig etwa 6000 Kinder! Gott sei Dank wurden wenigstens gute Musiker geholt, um die Kinder zu unterrichten. Einer der Lehrer war nun Antonio Vivaldi. Er trat mit seinen Schülerinnen nicht nur gemeinsam auf, sondern komponierte einen Großteil seiner schätzungsweise rund 500 Concerti eigens für das Ospedale della Pietà. Mit dieser Episode endete dann eigentlich auch seine Laufbahn als Priester. Nur sein Spitzname, der blieb: »il prete rosso«, der rote Priester, denn seine leuchtend rote Haarfarbe, die er vom Vater geerbt hatte, war wirklich sehr charakteristisch und auffallend. So wie sein Geigenspiel, für das er zeit seines Lebens gerühmt wurde.

Da verwundert es kaum, dass er für »sein« Instrument auch besonders gern komponierte. Das Sonett über den Winter, das zu Beginn zitiert wurde, stammt wahrscheinlich vom Komponisten selbst und gehört zu seinem Opus 8, zu den Le Quattro Stagioni, den Vier Jahreszeiten. Jedem der vier Konzerte in den Jahreszeiten sind Sonette zugeordnet, die dem weniger begabten Hörer Vivaldis Verständnis von den Jahreszeiten verdeutlichen sollten. Diese vier Werke gehören mit acht weiteren Violinkonzerten zur Sammlung Il cimento dell’armonia e dell’ inventione (zu Deutsch: Der Wettstreit zwischen Harmonie [der rationalen Seite des Komponierens] und Invention [der Erfindung]). Gewidmet hat Vivaldi seine Vier Jahreszeiten, die 1725 zum ersten Mal schriftlich erwähnt werden, aber schon länger als Manuskript kursierten, einem seiner langjährigen Auftraggeber, dem Grafen Morzin.

Aber nun zurück zum Winter, dem letzten, dreisätzigen Konzert aus den Vier Jahreszeiten. Der erste Satz, ein Allegro non molto, ist geprägt von gestoßenen, dunklen c-Moll-Akkord-Wiederholungen, die an die Kälte und an die Verse »Erstarrt zittern bei schimmerndem Schnee. / Zum erbarmungslosen, schrecklichen Wind« erinnern. Wohlig-warmen Klängen kann man im anschließenden Largo lauschen, als säße man an dem im Sonett erwähnten Kamin, während draußen vor dem Fenster die Regentropfen in Pizzicato- und Staccato-Manier trommeln. Im dritten Satz, der mit Allegro überschrieben ist, wird das knarrende, knarzende, ja berstende Eis musikalisch beschrieben. Eher bedrohlich, finster, kalt ist das klingende Gemälde.

Lasst uns noch ein wenig am Kamin verweilen, die Schneeflocken vor dem Fenster betrachten und warten. Warten auf musikalische Ereignisse, die uns die kurzen Tage und langen Nächte des Winters versüßen sollen. – Heute vielleicht mit zuckersüßen Flötenklängen? Mal hören, was unsere Gäste, die 14 Berliner Flötisten uns noch mitgebracht haben: Eine bunte Mischung ganz unterschiedlicher Werke aus alter und neuer Zeit und ursprünglich für verschiedenste Besetzungen, die fast alle für die fröhlichen Bläser bearbeitet wurden.

Wer schleicht denn da so verwegen und geschmeidig um die Ecke? Ein Panther. Rosarot! Hierzulande ist er auch bekannt als »Paulchen Panther«. Seine weltberühmte Erkennungsmelodie hat der amerikanische Komponist Henry Mancini (1924 – 1994) erdacht. Huch, und wer rennt denn da um die Ecke? Ist das nicht Speedy Gonzales, die schnellste Maus von Mexiko? Auch diese kleine, freche Trickfilmfigur hat Mancini musikalisch untermalt. Denn er war nicht nur ein ausgesprochener Trickfilmliebhaber, sondern auch ein leidenschaftlicher Filmkomponist. Vier Oskars gewann er für Songs und Filmmusiken aus seiner Feder (insgesamt zwölfmal war er für diese Trophäe nominiert) und dazu noch 20 Grammys. Mehr Preise und Auszeichnungen zu erhalten ist kaum vorstellbar.

