Berliner Philharmoniker

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Zukunft@BPhil Familienkonzert

Berliner Barock Solisten

Klaus Wallendorf

3. Familienkonzert - Barocker Art

Georg Philipp Telemann

Ouvertüre G-Dur »Burlesque de Quixotte« TWV 55:G10

Termine und Tickets

Sa, 23. Jan. 2010 16 Uhr

Philharmonie

Über die Musik

Zukunft@BPhil ist die von der Deutschen Bank ermöglichte Initiative der Berliner Philharmoniker mit dem Ziel, die Arbeit des Orchesters und seine Musik einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen.

Von Rittern, Windmühlen, einem einhändigen Dichter und Georg Philipp Telemann

Ouvertüre mit Kettenhemd

Habt ihr schon einmal etwas von Zinnen, Pechnasen, Rammböcken und Kemenaten gehört? Nein? So manches Kind, vor allem die kleinen Jungs, kennen sich da bestens aus, sind selbst oft mit Schwert und Bogen bewaffnet und tragen mit Vorliebe einen Helm mit heruntergeklapptem Visier auf dem Kopf; sehr gefährlich, sehr bedrohlich. Wie muss dieses Ritterleben doch spannend und aufregend sein. Das weibliche Umfeld amüsiert sich, oder es hätte nur allzu gerne genauere Informationen zu diesem Ritterdasein, um mitreden oder sogar mitspielen zu können. Denn nur Burgfräulein und schön sein, das ist auf die Dauer doch auch langweilig.

Das Interesse für das Leben der Ritter sowie für ihre heldenhaften und weniger heldenhaften Taten war schon immer und ist noch heute groß. Auch der Dichter Miguel de Cervantes interessierte sich vor über 400 Jahren für die tapferen Männer in ihren Rüstungen; vor allem die Romane, die über sie geschrieben wurden, hatten es ihm angetan. Und so entstand sein »Ritterroman« über Don Quichotte, den Ritter von der traurigen Gestalt. Cervantes verfasste ihn nicht ohne Augenzwinkern. Aus seiner Schreibfeder – Computer, geschweige denn Steckdosen gab es damals noch nicht – floss so mancher spöttische Satz über die Gattung der Ritterromane und das ritterliche Heldentum aufs Papier.

Von sehr merkwürdigen Begebenheiten, die dem edlen Don Quichotte widerfuhren

Es lebte einmal, vor mehreren 100 Jahren, in der Mancha, einer der staubigsten Gegenden Spaniens, ein Junker mit Namen Quijano oder so ähnlich. Er war wohl so um die 50 Jahre alt, hoch gewachsen, von hagerer Gestalt mit einem ausgemergelten Gesicht. Die größte Zeit des Tages verbrachte er damit, Ritterbücher zu lesen, und zwar mit einem solchen Vergnügen, dass er vergaß, sich um die Verwaltung seines Hab und Guts zu kümmern. »Wissbegier und Leidenschaft gingen bei ihm darin so weit, dass er manchen schönen Acker veräußerte, um Ritterbücher zu kaufen [...].« Er las und las, bis er fast nur noch zwischen den Buchdeckeln lebte und irgendwann sogar selbst Ritter werden und aufregende Abenteuer erleben wollte. Er fand aus Urgroßvaters Zeit eine verrostete Rüstung. Da dem Helm das Visier fehlte, bastelte er mit Draht und Pappe ein neues. Sein klappriger Gaul wurde zum Ritterross ernannt und erhielt den wohlklingenden Namen Rosinante. Sich selbst gab der Edelmann den Namen Don Quichotte de la Mancha. Sein Nachbar, der bauernschlaue Sancho Pansa, sollte sein Knappe sein; natürlich nicht ohne die Aussicht, nach einem heldenhaft überstandenen Abenteuer Graf oder Herzog zu werden. Und was fehlte jetzt noch? Genau, die Liebe. Denn »ein fahrender Ritter ohne Liebe war ja nur ein Baum ohne Blätter«. Don Quichotte erinnerte sich an ein hübsches Bauernmädchen aus einem nahen Dorf. Ihr lieh er den entzückenden Namen Dulcinea del Toboso und bestimmte sie zur Frau seiner Träume.

