Berliner Philharmoniker

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Kammermusik

Anne Sofie von Otter Mezzosopran

Bengt Forsberg Klavier

Daniel Hope Violine

Bebe Risenfors Akkordeon, Gitarre, Kontrabass

Ich wandre durch Theresienstadt

Werke von Ilse Weber, Karel Švenk, Karel Berman, Robert Dauber, Emmerich Kálmán, Erwin Schulhoff, Carlo Sigmund Taube, Pavel Haas und Viktor Ullmann

Termine

Mi, 07. Okt. 2009 20 Uhr

Kammermusiksaal

Über die Musik

Ein Festungswall umschließt den Ort. Weder Tür noch Tor, um als freier Mensch wieder hinauszugehen. Wer diese Stätte verlässt, ist Teil eines »Transports« in Richtung Osten, nach Treblinka, nach Auschwitz, in den Tod. Auf den Straßen abgehärmte Männer und Frauen, Kinder, Alte, dazwischen Kolonnen von Arbeitssklaven und von Menschenhand gezogene Leichenwagen. Und das alles auf engstem Raum. 58.491 Personen wurden am 18. September 1942 im von der SS geleiteten Konzentrationslager Theresienstadt gezählt – unfassbar! Dabei waren die wenigen Küchen nur auf die Versorgung von höchstens 10.000 Menschen ausgerichtet. Doch auch die Wohnverhältnisse, so weit man überhaupt davon sprechen kann, waren unvorstellbar. In völlig überfüllten Kasernen mit viel zu wenigen Sanitär-Einrichtungen hatte die SS die Menschen auf das Unwürdigste zusammengepfercht.

Ilse Weber, die 1942 nach Theresienstadt deportiert worden war, schildert diese Situation so: »Einst waren hier Soldaten, und erst später / bezogen wir die siebzig Zentimeter, / uns zugedacht als unsern Lebensraum. / Tausend Soldaten einst, die Zeit ist ferne, / fünftausend sind wir jetzt in der Kaserne / und für uns alle grünt ein einzger Baum.« Für viele kam die Einweisung nach Theresienstadt einem Todesurteil gleich. Von den ca. 141.000 in den Jahren 1941 bis 1945 Verschleppten starben bereits dort 34.261. Annähernd 100.000 Internierte, darunter 15.000 Kinder, wurden in Vernichtungslagern auf polnischem Gebiet und von Oktober 1942 an ausschließlich in Auschwitz ermordet. Nur 17.515 Menschen überlebten die Hölle von Theresienstadt und wurden am 8. Mai 1945 durch die Rote Armee befreit.

1780 hatte Kaiser Joseph II. in Nordböhmen, nahe der Eger-Mündung in die Elbe, die Festung Theresienstadt (tschechisch: Terezín) gegründet. Ab 1882 nur noch eine Garnisonsstadt mit ca. 4.000 Einwohnern, diente die »Kleine Festung« von November 1941 bis Mai 1945 den Nationalsozialisten als Konzentrationslager. Nachdem die so genannte Rest-Tschechei als »Protektorat Böhmen und Mähren« am 15. März 1939 dem Deutschen Reich angegliedert worden war, galt auch hier die Rassen- und Vernichtungspolitik. Die jüdische Bevölkerung des Protektorats, später aber auch aus anderen westeuropäischen Ländern sowie hoch dekorierte jüdische Teilnehmer am Ersten Weltkrieg und prominente bzw. »privilegierte« Juden aus Deutschland wurden hier ab Anfang 1942 zusammengefasst. Aus diesem so genannten Durchgangsghetto wurden sie nach und nach in die Vernichtungslager des Ostens deportiert und dort ermordet.

Und doch: Auch an diesem gespenstischen Ort gab es Konzerte, Opern-, Operetten- und Theatervorstellungen, Lieder- und Rezitationsabende, Kabarett- und Revueveranstaltungen, wissenschaftliche und theologische Vorträge. Sogar ein »Kaffeehaus« wurde im Dezember 1942 eröffnet, das allerdings mit einem Wiener Kaffeehaus nur den Namen gemeinsam hatte. Hier könnte, vor ungedeckten Tischen, an denen weder Kaffee noch Kuchen serviert wurde, das Terezín-Lied nach der bekannten Melodie »Komm mit nach Varasdin« aus der Kálmán-Operette Gräfin Maritza mit seinem parodistisch verfremdeten Text erklungen sein. Die Vielfalt der Darbietungen war enorm. Immerhin hatten die Nationalsozialisten die künstlerische und geistige Elite des mitteleuropäischen Judentums in das von ihnen zum »jüdischen Siedlungsgebiet« erklärte Theresienstadt deportiert. Für dessen Vertreter wie für viele andere an diesen Ort Verschleppte wurden Kunst und Kultur zu einem Überlebensprinzip.

