Berliner Philharmoniker

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Kammermusik

Jazz at Berlin Philharmonic – Im Zeichen Leonard Bernsteins

Sein Markenzeichen ist die rote Posaune: Jazzlegende Nils Landgren ist zum zweiten Mal seit Gründung der Reihe Gast in den Konzerten von Jazz at Berlin Philharmonic. Neben dem schwedischen Posaunisten sowie dem Pianisten Jan Lundgren, dem Bassisten Dieter Ilg Bass, dem Dirigenten Vince Mendoza und Mitgliedern der Berliner Philharmoniker ist auch die seit 1972 zum legendären Vokalquartett Manhattan Transfer gehörende amerikanische Sängerin Janis Siegel zu erleben. Das Thema des Abend lautet »Round Bernstein«.

Nils Landgren Posaune, Gesang und Leitung

Janis Siegel Gesang

Jan Lundgren Klavier

Dieter Ilg Bass

Wolfgang Haffner Schlagzeug

Vince Mendoza dirigiert bei seinen Arrangements

Mitglieder der Berliner Philharmoniker

Round Bernstein

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Tickets

Di, 19. Jan. 2016 20 Uhr

Kammermusiksaal

Einführung: 19:00 Uhr

Programm

Als Pianist, Dirigent, Komponist sowie Pädagoge, Autor und Fernsehmoderator war Leonard Bernstein zweifelsohne eine der vielseitigsten musikalischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Die Spannbreite seines Wirkens musste im Zeitalter einer zunehmenden künstlerischen Spezialisierung geradezu unzeitgemäß wirken und erreichte dennoch ein Millionenpublikum. Die zwar nicht von ihm ins Leben gerufenen, durch seinen Witz und sein Charisma aber erst mit Leben erfüllten, ab 1958 in rund 40 Länder rund um den Globus ausgestrahlten Young People’s Concerts begeisterten Kinder, aber auch Erwachsene für die Welt der klassischen Musik – Musikvermittlung der ersten Stunde!

Die ein Jahr zuvor uraufgeführte West Side Story stellte nach Gershwins Porgy and Bess einen Markstein des amerikanischen Musiktheaters dar und unterstrich Bernsteins Überzeugung, es gäbe nicht ernste Musik und Unterhaltungsmusik, sondern nur gute oder schlechte. Und ein Stück Berliner Musikgeschichte schrieb der musikalische Tausendsassa auch, als er am 25. Dezember 1989 bei einer Festaufführung von Beethovens Neunter Symphonie Schillers Ode an die Freude zu einer Ode an die Freiheit ummünzte. Kuratiert vom Jazz-Produzenten Siggi Loch, steht dieses Konzert der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic ganz im Zeichen Bernsteins.

Neben dem schwedischen Posaunisten und Sänger Nils Landgren – mittlerweile längst ein guter Bekannter aller Jazz-affinen und in diesem Konzert mitwirkenden Philharmoniker – ist auch die seit 1972 zum legendären Vokalquartett Manhattan Transfer gehörende amerikanische Sängerin Janis Siegel zu erleben.

