Berliner Philharmoniker

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Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker

Sir Simon Rattle Dirigent

Dale Duesing Sprecher

Rundfunkchor Berlin

Simon Halsey Einstudierung

Kinderchöre des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums

Jan Olberg Einstudierung

Jonathan Harvey

Weltethos für Sprecher, Chor, Kinderchor und Orchester Uraufführung eines Auftragswerks der Stiftung Weltethos

Termine

Do, 13. Okt. 2011 20 Uhr

Philharmonie

Sa, 15. Okt. 2011 20 Uhr

Philharmonie

Live-Übertragung

Über die Musik

Eine Vision in Musik

Jonathan Harveys Weltethos

»An einem Tag im Jahr 2006«, schrieb Jonathan Harvey rückblickend im ISM Music Journal vom Februar 2010, »erhielt ich einen Anruf von der Intendantin der Berliner Philharmoniker, Pamela Rosenberg. Sie fragte mich, ob ich für das Orchester ein abendfüllendes Werk mit Chor von etwa 90 Minuten Aufführungsdauer schreiben wollte. Ich sagte schnell ja – nur für den Fall, dass sie ihre Meinung ändern würde. Es ginge, fuhr sie fort, um die Idee eines der weltweit bekanntesten Theologen. Dieser war an sie mit einem Projekt herangetreten, das Simon Rattle und dem Orchester sehr gefallen habe, und sie suche nun nach einem geeigneten Komponisten.«

Jener Theologe, der mit seinem Libretto den Anstoß gegeben hatte, war Hans Küng, Initiator und Präsident der 1995 gegründeten Stiftung Weltethos, welche sich zum Ziel gesetzt hat, auf der Basis elementarer ethischer Werte für einen globalen Bewusstseinswandel einzutreten und Frieden zwischen den Religionen zu stiften. »Diese Werte«, so Küng, »finden sich in allen großen religiösen und philosophischen Traditionen der Menschheit. Sie müssen nicht neu erfunden, wohl aber den Menschen neu bewusst gemacht, sie müssen gelebt und weitergegeben werden.« Wichtiges Beispiel hierfür ist die sogenannte »Goldene Regel«, die in allen großen Weltreligionen und -philosophien in unterschiedlichem Wortlaut zu finden ist, und deren Einhaltung von Humanisten wie Immanuel Kant, Henry Dunant, Rosa Luxemburg, Hannah Arendt und Albert Schweitzer bis hin zu Martin Luther King, Nelson Mandela und Yehudi Menuhin stets gefordert wurde: »Tue nicht anderen, was Du nicht willst, dass sie Dir tun« (Rabbi Hillel, Sabbat 31a); in den Worten von Konfuzius lautet sie: »Was Du selbst nicht wünschst, das tue auch nicht anderen Menschen an« (Gespräche 15,23). Dabei schreckte den Tübinger Theologen nicht, dass die Menschheit in der Realität von einem derartigen ethischen und moralischen Handeln weit entfernt ist: »Was wäre die Welt, wenn wir, simpel gesagt, die Zehn Gebote nicht hätten? Was wäre die Welt ohne die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen? Natürlich wird diesen Normen ständig zuwidergehandelt. Das Ethos ist kein Istzustand, es ist ein Sollzustand, trotzdem nicht graue Theorie, sondern eine sehr praktische Sache.«

Dass ausgerechnet Jonathan Harvey mit der Vertonung des visionären Librettos betraut wurde, hat mehrere Gründe. Einerseits war der britische Komponist in Berlin längst kein Unbekannter mehr, da seine Stücke schon seit Jahren bei den Neue-Musik-Festivals der Stadt vertreten waren – u. a. gespielt von den Berliner Philharmonikern, die im September 2006 Harveys Madonna of Winter and Spring für Orchester und Live-Elektronik aufgeführt hatten und zwei Jahre später an der erfolgreichen Premiere der Kantate Messages beteiligt waren, deren Text aus einer Folge von über 100 Engelsnamen besteht. Andererseits war Harvey für ein inhaltlich derart ambitioniertes Projekt insofern besonders geeignet, als er dem »L’art pour l’art« einer mechanistisch nach Zahlenformeln konstruierten Musik von jeher ablehnend gegenüberstand: »Es ist wichtig, dass in der Kunst etwas gespürt wird […], das von großem Wert für die Gesellschaft ist. Stockhausen und Boulez waren Mitte des Jahrhunderts hauptsächlich damit beschäftigt, die Sprache der Musik zu erneuern. Heute geht es um die Suche nach Sinn jenseits der Bedeutung von Klangstrukturen.« Und weiter: »Ich denke, Musik hat eine wichtige Rolle in der Gesellschaft zu spielen, weil sie meiner Meinung nach die spirituellste aller Künste ist.«

