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Kammermusik

»Musik bewegt Bilder«

Das Konzert (Le Concert),Film von Radu Mihaileanu (Frankreich 2009)

Termine

Mi, 13. Jun. 2012 18 Uhr

18:00 | Hermann-Wolff-Saal

Über die Musik

Musikalische Liebeserklärungen an Venedig

Ein Liederabend mit Jocye DiDonato

Venezia – allein der Name klingt nach Musik. Tatsächlich kann man sich »La Serenissima«, wie die Venezianer ihre »erhabenste« Stadt und vormalige Republik seit dem 9. Jahrhundert nennen, ohne Musik nicht vorstellen. Die prächtigen Kirchen, Paläste und Plätze der Lagunenstadt hallen von festlicher Chor- und Instrumentalmusik, glanzvollen Konzerten und Straßenmusik unterschiedlichster Art wider; das traditionsreiche Teatro La Fenice rangiert unter den Opernhäuserns Italiens auf einem der vordersten Plätze; und die legendären singenden Gondolieri sind aus dem klingenden Bild, das rund um den Globus nicht nur Musikfreunde von Venedig haben, erst gar nicht wegzudenken.

Seit Jahrhunderten gehen Venedig und die Musik eine fruchtbare Allianz ein. Der dem Evangelisten Markus als Schutzpatron der Stadt geweihte Markusdom kann seit etwa 1400 eine lückenlose Liste seiner »maestri di cappella« vorweisen – darunter so bedeutende Komponisten, Organisten und Musiktheoretiker wie Adrian Willaert, Cyprian de Rore, Gioseffo Zarlino, Andrea und Giovanni Gabrieli oder Claudio Monteverdi. Nicht jeder von ihnen stammte aus Venedig. Alle haben sie indes Musikgeschichte von europäischer Ausstrahlungskraft geschrieben. Die Musik der Renaissance ist ohne die Venezianische Schule jener Tage nicht denkbar.

Auch die Liste der Komponisten, die in der Lagunenstadt das Licht der Welt erblickten, ist ehrfurchtgebietend: Sie umfasst – neben den beiden Gabrieli – auch Antonio Caldara, Tomaso Albinoni, Antonio Vivaldi, Gian Francesco Malipiero, Bruno Maderna oder Luigi Nono. Geschichtsträchtige Namen, die wiederum wie Musik in den Ohren klingen. Eines ist allerdings auffällig: Nach der ersten Hochblüte der Oper, zu der Venedig entscheidend beigetragen hatte, brachte die Stadt im 18. und 19. Jahrhundert kaum Opernkomponisten von Rang hervor. Die Begeisterung der Venezianer für das Musiktheater ließ sich davon freilich nicht stören: Abgesehen von heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Kassenschlagern aus der Feder von Komponisten wie Domenico Cimarosa oder dem in Berlin geborenen Giacomo Meyerbeer gingen in Venedig Gioachino Rossinis Tancredi und Semiramide, Vincenzo Bellinis Shakespeare-Vertonung I Capuleti e i Montecchi und Beatrice di Tenda sowie Giuseppe Verdis Ernani, Attila, Rigoletto, La traviata und SimonBoccanegra erstmals über die Bühne; eine Erfolgsgeschichte, die sich auch im 20. Jahrhundert mit Uraufführungen von Werken wie Igor Strawinskys The Rake’s Progress oderBenjamin Brittens The Turn of the Screw weiterschrieb. Venedig war und ist auch ein Eldorado für Opernfreunde.

Eine Stadt voller Musik

Apropos Oper: 1637 öffnete in Venedig das Teatro San Cassiano dem zahlenden Publikum seine Pforten. Ihm folgten bis zum Ende des Jahrhunderts ein halbes Dutzend weiterer öffentlicher Opernhäuser. Eine unvorstellbare Zahl für eine Stadt mit seinerzeit nicht mehr als etwa 125.000 Einwohnern, wenngleich es zu bedenken gilt, dass die noch junge, in höfischen Zirkeln geborene Gattung der Oper in jenen Tagen in Windeseile auf eine breite gesellschaftliche Akzeptanz stieß, die allenfalls jener des modernen Kinos vergleichbar ist. Diesem Umstand hat die Venezianische Oper des 17. Jahrhunderts, zu deren ersten Glanzlichtern Monteverdis 1640 uraufgeführte musikdramatische Homer-Adaption Il ritorno d’Ulisse in patria zählt, Rechnung getragen, indem sie durch die Einbeziehung volkstümlicher Figuren der Oper den Nimbus des Elitären nahm.