Über die Musik

»Ich bin ein Komponist ernster Musik, der versucht Songs zu schreiben.«

Eine Hommage an Leonard Bernstein

Von allen großen klassischen Dirigenten seiner Generation war Leonard Bernstein der entschiedenste Fürsprecher für den Jazz. Er war nicht nur ein profunder Kenner dieser Musik – bis hin zu einer hochinteressanten musikwissenschaftlichen Schrift, in der er die »Bluenotes« als Technik nachwies, die reinen Töne der Obertonreihe in Einklang mit der künstlichen Stimmung des westlichen Tonsystems zu bringen –, er verstand sie als Pianist auch zu spielen, und er bediente sich ihrer Elemente als Komponist. Es ist daher mehr als kurios, dass heute, da der Jazz überwiegend von auch klassisch ausgebildeten Musikern gespielt wird und verstärkt zu einer neuen, organischen Verschmelzung beider Kunstmusik-Prinzipien drängt, zwar alle möglichen Klassiker adaptiert werden, nur Bernstein so gut wie nie. Jazz at Berlin Philharmonic ändert das nun mit der Leonard-Bernstein-Hommage »Some Other Time« des Posaunisten Nils Landgren: Eine erlesene Jazzband aus Musikern, die im Überschreiten der Genregrenzen erfahren und allesamt große Bernstein-Verehrer sind, stellt zusammen mit nicht weniger als 17 Mitgliedern der Berliner Philharmonikern – ein Rekord in dieser Reihe – ihre Interpretation einiger Werke von Leonard Bernstein vor. Das Repertoire schlägt einen weiten Bogen, angefangen mit Stücken seines ersten, 1944 geschriebenen und durch Stanley Donens Verfilmung mit Gene Kelly und Frank Sinatra 1949 (»Heut’ gehen wir bummeln« hieß der deutsche Titel) weltberühmt gewordenen Musicals On the Town. Daraus stammt auch das titelgebende »Some Other Time«, das man ja damals wie heute vieldeutig verstehen kann: nostalgisch, futuristisch oder als musikalisches Versprechen. Ebenso beleuchtet werden zu Unrecht etwas in Vergessenheit geratene Songs für Wonderful Town wie »A Quiet Girl«, außerdem »A Simple Song« aus der 1971 komponierten MASS – A Theatre Piece for Singers, Players and Dancers, wie Bernstein selbst sein in Form einer Messe gebrachtes Kompendium der modernen Musikgeschichte bezeichnete. Das Herzstück indes liefert natürlich die West Side Story, mit Stücken wie »America« über »Maria« und »Cool« bis zu »Somewhere«. In jedem Sinn grenzenlose Melodien und Musik aus der raren Kategorie der zeitlosen, unvergänglichen Meisterwerke, die Leonard Bernstein der Welt zur ewig neuen Adaption schenkte.

Der charismatische Musikvermittler – Leonard Bernstein

Übereinstimmend berichten alle, die mit dem 1990 gestorbenen Leonard Bernstein gearbeitet haben, von seinem einmaligen Charisma. Eine stets emotionale Herangehensweise, die Begeisterung für Musik jeder Art und die Leidenschaft, diese Begeisterung auch bei anderen zu erwecken, gehörten zu seinen herausragenden Charakterzügen. Seine Lebenslust war ebenso grenzenlos wie seine Liebe zur Musik: Musik war für ihn etwas Essentielles, das er stets auch politisch oder philosophisch aufladen konnte. Als überreich mit Talenten gesegneter Bonvivant war er aber auch stets zwischen Euphorie und Depression zerrissen. Sein Dirigierstil war ein Abbild dessen und nicht nur für damalige Verhältnisse unerreicht körperlich und tänzerisch. Berühmt wurde sein »Lenny leap«, sein beidbeiniger, punktgenauer Sprung im molto agitato. So besessen er das musikalisch Ernste und Schwere entschlüsselte, so selbstverständlich schätzte er auch das Unterhaltsame und Leichte. Weswegen er eben nicht nur große symphonische Orchesterwerke schrieb, sondern auch Musicals und Songs.

