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Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker

Zubin Mehta Dirigent

Anton Bruckner

Symphonie Nr. 8 c-Moll (Fassung von 1890)

Termine

Do, 15. Mär. 2012 20 Uhr

Philharmonie

Fr, 16. Mär. 2012 20 Uhr

Philharmonie

Sa, 17. Mär. 2012 20 Uhr

Philharmonie

Live-Übertragung

Über die Musik

Dem Kaiser zu Ehren

Anton Bruckners Achte Symphonie

Wien im Jahr 1885. Anton Bruckner, lange Zeit in den elitären Zirkeln der habsburgischen Kapitale gering geschätzt und jenseits der Stadtgrenzen ohnehin nur wenigen Eingeweihten bekannt, hat einen Aufstieg im internationalen Musikleben hinter sich, der ihm selbst kaum glaublich erscheinen muss. Seiner Siebten Symphonie, von Arthur Nikisch und dem Gewandhausorchester Leipzig dortselbst am 30. Dezember 1884 uraufgeführt und wenig später in München gespielt, ist ein weithin leuchtender Erfolg beschieden gewesen. Endlich hat man die Qualität seiner symphonischen Schöpfungen erkannt, und (beinahe) niemand will ihm den Rang streitig machen, den er nun erklommen hat. Bruckner selbst wird von den Lobpreisungen, die ihm entgegenschlagen, fast übermannt: Die damit verbundenen Ehrungen und sonstigen gesellschaftlichen Verpflichtungen sind für ihn, den »schüchternen Zyklopen«, des Guten im Grunde zu viel; als Beleg mag ein Brief vom 9. Februar 1885 an seine Schwester Rosalie Hueber dienen: »Dann die Correspondenz im In- und Ausland!!! Jetzt ist auch Holland hinzugekommen, wo am 4. Dezember meine dritte Symphonie mit sehr großem Erfolg aufgeführt wurde. In Leipzig war am 28. Jänner die zweite Aufführung meiner siebten Sinfonie vor dem Königspaare. Die Blätter sind voll Bewunderung; ebenso im Holländischen. Im März geht’s nach München (In Hamburg steht die Aufführung ebenfalls bevor). Leider brauche ich viel Geld. In Den Haag will man mich selbst so gerne sehen.«

Alles sehr schön. Aber was macht Wien? Wien zögert. Und beherbergt in dem gleichermaßen messerscharf urteilenden Kritiker Eduard Hanslick und dem Komponisten Johannes Brahms zwei gleichermaßen hartnäckige wie prominente Bruckner-Widersacher. Nachdem Brahms die Siebte Symphonie des Kontrahenten gehört hat, schreibt er an seine Freundin Elisabeth von Herzogenberg, die das Werk in Leipzig gehört hat und nicht weiß, was sie davon halten soll: »Ich begreife: Sie haben die Symphonie von Bruckner einmal an sich vorübertosen lassen, und wenn Ihnen nun davon vorgeredet wird, so trauen Sie Ihrem Gedächtnis und Ihrer Auffassung nicht. Sie dürfen dies jedoch; in Ihrem wunderbar hübschen Brief steht alles klar und deutlich, was sich sagen lässt – oder was man selbst sagt und so schön gesagt haben möchte. Sie sind doch nicht bös, dass auch Hanslick dieser Meinung ist und mit aller Andacht und allem Vergnügen Ihren Brief gelesen hat? Übrigens sind eine Symphonie und Quintett von Bruckner gedruckt. Suchen Sie sich einen Einblick zu verschaffen, Ihr Gemüt und Urteil zu stählen – mich brauchen Sie gewiss nicht. Alles hat seine Grenzen. Bruckner liegt jenseits, über seine Sachen kann man nicht hin und her, kann man nicht reden. Über den Menschen auch nicht. Er ist ein armer, verrückter Mensch, den die Pfaffen von St. Florian auf dem Gewissen haben. Ich weiß nicht, ob Sie eine Ahnung davon haben, seine Jugend bei den Pfaffen verlebt zu haben? Ich könnte davon und von Bruckner erzählen.«

Im Schaffensrausch

Der »arme verrückte Mensch« hat diesen Brief gottlob nie zu Gesicht bekommen. Wer weiß, vielleicht hätte er innegehalten und darauf verzichtet, nach der Siebten noch zwei weitere Symphonien zu schreiben: die Achte in c-Moll und die Neunte in d-Moll; Letztere übrigens »dem lieben Gott« gewidmet. Beide Werke gehören zusammen, sind aus einem Geist geschmiedet. Und beide bestätigen das, was die Siebte mehr als nur angedeutet hatte: die einzigartige Könnerschaft des Symphonikers Anton Bruckner.