Die legendäre Begeisterung der Italiener für die Oper wurde in Venedig geboren. Sie machte auch in späteren Jahrhunderten nicht halt vor all jenen düsteren Werken, denen Venedig mit seinem einzigartigen Flair als Schauplatz zugrunde liegt: Verdis früher, auf einem Schauspiel von Lord Byron basierender, 1844 in Rom aus der Taufe gehobener Oper I due Foscari etwa, oder Amilcare Ponchiellis 1876 am Mailänder Teatro alla Scala (dem ewigen Rivalen des Teatro La Fenice) uraufgeführter La Gioconda. In späterer Zeit hat indes niemand anders als Thomas Mann die mitunter morbide Faszination Venedigs in das kollektive Imago der Stadt eingeschrieben. Im Kino – der Ersatzoper des 20. Jahrhunderts – brachte es die Novelle Tod in Venedig 1971 zu Breitenwirkung. Und das nicht zuletzt dank Gustav Mahler, dessen den Schlüsselszenen von Luchino Visconti kongenialer Verfilmung unterlegte Musik eine Reminiszenz an die Klangsprache des 1883 in Venedig verstorbenen Richard Wagner ist. Venedig und die Musik – ein endloses Kapitel ...

Unter den uns heute geläufigen Komponisten ist indes Antonio Vivaldi am engsten mit der Musikgeschichte Venedigs verbunden. Vom Vater zu einer geistlichen Laufbahn bestimmt, empfing der 1678 geborene Vivaldi mit 25 Jahren die Priesterweihe. Ein halbes Jahr später wurde er dann aber »maestro di violino« am Ospedale della Pietà – einem der zahlreichen, aus öffentlichen Mitteln und Zuwendungen reicher Venezianer finanzierten Waisenhäuser der Stadt, in denen bis zu 6000 Waisen und von ihren Eltern ausgesetzte oder verstoßene Kinder lebten. Musizieren als eine das Zusammenleben erleichternde, gottgefällige Beschäftigung mit positiver Außenwirkung wurde in diesen Institutionen großgeschrieben, und so avancierten die wöchentlichen Konzerte der Ospedali schon bald zu den musikalischen Glanzpunkten der Stadt, lockten Gäste aus der ganzen Welt an – und stellten unter Beweis, dass in Venedig neben Kirchenmusik und Oper auch die Instrumentalmusik reiche Blüten trieb.

Kreativ und geschäftstüchtig

Vivaldi wäre indes kein Venezianer gewesen, hätte er sich nicht auch für jene musikalische Gattung begeistert, der in seiner Heimatstadt der breitenwirksame Durchbruch ermöglicht worden war. Und so wagte Vivaldi den Schritt in musikalisches Neuland: Seine erste Oper brachte er 1713 noch im abgelegenen Vicenza heraus, wenige Monate später übernahm er dann bereits die Leitung des Teatro Sant’Angelo in Venedig. Ein ebenso kluger wie notwendiger Schritt! Denn als Opernkomponist konnte man in jenen Tagen nur überleben, wenn man alle Bereiche des Theaters (vor allem aber die Abendkasse!) unter Kontrolle hatte. Vivaldis Unternehmertum wurde künstlerisch und finanziell schon bald von Erfolg gekrönt. Nach einem kurzen Intermezzo als Kammerkapellmeister in Mantua feierte Vivaldi in Venedig Triumphe als Opernkomponist. Doch auch in Rom, Florenz, Mailand, Ferrara, Verona und Prag war Vivaldi bis zu seinem Tod im Jahre 1741 als innovativer Musikdramatiker gefragt – zu Recht, wie zwei Auszüge aus seiner 1723 in Rom uraufgeführten Oper Ercole sul Termodontebeweisen.