Sein musikalischer Genius wurde früh entdeckt. Als Kind einer jüdisch-ukrainischen Einwandererfamilie am 25. August 1918 in Lawrence, Massachusetts geboren, verblüffte er früh mit virtuosem Klavierspiel, noch mehr aber mit seinem analytischen Verständnis von Musik. Er durfte an der berühmten Harvard University Klavier und Komposition studieren, und bereits 1943, also mit 25 Jahren, wurde er Assistant Conductor des Philharmonic-Symphony Society Orchestra of New York unter Artur Rodzinski. Noch im selben Jahre feierte Bernstein sein Debüt und damit seinen Durchbruch als Dirigent, als er bei einer vom Rundfunk übertragenen Aufführung von Schumanns Manfred-Ouvertüre und Richard Strauss’ Don Quixote für den erkrankten Bruno Walter einsprang. Es folgte ein beispielloser Aufstieg in die erste Reihe der großen Maestri, auf eine Stufe mit dem ihm kollegial verbundenen Rivalen Herbert von Karajan. Von 1956 bis 1969 leitete Bernstein sein Stamm-Orchester, das New York Philharmonic Orchestra, übrigens als erster Amerikaner. Als Gastdirigent trat er mit nahezu allen namhaften Orchestern auf, regelmäßig mit den Wiener Philharmonikern und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Von besonderer persönlicher Bedeutung war für ihn die Arbeit mit den Israel Philharmonic Orchestra, mit dem er sich seit dessen Gründung eng verbunden fühlte. Wie fast überall auf der Welt hat er in Berlin ebenfalls Spuren hinterlassen: Auch bei den Philharmonikern, die er im Oktober 1979 mit Mahlers Neunter allerdings nur ein einziges Mal dirigierte. Die an Karajans Disziplin gewohnten Musiker mussten sich erst an den exaltierten Maestro mit dem türkisfarbenen Armband gewöhnen. Mit seiner Sicht auf Mahlers Musik kamen sie zunächst schwer zurecht und verlangten in der Generalprobe eine weitere Probe. Bernstein wiederum nannte das Orchester, wie sich der ehemalige Solo-Kontrabassist und Orchestervorstand Rudolf Watzel erinnert, eine »schöne, aber kalte Frau«. Umso erstaunlicher, dass die Konzerte am 4. und 5. Oktober im Rahmen der Berliner Festwochen zu einem denkwürdigen Ereignis wurden und die Live-Aufnahme einen Grammy gewann. Viel enger war Bernsteins Kontakt zum Konzerthaus am Gendarmenmarkt, wo er zu DDR-Zeiten Triumpfe feierte. Stets eine Herausforderung für die ostdeutschen Betreuer war es, Bernsteins Lieblings-Whisky in West-Berlin zu besorgen. Spektakulärer Höhepunkt war das Konzert am 25. Dezember 1989, als Bernstein kurz nach dem Mauerfall Beethovens Neunte dirigierte und aus Schillers »Ode an die Freude« eine »Ode an die Freiheit« machte.

Wie wenige prägte Bernstein den Klang seiner Orchester, nicht zuletzt, weil wenige so gut erklären konnten, was der Kern einer Komposition, der Schlüssel zur jeweiligen Musik ist. Revolutionär waren seine 53 Fernsehsendungen »Young People’s Concerts« für Jugendliche, in denen er mit seinem New York Philharmonic Orchestra zwischen 1958 und 1972 musikalische Grundbegriffe, Stile und Epochen aber auch einzelne Komponisten oder Meisterwerke vorstellte und erklärte. Nicht nur deswegen gehört Bernstein auch zu den großen Pädagogen der klassischen Musik. Ob Kinder, erwachsenes Publikum oder Musiker, Bernstein konnte jeden mit seinem Charisma, seinem enormen Sprachtalent und seinem Humor fesseln.

Und doch verstand sich Bernstein nicht in erster Linie als Dirigent, Pädagoge oder Entertainer – der er zweifellos auch war –, sondern als ernsthafter Komponist. Seine gleichberechtigte Liebe zur Hochklassik (insbesondere zu Gustav Mahler) wie zur Avantgarde korrespondierte mit dem stets modernen Anstrich seiner eigenen Werke. Bernstein komponierte unter anderem drei Symphonien und sechs andere große Orchesterwerke, acht Musicals und Bühnenwerke, die Filmmusik zu On the Waterfront [Die Faust im Nacken] mit Marlon Brando, aber auch Kammer- und Klaviermusik sowie mehrere Liederzyklen und zahlreiche Songs. Neben vielen anderen amerikanischen, österreichischen und deutschen Ehrungen gewann er elf Emmy Awards und den Grammy für sein Lebenswerk.

