Berliner Philharmoniker

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Kammermusik

Kardeş Türküler:

Feryal Akkaya Gesang

Fehmiye Çelik Gesang

Feryal Öney Gesang

Selda Öztürk Yıldırım Gesang, Perkussion, Vocals und Percussion

Vedat Yıldırım Gesang und Perkusssion

Burcu Yancın Perkussion

Ülcer Uncü Soy Akkordeon

Neriman Güneş Akalin Violine

Volkan Kaplan Bağlama, Bouzouki und Lavta

Ayhan Akkaya Bass-Gitarre

Emrah Oğuztürk Zurna und Kaval

Arto Tunçboyacıyan Gesang und Perkussion

Teil 4: Die Lieder der Brüder: Türken, Kurden, Armenier

Termine

Mo, 01. Mär. 2010 20 Uhr

Kammermusiksaal

Über die Musik

Die Lieder der Brüder

Musikalische Vielfalt in Ostanatolien

In keinem Teil Anatoliens ist die Kultur so vielfältig und unüberschaubar wie im Osten und Südosten. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Ethnien, Sprachen, Religionen und regionalen Identitäten. Im Osmanischen Reich waren religiöse und nicht ethnische Unterschiede entscheidend gewesen, verliefen also zwischen Muslimen (Kurden, Türken, Arabern) auf der einen und Armeniern, Assyrern, Juden oder Êzîdi auf der anderen Seite. Zusätzliche soziale Grenzen bestanden zwischen osmanisch-städtischer und anatolisch-ländlicher Bevölkerung. Klare geografische Grenzziehungen zwischen den diversen Gruppen lassen sich nicht erkennen, vielmehr überlagern sich in Südostanatolien traditionelle Siedlungsgebiete von Kurden, Türken, Assyrern, Armeniern, Arabern, Sunniten und Aleviten. Selbstverständlich leben auch hier, etwa in den Ebenen von Mu?, Elazi? oder Van, anatolische Türken: meist einfache Menschen dörflicher Herkunft. Und selbst das gibt es: im irakischen Kirkuk werden ebenfalls türkisch-sprachige Hoyrat-Lieder gesungen – die sich von südostanatolischen kaum unterscheiden. Außerdem kamen Türken aus dem Westen in die Städte, um dort zu arbeiten. Unter ihnen waren auch Lehrer, die oft voller Idealismus versuchten, den Bildungstand der Bevölkerung zu heben, und längst nicht immer merkten, dass sie damit gleichzeitig auch eine Türkisierung von Minderheiten betrieben. Und es kam das türkische Militär.

Während die Türkische Republik und mit ihr der Aufbau einer modernen, europäisch ausgerichteten Demokratie in West-, Zentral- und Nordanatolien alles in allem ein erfolgreiches Projekt war, führte der gleiche Prozess im Osten und Südosten des Landes zu Gewalt und politischer Instabilität. Hier, wo die kulturelle und ethnische Vielfalt am größten war, wirkten die seit dem frühen 20. Jahrhundert aufkommenden nationalistischen Bewegungen von Armeniern, Türken und Kurden verheerend. Hinzu kommt: Es war und ist die Region mit der landesweit schwächsten Wirtschaft, der schlechtesten Infrastruktur und dem niedrigsten Bildungsniveau. Bis heute ist im Osten der Einfluss von Stämmen (a?iret) und kleineren Verwandtschaftsgruppen immens, ebenso der von Familien und deren – männlichen – Oberhäuptern. Auch Ehrenmorde und Zwangsheirat geschehen vor allem hier.

Auf der West-Ost-Achse beginnt der Südosten Anatoliens etwa ab der Mitte, bei Antakya, dem kleinen südlichen Zipfel der Türkei, der nach Syrien hineinragt und in dem auch heute viele Araber leben; im Osten reicht er bis an die Grenze zum Iran und Armenien. Auch in Nordsüdrichtung liegt die Übergangsregion etwa auf der Mitte, nach Osten hin steigt sie leicht nördlich an.