Direkt nach Fertigstellung des Te Deums, das er bereits 1881, also noch vor der Siebten, in Angriff genommen hatte, geht Bruckner daran, eine weitere Symphonie zu komponieren. Bedenkt man, dass er sofort nach Fertigstellung der Achten mit den Skizzen zur Neunten beginnt (und schon während der Arbeit an der Siebten sein imposantes Streichquintett verfasst), darf man mit Fug und Recht von einem machtvollen Schaffensschub sprechen. Ein wesentlicher Grund dafür ist die schon erwähnte Erfolgsgeschichte der Siebten sowie der revidierten Dritten Symphonie; eine Geschichte übrigens, die bis heute anhält, zählen doch beide Werke neben der Vierten, Achten und Neunten zu den meistgespielten Symphonien Bruckners. Doch hat Bruckner einen Preis für diesen Ruhm zu entrichten. Die Achte will nicht so recht vom Fleck kommen. Der Entstehungsprozess zieht sich über – manchmal quälende – drei Jahre hin. Und kaum ist das Werk vollendet, trifft ihn die Ablehnung ausgerechnet der Menschen, die er für seine Mitstreiter hält.

Mitte September 1887 schickt Bruckner die gerade einen Monat zuvor beendete Achte Symphonie an Hermann Levi, jenen Dirigenten, der im März die Münchner Erstaufführung der Siebten geleitet hatte. »Möge sie Gnade finden«, heißt es im Begleitschreiben Bruckners an Levi. Und weiter: »Die Freude über die zu hoffende Aufführung durch hochdesselben Meisterhand ist allgemein eine unbeschreibliche.« Levi liest die Symphonie durch – und ist einigermaßen entsetzt. Um Bruckner, dessen Empfindlichkeit er zu gut kennt, nicht vor den Kopf zu stoßen, wendet er sich ratsuchend an dessen Schüler und Pianisten Josef Schalk: »Fern sei es von mir, ein Urteil aussprechen zu wollen – es ist ja sehr möglich, dass ich mich täusche – dass ich zu dumm oder zu alt bin – aber ich finde die Instrumentation unmöglich, und was mich besonders erschreckt hat, ist die große Ähnlichkeit mit der Siebten, das fast Schablonenmäßige der Form. Der Anfang des ersten Satzes ist grandios, aber mit der Durchführung weiß ich nichts anzufangen.«

Ringen um die endgültige Form

Natürlich erfährt Bruckner über Schalk, was Levi von seiner Achten hält. Schalk wiederum berichtet davon Levi. Bruckner, heißt es in seinem Brief, sei »sehr hart betroffen und fühlt sich noch immer unglücklich und ist keinem Trosteswort zugänglich [...] Ich hoffe, dass er sich bald beruhigen wird und eine Umänderung des Werkes, welche er übrigens bereits mit dem ersten Satz begonnen, nach ihrem Rat vornimmt.« Bruckner tut, wie ihm nahegelegt wird. Er arbeitet die Symphonie um. Weitere drei Jahre, bis 1890, feilt er an der Achten, und noch einmal zwei Jahre gehen ins Land, bevor diese titanische Symphonie ans Licht der Öffentlichkeit gelangt. Doch so mühevoll und mitunter quälend diese Verbesserungen auch gewesen sein mögen – fast die gesamte Musikwelt dankt es dem Komponisten. Während Hugo Wolf, nach der Uraufführung am 18. Dezember 1892 mit den Wiener Philharmonikern unter der Leitung von Hans Richter hingerissen und euphorisiert die (etwas pathetisch aufgeladene) Ansicht vertritt, die Symphonie sei die Schöpfung eines Giganten und überrage an Dimension, an Fruchtbarkeit und Größe alle anderen Symphonien des Meisters, ist Eduard Hanslick – was kaum verwundern darf – abgestoßen. Und Max Kalbeck, der Brahms-Biograf und Musikkritiker, gelangt die Achte betreffend immerhin zu einem differenzierten und sprachlich doch sehr bildreichen Urteil: »Unter den bisher an die Öffentlichkeit gelangten Werken des Componisten nimmt sie ohne Zweifel die erste Stelle ein; sie übertrifft die früheren Arbeiten Bruckners durch Klarheit der Disposition, Übersichtlichkeit der Gruppierung, Prägnanz des Ausdrucks, Feinheit der Details und Logik der Gedanken, womit indessen keineswegs gesagt werden soll, dass wir sie als ein nachahmenswertes Musterexemplar ihrer Gattung ansehen und empfehlen möchten. Im Gegenteil wünschen wir uns an mehr als einer Stelle des Werkes einen erfahrenen und kaltblütigen Practicus herbei, damit er mit der Schere des Redacteurs und dem Rotstift des Zensors bewaffnet, den ausschweifenden Launen des Componisten Halt gebiete, und sein übermächtiges Wollen auf das vernünftige Maß eines bescheidenen Könnens zurückführe. Mancher abenteuerliche Seitensprung, mancher barocke Einfall, manche nichtssagende Phrase, manche zur fixen Idee ausartende Schrulle müsste dem Ganzen zu Liebe geopfert werden.«