Der Mann für alle Fälle – Nils Landgren

Seit jeher bewunderte der 59-jährige Posaunist, Sänger und Produzent Nils »Mr. Red Horn« Landgren Leonard Bernstein, »als Musiker, als Dirigent, als Komponist, aber einfach auch als Menschen«, wie er sagt. Er musste daher von Siggi Loch, dem Kurator von Jazz at Berlin Philharmonic, nicht lange zu dem Projekt überredet werden. »Bernsteins Musik ist einfach genial, es ist sehr charakteristisch, wie er schreibt. Und immer emotional und menschlich.« So fügt Landgren seinem wahrlich vielseitigen Werk nun mit »Some Other Time« sein bislang aufwändigstes Projekt hinzu.

Genau wie Leonard Bernstein hat Landgren in seiner Karriere alle möglichen Musikstile adaptiert und alle Menschen umarmt. Früh, mit sechs Jahren, kam er zur Musik. Er begann mit Schlagzeug, bis er mit Dreizehn sein Instrument fand, die Posaune. Die gesunde klassische Basis bekam durch die Begegnungen mit den schwedischen Folk-Jazz-Pionieren Bengt-Arne Wallin und Eje Thelin bald eine neue Richtung. Und in Stockholms Studios wurde er bald zum »Mann für alle Fälle«. Erste Erfolge hatte er 1981 als Lead-Posaunist in Thad Jones’ »Ball of Fire«-Projekt. Bald danach folgte sein eigenes Album-Debüt, das der Auftakt zu einem nun gut 30 CDs umfassenden Werk war. Vieles wurde mit renommierten Preisen bedacht, und auch kommerziell gehört Landgren zu den erfolgreichsten europäischen Jazzmusikern. Berühmt wurde er in den 1990ern mit seiner Funk Unit, als er den vermeintlich uramerikanischen Funk in seiner eigenen, europäischen Version populär machte. Aber neben dieser groovenden hat er stets auch seine melodiöse, balladeske Seite gepflegt, ob im schwedische Volksmusik interpretierenden Duo mit Esbjörn Svensson oder mit seinen inzwischen fünf Christmas With My Friends-Weihnachtsalben. Nicht nur vielseitig und neugierig ist Landgren, er ist auch unermüdlich: Zur Posaune kam immer mehr die Rolle als Sänger, in der wir ihn auch bei »Some Other Time« erleben können (unter anderem in einem wundervollen Duett mit Janis Siegel beim Titelsong). Landgren sagt selten »Nein«, wenn ihn Kollegen wie Maceo Parker, Till Brönner, Michael Wollny, Richard Galliano oder Joe Sample als Partner brauchten oder brauchen; er spielte in der NDR Bigband, die er bis heute berät; er vermittelt seine Erfahrung an Studenten von Hamburg bis Shanghai, und er ist als Talentscout wie als Produzent gefragt. Bis 2011 leitete er mehrere Jahre lang das Jazzfest Berlin und steht seitdem dem JazzBaltica Festival vor. »Es ist gut für mich, immer mehrere Dinge anzugehen – damit ich verschiedene Blickwinkel einnehmen kann. Das verändert meine Art des Singens und des Posaune-Spielens, und davon profitiert auch das Publikum«, sagt er – und das gilt auch als Motto für seine Arbeit an »Some Other Time«.

Der Arrangeur – Vince Mendoza

Ein derart groß angelegtes Projekt wie »Some Other Time« braucht nicht zuletzt einen, der alles zusammenführt. Für das Arrangement und das Dirigat dieses Bernstein-Epos bekamen und Nils Landgren die erste Wahl: den weltweit für seine Arrangements und Kompositionen gefeierten, sechs Mal (bei 25 Nominierungen!) mit dem Grammy ausgezeichneten Vince Mendoza.