Jonathan Harvey, den die britische Musikkritik nicht zu Unrecht als den europäischsten der englischen Gegenwartskomponisten bezeichnet hat, wurde 1939 in Sutton Coldfield in Mittelengland geboren. Als Sängerknabe am St Michael’s College, Tenbury, kam er frühzeitig mit der anglikanischen Kirchenmusiktradition in Berührung, seine ersten Kompositionen entstanden im Alter von sechs Jahren. Nach privatem Klavier- und Violoncellounterricht ging er an das St John’s College in Cambridge, wo er sich intensiv mit der Musik des Mittealters und der Renaissance auseinandersetzte. Anschließend studierte Harvey auf Empfehlung von Benjamin Britten bei dem Schönberg-Schüler Erwin Stein, bevor er seine Lehrzeit bei dem Musikwissenschaftler Hans Keller fortsetzte, der wie Stein vor den Nationalsozialisten nach London geflohen war. 1964 folgte nach einem Postgraduiertenstudium, während dessen Harvey aushilfsweise als Cellist beim BBC Scottish Orchestra tätig war, die Promotion an der Universität Glasgow mit einer Dissertation über psychoakustische Phänomene und musikalische Wahrnehmung.

Angeregt durch das musikalische Denken Karlheinz Stockhausens, mit dem der Komponist 1966 in Darmstadt zusammentraf, sowie weiterführende Studien bei Milton Babbit in Princeton begann sich Harvey dann ab den 1970er-Jahren intensiv mit elektronischer Musik auseinanderzusetzen. 1980 war er einer der ersten Besucher in Pierre Boulez’ Computer-Musikstudio IRCAM (Institut de Recherche et de Coordination Acoustique/Musique), an dem er erstmals ein rein elektronisches Werk komponierte: Mortuos Plango, Vivos Voco für 8-Kanal Tonband, das von Stockhausens Gesang der Jünglinge und dessen spirituellem Denken inspiriert worden war. Zudem beeinflussten Harvey die anthroposophischen Lehren Rudolf Steiners: »Steiner beschreibt, wie wir jede Nacht unbewusst in eine andere Welt gehen, eine Welt, die voller Licht und voller Klänge ist, und Komponisten bringen meiner Meinung nach etwas von dieser Erfahrung zurück, wenn es ihnen gelingt, das Bewusstsein wieder zu erwecken.« Das Erste Streichquartett von 1977 war von Steiners Idee angeregt worden, harmonische Oberschwingungen so übereinanderzuschichten, dass sie »direkt in die Welt des Geistes führen«. (Harvey) Kompositorisch nähert sich das Werk den Techniken der französischen Spektralisten an, die nicht von der strukturellen Ungebundenheit der Atonalität bzw. von einer mathematischen Organisation unterschiedlicher (Ton-)Parameter ausgehen wie die Serialisten, sondern natürliche Oberton-Spektren gegebener Klänge zur Grundlage des kompositorischen Prozesses machen. Hierbei fungiert das harmonische Teiltonspektrum eines Tons als Bezugspunkt maximaler »Konsonanz«, von dem aus, etwa mittels zunehmender Eintrübung durch unharmonische Teiltöne bis hin zum Geräuschhaften, Abweichungen stattfinden: »Man schaut«, so Harvey, »wirklich auf die Struktur von Klängen wie Gott, man schafft wieder mit den Atomen.«

Von 1977 bis 1993 lehrte Harvey an der Universität von Sussex, von 1995 bis 2000 war er Professor an der Stanford University in Kalifornien. Weiterhin hatte er Gastprofessuren am Imperial College London sowie am St John’s College in Cambridge. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Preise, u. a. den Giga-Hertz-Preis für seine elektroakustischen Kompositionen (2007), den Prince Pierre de Monaco Composition Prize (2009) sowie den Charles Cros Grand Prix du Président de la République für sein Lebenswerk (2009).

