Berliner Philharmoniker

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Kammermusik

Destan Ensemble:

Ahmet Aslan Gesang, Gitarre und Tembur

Kemal Dinç Bağlama

Antonis Anissegos Klavier

Dietrich Petzold Violine und Viola

Katia Guerreiro Gesang

Paulo Valentim Portugiesische Gitarre

João Veiga Gitarre

Rodrigo Serrão Kontrabass

Teil 3: Hüzün und Melancolia: Lieder aus Portugal und Anatolien

Termine

Mi, 27. Jan. 2010 20 Uhr

Kammermusiksaal

Über die Musik

Musik vom Silbertor

Der Mythos Dersim

Gemessen an ihrer Bevölkerungszahl ist es die zweitkleinste Provinz der Türkei: Tunceli, eine kleine, schwer zugängliche Bergregion, etwa 800 Kilometer östlich von Ankara. Gerade einmal 86.000 Menschen leben hier, auf einer Fläche, die halb so groß ist wie Thüringen. Wirtschaftlich unbedeutend, historisch wenig ergiebig, Tourismus spielt keine Rolle. Und doch umgibt ein Mythos die Region und ihre Kultur. Vor zwei Monaten, im November 2009 löste eine unbedachte Äußerung eines türkischen Oppositionspolitikers einen wahren Sturm in den türkischen Medien aus. Der alte Name der Region – Dersim – tauchte plötzlich wieder auf, und mit ihm ein 70 Jahre lang verdrängtes Kapitel türkischer Geschichte.

Die Volksmusik Anatoliens ist bis heute – trotz der wachsenden Tendenz zu landesweiter Homogenisierung – noch immer maßgeblich von Regionalstilen geprägt. Über Jahrhunderte gab es innerhalb des anatolischen Hochlandes nur wenig kulturellen Austausch, und es entstanden Traditionen eigener Art, die 100 Kilometer weiter schon auf Befremden gestoßen wären. Manche dieser Regionalstile sind über weite Gebiete verbreitet, etwa im Raum der Ägäis, andere in nur einer Provinz oder einer Stadt beheimatet, beispielsweise die Musik von Urfa im Südosten Anatoliens. So gibt es Volksmusik-Instrumente, die nur in bestimmten Gegenden gespielt werden, die Kastenfiedel Kemençe etwa an der Schwarzmeerküste oder die Kurzoboe Mey in Ostanatolien. Auch Gesangsstile und Verzierungsformen unterscheiden sich, dazu Tänze und Rhythmen. Entlang der Westküste, wo bis 1923 eine starke griechische Minderheit lebte, sind viele Ähnlichkeiten mit deren Musik erkennbar, im Osten Einflüsse aserbaidschanischer und kaukasischer Musik. Meist aber lässt sich zwischen ethnischen und regionalen Stilen kaum unterscheiden.

Dersim – der kurdische Name bedeutet wörtlich Silbertor – liegt zwischen Zentral- und Ostanatolien. Der große Keban-Stausee trennt die Provinz im Süden von Elazig; dort fließen die beiden Quellflüsse des Euphrat zusammen. Es ist das Land des Munzur-Gebirges, das bis auf 3000 Meter emporsteigt. Namensgeber des Berges und des Munzur-Flusses ist die mystische Figur des Munzur Baba. Ein Großteil der Bevölkerung gehört dem Alevitentum an, einer in Anatolien verbreiteten Konfession des Islam; im Westen der Provinz leben aber auch Sunniten. Für die Dersimer Aleviten ist der Munsur-Berg heilig, viele vermuten den Ursprung ihrer Religion und Kultur überhaupt in dieser Region.

Ein Großteil der Bevölkerung spricht Zazaki, eine Minderheit Kurmanci (Nordkurdisch). Lange hielt man beides für kurdische Dialekte, neue linguistische Forschungen jedoch sprechen eher von getrennten Sprachen – für den kurdischen Nationalismus ein heikles Thema. Linguistisch ist Zazaki demnach eher mit dem nordwestiranischen Gûranî verwandt. Und dennoch: Viele der etwa zwei Millionen Zazaki sprechenden Bewohner empfinden sich eher als Kurden.