Am südlichen Rand Ostanatoliens lagen einst die ersten christlichen Städte und Staaten, so Antiochien (das heutige Antakya) oder Edessa (heute Urfa). Im Jahr 301 wurde das Christentum in Armenien Staatsreligion, 327 auch in Georgien. Das heute noch existierende Kloster Mor Gabriel bei Midyat in der Provinz Mardin stammt aus dem 4. Jahrhundert. Bis zum Ersten Weltkrieg lebten denn auch in ganz Ostanatolien bedeutende christliche Minderheiten, in der Südosttürkei syrisch-orthodoxe und arabische Christen, weiter nördlich Armenier, im Nordosten Georgier, in den Städten auch Griechen. Syrisch-orthodoxe (oder syriakische) und assyrische Christen (beide Begriffe haben mit dem modernen Staat Syrien keine unmittelbare Verbindung) leben heute vor allem im Kalksteingebirge des Tur Abdin, Provinz Mardin, unweit der türkisch-syrischen Grenze. Ihre Herkunft leiten sie direkt vom Urchristentum her, bis heute sprechen ihre Gläubigen aramäisch, die Sprache Jesu Christi. Im Laufe der Zeit haben sich diverse Konfessionen gebildet: chaldäische, nestorianische, protestantische und katholische. In osmanischer Zeit schmolz die syrisch-orthodoxe Kirche unter dem Druck des Islam zu einer kleinen Glaubensgemeinschaft zusammen. Ihr religiöses Zentrum liegt heute in Damaskus. In der Türkei leben heute nur noch wenige Tausend – in Deutschland hingegen schätzungsweise 80.000 Gläubige. Erst vor wenigen Jahren machte eine aufwendige CD des Istanbuler Kalan-Labels ihre reiche Musiktradition in der Türkei bekannt: die liturgische Musik, deren melodische Modi osmanischer Hofmusik auffällig ähneln, und ebenso die Volksmusik, die, bei all ihrem eigenen Klang, doch auch von arabischer und kurdischer Musik beeinflusst zu sein scheint. Im Gottesdient waren Instrumente bis in jüngste Zeit nicht erlaubt, neuerdings werden aber offenbar Orgel oder Klavier verwendet, gesungen wird in Chören und solistisch.

Zwischen Antakya und Mardin liegt die Provinz Gaziantep, musikalisch etwa durch die virtuosen, halb improvisierten Barak-Gesänge bekannt, benannt nach einem Turkmenen-Stamm. Ein Stück weiter östlich folgt die Stadt Urfa, mit ihren berühmten »S?ra-Nächten«, dem Beisammensitzen mit Musik. Begleitet von Instrumenten wie der Kurzhalslaute Ud, dem Banjo-ähnlichen Cümbüs, Ba?lama, Violine, Kanun (Zither), Trommeln und Flöten (Kaval oder Ney) singen Solisten nacheinander einfache Lieder, aber auch religiöse Hymnen oder überaus anspruchsvolle, rhythmisch freie Hoyrat und Gazel-Gesänge, die sich stilistisch zwischen Volks- und Kunstmusik bewegen. Bis in die 1970er-Jahre waren Sänger wie Kel Hamza (1904 – 1939), Tenekeci Mahmut Güzelgöz (1919 – 1988) oder Kazanc? Bedih (1929 – 2004) mit ihren Urfa-Liedern berühmt. In den 1980er- und 90er-Jahren popularisierte der aus Urfa stammende kurdische Arabesk-Star Ibrahim Tatlises die Form im türkischen Fernsehen. Ähnliche Instrumental-Ensembles finden sich übrigens auch in anderen Städten Südostanatoliens, und ebenso Musik zwischen osmanischer Kunst- und anatolischer Volksmusiktradition, so in Elazi?, dem modernen Nachbarn des alten Harput, oder in der heutigen Millionenstadt Diyarbak?r. Auch armenische und assyrische Ensembles sind ähnlich zusammengesetzt. Von der Langhalslaute Ba?lama dagegen, die weiter im Westen überall die Volksmusik Anatoliens so sehr kennzeichnet, ist im Südosten Anatoliens wenig zu sehen. Typisch für den Osten ist eher die Mey, die dunkel klingende Kurzoboe. In Aserbeidschan heißt sie Balaban, bei Armeniern und Kurden Düdük. Ihr international – und auch in der Türkei – bekanntester Musiker ist der Armenier Djivan Gasparyan. Ansonsten wird im Osten vor allem gesungen oder rezitiert, meist überhaupt ohne jede Instrumentalbegleitung.