Der 54-jährigen Amerikaner begann an der Trompete, bevor er Komposition und Dirigieren an der Ohio State University und der University of Southern California studierte. In dieser Zeit lernte er den Schlagzeuger Peter Erskine kennen, für den er fortan sehr erfolgreich komponierte und arrangierte, unter anderem das Album Yellowjackets. Zwei Solo-Alben beim renommierten Blue Note Label folgten, bevor Mendoza mit der WDR Big Band in Köln in Europa seinen Ruf als herausragender Komponist und Arrangeur für größere Ensembles und Orchester begründete. Das auf dem damals noch jungen ACT-Label erschienene Album Jazzpaña brachte ihm gemeinsam mit Arif Mardin die erste Grammy-Nominierung und den German Jazz Award ein. In der Folgezeit spielten Jazz-Stars wie Gary Burton, Pat Metheny, Michael Brecker, Charlie Haden, Al Jarreau, Kurt Elling oder John Abercrombie, mittlerweile aber auch Popstars wie Robbie Williams (»Swing When Your’re Winning«), Björk, Joni Mitchell oder Melody Gardot seine Kompositionen und Arrangements ein. Auch zahlreiche Fernseh- und Filmmusiken stammen von Mendoza, unter anderem die zu Lars von Triers Dancer in the Dark.

Daneben komponiert Mendoza auch für klassische Ensembles und Orchester wie das Turtle Island String Quartet, das Debussy Trio, das London Symphony Orchestra oder auch – die Berliner Philharmoniker. 2003 arrangierte er für ihr Silvesterkonzert mit Dianne Reeves Gershwin-Songs. Nun darf man sich bei Jazz at Berlin Philharmonic nicht nur dank seiner Bernstein-Bearbeitungen auf ein Wiedersehen freuen, man kann ihn hier auch erstmals in Berlin als Dirigent am Pult erleben.

Die Stimme New Yorks – Janis Siegel

Schon immer hatte Nils Landgren ein Faible für Gesang, nicht erst, seit er selbst immer öfter zum Mikrofon greift. Er ist der Entdecker, Förderer und Produzent vieler schwedischer Sängerinnen von Rigmor Gustafsson bis zu Viktoria Tolstoy. Für eine Bernstein-Hommage hatte er allerdings von Anfang an eine andere Stimme im Sinn, eine authentisch-amerikanische, die den Broadway-Flair von Bernsteins Heimat New York wie kaum eine andere verkörpert: Janis Siegel. »Wir haben uns lustigerweise vor einigen Jahren in Indonesien getroffen«, erzählt Landgren. »Ich war mit den Crusaders dort, und Janis hat sich mir vorgestellt. ›Ich kenne dich und mag deine Musik sehr‹, sagte sie. Seitdem sind wir in Kontakt geblieben. Interessanterweise ist sie sehr gut mit Jamie Bernstein, Leonards Tochter, befreundet. Janis hat also einen sehr engen Bezug, versteht diese Musik und ist eine unglaubliche Sängerin. Anfang September habe ich sie wegen des Projekts in New York besucht. Wir haben es besprochen und ein bisschen geprobt, und es hat von der ersten Sekunde an geklappt.«