Hinzu kommt, dass in Dersim einst auch Turkmenen, vor allem aber viele Armenier lebten, von denen jedoch viele anscheinend schon vor den Massakern von 1915 assimiliert wurden. Die Herkunft von Kurden – oder Zaza – ist hier also teilweise armenisch? Historisch gesichertes Wissen über Dersim ist spärlich, beinahe alles was man liest und erzählt ist politisch aufgeladen und überaus emotional.

Als türkische Musikforscher Anfang des 20. Jahrhunderts in anatolische Dörfer zu reisen begannen, ging es um die praktische Erschließung und Erforschung nationaler türkischer Volksmusik. Lieder in anderen Sprachen – Kurdisch, Lasisch oder eben Zazaki – tauchen in offiziellen Volksliedsammlungen bis heute nicht auf. Regionen mit ethnischen Minderheiten wurden bei Forschungsreisen eher ausgespart. Über »kurdische« Musik und auch über die Musik von Dersim vor den 1960er-Jahren wissen wir heute daher praktisch nichts. Nur ein einziger kurzer Forschungsbericht – alle dort abgedruckten Liedertexte sind Türkisch (!) – beschreibt die archaische Musik von Dersim im Jahr 1937.

Im selben Jahr, 1937, ereignete sich für die Menschen in Dersim die Katastrophe. Noch immer hatte die Zentralregierung die Provinz zu jenem Zeitpunkt nicht unter Kontrolle. Steuern wurden nicht bezahlt – teils wurden sie verweigert, teils ließ die Armut in Dersim Zahlungen gar nicht zu. Wie seit Jahrhunderten herrschten in der Provinz oft untereinander zerstrittene Stämme und religiöse Führer. Immer wieder war es in der Region zu Aufständen gekommen. Nun drängte der türkische Staatschef Mustafa Kemal, genannt Atatürk, persönlich auf entschiedenes Vorgehen. Anfang 1936 wurde die Provinz unter Militärverwaltung gestellt und in Tunceli umbenannt. Das türkische Wort bedeutet wörtlich »bronzene Hand« – und klingt nach »eiserne Faust«. Die Stämme sahen ihre traditionelle Unabhängigkeit ernsthaft bedroht. Ein eher lokales Ereignis, der Anschlag auf eine Brücke und gekappte Telefonverbindungen, löste 1937 eine massive türkische Militäroperation aus. Einige bewaffnete Stämme widersetzten sich, die Situation eskalierte. Schon bald hatte die weit überlege türkische Armee den angeblichen oder tatsächlichen Hauptverschwörer Seyyit R?za gefasst; gemeinsam mit anderen Anführern wurde er in Schnellverfahren verurteilt und sofort hingerichtet. Die Grabstellen sind bis heute unbekannt.

Frauen und Kinder hatten sich während der Kämpfe in Höhlen versteckt. Einsatztruppen durchsuchten die Berge, betonierten vollbesetzte Fluchthöhlen zu oder entzündeten Brände an Höhleneingängen, um die Eingeschlossenen durch Rauchvergiftung zu ermorden. Man wirft der Armee vor, sogar Giftgas eingesetzt zu haben. Es kam zu Bombardierungen aus der Luft, ganze Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Selbst loyale Stämme scheinen 1937/38 in Tunceli umgebracht worden zu sein. Was tatsächlich geschah, vor allem die Zahl der Opfer, ist bis heute unbekannt. Nach offiziellen Angaben starben 12.000 Menschen, inoffiziellen Angaben zufolge bis zu 40.000. Die türkischen Archive über die Ereignisse sind bis heute verschlossen. Spätestens die anschließenden massiven Umsiedlungen nach Westanatolien brachen den Widerstand in Dersim endgültig. Es war der letzte große Aufstand gegen die kemalistische Regierung. Tunceli blieb abgeriegelt. Erst in den 1950er-Jahren konnten Umgesiedelte zurückzukehren, die Ereignisse von 1937/38 aber waren fortan tabu.

Als Deutschland ab 1961 Arbeitskräfte aus Anatolien anwarb, sahen auch viele Menschen aus Tunceli die Chance für ein neues Leben gekommen. In Berlin besteht heute eine große Dersim-Gemeinde und ein Dersim-Spor-Verein. Beide veranstalten seit Jahren regelmäßig große Konzerte, die auch Deutsch-Türken anderer Herkunftsregion anziehen. Dersim, der verbotene Name, wurde zum Codewort für latente Auflehnung – aber auch für Musik.