Weiter nördlich (im Westen bis weit nach Zentralanatolien reichend) lebten bis zum ersten Weltkrieg Armenier, ihr Anteil schwankte regional zwischen 10 Prozent (in Diyarbak?r) und 27 Prozent (in Bitlis). Während Armenier in westanatolischen Städten oft zu kulturellem und wirtschaftlichem Einfluss gelangten, und früh enge Verbindungen mit Westeuropa aufbauten, teilten ihre anatolischen Landsleute die harten Lebensbedingungen von Kurden und Türken. Die armenische Kirchenmusik mit ihren schweren, meist mit tiefem Bordun-Bass unterlegten, melismatischen Gesängen, bildet eine eigene Tradition mit eigener Notenschrift. Die städtischen Sazandar-Ensembles verwenden die Langhalslaute Tar mit ihrem markanten Doppelkorpus, die gestrichene Fiedel Kamancha und die Rahmentrommel Dap. Diese Besetzung ähnelt bereits persischer Kunstmusik.

Äußerst emotional besetzt auf allen Seiten ist die Diskussion um die grausamen Massenmorde an anatolischen Armeniern und syrischen Christen 1915/16. Zahlreiche internationale Historiker (und Politiker) beschreiben sie nachdrücklich als geplanten Völkermord, andere, vor allem türkische Historiker (und Politiker), lehnen diesen Begriff ebenso vehement ab und sprechen von einer Tragödie aus gegenseitigem Terror, einzelnen Übergriffen und Hungerkatastrophen im Schatten des Ersten Weltkriegs. Armenische Nationalisten hätten sich mit der feindlichen russischen Armee verbündet, wodurch Deportationen notwendig gewesen seien. Diese freilich waren zweifellos Todesmärsche, und selbst die Überlebenden wurden in einer zweiten Phase 1916 in Massen ermordet. Am 15. März 1921 erschoss der Armenier Soghomon Tehlirian in der Berliner Hardenbergstraße einen der führenden Drahtzieher der Massenmorde, Talat Pascha. Es sind weniger gesicherte Dokumente erhalten als etwa zum Holocaust, wohl aber zahlreiche Zeugenberichte unerträglicher Gewalttaten. Gut belegt ist die schweigende Mitwisserschaft deutscher Stellen, sowie die Versuche einzelner Menschen, zu helfen. Die Zahl der Opfer ist umstritten, Schätzungen reichen bis zu 2 Millionen, türkische Nationalisten gehen von etwa 300.000 Toten aus (zudem seien die Opferzahlen auf türkischer Seite vergleichbar hoch). Heute existieren nur noch sehr wenige armenische Dörfer in Ostanatolien, die meisten wurden von ihren ehemaligen Nachbarn übernommen. Die Überlebenden gingen nach Istanbul.

In der Türkei wird die Diskussion vor allem als außenpolitischer Kampf gegen die armenische Diaspora wahrgenommen, zudem wird befürchtet, ein Schuldeingeständnis könne Territorialforderungen nach sich ziehen. Der verbissene Kampf um den Begriff Völkermord verhindert dabei die überfällige Trauer und Verarbeitung des bis heute überall in der Türkei nachwirkenden Traumas. 2004 erregte das Buch Meine Großmutter von Fethiye Çetin Aufsehen, über das Schicksal ihrer damals von Türken adoptierten und so geretteten Großmutter und das Schweigen darüber. Am 19. Januar 2007 wurde der liberale armenisch-türkische Verleger Hrant Dink in Istanbul von einem türkischen Nationalisten ermordet. Die Hintergründe sind bis heute nicht aufgeklärt.