Mit Weltethos – jenem Stück nach dem gleichnamigen Libretto Hans Küngs, das die Stiftung Weltethos 2006 in Auftrag gegeben hatte – komponierte Harvey in den Jahren 2009 bis 2011 ein groß dimensioniertes Orchesterwerk mit Sprecher, gemischtem Chor, Kinderchor und Orgel, dessen sechs Sätze jeweils verschiedenen religiösen bzw. philosophischen Lehren gewidmet sind: dem Konfuzianismus sowie den fünf großen Weltreligionen Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam. »Der Text von Hans Küng«, so Harvey, »ist formal wie ein gewaltiges Lied mit sechs ähnlichen Strophen angelegt. Jede bildet einen eigenen Satz der Komposition. Alle Sätze werden in der Regel von einem Orchestervorspiel eingeleitet. Anschließend stellt der Sprecher die jeweilige Kultur und ihre zentrale Leit- und Stifterfigur vor und berichtet von den ethischen Grundideen, die diese formuliert hat. Drittens erforschen Chor und Orchester in einem schattenhaften Geflüster einige der Wortklänge des Sprechers. Viertens folgen ergänzende Kommentare des Chors. Fünftens gibt es einen Hauptgesang des Chors, dem eine der bedeutendsten Schriften der jeweiligen Kultur zugrunde liegt. Sechstens folgt der Refrain des Kinderchors, zu dem – wie zu den anderen Teilen auch – das Orchester spielt.« Für die Aufführung des Werks sind zwei Dirigenten erforderlich, da oft verschiedene Tempi parallel gespielt werden müssen: »Das gleichzeitige Erklingen von unterschiedlichen Tempoebenen erschien mir angesichts der vielen Beteiligten auf der Bühne eine logische Konsequenz zu sein.«

Konfuzianismus

»Was Du selbst nicht wünschst, das tue auch nicht anderen Menschen an.«

Konfuzius, Gespräche 15,23

Im ersten, »konfuzianischen« Satz (»Menschlichkeit«), zu dessen Beginn ein leiser Orgelklang allmählich aufgebaut wird, der in eine grundierende Streicherklangfläche mündet, komponierte Harvey eine Musik, »in deren Struktur es zu zahlreichen Spiegelungseffekten kommt, die die musikalischen Theorien des alten China repräsentieren. Der Himmel wurde als ein idealisiertes Spiegelbild der Erde verstanden, und die Musik offenbarte die Harmonie, die zwischen ihnen bestehen könnte. Dies ist eine Musik, die philosophische Gedanken zum Ausdruck bringt und keine persönlichen Leidenschaften, was in sich wiederholenden Spielfiguren und aufwärts gerichteten Passagen in unterschiedlichen, aber aufeinander bezogenen Tempi zum Ausdruck gebracht wird.« Tatsächlich kommt es in dem Satz zu zahlreichen rhythmischen Reflexionen und Imitationen, wobei Terz- und Sextklänge zugunsten von Quarten und Quinten vermieden werden. Auffällig ist die prominente Verwendung von Perkussionsinstrumenten aus Holz: »Holzinstrumente«, so der Komponist, »erschienen mir angemessener als Fellklinger, für deren Herstellung ein Tier getötet werden musste, oder metallene Instrumente, welche an Industrialisierung denken lassen. Holzklinger sind die harmonieträchtigsten Perkussionsinstrumente.«

Nach der Orchestereinleitung und einem Fortissimo-Cluster der Orgel setzt der Sprecher ein, der »senza misura« vom Leben und Wirken des Philosophen Konfuzius erzählt, mit dessen Lehren im 6. Jahrhundert vor Christus die Ära des chinesischen Humanismus eingeleitet wurde. Anschließend zitiert der Chor, nach geflüsterter Reflexion des Gesagten, aus dessen Gesprächen (»Ein Mensch ohne Menschlichkeit, was helfen dem die Riten? Ein Mensch ohne Menschlichkeit, was hilft dem die Musik?«), bevor der sich durch alle Sätze ziehende Refrain des Kinderchors erklingt, der am Ende des Satzes akklamativ fordert: »Lasst uns Menschen menschlich sein!«

