Zum Spielplan 2011/2012

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Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker

Sir Simon Rattle Dirigent

Claude Debussy

Prélude à l'après-midi d'un faune

Antonín Dvořák

Das goldene Spinnrad op. 109

Arnold Schönberg

Verklärte Nacht op. 4 (2. Fassung für Streichorchester von 1943)

Edward Elgar

Enigma, Variations on an Original Theme op. 36

Termine

Di, 14. Feb. 2012 20 Uhr

Philharmonie

Mi, 15. Feb. 2012 20 Uhr

Philharmonie

Do, 16. Feb. 2012 20 Uhr

Philharmonie

Live-Übertragung

Über die Musik

Märchen, Mythen und ihre musikalische Umformung

Werke von Dvořák, Schönberg, Debussy und Elgar

Immer wieder aufs Neue erstaunt beim Lesen von Märchen, Sagen und Legenden die ihnen innenwohnende symbolische und sogar tiefenpsychologische Substanz. Allein deswegen ist es nur natürlich, dass Vertreter aus anderen Künsten durch diese interpretationsoffenen literarischen Gebilde dauerhaft angeregt wurden, was unter anderem auch auf Karel Jaromír Erben zutrifft: Der tschechische Lyriker ließ sich zu Balladen und Gedichten inspirieren, die er dann in seiner berühmten Gedichtsammlung Kytice –Blumenstrauß nationaler Sagen veröffentlichte. Wiederum von diesen Balladen und Gedichten fasziniert, komponierte Antonín Dvořák in den Jahren 1896/1897 unter den Opusnummern 107 bis 111 einen Zyklus aus fünf Symphonischen Dichtungen: Der Wassermann, Die Mittagshexe, Das goldene Spinnrad, Die Waldtaube und Heldenlied.

All diese Kompositionen entfalten sich aus nur einem thematischen Kern; meist handelt es sich um ein knapp gefasstes Bewegungsmotiv. Die monothematische Anlage nimmt in Kombination mit ihrer farbenreichen Harmonik und dem irregulären (der tschechischen Volksmusik eingeschriebenen) Metrum so manches Klanggebilde vorweg, das uns später bei Leoš Janáček begegnen wird. Und so ist es nicht allzu kühn, zu behaupten, dass Dvořáks Symphonische Dichtungen geradewegs zur Tonsprache des 20. Jahrhunderts hinführen. In einem Brief an Hans Richter vom August 1896 schreibt Dvořák: »Es sind drei selbstständige Werke, jedes für sich kann allein aufgeführt werden. […] Das Goldene Spinnrad ist das längste und spielt ungefähr eine halbe Stunde. [...] Die Stücke sind mehr im Volkston gehalten – manchmal kommt das dramatische Element stark hervor. Es sind Balladen und in jedem Stück sind drei bis vier Personen, welche ich zu charakterisieren bemüht war. Zu jedem Stück wird aus dem Gedicht ein Extrakt (in Prosa) vorliegen, damit es dem Publikum verständlich wird.« Es ist genau dieser Ansatz, mit dem es Dvořák gelingt, die Balladen in klingender Gestalt nachzuerzählen und sie gleichzeitig zu interpretieren. Das kompositorische Verfahren, dessen er sich dabei bediente, wurde vom amerikanischen Musikologen Gerald Abraham als »verbal inspiration« bezeichnet und von Leoš Janáček unter dem Begriff der »Sprechmelodie« weitergeführt. Bei Dvořák bestimmten vor allem das Textmetrum der Verse Erbens und die Art ihrer Deklamation die Motiv- und Themenerfindung. Man darf deswegen ein Wort Klaus Döges aufgreifen, der den Komponisten einmal als einen »dichtenden Symphonisten« bezeichnete.