Die größte ethnische Gruppe Südostanatoliens sind die Kurden. Kurdische Sprachen gehören – anders als das finno-ugrische Türkisch – zur iranischen Sprachgruppe, diese wiederum zur indoeuropäischen Sprachfamilie. Insgesamt geht man heute von etwa 24 bis 27 Millionen Kurden aus, verteilt über mehrere Staaten, zwischen denen bis heute vielfältige Migrations- und Flüchtlingsbewegungen stattfinden: etwa die Hälfte in der Türkei, vier Millionen im Irak, fünf bis sechs Millionen im Iran, über eine Million in Syrien und Libanon und etwa 500.000 in Deutschland. Musikinstrumente spielen in kurdischen Dörfern eine geringe Rolle, typisch sind Tanzlieder, die vor allem bei Hochzeiten oder anderen Festlichkeiten die beliebten Volkstänze (govend) begleiten. Es sind Gruppentänze, bei denen sich die Tänzer in langen Reihen mit oft bis zu Hunderten von Tänzern an den Armen oder Schultern halten, und selbst singen. Stundenlang wird so getanzt, angefeuert von schrillen »Weibertrillern« der Frauen. Musikalisch dominieren kurze, enge Melodien, die endlos wiederholt werden. Anstelle von Gesängen können auch Duos aus Trommel und Schalmei (Türkisch: Davul – Zurna, Kurdisch: Dahul – Zurna) erklingen, ein Duo das überall in Anatolien beliebt ist, und im Südosten meist von Roma-Musikern gespielt wird – einer weiteren Minderheit. Wie in vielen anderen Teilen Anatoliens gelten Roma auch hier als unverzichtbare Musiker, sozial aber sind sie allgemein geächtet.

Typisch für den Südosten sind weiterhin die kurdischen Dengbej – von Kurdisch »deng« (Stimme) und »bej« (derjenige, der). In früheren Zeiten wurden Dengbej – darunter auch einige armenische – von politischen oder religiösen Führern (Mir, A?a, Scheich) bezahlt, um ihnen und ihren Gästen Geschichten und Epen zu erzählen und zu singen, oft viele Stunden hindurch. Noch in den 1960er- und 70er-Jahren wanderten viele Dengbej von Dorf zu Dorf und sangen in den Gästehäusern (Divanhane). Einige Dengbej rezitierten mehr als dass sie sangen, mitunter konnten verschiedene Vortragsstile einander abwechseln. Instrumente zur Begleitung wurden beinahe nie verwendet. Eine Bezahlung war offiziell verpönt, wurde unter der Hand aber meist doch gegeben. Dennoch blieben die meisten Denbej arm – wie der Rest der Bevölkerung. Die schier endlos langen Geschichten wurden auswendig vorgetragen und mündlich überliefert, bis ins 20. Jahrhundert hinein war die Analphabetenquote im Südosten ohnehin außerordentlich hoch. Erst in den Schulen der Türkischen Republik lernten die Menschen dieser Region lesen und schreiben – Türkisch, nicht Kurdisch. Eine standardisierte kurdische Schriftsprache entstand erst im Laufe des 20. Jahrhunderts und ist noch nicht allgemein etabliert.

