Berliner Philharmoniker

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Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker

David Zinman Dirigent

Kelley O'Connor Mezzosopran

Luciano Berio

Quattro versioni originali della Ritirata notturna di Madrid di L. Boccherini

Peter Lieberson

Neruda Songs

Ludwig van Beethoven

Symphonie Nr. 7 A-Dur op. 92

Termine

Do, 16. Okt. 2008 20 Uhr

Philharmonie

Fr, 17. Okt. 2008 20 Uhr

Philharmonie

Sa, 18. Okt. 2008 20 Uhr

Philharmonie

Live-Übertragung

Über die Musik

Ein künstlerisches Liebesbekenntnis

Liebersons Neruda Songs

Kann ein Künstler seiner Geliebten ein schöneres Geschenk machen, als von seiner Liebe inspirierte Kunstwerke zu schaffen und sie ihr zu widmen? Pablo Neruda (1904 – 1973), der berühmteste Dichter Lateinamerikas im 20. Jahrhundert, bedachte Matilde Urrutia mit vielen poetischen Zeugnissen seiner leidenschaftlichen und tiefen Liebe. Der erste Band dieser Gedichte musste allerdings anonym publiziert werden, denn Neruda war verheiratet und führte ein Doppelleben. Als er seine Geliebte 1959 auf Capri das erste Mal heiratete, war nur der Mond Trauzeuge. Sieben Jahre darauf wurden die beiden dann auch offiziell in Chile getraut und blieben bis zu Nerudas Tod zusammen.

Im Sommer 1997 entdeckte der nordamerikanische Komponist Peter Lieberson Nerudas Liebeslyrik. Erst wenige Wochen zuvor hatte er die Sängerin Lorraine Hunt kennengelernt und die beiden hatten sich sofort ineinander verliebt. Am Flughafen fiel Lieberson nun eine Ausgabe von Nerudas dritter Sammlung von Liebesgedichten Cien sonetos de amor (Hundert Liebessonette) ins Auge. Als er die ersten Gedichte las, fühlte er sich so berührt von Nerudas Versen, dass er sogleich beschloss, einige der Sonette für Lorraine zu vertonen: »Die Gedichte waren so leidenschaftlich und schön. Die Worte waren genau die, die ich auch zu Lorraine gesagt hätte«, erinnert er sich.

Zunächst galt es, eine Auswahl aus den 100 Sonetten Nerudas zu treffen, eine nicht ganz einfache Aufgabe. Der Komponist entschied sich schließlich für fünf Gedichte, die jeweils eine andere Phase einer Liebesbeziehung evozieren. Zusammen bilden sie einen Zyklus, der den weiten Bogen von der ersten Verzückung über die Angst vor dem Verlust der Geliebten bis zum vermeintlichen Ende jeder Liebe, dem Tod, spannt. So unterschiedlich die fünf poetischen Liebeserklärungen Nerudas auch sind, sie werden getragen von der Kraft der Liebe, die durch alle Verse hindurch strahlt und den Leser auf stille Weise mitreißt. Das Berührende der zuweilen surrealistisch anklingenden Gedichte liegt gerade darin, dass sie einen an intimsten Gefühlen teilhaben lassen, ohne dass man den Eindruck hätte, in eine Privatsphäre eingedrungen zu sein. Bei Neruda geht die oft in eigenwillige und umso reizvollere Bilder gefasste Liebe immer über das Persönliche hinaus, indem es ins Universelle gewendet wird: »In deiner Umarmung umarme ich das Bestehende, / den Sand, die Zeit, den Baum des Regens / und alles lebt, damit ich lebe: / ohne weit zu laufen, kann ich alles sehen: / In deinem Leben sehe ich alles, was lebt.« Die Intensität der Gedichte rührt sicherlich auch daher, dass Neruda als reifer Liebender schreibt, als Mensch, der weiß, wie nah Liebe und Schmerz, Glück und Verlust manchmal beieinander liegen können. Peter Lieberson hat die Spannung zwischen Allerpersönlichstem und Allgemeingültigem aufgegriffen und noch gesteigert. So sehr man dem Werk anhört, dass jede Note aus Liebe entstand, so wenig kommt man sich als Eindringling in das Privatleben des Komponisten vor; zu deutlich, zu stark ist der universelle Charakter des Zyklus.