Liebe in Zeiten von Rittern und Königen

Wie richtig er damit liegt, zeigt sich schon zu Beginn des Goldenen Spinnrads. In den Hörnern ertönt das F-Dur-Jagdmotiv des jungen Königs; es steht für die höfisch-ritterliche Welt. Anschließend folgt ein lyrisches (zwischen a-Moll und A-Dur changierendes) Liebes-Thema, das vom Englischhorn eingeführt und dann von den ersten Violinen übernommen wird. Innerhalb dieser musikalischen Phrase trifft der König auf seiner Rast im Wald das schöne Dorchen. Und so sehr ist er von dem jungen Mädchen verzaubert, dass er bereits 50 Takte danach um ihre Hand anhält. Da Dorchens Stiefmutter und Stiefschwester aber erst am kommenden Tag zurückkehren, ist der König gezwungen, seinen Antrag zu wiederholen. Hörnerklänge begleiten seinen Befehl an die böse Alte, die zukünftige Braut auf die Königsburg zu bringen. Begeistert ist die Alte allerdings nicht, was die Klarinetten deutlich zum Ausdruck bringen. Dennoch: Im folgenden Andante brechen die drei Frauen auf. Die tiefen, in Moll gehaltenen Streicherklänge jedoch lassen nichts Gutes ahnen. Und tatsächlich werden dem armen Dorchen Arme und Beine abgehackt und die Augen ausgestochen. Den grässlich geschändeten Leib lassen die beiden Mörderinnen im Wald zurück, die abgehackten Gliedmaßen nehmen sie mit und ziehen weiter zum Schloss. Getäuscht von der Ähnlichkeit zwischen den beiden Stiefschwestern, lässt sich der König blenden, heiratet die falsche Frau und lädt zum siebentägigen Hochzeitsfest ein. Aber die Freude dauert nicht lange an. Für einen Feldzug muss sich der Potentat verabschieden. In dieses Adagio von Liebe und Abschied mischt sich die leise klagende Cello-Elegie Dorchens. Vor seiner Abreise bittet der König seine ihm frisch angetraute Gattin, fleißig zu spinnen; dann geht er.

Währenddessen findet ein wundertätiger Greis Dorchens Körper im Wald. Er schickt seinen jungen Burschen mit einem goldenen Spinnrad ins Schloss und befiehlt ihm, dafür zwei Beine zu verlangen. Dann soll er für eine goldene Spindel zwei Hände und schließlich für eine goldene Kunkel (das ist die stabförmige Halterung, an der beim Spinnen die noch unversponnene Faser befestigt ist) ein Augenpaar eintauschen. Die falsche Königin giert nach dem güldenen Reichtum und willigt in den Tauschhandel ein. Mit einem Zauberwasser fügt der Greis den Leib des Opfers wieder zusammen, heilt die Augen und lässt Dorchens Herz wieder schlagen. Musikalisiert ist diese Rückkehr ins Leben durch das Englischhorn-Motiv vom Anfang der Symphonischen Dichtung.

Wieder erschallt der Hörnerklang: Der König kehrt siegreich aus der Schlacht zurück und fordert seine falsche Frau auf, sich an das goldene Spinnrad zu setzen und zu spinnen. Als es sich dreht, (symbolisiert durch ein sich dreimal wiederholendes Flötenmotiv) erklingt ein Lied, das von der frevelhaften Tat erzählt. Der entsetzte König eilt in den Wald und findet dort sein echtes Dorchen – lebendig und gesund. Erneut erklingt nun das bereits bekannte Liebesmotiv, jedoch in leidenschaftlich gesteigerter Form. In der anschließenden triumphalen Apotheose verzichtet Dvořák auf eine Vertonung der blutigen Details des Märchens (dort werden die beiden Mörderinnen von Wölfen in Stücke gerissen), um sich in strahlendem Dur ausschließlich der glücklichen Vereinigung der Liebenden zu widmen.

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Liebe in Zeiten des wilheminischen Deutschlands

Das wegweisende Schaffen Dvořáks hat selbstredend auch auf Komponisten der jüngeren Generation einen Einfluss ausgeübt. Wie zum Beispiel auf den jungen Arnold Schönberg, in dessen Frühwerk sich so manche Anspielung an den tschechischen Kollegen findet. In Schönbergs D-Dur-Streichquartett von 1897 etwa ist in den Ecksätzen eine konkrete Bezugnahme auf bestimmte Kammermusikwerke Dvořáks deutlich erkennbar – und das nicht nur im Bereich der Satztechnik, sondern, so Rainer Boestfleisch, auch in der Ausformulierung der Motive. Nach 1897 verliert der Einfluss Dvořáks auf Schönberg dann sein Gewicht. Und schon in seinem nächsten großen Kammermusikwerk von 1899 ist davon nichts mehr zu hören – das Streichsextett Verklärte Nacht op. 4 kann als ein musikalisches Abbild der geistigen Strömungen dieses ausgehenden Jahrhunderts gelten. Stattdessen versucht Schönberg, Programmmusik, die bisher dem Orchesterapparat überantwortet war, auf ein Kammerensemble zu übertragen, genauer: auf sechs Streichinstrumente. Mit anderen Worten: Die Idee der Symphonischen Dichtung wird in den intimeren Klangraum der solistischen Kammermusik übernommen – wobei Schönberg den Klangreichtum des Sextetts dem einer Streichquartett-Version vorzieht.