Mit der Gründung der Türkischen Republik als Nationalstaat 1923 richtete sich das Bemühen der neuen Regierung auf eine nationale »türkische« Homogenisierung, und der Druck auf alle Minderheiten wuchs. Die Begriffe Kurde und Kurdistan wurden zu Tabus, zahlreiche Ortsnamen wurden türkisiert. Kurdische Musik war fortan unerwünscht und wurde z. B. im Rundfunk nicht gespielt. Im Irak dagegen scheinen bereits in den 1920er-Jahren Schellackplatten mit kurdischer Musik aufgenommen worden zu sein, seit den 1930er-Jahren produzierte Radio Eriwan auch kurdische Sendungen. Das Sendegebiet reichte dabei weit über Armenien hinaus, und die Programme wurden offenbar viel gehört. In der Türkei wurden damals zwar ebenfalls kurdische Sänger wie Malatyal? Fahri Kayan (1918 – 1969) oder Diyarbak?r’l? Celâl Gülses (gestorben 1959) bekannt, allerdings sangen sie ausschließlich türkisch. Erst in den 1970er-Jahren wurde kurdische Musik wieder allmählich als solche vernehmbar, in Europa erschienen Aufnahmen etwa bei der Unesco Edition, in Deutschland produzierte Kassetten von Sängern wie ?ivan Perwer oder später Nizamettin Ar?ç, die nach Europa geflohen waren, zirkulierten unter der Hand in der Türkei.

Nach dem Militärputsch im September 1980 wurden kurdische Sprachen gänzlich verboten, und selbst auf Hochzeitsfeiern kontrollierte türkisches Militär, dass etwa Dengbej keinesfalls auf Kurdisch sangen. Viele kamen ins Gefängnis, ihren niemals niedergeschriebenen Liedern drohte das Vergessen. Ab 1984 führte die PKK in der Türkei einen terroristischen Krieg um die Unabhängigkeit oder zumindest politische Autonomie eines kommunistischen kurdischen Staates. Bis heute kostete dieser auf beiden Seiten mit äußerster Härte geführte Kampf an die 40.000 Tote, zahllose Flüchtlinge wurden in westtürkische Städte vertrieben. Auch Musik wurde nun stark politisiert: Lieder, Dengbej und selbst einfache dörfliche Volkstänze wurden zu Symbolen einer kurdischen Nation umgedeutet. Gleichzeitig blieben viele kurdische Sänger vor allem im Bereich Volksmusik und Arabesk auf dem türkischen Markt mit türkischsprachigen Liedern erfolgreich, etwa Müslüm Gürses, Mahsun K?rm?z?gül, Emrah oder Ibrahim Tatlises. Ab 1991 durfte wieder auf Kurdisch publiziert werden, und Istanbul wurde zum Zentrum kurdischer Musikproduktion – auch die Gruppe Kardes Türküler entstand dort. Gleichzeitig wurden erste kurdische Organisationen zugelassen, das bekannteste kurdische Zentrum Istanbuls liegt heute direkt an der beliebten Einkaufsstraße Istiklal Caddesi im europäischen Beyo?lu.

Anfang 1999 fand der bewaffnete Konflikt mit der Verhaftung Öcalans ein vorläufiges Ende, allerdings sind noch immer etwa 3.000 PKK-Milizionäre in unzugänglichen Bergen Nordiraks verschanzt. Mittlerweile erlebt kurdische Musik eine Wiederbelebung und in mehreren Städten wie Van, Diyarbak?r, Hakkari und Mu? existieren eigene Dengbej-Zentren. ?ivan Perwers Aufnahmen sind längst vollständig in der Türkei erschienen, und kurdische Musiker wie die Sängerin Aynur oder die Gruppe Karde? Türküler sind in der ganzen Türkei populär. Seit einem Jahr sendet selbst das öffentlich-rechtliche türkische Programm TRT 6 ein eigenes kurdisches Fernsehprogram. Die »kurdische Öffnung« gegen den Widerstand von Kemalisten, türkischen Nationalisten und Militär ist gegenwärtig eines der umstrittensten politischen Themen der Türkei.

Die große Mehrheit der Bevölkerung Ostanatoliens ist muslimisch. Und wiederum gibt es Unterschiede: Die meisten Kurden gehört dem sunnitischen Islam an, allerdings meist der strengen schafiitischen Rechtsschule, während Türken im übrigen Anatolien eher der hanafitischen zugerechnet werden. Und auch unter Islamisten, die den Islam als übernational verstehen, finden sich Kurden. Weiterhin sind Derwisch-Orden im Südosten traditionell verbreitet, insbesondere die Kadiriya und Nakschbandiya. Dort werden religiöse Gesänge wie Medîha oder Mewlûd nur auf Rahmentrommeln begleitet.