Über ein Jahrhundert nach Vivaldi geboren, war Gioachino Rossini zu seinen Lebzeiten der unangefochtene Star am internationalen Opernhimmel – bis er nach der Pariser Uraufführung seiner Schiller-Oper Guillaume Tell 1829 der Bühne unerwartet früh den Rücken zukehrte. In den verbleibenden 39 Jahren seines Lebens komponierte Rossini neben geistlichen Werken wie einem Stabat Mater und einer Petite Messe solennelle rund 150 kleinere Werke: Lieder, Klavierstücke und kammermusikalische Kompositionen, die er selbst als »Alterssünden« (Péchés de vieillesse) bezeichnete. Zu ihnen zählen drei charmante, von Rossini unter dem Titel La regata veneziana zusammengefasste Liedkompositionen. Mit dem untrüglichem dramatischen Gespür des Opernprofis, aber auch mit dem ihm eigenen musikalischen Humor präsentiert Rossini in diesem Liedzyklus en miniature eine junge Venezianierin namens Anzoleta – und das vor, während sowie nach einer Regatta! Leidenschaftlich angefeuert und in Erwartung zärtlicher Belohnungen, geht Anzoletas Geliebter am Ende selbstverständlich als Sieger aus dem Wettrudern hervor. Kann man sich eine charmantere musikalische Liebeserklärung an Venedig und seine temperamentvollen Bewohnerinnen und Bewohner vorstellen?

Im Reiseprogramm: »La Serenissima«

Im 18. und 19. Jahrhundert gehörte Venedig zum Pflichtprogramm all jener bildungsbeflissenen Europäer aus nördlicheren Regionen, die im Rahmen von als »Grand Tour« oder »Kavalierreise« bekannten Exkursionen Italien bereisten, um Zeugnisse der antiken Kultur zu besuchen und en passant auch ein wenig mediterranes Flair zu genießen. Gabriel Fauré besuchte »La Serenissima« 1891 auf Einladung einer befreundeten Mäzenin. Der künstlerisch inspirierenden Wirkung, welche die Lagunenstadt auf ihn ausübte, setzte der Komponist mit Cinq MélodiesdeVeniseop. 58 ein persönliches musikalisches Denkmal. Der Zyklus basiert auf Gedichten aus den 1869 erschienen Fêtes galantes von Faurés Landsmann Paul Verlaine, die ihrerseits wiederum von der nicht selten venezianische Sujets aufgreifenden Malerei des französischen Rokoko inspiriert sind. Faurés Cinq Mélodies weisen indes keine musikalischen Bezüge zu Venedig auf. Vielmehr zeugen sie auf bezwingende Art und Weise vom Ende einer tiefgreifenden Schaffenskrise, die der für Depressionen anfällige Fauré während seines venezianischen Aufenthalts überwunden hatte.

Dass Venedig auch die musikalische Fantasie von Ortsunkundigen zu beflügeln vermochte, beweisen Lieder zweier deutscher Komponisten: Franz Schubert hat eine Vertonung des Gedichts Gondelfahrer seines Freundes Johann Mayrhofer in zwei Varianten vorgelegt: als Klavierlied (D 808) und als Chorkomposition (D 809). Obwohl er im Laufe seines kurzen Lebens keine Bildungsreisen durch südliche Gefilde unternehmen konnte, vermochte es Schubert mühelos, das sanfte Wogen der venezianischen Lagunen kompositorisch einzufangen und die Glockenschläge des Markusdoms in Musik zu übersetzen.

Sehnsucht nach der Lagunenstadt

Robert Schumann, der wie Schubert nie eine Fahrt durch Venedigs Wasserstraßen unternommen oder je seinen Fuß auf eine glanzvolle venezianische Piazza gesetzt hatte, veröffentlichte in seinen 1840 entstandenen Myrthen op. 25 Zwei venetianische Lieder. Ihre Textvorlagen: deutsche Übersetzungen von Gedichten aus der Feder eines englischen Italienreisenden! Venedig-Impressionen aus dritter Hand also – und dennoch Liedkompositionen von erlesener Qualität! Zu singen und zu hören am besten (wie es am Ende des Lieds »Leis’ rudern hier, mein Gondolier« heißt) ganz »sacht« …