Judentum

»Tue nicht anderen, was Du nicht willst, dass sie Dir tun.«

Rabbi Hillel, Sabbat 31a

Der zweite Satz (»Goldene Regel«), welcher der jüdischen Religion gewidmet ist, bezieht sich auf die Geschichte von Moses auf dem Berg Sinai, der in Zwiesprache mit Gott durch die zehn Gebote »die bedeutendsten ethischen Grundsätze« erhielt, »die je verfasst wurden«. Die Musik imitiert den Klang des alten hebräischen Widderhorns Shofar (»Die Blechbläser erklingen in einer Art Raumklang scheinbar ›hinter‹ der Musik« (Harvey); im 19. Kapitel des zweiten Buchs Mose heißt es hierzu: »Als nun der dritte Tag kam und es Morgen war, da erhob sich ein Donnern und Blitzen und eine dicke Wolke auf dem Berge und ein Ton einer sehr starken Posaune; das ganze Volk aber, das im Lager war, erschrak.« Die hier zum Ausdruck kommende Emotionalität steht in deutlichem Gegensatz zur »objektiven« Philosophie Konfuzius’, weshalb sich auch der Charakter der Musik – trotz mancher Reminiszenzen aus dem ersten Satz – ändert, etwa wenn in ausgedehnten Holzbläserglissandi der leidenschaftliche Charakter der traditionellen jüdischen Musik anklingt. Im Zentrum des Satzes steht die »Goldene Regel« des Rabbi Hillel (»Tue nicht anderen, was Du nicht willst, dass sie Dir tun.«), welcher ein Gebot aus dem dritten Buch Mose folgt: »Wie ein Einheimischer aus eurer eigenen Mitte soll Euch der Fremdling gelten, der bei Euch wohnt, und Du sollst ihn lieben wie Dich selbst« (Levitikus 19,34).

Hinduismus

»Man sollte sich gegenüber anderen nicht in einer Weise benehmen, die für einen selbst unangenehm ist; das ist das Wesen der Moral.«

Mahabharata XIII.114.8

Der dritte Satz (»Gewaltlosigkeit«) wurde vom Gott Nataraja inspiriert, in dessen Gestalt Shiva seinen kosmischen Tanz vollführt, der den immerwährenden Prozess von Schöpfung, Zerstörung und Wiedererschaffung des Universums symbolisiert. Von ihm kündet die Bhagavad Gita, eine der zentralen Schriften des Hinduismus, die laut Harvey »eine der profundesten Anleitungen zu einem ethischen Leben« darstellt. Der Satz, dessen anfängliches Fugato durch »indische Glissandi schließlich aufgelöst wird« (Harvey), ist nicht wie die traditionelle indische Musik monodisch angelegt, wenngleich die typischen engräumigen Umspielungen einer Melodielinie mit Nachschlägen, Trillern oder Gleitbewegungen verschiedenster Art durchaus imitiert werden. Am Anfang wird nach einem Tutti-Impuls mit Hilfe von Cimbalom- und Harfenklängen ein exotisches Klangbild erzeugt, bevor der Sprecher von Indiens Mythen, Riten und Legenden berichtet und der Chor einen zentralen Satz aus dem Atharva Veda (einer der heiligen Textsammlungen des Hinduismus) aufgreift: »Kein Bruder soll seinen Bruder hassen, keine Schwester ihre Schwester, sprecht Eure Worte einmütig, im selben Ziel vereint, in Freundlichkeit« (Atharva Veda 3,30). Die vielfarbige Musik entfaltet hierbei energetische Tanzcharaktere: »Das volle Orgelwerk (das in der Berliner Philharmonie einen sehr kraftvollen Klang hat) tritt in komplexen Rhythmen in einen Dialog mit dem ganzen Orchester.« (Harvey) Mit Passagen von »größter Zartheit und Innigkeit« wird aber auch der für den Hinduismus so charakteristische Aspekt von Meditation und Mantra aufgegriffen – etwa wenn der Chor quasi summend in langsam dahin strömendem Rhythmus clusterartige Klangwolken intoniert.