Das Leben in der europäischen Diaspora, wenngleich mit Schwierigkeiten behaftet, brachte für die Minderheiten aus der Türkei Erleichterungen. Befreit von Verboten konnte sich Zazaki erst in Europa zur Schriftsprache weiterentwickeln. Die erste rein zazaki-sprachige Zeitschrift Ayre (Mühle) entstand Mitte der 1980er-Jahre in Schweden. Es folgten weitere, auch in Deutschland, dann Bücher, seit einigen Jahren auch Sprachlehrbücher und Lexika.

Die Musik aus Tunceli erlebte in der Diaspora Veränderungen. Zum einen versuchten viele Migranten aus Tunceli die alten Traditionen aufzunehmen und zu dokumentieren. Die wenigen heute bekannten Musikaufnahmen stammen von solchen Musiksammlern aus dem Exil. »Alte Menschen singen Volkslieder aus Dersim« heißt eine der CDs, herausgegeben von den Brüdern Metin und Kemal Kahraman, zwei bekannten Liedermachern. Kemal Kahraman lebt seit 1992 als politischer Flüchtling in Berlin.

Tatsächlich klangen die Aufnahmen dieser alten Menschen archaisch: Formelhafte Lieder, begleitet auf einfachen zweisaitigen Lauten, angeschlagen mit den Händen, ohne Plektrum. Die Stimmen sind kräftig, mal mit expressivem Vibrato, dann wieder rhythmisch frei, wie aufgeregt rezitiert. Markant ist der Klang der Zazaki-Sprache, viele der Lieder sind vom Alevitentum geprägt.

Zum anderen aber entwickelten viele in Deutschland lebende Musiker aus solchen alten Musiktraditionen vollkommen neue Stile. Die Kahraman-Brüder begleiteten die Lieder mit europäischen Instrumenten. Mikail Aslan, ein enger Verwandter von Ahmet Aslan, studierte an der Musikhochschule Mainz, Ahmet Aslan selbst am Konservatorium in Rotterdam. Sie und viele aus Tunceli sind mittlerweile in der Türkei bekannt geworden. Ferhat Tunç etwa und in jüngerer Zeit die Sängerin Aynur, in Deutschland nicht zuletzt durch Fatih Ak?ns Film Crossing the Bridge. In Ahmet Aslans Gesang hört man deutlich, wie sehr ihn die Sammlungen der alten Leute beeinflusst haben, in dem tiefen Aufseufzen am Ende von Melodien etwa, wie es alte Menschen tun, deren Kraft nicht mehr frisch ist. Bei Aslan ist daraus ein Stilmittel geworden, archaisch und expressiv, das eigenartig kontrastiert zu den oft so europäischen Arrangements.

Nach einem jahrelangen blutigen Krieg zwischen der PKK und der türkischen Armee, bei dem auch Tunceli erneut Schauplatz von Kämpfen und Zwangsräumungen von Dörfern war, herrscht in der Türkei mittlerweile politisches Tauwetter. Vor einem Jahr nahm der erste offizielle kurdisch-sprachige Fernsehsender TRT 6 den Betrieb auf. Im letzten Jahr sang beim alljährlichen Munzur Kultur-Festival von Tunceli die Popdiva Sezen Aksu im Duett mit Mikail Aslan auf Zazaki. Vor zwei Monaten spielte der frühere türkische Botschafter in Deutschland, Onur Öymen, im türkischen Parlament auf die Ereignisse von 1937/38 an, und es klang wie ein Lob für die damaligen Ereignisse, als er versuchte, sie als »Beispiel für die Bekämpfung von Terrorismus« darzustellen. Eine empörte öffentliche Diskussion war die Folge. Was in diesem Programmheft-Beitrag über Dersim steht – noch vor einigen Jahren wäre es politisch skandalös gewesen. Heute ist es nicht mehr als das, was türkische Zeitungen offen schreiben. Ein Tabubruch hat stattgefunden. Selbst CDs mit europäischen Musikern aus Tunceli stehen in der Türkei längst in jedem Plattenladen ...

Martin Greve

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