Schon am nächsten Tag brachen sie auf: Don Quichotte saß in voller Rüstung und dünn wie ein Nagel auf seinem knochigen Pferd, sein kugelrunder Knappe Sancho Pansa ritt auf einem Esel. Kein Abenteuer weit und breit. Bis sie in der Ferne eine große Gruppe Windmühlen erspähten. Sogleich rief Don Quichotte aus: »Dort zeigen sich 30 oder mehr ungeschlachte Riesen, mit denen ich ein Treffen zu halten und ihnen sämtlich das Leben zu nehmen gedenke.« Sancho Pansa wollte ihn zurückhalten und versuchte ihn davon überzeugen, dass es sich um Windmühlen handelte und nicht etwa um Riesen. Aber ein Ritter lässt sich nicht aufhalten. Er gab seinem Pferd die Sporen, galoppierte auf die sich drehenden Riesen zu und versetzte dem ersten einen tüchtigen Stoß mit der Lanze. Doch die Kraft des Windes riss seine Lanze empor, der Reiter fiel vom Ross, das Ross ging zu Boden. Sancho Pansa eilte zu seinem Herrn: »Habe ich Euer Gnaden nicht gesagt, Ihr solltet Acht geben, was Ihr tut, und es seien nur Windmühlen?« Aber das wollte Don Quichotte nicht hören. Windmühlen, pah, was wusste so ein Knappe schon: vom Zauberer verwandelte Riesen waren das – und nichts anderes!

So setzten sie ihre Reise fort. Eines Abends kamen sie zu einer Herberge, die jedoch in den Augen Don Quichottes einer Burg wie aus einer seiner Rittergeschichten glich. Der Wirt tischte ihnen einfaches Essen auf, aber Don Quichotte schmeckte es königlich. Ritterlich erwies er zwei frechen Frauenzimmern die Ehre, doch sie lachten ihn nur aus. In der Frühe dankte Don Quichotte dem Wirt, den er nach wie vor für einen Burgherren hielt, mit Komplimenten und Schmeicheleien. Aber der Wirt wollte natürlich keine schönen Worte hören, sondern Geld sehen. Da sprach Don Quichotte: »Ihr seid ein Tölpel und ein elender Kneipenwirt«, und gab seinem Pferd die Sporen. Armer Sancho Pansa, er musste nun für seinen Herren herhalten, wurde auf eine große Decke geworfen und durch die Luft geschleudert – nicht nur einmal. Als der Wirt und seine Helfer endlich erschöpft waren, ließen sie den Knappen ziehen. Und auch diesmal glaubte Don Quichotte an Zauberei und nicht daran, dass die geprellte Zeche den Zorn des Wirtes entfacht hatte.

Schon wartete das nächste Abenteuer: Zwei große, dichte Staubwolken waren am Horizont zu sehen. Kaum hatte Don Quichotte sie bemerkt, träumte er davon, das kaiserfeindliche Heer zu besiegen. Sancho Pansa allerdings hörte nur Schafe blöken. Und tatsächlich: eine Gruppe Hirten mit ihrer Schafherde näherte sich. Gleichwohl, Don Quichotte gab Rosinante die Sporen, denn er sah in den Schafen feindliche Soldaten, die es zu bekämpfen galt. Die Hirten, die kaum wussten, wie ihnen geschah, verteidigten ihr Vieh und bewarfen den Ritter mit Steinen, bis er getroffen und verletzt zu Boden stürzte. Die Hirten aber zogen mit ihrer Herde weiter. Armer Ritter. Armer Ritter von der traurigen Gestalt.

