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Berliner Philharmoniker

Tanz-Projekt

Berliner Philharmoniker

Sir Simon Rattle Dirigent

Sasha Waltz

Rodion Schtschedrin

Carmen-Suite

Termine

Fr, 25. Mai 2012 19:30 Uhr

arena berlin in Treptow

Sa, 26. Mai 2012 19:30 Uhr

arena berlin in Treptow

Live-Übertragung

Über die Musik

»Der kreative Prozess soll ein kollektiver Prozess sein.«

Sasha Waltz im Gespräch mit Christine Mast

Christine Mast: Sasha Waltz, zwei Wochen nach Beginn der Proben zu MusicTANZ–Carmen zunächst eine allgemeine Frage: Wie verbinden Sie in diesem Tanzprojekt ihre künstlerischen mit ihren pädagogischen Ansprüchen?

Sasha Waltz: In meiner Arbeit muss immer meine Stimme als Künstlerin sehr stark sein. Ich muss begeistert und inspiriert von einem Projekt sein, auch hier, wo ich natürlich mit einem ungeheuer simplifizierten choreografischen Material arbeiten muss, das für die Schüler noch umsetzbar ist. Das ist unabhängig von meinem Anspruch, gesellschaftlich etwas zu geben. Dieser Anspruch ist für mich ja generell sehr wichtig, und ganz besonders hier, wo ich Jugendlichen etwas vermitteln und auch Wissen weitergeben will. Trotzdem kann die Idealistin in mir niemals ohne die Künstlerin sein, auch wenn mir Education-Arbeit sehr am Herzen liegt: Seitdem wir 2006 ins RADIALSYSTEM V gezogen sind, mache ich mit meinem Ensemble Jugendarbeit, außerdem bin ich Schirmherrin von TanzZeit, der Tanz-Initiative für Schulen. Zuvor hatte ich in der Schule meines Sohnes angefangen zu unterrichten – er war damals 5 oder 6 –, weil ich den Kindern etwas von mir mitgeben wollte. Bei diesem Projekt nun war es mir von Anfang an wichtig, dass ich es auch als eine Art »Education-Projekt« für meine Tänzer entwickeln kann. Davide und Mata unterrichten schon seit längerem, aber auch die anderen sollen diesen Schritt hinein in die Vermittlungsarbeit gehen. Durch das Gruppenprinzip, nach dem wir mit den Schülern an Carmen arbeiten, haben beide einen Vorteil: Meine Tänzer erfahren in der Gruppe Unterstützung bei ihrer pädagogischen Arbeit, und die Schüler haben durch den Unterrichtsschlüssel 1:5, also 1 Tänzer auf fünf Schüler, einen sehr persönlichen Kontakt zu meinen Tänzern. So entstehen Identifikationen, ganz anders als etwa beim Frontalunterricht. Ich verfolge und propagiere in meiner ganzen Arbeit, dass der kreative Prozess ein kollektiver Prozess sein soll, ein Austausch: Dieses Prinzip will ich den Schülern auch vermitteln. Natürlich, schon weil unsere Gesamtprobenzeit so extrem kurz ist, müssen manche Schritte und Bewegungen auch einfach gelernt werden. Das ist o.k. für mich, solange die Balance zwischen Vorproduziertem und dem, was die Schüler selbst entwickeln, gewahrt bleibt. Jetzt gibt es einerseits fix choreografierte Teile, und auf der anderen Seite gibt es szenische Gruppenaktionen, die sehr frei gestaltet werden, und es gibt Duette, Soli, Trios, die alle individuell sein können.

C. M.: Wie begegnen Sie und Ihre Tänzer der Gefahr, dass im Hinblick etwa auf die Soli ein Konkurrenzdenken unter den Schülern den kollektiven Prozess stören könnte?

S. W.: Zum einen hoffe ich, dass es sich so entwickeln wird, dass am Ende alle auch Duette haben. Außerdem werden die Figuren ja multipliziert: Es wird nicht nur eine Carmen geben, die dann als »Star« das Stück spielt. Eigentlich ist es nur in Schtschedrins Carmen-Suite so, dass alles auf die Primaballerina hindressiert ist, Bizets Oper ist im Vergleich dazu viel eher ein Gesellschaftsstück. Bei uns wird Micaëlas Solo zu Beginn verzehnfacht, das sehe ich dann aber nicht als Zehnergruppe, denn die Mädchen stellen sich in der Vereinzelung dar, man sieht also die unterschiedlichen Facetten und Interpretationsmöglichkeiten dieser einen Figur. Wer wen darstellt – ich denke, dass sich das ganz organisch entwickeln wird. Die einen »sind« vom Typus, von den Bewegungen her eher Micaëla, die anderen »sind« eher Carmen, bei den Männerrollen ist es ähnlich. Bei unserer Tänzergruppe habe ich die Rollen während der Vorbereitungen auch nicht festgelegt, wir haben alle gemeinsam an Carmen, an Micaëla, Don José und Escamillo gearbeitet, um alle Charaktere zu entwickeln und zu verstehen. In meiner Arbeit geht es mir immer um die Frage: Was steckt in dem einzelnen Menschen? Das will ich beobachten und herausarbeiten. Und genau das versuche ich auch mit den Schülern. Sie sind in diesem Fall ja unsere Partner, also Gleiche, sie tragen als Interpreten und Künstler dieses Stück. Das heißt, wir gehen an einzelnen Stellen auch einmal einen anderen Weg, wenn die Bedürfnisse der Schüler anders sind als erwartet.