Anfangs fanden die Veranstaltungen heimlich statt und unter großem Risiko, entdeckt und erschossen zu werden. Man musizierte auf zum Teil grotesken Behelfsinstrumenten und las aus mitgebrachten Büchern vor. Die Übungs- und Probenmöglichkeiten waren äußerst begrenzt. Doch im Februar 1942 bekamen die unter dem zweifelhaften Namen »Freizeitgestaltung« stattfindenden Aktivitäten einen von der SS-Lagerleitung genehmigten Status. Von 1944 an wurde dann ein umfassend-blühendes Kulturleben sogar verordnet, um eine angekündigte Kommission des Internationalen Roten Kreuzes und damit die Weltöffentlichkeit zu täuschen. Eine perfide Aktion zur Aufrechterhaltung der Legende einer »Umsiedlung«, die perfekt gelang. Theresienstadt wurde als »Mustersiedlung« vorgeführt und leider auch wahrgenommen, denn auf den sauber hergerichteten Straßen und Plätzen spielte sich ein ganz »normales« Alltagsleben ab. Diesem Täuschungsmanöver diente auch der im Sommer 1944 unter der erzwungenen Regie des bedeutenden Berliner Schauspielers Kurt Gerron gedrehte Film, der später den Titel Der Führer schenkt den Juden eine Stadt erhielt. Nach Beendigung der Dreharbeiten wurden Gerron und alle am Film Mitwirkenden im Oktober des Jahres in Auschwitz ermordet.

Ilse Weber, die in Mährisch-Ostrau 1903 geborene Hörfunk- und Kinderbuchautorin, gelangte am 6. Februar 1942 mit ihrem Mann und einem der beiden Söhne in einem der ersten Transporte nach Theresienstadt. 1939 war es dem Ehepaar noch gelungen, den älteren Sohn Hanuš zu einer Freundin nach England zu schicken, die ihn nach Schweden mitnahm. In Theresienstadt kam der Sohn Tommy in ein Kinderheim, Willi Weber arbeitete als Gärtner und Ilse als Pflegerin in einem Kinderkrankenhaus. Hier schrieb sie ihre Gedichte. Und, so berichtete sie der Freundin nach Schweden, wenn sie Nachtwache habe, erzähle sie den Kindern vor dem Einschlafen Geschichten und singe zur Gitarre Wiegenlieder wie das Wiegala. Im September 1944 wurde die gesamte Kinderkrankenstube auf die Deportationsliste gesetzt. Ilse meldete sich freiwillig als Begleitung und ging zusammen mit den Kindern in Auschwitz in die Gaskammer. Kurz vor der Deportation vergrub ihr Mann die Blätter mit den Gedichten und Liedtexten im Boden eines Geräteschuppens. Willi Weber überlebte und brachte die Papiere in Sicherheit.

Als »Chaplin von Theresienstadt« ist Karel Švenk, der mit einem so genannten Aufbaukommando bereits Ende 1941 nach Theresienstadt gekommen war, in die Geschichte des Ghettos eingegangen. Dem Prager Dichter, Komponisten und Kabarettisten gelang es mit seinem am 24. Mai 1942 gegründeten Švenk-Kabarett, dem grausigen Geschehen und dem überall lauernden Tod buchstäblich ins Gesicht zu lachen. Gespielt wurde in Mansarden und in Kartoffelschälräumen, in Kellern und im »Kaffeehaus«. Mit Hilfe des Kabaretts, einer der zynisch-komischsten Kunstarten, stärkte das Švenk-Kabarett den inneren Widerstand der Ghettobewohner gegen das unmenschliche SS-Terrorregime. »Švenk war vor allem ein großer Clown. Von nichtintellektueller Herkunft, dort stehend, wo man ihn hinstellte, lächerlich, aber gut, den bösen Gegner durch einen bloßen Blick entwaffnend und demaskierend – das war seine Grundgestalt. Er hatte die großen traurigen schmunzelnden Augen der uralten Schelme, die immer Opfer der Gerissenen und Rücksichtslosen werden, jedoch ob es diesen passt oder nicht – bleiben sie die Überlebenden.« (Norbert Frýd) Zunächst nach Auschwitz deportiert, dann Zwangsarbeiter in Menselwitz bei Leipzig, starb Švenk im Frühjahr 1945 an Erschöpfung.