Noch viele weitere Abenteuer folgten: ein Kampf mit Weinschläuchen oder die Befreiung der Galeerensträflinge, vor denen Don Quichotte dann aber mit seinem Knappen in das Gebirge namens Sierra Morena fliehen musste. Wie böse doch die Welt ist ... Doch der hagere Ritter ließ sich von keinem noch so aussichtlosen Kampf dazu bringen, die Wirklichkeit genauer zu betrachten und von den schmerzhaften Begegnungen zu lernen. Nein, seine Fantasie war für ihn die volle Wahrheit: »Yo pienso y es así« (»Ich denke so, und so ist es«), sagte er. Denn er glaubte fest an das goldene Zeitalter der Ritter, das den Menschen einst Glück und Frieden gebracht hatte. Und deswegen war sein Wille, diese glorreichen Zeiten wieder zu beleben, unbeugsam. Koste es, was es wolle.

Vom abenteuerlichen Leben des Miguel de Cervantes

Ihr seht, Rittergeschichten haben ihr Gutes. Sie stärken die Fantasie, lassen uns Abenteuer erleben, wo eigentlich längst keine mehr zu finden sind. Und sie beschwören das Glück. Auch der Dichter Miguel de Cervantes, der von 1547 bis 1616 in Spanien lebte und den tollkühnen Ritter und seinen Knappen Sancho Pansa erfunden hat, war zeitlebens auf der Suche nach dem Glück – aber wer ist das eigentlich nicht? Sein Leben ist mindestens genauso spannend wie das des Don Quichotte oder etlicher anderer Ritter, doch nicht halb so traumverloren.

Miguel de Cervantes Saavedra wurde als viertes von sieben Kindern in eine adelige, aber verarmte Familie hineingeboren, der Vater war ein mittelloser Arzt. Seine Kindheit verbrachte Miguel in verschiedenen spanischen Städten. Dass er eine Ausbildung genossen hätte, ist nicht überliefert. Mit 22 Jahren ging er mit dem Kardinal Acquaviva nach Italien. Ein Jahr darauf schloss er sich der spanischen Seeflotte an, die in Neapel stationiert war. Bei einer Schlacht gegen die Türken wurde seine linke Hand so schwer verletzt, dass sie abgenommen werden musste. Trotz dieses herben Verlustes muss er Gefallen an der Kriegerei gefunden haben, denn er blieb weiterhin in spanischen Diensten, bis er 1575 von algerischen Piraten gefangengenommen und als Sklave nach Algierverschleppt wurde. Fünf Jahre später kaufte ein christlicher Orden Miguel de Cervantes dann endlich frei und er konnte in sein Heimatland zurückkehren. Unterbrochen von weiteren Soldatendiensten, begann er Geschichten zu schreiben, heiratete ein junges Mädchen mit dem wohlklingenden Namen Catalina und führte ein bürgerliches Leben als Proviantkommissar und Steuereintreiber. Doch die Liebe hielt nicht, und auch die Arbeit lag ihm nicht besonders, und er musste sogar zweimal wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis. In dieser ausweglosen Phase seines Lebens – zwischen 1602 und 1604 – fing er an, den ersten Teil seines bekanntesten Werks El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha zu schreiben. 1605 konnte er seinen Roman dank der Unterstützung eines Grafen drucken lassen. Trotz des Erfolges und obwohl noch ein zweiter Teil entstand, lebte er in ärmlichen Verhältnissen in Madrid, wo er im Jahr 1616 starb.

Mit seiner Geschichte von Don Quichotte schuf Cervantes ein unsterbliches Meisterwerk der Weltliteratur; er gilt bis heute als einer der begnadetsten Erzähler. Ihr seht, ein Ritterroman kann sogar höchste Ansprüche übertreffen.