Das einsätzige Werk besteht aus fünf Teilen, die Schönberg in seiner Partitur durch Pausen oder dynamische, agogische und tonartliche Kontraste voneinander abgehoben hat. Generell steht in der Verbindung zwischen adäquater musikalischer Formulierung und erzählten Stimmungsbildern die Leitmotivtechnik Wagners Pate, während die Behandlung der Themen und ihre Umformung an Johannes Brahms erinnern; Schönberg nennt dies »entwickelnde Variation«. Zugrunde liegt dem Streichsextett das Gedicht Verklärte Nacht von Richard Dehmel aus der 1896 publizierten Sammlung Weib und Welt, das den nächtlichen Spaziergang zweier Liebender beschreibt. Die Frau, gesteht ihrem Geliebten, dass sie ein Kind von einem anderen Mann erwarte. Doch der lässt sie nicht fallen, sondern bietet sich als Vater und Gatte an. »Er fasst sie um die starken Hüften. / Ihr Atem küsst sich in den Lüften. Zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.«

Die beiden befreien sich in ihrer Liebe zueinander von jeder Norm und Konvention. Darin sind sie einem anderen, weit berühmteren Liebespaar keineswegs unähnlich: Tristan und Isolde. Die Absage an die Moralvorstellungen des wilhelminischen Deutschlands wird in diesem Werk genauso thematisiert wie die Größe der Natur, die nicht nach menschlichen Maßstäben fragt, sondern ihre eigenen Gesetze hat. In seiner Lesart des Gedichts geht es Schönberg um das utopische Einswerden zweier Prinzipien: dem Verhältnis von Mensch und Natur sowie dem zwischen Mann und Frau. Die Nacht, so ließe sich sagen, umhüllt die Schwierigkeiten der beiden Liebenden. Sie lösen sich vom erdgebundenen Geschehen, von dramatischen Erlebnissen und trostreichem Zuspruch, um in pantheistischer Verbindung eins zu werden mit der Natur. So wird, wie Schönberg schrieb, »diese Nacht der Tragödie in eine verklärte Nacht verwandelt«.

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Sinnliche Träume eines ermatteten Fauns

Dass die meisten Komponisten sich gerade am Anfang ihres schöpferischen Tuns an Vorbildern orientieren, ist absolut nachvollziehbar – und gilt auch für einen ästhetischen Solitär wie Claude Debussy. 1887, von einem dreijährigen Rom-Aufenthalt nach Paris zurückgekehrt, gestattet sich Debussy in den beiden folgenden Jahren sommerliche Aufenthalte bei den Bayreuther Festspielen. Die dort begonnene Auseinandersetzung mit Richard Wagner wird bis zu seinem Tod nicht mehr abreißen. Das wichtigste Werk dieser Periode ist zweifelsohne das Prélude à l'après-midi d'un faune, mit dessen Komposition Debussy 1892 begonnen hat. Ein Jahr später kündigt er es als Vorspiel zu einem dreisätzigen Orchesterwerk an. Daraus wird aber nichts, das Prélude bleibt Einzelstück. Am 22. Dezember 1894 findet die Uraufführung unter der Leitung von Gustave Doret statt – zunächst gegen einige Widerstände im Orchester, dann aber doch mit großem Erfolg. Im Programmheft äußert sich der Komponist zur Idee des Werks: »Die Musik dieses Vorspiels ist eine sehr freie Erläuterung des schönen Gedichts von Stéphane Mallarmé. Sie zielt keineswegs ab auf dessen Zusammenfassung. Es sind dies vielmehr die aufeinanderfolgenden Bildhintergründe, worin die Wünsche und Träume des Fauns in der Glut jenes Nachmittags sich bewegen. Müde, die schamhafte Flucht der Nymphen und Najaden zu verfolgen, überlässt er sich dann trunkenem Schlummer, erfüllt von endlich verwirklichten Wunschträumen von völligem Besitz inmitten allumfassender Natur.«