Zwar schrieb Lieberson die Neruda-Songs als Liebeserklärung an seine Frau, aber er band sie nicht als Sängerin in seinen Arbeitsprozess ein. Erst am Ende präsentierte er ihr das vollendete Werk – als Geschenk, das man erst dann überreicht, wenn es fertig ist. Durch die gemeinsamen Jahre hatte Lieberson die Stimme seiner Frau allerdings auch derart verinnerlicht, dass er ihren sängerischen Rat nicht mehr konsultieren musste. Überhaupt hatte die Begegnung mit Lorraine Hunt einschneidende Bedeutung für sein Komponieren. »Es war nicht so sehr die ausgebildete Stimme, die mich beeindruckte, als die Seele hinter dieser Stimme«, sagte Lieberson später über ihre erste Begegnung bei den Proben zur Uraufführung seiner Oper Ashoka’s Dream in Santa Fe. Von Anfang an faszinierten ihn Hunts Intuition als Sängerin und ihre große Fähigkeit, Emotionen auszudrücken. Diese Erfahrung schlug sich auch in seinem eigenen Schaffen nieder. Sie wurde für Lieberson zum Wendepunkt, zum Katalysator, der es ihm ermöglichte, die Neruda-Songs zu schreiben als »Kulmination all dessen, was ich immer gehofft hatte, beim Komponieren erreichen zu können«. Plötzlich schien er eine Freiheit des Komponierens gefunden zu haben, die er lange Zeit gesucht hatte: »Der Antrieb zu den Neruda-Songs war meine Liebe zu Lorraine. Das machte es sehr leicht zu komponieren. Ich erlebte schließlich eine Art Durchbruch und konnte sehr spontan schreiben.«

Im spontanen Komponieren konnten auch die verschiedensten musikalischen Einflüsse Liebersons zutage treten. Als Sohn der Ballerina und Choreografin Vera Zorina und des Präsidenten von Columbia Records, Goddard Lieberson, wuchs der 1946 in New York City geborene Komponist mit den verschiedensten Musikrichtungen auf. Jazz von Bill Evans oder Miles Davis gehörte genauso dazu wie My fair Lady oder das klassische Konzertrepertoire. In den Neruda-Songs ist Liebersons musikalisch weiter Horizont klar zu hören. Das vierte Lied »Ya eres mía. Reposa con tu sueño en mi sueño« zum Beispiel wird deutlich geprägt vom bossa nova Rhythmus der Maracas, der Rumba-Rasseln, in Anlehnung an den Vers »Die Nacht schaltet ihre unsichtbaren Räder an«. An anderer Stelle finden sich Anklänge an den Blues, Tango oder Flamenco-Gesang.

Wie alle anderen Komponisten heute sieht sich auch Lieberson der enormen Vielfalt von Möglichkeiten ausgesetzt, aus schier unendlich vielen musikalischen Quellen, Traditionen und Kulturen schöpfen zu können. Nachdem sein Herz als Jugendlicher noch ganz dem Jazz gehört hatte, wandte er sich mit Anfang 20 der zeitgenössischen Musik zu und erhielt an der Columbia und Brandeis University eine gründliche Kompositionsausbildung. Dort gehörte auch Milton Babbitt zu seinen Lehrern, einer der Pioniere der elektronischen Musik. 1976 verließ Lieberson die Ostküste der USA, um eingehend tibetanischen Buddhismus zu studieren und später internationaler Leiter des Shambhala Trainings, einer Meditationsschule, zu werden. Sicherlich hat seine intensive Beschäftigung mit fernöstlichem Denken auch seine Musik wesentlich beeinflusst und ihm eine gewisse Unbefangenheit erlaubt. So gehört Lieberson, der sich erst seit 1994 ausschließlich dem Komponieren widmet, zweifellos zu den zeitgenössischen Komponisten, die nicht an der Speerspitze der Avantgarden stehen wollen, sondern die Traditionen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts aufgreifen und fortzuführen suchen. In den Neruda-Songs setzt Lieberson die Stimme nicht experimentell ein, sondern kostet ihre traditionellen kantablen Qualitäten aus. Dabei ist es kein Zufall, dass die Gestaltung der Gesangspartie zuweilen an Barockarien erinnert, denn Lorraine Hunt war Spezialistin für den vokalen Reichtum dieser Epoche.

Liebersons musikalische Hommage an seine Frau wurde unerwartet zur Abschiedsmusik. Im Jahr der Vollendung und Uraufführung des Werks 2005 erfuhr Lorraine Hunt von ihrer Krebserkrankung, der sie im Juli 2006 im Alter von nur 52 Jahren erlag. Kurz darauf wurde auch bei ihrem Mann Krebs diagnostiziert. Umso ergreifender sind die Neruda-Songs als hohes Lied auf die Liebe, als dankbare Preisung des Wunders der schönsten existentiellen Erfahrung des Menschen. Im letzten Sonett überstrahlen die Hoffnung und die Kraft der Liebe die Trauer und die Macht des Todes. Eine große Versöhnlichkeit mit dem Tod breitet sich aus. Er bedeutet nicht das Ende. Die Liebe überwindet den Tod, denn sie existiert jenseits der irdischen Zeitlichkeit: »Aber diese Liebe, Liebste, ist nicht zu Ende, / und so wie sie keine Geburt hatte, / hat sie keinen Tod. Sie ist wie ein langer Fluss. / Sie wechselt nur Länder und Lippen.«

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