Aber was surrt uns denn da so lästig um die Köpfe? Diese Fliegen – unangenehm! Aber nein, das ist ja eine Hummel! Hummelchen, wie hast du dich denn mitten im Winter hierhin verirrt? Ach so! Du bist die Hummel, deren Hummelflug in Nikolai Rimsky-Korsakows Oper Das Märchen vom Zaren Saltan erklingt. In dieser Oper hat sich nämlich der Prinz Gwidon in eine Hummel verzaubern lassen, um zu seinem Vater fliegen zu können. Dieser hatte zwar ihn und seine Mutter Militrissa in ein Fass sperren und ins Meer werfen lassen. Aber das nur, weil er von den bösen Schwestern seiner Gattin getäuscht worden war und sie ihm, der im Krieg weilte, die Nachricht überbrachten, seine Frau habe keinen Sohn, sondern einen Wechselbalg (das ist ein von bösen Geistern untergeschobenes Kind) zur Welt gebracht. Doch das Meer hatte ein Einsehen mit Mutter und Sohn und spülte die Tonne auf eine öde Insel. Hier tötet nun das schnell heranwachsende Zarenkind den bösen Zauberer, der in Gestalt eines Riesengeiers nach dem Leben eines Schwanes trachtet. Zum Dank lässt der Schwan über Nacht auf dem Ödland eine prächtige Stadt entstehen und Gwidon wird Herrscher dieses neuen Reichs, in dem die Eichhörnchen Nüsse knacken, deren Schalen aus purem Gold und deren Kerne Smaragde sind. Als nun sein Vater, der Zar Saltan, von diesem Reich erfährt und natürlich gleich dorthin reisen möchte, ist Gwidon in Gestalt einer Hummel bei ihm. Die bösen Schwestern von Gwidons Mutter wollen die Reise des Zaren vereiteln, aber da werden sie von der kleinen Hummel gestochen und zum Schweigen gebracht. Recht so. Und es wäre kein Märchen, wenn nicht am Ende der Zar seine Gattin Militrissa und seinen Sohn Gwidon in die Arme schließen würde. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute ...

Hört ihr noch das Summen der Hummel in der Musik? Dieses leicht Gereizte daran? Gleich kommt der erste Stich. – Gott sei Dank! Weggeflogen! – Denn zum Glück können Hummeln nur in der Musik und im Märchen stechen. Und im Konzertsaal? Eher nicht. Oder doch? Welche Aufregung. Da ist mir das Blättern im Ausstellungskatalog von Victor Hartmann doch lieber. Ruhiger. Und was für schöne Bilder!

Der Russe Viktor Hartmann war Architekt und Maler und eng befreundet mit dem russischen Komponisten Modest Mussorgsky. Beide schätzten sich sehr und diskutierten leidenschaftlich gerne – über die Kunst, über das Leben und vieles mehr. In einem Brief Mussorgskys heißt es einmal: »Wenn ich mich nicht mehr in jede erreichbare Diskussion stürze, sei sie auch nur von kleinstem Interesse, dann gibt es keinen Mussorgsky mehr.« Als Hartmann dann vollkommen unerwartet mit nur 39 Jahren verstarb, blieben sein Freundeskreis und besonders Mussorgsky fassungslos und traurig zurück. Zum Andenken und vielleicht zum eigenen Trost, organisierten die Freunde postum eine Ausstellung mit seinen Werken, die im Februar 1874 in St. Petersburg eröffnet wurde und um die 400 Exponate präsentierte. Darunter befanden sich Reiseskizzen, Ölgemälde, Aquarelle, Architekur- und Kostümentwürfe, sowie Entwürfe für Haushaltsgegenstände. Mussorgskys Suite Bilder einer Ausstellung bezieht sich auf einzelne Arbeiten Hartmanns aus dieser Ausstellung, aber auch auf Kunstwerke, die nicht im Katalog verzeichnet sind. In der Musik, die Mussorgsky zu seinen Eindrücken schreibt, versucht er, wie sein Freund Hartmann in seinen Bildern auch, auszudrücken, wie er sein Leben, seine Wirklichkeit empfindet.

In der Promenade porträtiert Mussorgsky sich selbst, wie er schweren Schrittes durch die Ausstellung geht, wohl in Gedanken an seinen Freund. »Mein geistiges Abbild erscheint in den Zwischenspielen. Bis jetzt halte ich es für gelungen«, lässt der Komponist verlauten. Es ist in der Promenade vor allem die von Quarten durchsetzte Melodie des Themas, die charakteristische Merkmale des russischen Volksliedes aufnimmt (ohne ein bestimmtes zu zitieren) und in variierter Form während des ganzen Werks präsent bleibt. Ein anderes musikalisiertes Bild heißt Tuileries: Hartmanns Gemälde zeigt die berühmte Pariser Parkanlage. Die streitenden Kinder, die Mussorgsky in seiner Musik beschreibt, entspringen allein der Fantasie des Komponisten. Er interessierte sich vor allem für das bewegende Element (nämlich die streitenden Kinder): hier erklingen verspielte Sechzehntel, da schallt ein bockiges Akkordmotiv (H-Dur/gis-Moll mit hinzugefügter Sexte). Hört nur, wie sie sich gegenseitig foppen und triezen. Auf einer Kostümskizze, die Hartmann für eine Szene in dem Ballett Trilbi angefertigt hatte, sieht man ein Kind mit Kükenmaske auf dem Kopf. Ein Ei-Kostüm umschließt den Körper, nur Arme und Bein gucken heraus. Daneben gibt es noch Seitenansichten von dem verkleideten Kind und der Kopfmaske. Wie in einer Anleitung ist alles ganz detailliert dargestellt, selbst kleine Armflügelchen fehlen nicht. Bei Mussorgsky wird daraus ein kleines Scherzo mit Trio, das Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen, das uns in ein wunderliches Fantasieland versetzt. Im federleichten Staccato-Akkordmotiv spiegeln sich die hüpfenden Bewegungen der Küchlein.