So weit Debussy. Das Besondere an seinem Prélude à l'après-midi d'un faune ist, dass sich in diesem Werk Neues und Altes kaum mehr auseinanderhalten lassen. Unverkennbar ist der Einfluss Wagners, insbesondere in der harmonischen Struktur. Gerade im Mittelteil besticht das Thema durch seinen leittönigen Charakter und durch das Aufheben der Trennung von Ober- und Begleitstimme innerhalb des traditionellen Satzbildes. Das erste Thema wiederum formuliert Debussy aus dem Geist des komplementären Dreitakts. Dieser besteht, Albert Jakobik zufolge, aus der Folge der Tonarten E-Dur und cis-Moll als Setzungsfarbe, einem offenen Klang mit dem Tritonus e–ais sowie aus der komplementären Gegenfarbe B-Dur. Die Folge: Alles schwebt in diesem Anfangsteil, alles verwischt und ist in Melodie und Akkord nicht mehr klar zu definieren. »Ich wünschte der Musik eine Freiheit, die ihr vielleicht mehr als einer anderen Kunst gemäß ist, da sie nicht mehr auf eine mehr oder minder genaue Nachahmung der Natur beschränkt ist, sondern auf die geheimnisvollen Beziehungen zwischen der Natur und der Fantasie zielt.« (Claude Debussy)

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Musikalische Porträts besonderer Freunde

Sucht man im Œuvre Edward Elgars nach Parallelen zu den Kompositionen Debussys, wird man nicht viele finden. Über einige fantasievolle Umwege bietet aber immerhin der Name Richard Wagner eine Klammer. Denn eben jener Dirigent, der 1876 bei den Bayreuther Festspielen den gesamten Ring des Nibelungen dirigierte, verhalf auch den Variations on an Original Themeop. 36(so der Originaltitel der bekannten EnigmaVariations) des englischen Komponisten zum Durchbruch. Am 19. Juni 1899 leitet Hans Richter in der Londoner St. James’s Hall die Uraufführung der Enigma Variationen. Gewidmet sind sie »my friends pictured within«, was der Komponist in einem Brief näher erläutert: »Die Variationen haben mir Spaß gemacht, weil ich sie mit dem Spitznamen einiger besonderer Freunde überschrieben habe.[...] Das heißt, ich habe die Variationen jeweils so geschrieben, dass ich die Stimmung des oder der ›Beteiligten‹ darstelle. Ich habe mir dabei einfach versucht vorzustellen, wie der, bzw. die ›Beteiligte‹ die Variation geschrieben hätte – wenn er oder sie dumm genug wäre, zu komponieren – es ist ein kurioser Einfall, und das Ergebnis ist für die hinter den Kulissen amüsant genug und wird auch den Hörer nicht stören, der davon nichts weiß.«

Den 14 Variationen kommt mit ihrer klanglichen Schönheit und formalen Meisterschaft innerhalb der englischen Musikgeschichte eine bahnbrechende Bedeutung zu. Über das Thema selbst sagte der Komponist, es stelle »die Einsamkeit des schöpferischen Künstlers« dar. Die fallenden Terzen und Septimen in seinem g-Moll-Abschnitt ziehen sich ebenso wie die absteigenden Quarten und Quinten des G-Dur-Teils trotz aller charakterlichen Verschiedenheit durch das ganze Werk und können deutlich als die Signatur ihres Schöpfers gelten. Dennoch sollte man das Werk keinesfalls in melancholischen Stimmungen verorten. Vielmehr ist es die Mischung aus derbem englischem und leichtem Humor, die, gespickt mit lyrischer Fantasie, dieser Musik ihr unnachahmliches Signum verleiht.

Christine Mellich

Dvořák gelingt es, die Ballade Erbens in klingender Gestalt nachzuerzählen und sie gleichzeitig zu interpretieren.

In der triumphalen Apotheose widmet sich Dvořák in strahlendem Dur ausschließlich der glücklichen Vereinigung der Liebenden.

Das Streichsextett Verklärte Nacht op. 4 kann als ein musikalisches Abbild der geistigen Strömungen dieses ausgehenden Jahrhunderts gelten.

In seiner Lesart des Gedichts geht es Schönberg um das utopische Einswerden zweier Prinzipien: dem Verhältnis von Mensch und Natur sowie dem zwischen Mann und Frau.

»Die Musik dieses Vorspiels ist eine sehr freie Erläuterung des schönen Gedichts von Stéphane Mallarmé. Sie zielt keineswegs ab auf dessen Zusammenfassung.«

Claude Debussy

Elgar widmete seine Enigma Variationen »my friends pictured within«.

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