1952 in Brooklyn geboren, lernte Janis Siegel früh, was man im Musikbusiness braucht. Mit Zwölf sang sie in der Mädchen-Pop-Gruppe The Young Generation, die später einige erfolgreiche Singles veröffentlichte. »Ich hatte bis dahin vor allem Folkmusic gehört und war natürlich auch verrückt nach den Beatles und der britischen Welle«, erinnert sich Siegel, »Dann kam Motown und ich verfiel Aretha Franklin vom Scheitel bis zur Sohle. Gleichzeitig liebte ich Barbra Streisand, und weil ich in Brooklyn lebte, sah ich auch eine Menge Broadway Shows. Beim Jazz schließlich war John Coltrane schon während meiner College-Zeit ein musikalisches Idol.« Ein breites Spektrum also, das sich auszahlen sollte, als Siegel auf einer Party des Konga-Spielers ihrer Band Tim Hauser traf, der ebenso musikalisch ambitioniert war, sich zu dieser Zeit aber noch als Taxifahrer durchschlug. Er lud sie ein, einige Demos mit ihm einzusingen, an denen er arbeitete, und der frühe Swing, den Hauser da unterlegt hatte, öffnete ihr die nächste Tür. Zusammen mit Laurel Massé und Alan Paul gründeten die beiden ein A-Cappella-Quartett: The Manhattan Transfer war geboren. Das Debütalbum 1975 leitete eine Renaissance der Vokalmusik ein und war der Startschuss einer beispiellosen Karriere. Ihre unverwechselbare Stimme wurde eines der Markenzeichen von Manhattan Transfer und war lead vocal bei zahlreichen Hits von »Operator« und »Chanson D’Amour« bis zu »Twilight Zone« oder »Birdland«. Gleichzeitig machte sie sich als Arrangeurin der Gruppe einen Namen. Und von 1980 an baute sie sich parallel dazu eine erfolgreiche, in viele Richtungen ausgreifende Solokarriere auf. 1985 war Siegel zusammen mit Jon Hendricks, Bobby McFerrin und Dianne Reeves Mitglied einer Gruppe namens Sing, Sing, Sing. Ende der 1980er-Jahre begann Siegel eine Kooperation mit dem Pianisten und Komponisten Fred Hersch, mit dem sie moderne Songs von Liedermachern wie Joni Mitchell, Marvin Gaye und anderen aufnahm. Es folgten Einspielungen mit Jazz-Stars wie Michael Brecker, Hank Crawford oder Matt Wilson ebenso wie die Zusammenarbeit mit dem türkischen klassischen Komponisten İlhan Mimaroğlu, dem Beaux Arts String Quartet oder dem Rhythm & Blues-Sänger Leon Ware. Im vergangenen Jahrzehnt nahm sie Interpretationen von weniger bekannten Broadway-Melodien, aber auch ein Latinjazz-Album wie Interpretationen von Popsongs auf, wurde Mitglied bei Bobby McFerrins Voicestra, war bei prominent besetzten Tribute-Konzerten für Ella Fitzgerald beteiligt und trat auch bei einigen Film-Soundtracks in Erscheinung, etwa bei Swing Kids oder Dick Tracy. Nie hat sich Janis Siegel in eine Schublade stecken lassen. Nicht weniger als 17 Mal wurde sie für den Grammy nominiert, neun Mal hat sie ihn gewonnen, als Mitglied von Manhattan Transfer wie für eigene Projekte.

Die Rhythmusgruppe – Wolfgang Haffner, Dieter Ilg und Jan Lundgren

Solisten und Sänger sind die eine Zutat für ein Bernstein-Denkmal, die andere ist eine erstklassige Band. Bei »Some Other Time« darf man sich wieder einmal auf eine All-Star-Rhythmusgruppe freuen.

Es gibt wohl keinen zweiten Schlagzeuger, der einerseits ein so unfehlbarer Timekeeper ist, andererseits als Komponist derart in Formen denkt und von Melodien getragen ist wie Wolfgang Haffner. Er war erst Achtzehn, als ihn Albert Mangelsdorff, bis heute einer der wenigen international renommierten deutschen Jazzer und damals eine Gallionsfigur der Szene, in seine Band holte. Auftakt zu einer einzigartigen Karriere, in der der 49-Jährige genreübergreifend mit der Crème de la Crème der hiesigen Musikszene – von Klaus Doldinger über Till Brönner und Michael Wollny bis zu den Fantastischen Vier – ebenso gespielt hat, wie mit den Stars des Jazz-Mutterlandes – Pat Metheny, die Brecker Brothers und Chaka Khan seien stellvertretend genannt – und den europäischen Erneuerern wie Nils Landgren und Lars Danielsson. An über 400 Alben war Haffner bislang beteiligt. Immer stärker rückten auch eigene Projekte ins Scheinwerferlicht: Von der Fusionband Metro über die NuJazz-Kultband Zappelbude bis zur Superband Mezzoforte.