Islam

»Keiner von Euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht.«

40 Hadithe von an-Nawawi 13

Von »östlichem« Charakter ist auch der musikalische Tonfall des vierten Satzes (»Gerechtigkeit«) geprägt, in dem die alte Tradition der arabischen »Makams« aufgegriffen wird, ein System der Tonhöhenorganisation, bei dem aus Tetrachorden einzelne Modi abgeleitet werden. In diesem Teil kommt es erstmals zu längeren A-cappella-Passagen, in denen Ausschnitte aus dem Koran in sakral anmutenden Harmonien gesungen werden, wobei sich der musikalische Satz zuweilen in bis zu 14 verschiedene Stimmen aufspreizt. »Die Gefahr einer entstellenden westlichen Kultureinmischung«, so Harvey, »besteht bei der Vertonung des Koran in besonderem Maß. Denn derartige Vertonungen gibt es nicht, und ich habe viel über die weitreichende Kontroverse über sakrale Musik und islamische Praxis gelesen. Der Koran ist untrennbar mit seiner feierlichen Rezitation verbunden. Und dieses Rezitieren, das die Stimme Allahs wiedergibt, der sich durch den Engel Gabriel dem Propheten Mohammed offenbarte, kann nicht schriftlich fixiert werden; es wird in der Inspiration des Augenblicks durch gut ausgebildete Exegeten realisiert, nach bestimmten Richtlinien der Pausengebung und Vokalaussprache usw. Da ich eine deutsche Übersetzung vertont habe, trafen diese Einschränkungen allerdings nicht wirklich zu, so dass ich […] den Text als homofonen A-cappella-Chor vertont habe, sehr langsam und ohne musikalische ›Hilfestellungen‹. Der Text ist wunderschön, so dass ich den Choristen die Möglichkeit geben wollte, ihn vorzutragen, ohne sich dabei gegenseitig in die Quere zu kommen.«

Buddhismus

»Ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, soll es auch nicht für ihn sein; und ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, wie kann ich ihn einem anderen zumuten?«

Samyutta Nikaya V, 353.35-354.2

Der fünfte Satz (»Wahrhaftigkeit«) ist dem Buddhismus gewidmet – jenem Heilsweg, in dem der Mensch durch das Ablegen der Ich-Bezogenheit zu einer Selbstlosigkeit finden soll, die von einem allumfassenden Mitleid bestimmt wird. Der Satzverlauf wird von einer bewegteren Musik mit Trillerketten und perkussiven Klängen der Streichinstrumente geprägt, welche auf den »konfuzianischen« ersten Satz Bezug nimmt. »Dann«, so der Komponist, »mündet der temporeiche musikalische Verlauf in ausgelassene Freude: Buddhistische Befreiung vom Leiden kann sehr überschwänglich sein.«

Christentum

»Alles, was Ihr wollt, dass Euch die Menschen tun, das tut auch Ihr ihnen ebenso.«

Matthäus 7,12; Lukas 6,31

»Der letzte, dem Christentum gewidmete Satz«, fährt Harvey fort, »wandelt sich von einer lyrischen, warmen Musik, die sich immer wieder vor dem Vorhang eines kosmischen Kontinuums entfaltet, das durch sehr langsam wechselnde, (›ewig‹) ausgehaltene hohe Töne symbolisiert wird, zu einer Art von bachschem Choralpräludium (schnelle Klangfiguren im Orchester und ein langsames, kräftiges Glaubensbekenntnis in Chor und Kinderchor).« Nach Zitaten aus dem 1. Korintherbrief (»Die Liebe […] erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe hört niemals auf.«) und dem drängenden Bekenntnis des Refrains (»Wir Kinder haben Zukunft, wenn wir Menschen bleiben, Menschen mit Vernunft und Herz. Lasst uns Menschen menschlich sein!«), werden u. a. Passagen aus dem zweiten und dritten Satz aufgegriffen. Wie in einer Coda nimmt die Musik abschließend in ihrer Abfolge von unbetonten und betonten Taktteilen einen ruhig-pulsierenden Charakter an, wobei der Chor »in eine Art von ekstatischer Glossolalie verfällt. All dies«, so Harvey weiter, »wird von einem tiefen Orgelpunkt grundiert. Dieser alles vereinigende Orgelpunkt hält den musikalischen Verlauf in ruhevoller Stase, während Musik- und Textpassagen aus den vorhergehenden Sätzen in die finale Synthese eines universellen Weltethos’ einfließen.«

Harald Hodeige

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