Bruckner folgt diesem Vorschlag Kalbecks nicht. Warum sollte er auch, wo sich doch die Uraufführung zu einem seiner zeitlebens größten Triumphe gestaltet hat. Zuzuschreiben ist der Succès nicht zuletzt einem der einfallsreichsten (und seinen Ausmaßen nach beträchtlichsten) Scherzi der gesamten romantischen symphonischen Literatur. Formal hält sich der Komponist in diesem an zweiter Stelle der Symphonie stehenden Allegro moderato, dem er die programmatische Erklärung »Der deutsche Michel träumt ins Land hinaus« beifügt, an das erprobte Schema. Das Scherzo, in seiner Faktur das wohl rhythmisch markanteste und klanglich massivste innerhalb des symphonischen Bruckner-Universums, ist in drei Abschnitte gegliedert und in diesen Teilen selbst noch einmal dreiteilig gefasst; als Mittelteil fungiert ein breit angelegtes As-Dur-Trio (mit der Überschrift »Langsam«), das gleich zu Beginn eine mild-sanfte Kantilene vorstellt, sodass sich als Gesamtform das Schema A-B-A-C-A-B-A ergibt. Daraus resultiert eine gleichsam symmetrische Struktur, die sich in vielen Scherzi Bruckners findet, nicht aber so ausgedehnt wie hier.

Ins Gewicht fällt – neben der formalen Lösung – die Verwendung von drei Harfen, die in der Urfassung erst im Adagio eingesetzt worden waren, nach der Umarbeitung der Symphonie aber bereits in diesem Satz eine tragende Rolle zugewiesen bekommen. Nicht nur sorgen sie im Trio für eine gesteigerte Intimität (an eben jener Stelle, wo laut Bruckner »der Michel kurz im Gebet innehält«), sie bilden auch den mild-melodiösen Abschluss dieses Intermediums.

Überlegene architektonische Gestalt, thematische Prägnanz

Architektonische Präzision waltet nicht nur hier; sie bildet eine der wesentlichen Bauprinzipien der Symphonie. Sowohl im Kopfsatz Allegro moderato, der in mirakulös-sphärischer Stimmung anhebt, dann aber bereits jenes Motiv vorstellt, das späterhin im vierten Satz als Drohgebärde benutzt wird, als auch in diesem Finale, das mit »Feierlich, nicht zu schnell« überschrieben ist, stellt Bruckner drei prägnante Themenkomplexe vor, die er dann in den Durchführungsteilen nach allen Regeln der polyfonen Kunst durcharbeitet. Der Unterschied zu den meisten früheren Symphonien liegt in der Dauer dieses Tuns. Die Achte ist (mit der Fünften) mit 75 Minuten die mit Abstand längste unter den brucknerschen Symphonien. Und noch einen wichtigen Unterschied zum symphonischen Regelprinzip gibt es: Während die Abschnitte in den früheren Werken der Gattung klar voneinander getrennt sind, die Zäsuren also buchstäblich einschneidenden Charakter haben, ist der Eintritt der Großteile insbesondere in den Ecksätzen der Achten Symphonie bewusst verschleiert. Mit anderen Worten: Bruckner »übt« sich in der Kunst des Übergangs.

Spürbar wird diese Kunst auch in jenem Satz, der als einziger von der strukturellen Dreiteilung abweicht: Das beinahe halbstündige Des-Dur-Adagio, welches sein Schöpfer sich »Feierlich langsam, doch nicht schleppend« wünschte, besteht aus fünf Großabschnitten rondoartigen Charakters und ist, wenn man so will, das geheime Zentrum der Symphonie. Die Anlage ist »strophisch«, das heißt: Beide Themenkomplexe, die das Gerüst dieses Satzes bilden, werden mehrfach wiederholt und dabei zusehends intensiviert. Das Prinzip also ist, wie im Grunde auch in den anderen Sätzen, eine Art fortwährendes Crescendo. Überdies weist das Adagio, das mit zart schwebenden Klängen beginnt, einige Besonderheiten auf, die nicht unerwähnt bleiben sollen. Zum einen ist der Satz, insbesondere aufgrund des weit ausgreifenden zweiten Themas, in seinen symphonischen Dimensionen gedehnt (allein die letzte Reprise des ersten Themas umfasst 70 Takte). Außerdem spielt, analog zu den Kopfthemen des ersten und vierten Satzes, das Kopfthema einen Kontrast von Verschleierung und demonstrativer Klärung aus. Hier aber ist es ein Gegensatz zwischen rhythmisch-harmonischen Verkomplizierungen einerseits und akkordischen Vereinfachungen andererseits.