C. M.: Kommen Sie mit Ihrer Entscheidung, die Handlung in die Gegenwart zu verlegen, ebenfalls den Bedürfnissen der Schüler entgegen?

S. W.: Diese Übertragung ins Jetzt im Gegensatz zu irgendeiner Art von Folklore kam nicht zuletzt aus der Beobachtung, womit sich diese Jugend beschäftigt. Natürlich beobachte ich auch meine beiden Kinder. Da bin ich neugierig, ich finde es spannend, wie sie denken, was sie sich ansehen. Ich mache ja beispielsweise keinen Streetdance, keinen Hip-Hop, ich beobachte das nur bei meinem Sohn. Er vermittelt mir das Vokabular. Ich habe vor, einige Elemente daraus auch hier in das Projekt aufzunehmen, etwa die Battles, die es im Streetdance gibt und die eigentlich aus dem Folkdance kommen: Es wird ein Kreis gebildet, und in der Mitte findet etwas statt, mit ein oder zwei Paaren, die werden von außen angefeuert. In Afrika oder in der Karibik kann man diese Form auch finden – und die Habanera ist ja im Grunde nichts anderes. Mal sehen, so genau kann ich das im Moment noch nicht sagen. Andererseits resultierte diese Ästhetik, die sich auf die Straßen von Berlin im Jahr 2012 bezieht, auch aus meiner Überlegung, wie ich die arena Berlin bespielen kann – ich bespiele ja nicht frontal, sondern lasse unterschiedliche Blickachsen entstehen, quasi eine Baustellensituation. Und wir übertragen die Handlung auch, um zu verdeutlichen, dass sich diese Beziehungen wiederholen. In den Aufsätzen, die von den Schülern zur Carmen-Thematik geschrieben wurden, konnte man gut erkennen, wie leicht sich die Handlung in jede Zeit verpflanzen lässt. Die haben so viele Ideen dazu, da kommt so wahnsinnig viel Feedback!

C. M.: Knüpfen Sie mit Ihrer Choreografie zu MusicTANZ–Carmen auch bewusst an frühere Choreografien von Sasha Waltz & Guests an?

S. W.: Carmen ist eine wichtige Frauenfigur, und ich habe viele Choreografien erarbeitet, in denen es um Frauen geht – Medea oder Dido etwa, und meine neuen Werke sind alles sozusagen »Frauenstücke«. Insofern ist auch die Carmen für mich eine wichtige Rolle. Konkreter habe ich mich für das Carmen-Projekt zurückgewandt in Richtung auf Zweiland von 1997. Zweiland spielt ebenso wie Carmen auf der Straße, ist also ein Stück Berlin, und auch mit den Requisiten – Getränkekisten, Fahrräder, Container, Bauabsperrungen – beziehe ich mich auf die Straße. Dadurch entsteht eine andere, erzählerische Ebene, und das macht mir hier auch Spaß. Trotzdem würde ich dieses Projekt vom choreografischen Ansatz her eher als eine Art Zwischenspiel betrachten.

C. M.: Was sollen die Schüler von der gemeinsamen Arbeit an MusicTANZ – Carmen mitnehmen?

S. W.: Freude, sicher, aber auch ein intensives Gemeinschaftsgefühl. Jeder soll seinen eigenen Weg gegangen sein, jeder soll die Möglichkeit gehabt haben, sich selbst auszudrücken, aber eben getragen von der Gruppe, mit der Möglichkeit zu vertrauen und sich verletzlich fühlen zu dürfen. Natürlich ist es auch gut, wenn sie sehen, wie weit sie gekommen sind, wie viel Choreografie sie gelernt haben. Aber ich glaube, es geht vor allem darum, dass sie ihren Körper neu spüren, dass sie sehen, was Tanz alles zu sein vermag, dass man aus allem etwas schaffen kann. Vielleicht sind sie nun aufmerksamer gegenüber ihrer Umwelt, aus der Erfahrung heraus, dass man überall jede Gegenwart in eine künstlerische Sprache umsetzen kann. Wichtig ist mir auch, dass sie ein neues Gefühl für Raum entwickeln, also eine intensivere Wahrnehmung nach innen und nach außen. Das wäre schön.

Bei diesem Projekt nun war es mir von Anfang an wichtig, dass ich es auch als eine Art »Education-Projekt« für meine Tänzer entwickeln kann.

In meiner Arbeit geht es mir immer um die Frage: Was steckt in dem einzelnen Menschen? Das will ich beobachten und herausarbeiten.

In den Aufsätzen, die von den Schülern zur Carmen-Thematik geschrieben wurden, konnte man gut erkennen, wie leicht sich die Handlung in jede Zeit verpflanzen lässt.

Es geht vor allem darum, dass die Kinder und Jugendlichen ihren Körper neu spüren, dass sie sehen, was Tanz alles zu sein vermag, dass man aus allem etwas schaffen kann.

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