Aber, aber, was hüpft dann da mit seinem Beutel aus dem Kamin heraus? Wer trompetet denn hier von der Veranda herab? Und was kriecht denn da gepanzertes neben dem Sessel? Überhaupt, dieses Gegacker und Gekrähe! Fehlt nur noch ein gelegtes Ei! Wenn bloß die Vögel nicht so laut tschilpen und zwitschern würden! Am liebsten abtauchen ins Aquarium. Dort ist es sicherlich blubberblasenstill. Woher nur dieses tierische Gewusel und Getöne plötzlich kommt?

Ganz einfach: aus Camille Saint-Saëns’ Karneval der Tiere. Wie aber entsteht wohl so eine gewitzte Komposition? Die Schüler des französischen Komponisten wussten zu berichten, dass die Idee zu dieser »Großen zoologischen Fantasie« bei seiner Lehrtätigkeit entstand. Camille Saint-Saëns (1835 – 1921) verstand es nämlich, den teilweise trockenen Unterrichtsstoff mit seinen humoristischen Improvisationen und klugen musikalischen Parodien aufzulockern. Und trotzdem schrieb er die erdachten Noten nicht gleich nieder. Erst 20 Jahre später, nämlich 1886 – nach einer verunglückten Konzert-Tournee mit seinem wunderschönen Vierten Klavierkonzert – zog sich der Komponist im Februar in ein kleines österreichisches Dorf zurück und verfasste innerhalb von wenigen Tagen den kompletten Karneval. Die Uraufführung des aus 14 Stücken bestehenden Zyklus fand dann am Faschingsdienstag 1886 statt. Trotz des großen Erfolges erließ der Komponist ein Aufführungsverbot, auch für den halbprivaten Gebrauch. Nur der Schwan aus dem Zyklus bildete eine Ausnahme. Denn die berühmte Primaballerina Anna Pawlowa tanzte auf diese Musik ihren »sterbenden Schwan«, der seit der damals umjubelten Premiere nicht mehr aus dem Bühnenrepertoire wegzudenken ist. Dass Saint-Saëns sein Werk nicht aufgeführt wissen wollte, lag sicherlich an der nachvollziehbaren Befürchtung, dass diese verspielte Unterhaltung seine ernsten Kompositionen in den Schatten stellen würde. Erst nach seinem Tod, so lautete seine Verfügung, sei die Verbreitung gestattet. Fast könnte man aus heutiger Sicht meinen, der Komponist hatte recht mit seinen Befürchtungen. Alle Welt kennt den Karneval. Aber seine anderen Werke? Dabei täte man auch dieser Komposition unrecht, wenn man sie nur als unterhaltend und oberflächlich abtun würde. Denn gerade die Zitate aus Werken anderer Komponisten oder Anspielungen auf verschiedene Stile und Epochen machen dieses Werk doppelbödig und reizvoll.

Nach so vielen Eindrücken musikalischer, bildnerischer und tierischer Art würde man doch am liebsten die Beine hochlegen und ein wenig dösen und träumen. Höchstens noch eine Katze wäre erlaubt, die sich schnurrend im Schoß zusammenrollt und kraulen lässt.

Doch wer komponierte noch mal die Musik für die rosarote Mieze?

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Und wer tanzte der »sterbenden Schwan«?

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Wie nennt man das Gedicht, das dem Winter von Vivaldi zugrunde liegt?

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Und wie hieß der Maler- und Architektenfreund von Modest Mussorgsky?

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Wisst ihr, was ich Euch nämlich verschwiegen habe? Erinnert ihr euch an Gwidon, den Sohn vom Zaren Saltan? Er wird natürlich am Ende des Märchens heiraten, nämlich eine Prinzessin »deren Schönheit tags das Licht verdunkelt, nächtens wie die Sonne funkelt«. Und wisst ihr, wer dieses Mädchen ist?

Wenn ihr die gesuchten Wörter gefunden habt und die umrandeten Buchstaben zusammenfügt, dann erfahrt ihr es.

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(Auflösung siehe Impressum)

Christine Mellich

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