Der Cellist, Pianist und Komponist Robert Dauber war der Sohn von Adolf Dauber, dem Leiter des in den 1920er-Jahren berühmten Dol-Dauber-Salonorchesters. Robert kam 1942 als 20-jähriger nach Theresienstadt, wo er auch am 23. September 1943 an der legendären Aufführung der Kinderoper Brundibár von Hans Krása mitwirkte. Deportiert in das Konzentrationslager Dachau, starb Dauber dort im März 1945 an Thyphus. Seine Serenade für Violine und Klavier fand sich im Nachlass des Vaters.

Viktor Ullmann, der auch als Musikkritiker einen Namen hatte, gehörte Ende der 1930er-Jahre zu den bestens ausgewiesenen Komponisten. 20-jährig hatte er in Wien an Arnold Schönbergs »Seminar für Komposition« teilgenommen, war dann am von Alexander Zemlinsky geleiteten Neuen Deutschen Theater in Prag u. a. als Kapellmeister tätig geworden und hatte sich 1929 in Genf beim Musikfest der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) erfolgreich als Komponist bewährt. Am 31. Juli 1931 trat er in die Anthroposophische Gesellschaft ein und erwarb in Stuttgart eine der anthroposophischen »Goetheanum-Bücherstuben«. Nach einem finanziellen Desaster 1933 zurück in Prag, lebte er dort freischaffend als Kritiker und Komponist. Als österreichischer Staatsbürger konnte sich Ullmann 1938 noch einmal in London an einem IGNM-Fest beteiligen, ehe sein Pass für »ungültig« erklärt und er am 8. September 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Noch ein Jahr zuvor waren die harmonisch kühnen, melodisch impressionistischen und durchaus glutvollen Labé-Lieder op. 34 entstanden. Die autograf erhaltenen Drei jiddischen Lieder op. 53 dagegen komponierte Ullmann 1944 im Ghetto, wo er seine jüdischen Wurzeln neu entdeckte. Wie zahlreiche andere Geistesschaffende beteiligte auch er sich am Theresienstädter Vortragsprogramm, z. B. mit dem Essay Goethe und Ghetto. In ihm heißt es: »Hier, wo man auch im täglichen Leben den Stoff durch die Form zu überwinden hat, wo alles Musische in vollem Gegensatz zur Umwelt steht: Hier ist die wahre Meisterschule, wenn man mit Schiller das Geheimnis des Kunstwerks darin sieht, den Stoff durch die Form zu vertilgen.« Ullmann wurde am 16. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und dort zwei Tage später ermordet.

Die Violinsonate Nr. 2 WV 91 von Erwin Schulhoff erlebte ihre Uraufführung am 7. April 1929 beim IGNM-Fest in Genf durch den Geiger Richard Zika und den Komponisten am Klavier. Wie Schulhoffs im selben Jahr entstandene Sonate für Violine solo WV 83 fand auch dieses Werk allseits große Anerkennung. Es sei, schrieb Alfred Einstein am 12. April 1929 im Berliner Abendblatt, »ein Werk, das man nur mit höchster Achtung nennen kann. […] nur dass zum Sonatenmäßigen noch die Brillanz, etwas Zigeunerhaftes, tritt; Schulhoff hat etwas so Ausgeglichenes, Sicheres, bei aller Festigkeit Persönliches noch kaum geschrieben.« Dass der in Prag Geborene sich zu Beginn seines Schaffens an den Werken von Debussy und Strauss orientierte, zeigen seine 1913 komponierten impressionistischen Drei Stimmungsbilder, von denen zwei heute Abend zu hören sind. Nachdem sich Schulhoff 1919 der Dada-Bewegung angeschlossen hatte, initiierte er in Dresden die Fortschrittskonzerte. Dabei leitete ihn die Überzeugung, dass »die Kunst an sich Ausdruck gesteigerter menschlicher Sehnsucht, das Kunstwerk als solches die Explosion eines gesteigerten Empfindens« sei. Zunehmend erfolgreich als Konzertpianist und Komponist, kehrte er 1929 nach Prag zurück. Nach Hitlers Machtantritt 1933 sympathisierte Schulhoff mit der sowjetischen Kulturpolitik und dem von ihr propagierten Sozialistischen Realismus. Am 13. Juni 1941 wurde er sowjetischer Staatsbürger, daraufhin wenig später als »feindlicher Ausländer« inhaftiert und in das Konzertrationslager Wülzburg (Bayern) überführt. Hier starb Schulhoff am 18. August 1942 an Tuberkulose.