Eine Minderheit sowohl unter Kurden wie unter Türken (geografisch etwa nordwestlich der Linie Elazi?, Malatya, Mara?) gehört dem Alevitentum an, einer deutlich verschiedenen Konfession des Islam mit vollkommen anderen Glaubensinhalten und Praktiken. Musik auf der Ba?lama spielt in den religiösen Cem-Versammlungen alevitischer Dörfer eine große Rolle, und so ist die Ba?lama in alevitischen Regionen sehr verbreitet, in sunnitischen, vor allem in schafiitischen hingegen nicht.

Die Êzîdi oder Yezidi sind eine sehr kleine religiöse Splittergruppe unter den Kurden. Im Zentrum des êzîdischen Glaubens steht ein Dualismus von Gott und Taus-i Melek(»Engel Pfau«), dem höchsten von sieben Engeln. Negative Mächte (etwa Teufel oder Hölle) existieren nicht. Das religiöse Zentrum, die Grabstätte von Scheich Adi ben Musafis (1075 – 1160), eine Verkörperung des Taus-i Melek, liegt in Lalisch im Nordirak, wo auch die Mehrheit der Êzîden lebt. In der êzîdischen Gesellschaft herrscht ein hierarchisches Kastenwesen, wiederum mit strenger Endogamie. Um den engen Heiratsregeln zu genügen (ein Verstoß führt zum Ausschluss aus der Gesellschaft!) sind Ehen zwischen entfernten Verwandten häufig. Vollständig isoliert sind Êzîdi jedoch nicht, Beschneidungspaten können etwa auch Christen oder Muslime werden. Für Muslime galten Êzdîi, anders als Christen und Juden, nicht als »Besitzer der Schrift«, für die das Gebot der Toleranz galt, sondern als Heiden, die überdies als »Teufelsanbeter« diskriminiert wurden, Taus-i Melek wird dabei fälschlicherweise mit dem gefallenen Engel (Satan) gleichgesetzt. Die êzîdische Enklave in Ostanatolien ist mittlerweile unter dem Druck ständiger Diskriminierungen auf etwa 10.000 bis 20.000 Menschen in den Regionen Diyarbak?r, Mardin, Urfa, Siirt und Kars zusammengeschrumpft. Über 90 Prozent aller ursprünglich anatolischen Êzîden leben in Europa, Armenien und Georgien, vor allem aber in Deutschland: in Celle, Emmerich (Nordrhein-Westfalen) und im Saarland. Insgesamt wird die Zahl der in Europa lebenden Êzîdi auf etwa 150.000 bis 300.000 geschätzt. In dieser Glaubensgemeinschaft werden sehr selten religiöse Tänze aufgeführt (ähnlich wie im Alevitentum), daneben ist das Instrumentenpaar def û sebab (Trommel und Flöte) bedeutend, in der Türkei auch die Ba?lama. Andere Lieder und Gebete werden schlicht rezitiert.

Ganz im Osten Anatoliens werden vereinzelt kaukasische Sprachen gesprochen. Muslimische Flüchtlinge hingegen, die nach dem Krimkrieg 1853/56 den Kaukasus verließen, werden in der Türkei heute zusammenfassend Tscherkessen (çerkez) genannt, sie leben überwiegend in West- und Zentralanatolien. Die Ebene von Igdir an der Grenze zu Armenien gehört bereits zum Transkaukasus. Die Region nördlich davon war im 19. Jahrhundert russisch besetzt, und vor allem in der Stadt Kars (bekannt etwa aus Orhan Pamuks Roman Schnee) ist dies an der Architektur noch zu sehen. In dieser Region leben Türken, Kurden, Georgier, Lasen, Aserbaidschaner und Tscherkessen. Sogar ein kleines deutsches Dorf gab es hier, einst gegründet von Umsiedlern aus Russland, ihre Nachfahren sind mittlerweile türkisch assimiliert.

Martin Greve

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