Über Georg Philipp Telemann und den verpassten Beruf des Murmeltierführers

Kein Wunder also, dass dieses Werk bald in verschiedene Sprachen übersetzt und auch im deutschsprachigen Raum gelesen und bejubelt wurde. Zu den Verehrern zählte sich auch der Komponist Georg Philipp Telemann, der zu seiner Zeit – er lebte von 1681 bis 1767 – bekannter und angesehener war als Johann Sebastian Bach oder Georg Friedrich Händel. Folgerichtig war Telemann eigentlich auch für die Stelle des Kantors an der Thomaskirche in Leipzig vorgesehen. Erst nach seiner Absage erhielt Bach diese Stelle. Ohnehin sollte Telemann gar kein Komponist werden. Denn als er, gerade mal zwölf Jahre alt, eine Oper komponierte, kamen »die Musik-Feinde in Scharen zu meiner Mutter und stellten ihr vor: ich würde ein Gaukler, Seiltänzer, Spielmann, Murmeltierführer etc. werden, wenn mir die Musik nicht entzogen werden würde. Gesagt, getan! Mir wurden die Noten, Instrumente und mit ihnen das halbe Leben genommen.« Das war ein harter Schlag, doch seine Liebe zur Musik ließ der junge Tonsetzer sich nicht nehmen. Zwar begann er ein Jurastudium in Leipzig, aber die Bekanntschaft mit Händel, den er zuvor in Halle getroffen hatte, und vor allem seine Kantaten und dramatischen Werke, die er für die 1693 eröffnete Leipziger Oper verfasste, machten ihn bald schon so bekannt, dass er seinen Lebensunterhalt als Komponist bestreiten konnte. Anschließend wurde Telemann Organist und Kapellmeister an verschiedenen Fürstenhöfen. 1721 ging er dann als Kantor und Direktor für Kirchenmusik nach Hamburg und gründete die erste deutsche Musikzeitschrift Der getreue Music-Meister. Georg Philipp Telemann war ein »Vielschreiber«; sein musikalisches Lebenswerk hat einen fast unüberschaubaren Umfang, darunter finden sich natürlich auch einige Gelegenheitskompositionen. Für Hamburg schrieb er 25 Opern, Kantaten, Messen, Passionsmusiken und Oratorien. Ungefähre Schätzungen gehen davon aus, dass Telemann sage und schreibe rund 1000 Orchestersuiten komponierte, von denen jedoch nur 118 vollständig erhalten sind. Darin orientierte er sich am Vorbild französischer Opern- und Ballettsuiten. Von seinen zeitlebens verehrten Vorbildern Jean-Baptiste Lully und André Campra erhielt er viele wichtige Anregungen, um zu der typischen Eleganz und Formenvielfalt in Stil und Besetzung seiner Orchestersuiten zu gelangen. Der Musiktheoretiker und Hofkapellmeister Johann Adolf Scheibe behauptete gar, dass gerade diese Gattung Telemann »in Deutschland am meisten bekannt gemacht hat, und er sich darinnen so hervorgetan hat, dass man, ohne der Schmeichelei beschuldigt zu werden, mit Recht von ihm sagen kann: er habe als ein Nachahmer der Franzosen endlich diese, Ausländer selbst, in ihrer eigenen Nationalmusik übertroffen.«

Zahlreiche Orchestersuiten Telemanns tragen programmatische Überschriften und wurden zum Beispiel von Figuren aus der Literatur, der antiken Mythologie, von Tierstimmen oder auch gesellschaftlichen Anlässen, wie einem Börsenskandal (La Bourse), angeregt. Dabei kam dem erprobten Opern- und Kantatenkomponisten seine tonmalerische und instrumentatorische Könnerschaft zugute. Ein gelungenes Werk der Gattung ist die Orchestersuite in G-Dur Burlesque de Quixotte, in der Telemann bestimmte Szenen aus dem tragikomischen Ritterroman von Miguel de Cervantes beschreibt. Bestimmt könnt ihr beim Hören der Musik ganz genau erkennen, welche Abenteuer Don Quichotte und Sancho Pansa gerade erleben. Vielleicht könnt ihr auch herausfinden, wie man musikalisch das Galoppieren eines Esels von einem Pferd unterscheidet.

Christine Mellich

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