Zu den Bewohnern des Ghettos Theresienstadt gehörte seit Anfang 1943 auch der Janá?ek-Schüler Pavel Haas. Seinem Lehrer hat er die Hinwendung zum mährischen Volkslied zu verdanken. Allerdings verarbeitete er die Anregungen eigenständig und entwickelte sie weiter. Das vermitteln z. B. die Sieben Lieder im Volkston op. 18, von denen fünf in diesem Konzert erklingen. Sie sind 1940 entstanden, nach dem Einmarsch der Deutschen in Prag im März 1939. Damals wurde das Volkslied für Haas zu einem geistigen Hort des Widerstandes. Modale Melodik, einfallsreiche Rhythmik und aparte Akzentverschiebungen verweisen auf die mährische Folklore. Dass solche Eigenheiten den Personalstil von Haas prägen, beweist der zweite Satz aus der 1935 entstandenen Klaviersuite op. 13, eine seiner erfolgsreichsten Kompositionen. Im Oktober 1944 kam Haas in den Gaskammern von Auschwitz um.

Anfang 1944 lernte Pavel Haas den im März 1943 nach Theresienstadt deportierten Karel Berman kennen. Dieser beteiligte sich äußerst aktiv als Sänger, Klavierbegleiter, Dirigent und Komponist an der »Freizeitgestaltung« im Ghetto. Als beispielsweise Viktor Ullmann in seinem »Studio für neue Musik« junge Komponisten vorstellte, war auch der Name von Karel Berman als Autor des Stücks Poupata (Knospen) darunter. Und als eine der letzten Kompositionen von Pavel Haas, die Vier Lieder nach Worten chinesischer Prosa am 22. Juni 1944 uraufgeführt wurden, übernahm der Widmungsträger Karel Berman die Gesangspartie. »Bis zu diesem Tag Geselle«, schrieb Viktor Ullmann in seiner begeisterten Kritik, habe Berman »nun […] sein Meisterstück geliefert.« Bermans Klaviersuite 1938 – 1945 Reminiscences beschreibt gleichsam musikalisch seinen Lebenslauf. Denn der vielseitige Künstler gehörte zu den wenigen Überlebenden des Holocausts. Im September 1944 erst nach Auschwitz deportiert, kam er danach in zwei andere Lager, überstand im KZ Kauffering den Typhus und begann nach der Befreiung ein neues Leben als gefeierter Opernsänger in Amerika.

Carlo Sigmund Taube, 1897 in Galizien geboren und nach dem Ersten Weltkrieg ein beliebter Nachtklub-Pianist, war Anfang 1942 gemeinsam mit seiner Frau Erika und einem Kind nach Theresienstadt deportiert worden. Hier erklang zu einem Zeitpunkt, als Konzerte noch heimlich stattfinden mussten, am 16. September 1942 als überhaupt erstes Orchesterwerk im Ghetto Taubes Theresienstädter Symphonie. Auch sie ein autobiografisches Zeugnis, bei dem im dritten Satz seine Frau Erika das zutiefst ergreifende Wiegenlied einer jüdischen Mutter sang. Wenig später gründete Taube die von ihm geleitete Stadtkapelle, die immer wieder im Rahmen der »Freizeitgestaltung« auftrat. Von all’ seinen Kompositionen ist nur das 1942 komponierte Lied Ein jüdisches Kind erhalten geblieben. Zusammen mit Frau und Kind wurde Carlo Sigmund Taube im Herbst 1944 in Auschwitz ermordet.

Die Schöpfer der Werke des heutigen Konzerts haben fast alle Theresienstadt nicht überlebt. Ihre Kompositionen jedoch überbringen eine zeitlose und zugleich ungemein aktuelle Botschaft: Musik jedweden Genres ist in der Lage, die Würde jedes einzelnen Menschen zu erhalten.

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