Der 1976 im Alter von 76 Jahren verstorbene Engländer Michael Head hat sich – darin Schubert und Schumann vergleichbar – auch als Liedkomponist einen Namen gemacht. Seine im letzten Lebensjahrzehnt auf englische Texte komponierte Venedig-Hommage Three Songs of Venice schrieb Head für keine Geringere als die Mezzosopranistin Dame Janet Baker. Doch das gehört bereits der Vergangenheit an. Immer noch aktuell ist indes Heads Klangsprache, die sich keiner der seinerzeit auf dem europäischen Kontinent vorherrschenden kompositorischen Schulen anschloss. Ebenso erfrischend wie der Regenguss, der im letzten von Heads Three Songs of Venice auf die Lagunenstadt herabfällt, nimmt sich daher Heads Musik aus. Wenn die Musik Englands und Italiens eins gemeinsam hat, dann ist es die Kunst, ihre Hörer unmittelbar anzusprechen.

Italianità in französischen Salons

Auch die Musik von Reynaldo Hahn findet mühelos einen Weg in die Ohren und Herzen des Publikums. Der 1874 in Venezuela geborene, seit seinem vierten Lebensjahr in Frankreich lebende und lange Jahre eng mit Marcel Proust befreundete Komponist reüssierte schon früh als Wunderkind, wurde mit elf Jahren in Jules Massenets Kompositionsklasse am Pariser Konservatorium aufgenommen und machte wenig später als Komponist, Dirigent, Pianist und Sänger eine brillante Karriere, die 1945 in der Ernennung zum künstlerischen Leiter der Pariser Opéra gipfelte. Nachdem Hahns Musik mit dem Tod des Komponisten im Jahre 1947 in Vergessenheit geriet, ist in jüngerer Zeit das Interesse am vielfältigen, nahezu alle musikalischen Gattungen umfassenden Œuvre Hahns wieder entfacht.

In dem Liedzyklus Venezia. Six Chansons en dialecte vénitien, den Hahn im Jahre 1901 schrieb, beweist der Komponist ein subtiles Gespür für die volksmusikalischen Traditionen Venedigs. Mit unwiderstehlicher, mitunter augenzwinkender Eleganz und einer Italianità par excellence weisen Hahns Lieder weit über die Grenzen des spätbürgerlichen musikalischen Salons, für die sie geschrieben wurden, hinaus. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man das den Zyklus mit elegischem Schwung eröffnende Sopra l'acqua indormenzada, das unverwüstlich melancholische La barcheta – eine der bekanntesten Liedkompositionen Hahns – oder das mit sanfter Ironie aufwartende Che pecà! für venezianische Volkslieder halten. Vielleicht lohnt es sich beim nächsten Besuch von »La Serenissima« ja sogar, mit gespitzten Ohren darauf zu achten, ob der eine oder andere Gondoliere nicht auch ein Lied von Hahn schmettert, während er sein Ruder in die dunklen Fluten der Lagune taucht.

Mark Schulze Steinen

Die Liste der Komponisten, die in der Lagunenstadt das Licht der Welt erblickten, ist ehrfurchtgebietend.

In späterer Zeit hat indes niemand anders als Thomas Mann die mitunter morbide Faszination Venedigs in das kollektive Imago der Stadt eingeschrieben.

Nicht nur in Mantua und Venedig, sondern auch in Rom, Florenz, Mailand, Ferrara, Verona und Prag war Vivaldi bis zu seinem Tod im Jahre 1741 als innovativer Musikdramatiker gefragt.

In seinem Liedzyklus La regata veneziana stellt Rossini das untrügliche dramatische Gespür des Opernprofis, aber auch den ihm eigenen musikalischen Humor unter Beweis.

Der künstlerisch inspirierenden Wirkung, welche die Lagunenstadt auf Fauré ausübte, setzte der Komponist mit Cinq Mélodies deVenise op. 58 ein persönliches musikalisches Denkmal.

Weder Robert Schumann noch Franz Schubert war es je vergönnt, eine Fahrt durch Venedigs Wasserstraßen zu unternehmen oder je den Fuß auf eine glanzvolle venezianische Piazza zu setzen.

In dem Liedzyklus Venezia. Six Chansons en dialecte vénitien beweist Reynaldo Hahn ein subtiles Gespür für die volksmusikalischen Traditionen Venedigs.

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