Während Bruckner dem langsamen Satz kein außermusikalisches Programm einschreibt, hat er sich, wie in den Sätzen eins und zwei, für das monumentale Finale eine sich fürwahr wunderlich ausnehmende Szene ausgedacht: »Finale. Unser Kaiser bekam damals den Besuch des Zaren in Olmütz; daher Streicher: Ritt der Kosaken; Blech: Militärmusik; Trompeten: Fanfare, wie sich die Majestäten begegnen. Schließlich alle Themen; (komisch), wie bei Tannhäuser im 2. Akt der König kommend, so als der deutsche Michel von seiner Reise kommt, ist alles schon im Glanze. – Im Finale ist auch der Totenmarsch und dann (Blech) Verklärung.« So ist es wenig erstaunlich, dass dieses dramatische Fragment schon zu Bruckners Lebzeiten zu Irritationen geführt hat. Die neuere Bruckner-Forschung stellt sich dem allerdings gelassen entgegen, will sagen: Allzu ernst sollte man den Meister in diesem Fall nicht nehmen. Und stattdessen die Achte Symphonie als das betrachten, was sie ist: eine himmlische Schöpfung von enormen Ausmaßen und enormem Geist.

Jürgen Otten

Biographie

Zubin Mehta und die Berliner Philharmoniker verbindet eine langjährige musikalische Partnerschaft, die im September 1961 ihren Anfang nahm. 1936 in Bombay geboren, hatte Zubin Mehta an der Wiener Musikakademie bei Hans Swarowsky studiert. Der Preisträger des Dirigentenwettbewerbs in Liverpool (1958) und des Kussewitzky-Wettbewerbs in Tanglewood war mit Mitte zwanzig bereits Chefdirigent in Montreal (1961 – 1967) sowie in Los Angeles (1962 – 1978), hatte zudem bei den Wiener Philharmonikern debütiert und den erkrankten Eugene Ormandy beim Israel Philharmonic Orchestra vertreten. Von 1978 bis 1991 war er Chefdirigent der New Yorker Philharmoniker. Bereits seit 1977 ist er Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra, seit 1985 betreut er als Chefdirigent das Teatro del Maggio Musicale in Florenz: Beide Institutionen ernannten ihn zum Dirigenten auf Lebenszeit. Neben seinen Konzertverpflichtungen hat Zubin Mehta auch stets Opernaufführungen an den bedeutenden Häusern der Welt geleitet; zwischen1998 und 2006 stand er als Generalmusikdirektor an der Spitze der Bayerischen Staatsoper und des Bayerischen Staatsorchesters in München. Im Oktober 2006 dirigierte Zubin Mehta die Eröffnungsveranstaltung im Palau de les Arts Reina Sofia in Valencia; dem er seither als Präsident des »Festival del Mediterrani« verbunden ist. Zu den Auszeichnungen des Künstlers zählen der »Preis für Frieden und Toleranz« der Vereinten Nationen (1999), die Mitgliedschaft in der französischen Ehrenlegion (2001) und der Bayerische Verdienstorden (2005). 2007 wurde er zum Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde Wien ernannt und 2008 vom japanischen Kaiserhaus mit dem »Praemium Imperiale« geehrt. Gemeinsam mit seinem Bruder Zarin hat Zubin Mehta in Bombay die Mehli Mehta Music Foundation mit dem Ziel gegründet, Kinder an die klassische westliche Musik heranzuführen. Die Buchmann-Mehta School of Music in Tel Aviv unterrichtet junge israelische Musiker und ist eng mit dem Israel Philharmonic Orchestra verbunden. Im Rahmen eines neuen Projekts werden überdies junge arabische Israelis in Shwaram und Nazareth sowohl von dortigen Lehrern als auch von Mitgliedern des Israel Philharmonic Orchestra ausgebildet. Die Berliner Philharmoniker dirigierte Zubin Mehta zuletzt Anfang Oktober 2011 in Konzerten mit Werken von Gottfried von Einem, Robert Schumann und Gustav Mahler.

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