Und so wie Haffner der wohl bedeutendste deutsche Jazz-Schlagzeuger seiner Generation ist, so darf man dasselbe bei den deutschen Jazz-Bassisten für den 53-jährigen Freiburger Dieter Ilg reklamieren. Nicht nur, weil er sich als Partner von Randy Brecker, Bennie Wallace, Marc Copland, Christof Lauer oder Charlie Mariano und als Stammbassist von Till Brönner international einen Namen gemacht hat, sondern auch, weil er mit eigenen Projekten seine in der europäischen Musiktradition liegenden kulturellen Wurzeln so schlüssig erforscht wie kaum ein anderer. Schon 1992 war Ilg beim bahnbrechenden Flamenco-Jazz-Experiment Jazzpaña dabei, in den späten 1990ern dann bearbeitete er mit Wolfgang Muthspiel und Steve Argüelles Volkslieder. 2010 erfüllte er sich im seither bestehenden Trio mit Rainer Böhm und Patrice Héral den lange gehegten Wunsch, Giuseppe Verdis Otello auf seine jazzigen Möglichkeiten abzuklopfen. Diesem neuen Blick auf die Klassik ist er seither treu geblieben. So machte er sich vor zwei Jahren an das Wagner-Wagnis Mit Richard unterwegs, für das er 2014 den Echo Jazz 2014 als »Instrumentalist des Jahres« bekam. Sein aktuelles Album Mein Beethoven wagt sich nun – bislang konkurrenzlos – an den vielleicht klassischsten aller Komponisten.

Gleiches gilt für den Mann am Klavier, den 49-jährigen Schweden Jan Lundgren. Seit dem fünften Lebensjahr klassisch ausgebildet, entdeckte er den Jazz eher zufällig Ende der 1980er-Jahre, um dann unmittelbar in seinen Bann gezogen zu werden. Er absorbierte in Windeseile die komplette Pianojazz-Tradition von Oscar Peterson, Erroll Garner zu Bud Powell und Bill Evans und eignete sich wie kaum ein anderer europäischer Jazzpianist seiner Generation profunde Kenntnisse des Great American Songbook an. Parallel zu seiner universitären Musikausbildung am renommierten Royal College of Music in Malmö begann er eine intensive Tätigkeit als Profimusiker, die seinen Namen in Schweden sehr schnell bekannt machte. Höhepunkte sind zweifellos seine Alben Swedish Standards und European Standards, die mit ihrer Verknüpfung von Volksmusik und Jazz heute Klassiker sind, sowie die Mare Nostrum-Alben (das zweite erscheint soeben) im Trio mit Paolo Fresu und Richard Galliano. Als Sideman hat der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Lundgren bedeutende internationale Jazzgrößen wie Johnny Griffin, Benny Golson, Herb Geller, James Moody, Pete Jolly oder die Sängerin Stacey Kent begleitet, auch mit dem Gitarristen Ulf Wakenius stand er des Öfteren auf der Bühne. Lundgren reiht sich also nahtlos ein in eine bemerkenswerte und lange Tradition innovativer Pianisten aus Schweden wie Jan Johansson, Bobo Stenson und Esbjörn Svensson.

Das Orchester – 17 Berliner Philharmoniker

15 Holz- und Blechbläser, Schlagwerk und Harfe – in Rekordstärke sind die Philharmoniker diesmal aktiv an Jazz at Berlin Philharmonic beteiligt. »Ich habe ja bereits zwei Mal mit den Philharmonikern zusammengearbeitet. Das war immer ein Erlebnis. Deshalb freue ich mich sehr, wieder auf einige meiner alten Freunde zu treffen«, sagt Landgren. Alle gingen mit größtem Respekt vor Bernsteins Werk an die Arbeit. So ist »Some Other Time« kein Bigband-Projekt geworden, es ist symphonisch geschrieben und geblieben. »Vince und ich suchten den klassischen Klang, mit einem jazzigen Twist«, beschreibt es Landgren. Stolz ist er vor allem auf die Gemeinschaftsleistung: »Jeder hat seine Favoriten in den Ring geworfen. Dann haben wir einen Riesentopf gemacht und alles so lange runtergekocht, bis die für uns besten Bestandteile übrig blieben.« Alle zusammen erfüllen hier ein Bernstein-Credo mit Leben, das in diesen Tagen aktueller denn je ist: »Das ist unsere Antwort auf Gewalt – intensiver, schöner und hingebungsvoller zu musizieren als je zuvor.«

Oliver Hochkeppel

Nils Landgren

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