Berliner Philharmoniker

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Berliner Philharmoniker

»Fausts Verdammnis« mit Simon Rattle, Joyce DiDonato und Charles Castronovo

In »Fausts Verdammnis« geht es weniger um die philosophische Dimension des Stoffes als um Leidenschaft, Konflikte und eben die effektvolle Verdammnis des Protagonisten. Klangmagier Hector Berlioz schafft hier eine suggestive, imaginäre Oper, die in unserem Konzert von Simon Rattle und zwei prominenten amerikanischen Sängern interpretiert wird: Joyce DiDonato als Marguerite und Charles Castronovo als Faust. Als Mephisto ist Ludovic Tézier dabei.

Berliner Philharmoniker

Sir Simon Rattle Dirigent

Charles Castronovo Tenor (Faust)

Joyce DiDonato Mezzosopran (Marguerite)

Ludovic Tézier Bass (Méphistophélès)

Florian Boesch Bass (Brander)

Rundfunkchor Berlin

Simon Halsey Einstudierung

Hector Berlioz

La Damnation de Faust, dramatische Legende op. 24

Termine und Tickets

Fr, 10. Apr. 2015 20 Uhr

Philharmonie

Einführung: 19:00 Uhr

Sa, 11. Apr. 2015 19 Uhr

Philharmonie

Einführung: 18:00 Uhr

Live-Übertragung

im Internet

Programm

Für La Damnation de Faust schuf Hector Berlioz einen eigenen Text, der in shakespearescher Manier Leidenschaft und Groteske der handelnden Akteure in den Mittelpunkt rückt: »Ich hatte mich nicht dazu verpflichtet, Goethes Plan zu folgen [...].« So erscheint in dem zwischen Oper und Chorsymphonie changierenden Werk Faust als byronscher Melancholiker, dem einzig die im Titel erwähnte Verdammung bleibt. Nicht an ihm sondern an Marguerite entzündete sich Berlioz’ kompositorische Fantasie, ebenso wie an den Genrebildern wie der Studentenszene, die musikalisch großen Raum einnimmt.

Dabei erweist sich die Partitur als wahre Fundgrube charakteristischer Instrumentalfarben, die Berlioz (der kurz zuvor seinen berühmten Grand Traité d’instrumentation et d’orchestration modernes fertig gestellt hatte) einmal mehr als brillanten Meister der Instrumentationskunst ausweisen – etwa, wenn die sonst vernachlässigten Bassregister der Bläser der Sphäre von Méphistophélès einen schaurig-düsteren Ton verleihen oder die Ballettnummern mit äußerst delikaten Holzbläsersätzen versehen werden. Daran, dass die von Sir Simon Rattle dirigierten Berliner Philharmoniker Berlioz’ Klangfarbenzauber brillant in Szene setzen werden, wird wohl niemand zweifeln. Neben der Mezzosopranistin Joyce DiDonato (Marguerite), die mit »unvergleichbarer, göttlicher Stimme« (The Times) und makelloser Technik von sich reden macht und 2012 ihr philharmonisches Debüt feierte, singen der mit strahlenden Höhen gesegnete Tenor Charles Castronovo (Faust), der lyrische Bariton Ludovic Tézier (Méphistophélès) sowie der Rundfunkchor Berlin.

Über die Musik

Der Traum und die Wirklichkeit

Berlioz, Faust und das Dasein als Blendwerk

Dr. Fausti Höllenfahrten

Seinem Vater, einem Arzt, verdankte Berlioz erste Kenntnisse in der Musik, im Flöten- und Gitarrenspiel. Durch ihn, den Krebskranken, lernte der Sohn auch die schmerzlindernde Wirkung des Opiums kennen. Auf väterlichen Wunsch sollte der junge Hector Mediziner werden. Aber die Erfahrungen beim Praktikum im Pariser Hospice de la Pitié zwangen ihn schon am ersten Tag, sich aus »diesem fürchterlichen Lager von Menschenfleisch, zerstückelten Gliedmaßen, grinsenden Gesichtern und klaffenden Schädeln« (Mémoires) mit einem beherzten Sprung durch das Fenster ins Freie zu retten. Er entschied sich für den Musikerberuf; die bigotte Mutter verfluchte ihren Sohn ob dieser »Familienschande« und verbot ihm das elterliche Haus. Vermutlich hätte er die Höllenfahrten der Symphonie fantastique und der Damnation de Faust nie komponiert, wenn sich ihm diese Erinnerungsbilder nicht immer wieder aufgedrängt hätten. Der ungenannte »Erzähler« der autobiografisch zu verstehenden Symphonie träumt im Opiumrausch, er hätte die ewig unerreichbare Geliebte umgebracht; er endet unter dem Fallbeil. Im Schreckensszenario einer Sabbatnacht kommt das Ewig-Weibliche als Ewiger Dämon zurück, und unter dem grellen Gelächter eines Hexenreigens fährt die Seele des Hingerichteten zur Hölle. Auch der Faust der Damnation endet, jetzt unter der Führung Mephistos, im Inferno. Aber die Légende dramatique hat ein Nachspiel: Die Seraphim singen dem Höchsten ein Hosianna, und Marguerite (Gretchen), die Mörderin-Büßerin, steigt empor zur Verklärung.

Ob er mit Vornamen Johannes, Georg oder Heinrich hieß, ob er in der Nähe von Pforzheim, Kreuznach, Weimar oder Salzwedel geboren wurde, oder ob er sich neben dem Studium aller höheren Wissenschaften auch der Schwarzen Magie und der Hölle verschrieb – Goethes Faust genießt das Prestige, das Opus summumdeutscher Dichtung und Dramatik zu sein. Dabei war Goethe einer von vielen, die sich dem Faust-Thema verschrieben. Gleich nach der Erstauflage des »Deutschen Faustbuches«, der Historia von D. Johann Fausten (1587), haben sich Poesie, Musik, Malerei und Philosophie in unzählbaren Ausformungen der ebenso legendären wie zwiespältigen Gestalt bemächtigt, und ein Jeder hat die Möglichkeit, Faust in tausend Gestalten zu begegnen – und damit einem Stück seiner selbst.

Shakespeare, Goethe und Berlioz

Der französische Maler Eugène Delacroix ließ sich Ende der 1820er-Jahre von dem Gegensatzpaar Faust – Mephisto zu dramatischen Visionen anregen. Seine Lithografien wurden ausgerechnet in Deutschland beifällig aufgenommen und veranlassten Goethe zu dem Urteil, diese Szenen seien in seiner eigenen Vorstellung nicht so vollkommen dargestellt gewesen wie bei Delacroix. 1827 legte der gerade 19-jährige Gérard de Nerval eine französische Prosa-Nachdichtung des ersten Teils der Tragödie vor. Als der Dichter in Weimar Nervals Version kennenlernte, soll er laut Eckermann gesagt haben: »Im Deutschen mag ich den ›Faust‹ nicht mehr lesen; aber in dieser französischen Übersetzung wirkt alles wieder durchaus frisch, neu und geistreich.« Auch Hector Berlioz, erst 24 Jahre alt, nahm sich die Ausgabe vor. Dazu erregten die Lithografien von Delacroix (die in Frankreich ansonsten wenig Beifall fanden) sein Gemüt. Er verfiel prompt in ein Goethe-Fieber. Im selben Jahr 1827 musste er sich auch einem in Paris grassierenden Shakespeare-Fieber ausliefern. Das hatte andere Gründe: Im Odéon gastierte gerade die Truppe des englischen Schauspielers Charles Kemble mit Shakespeares Romeo and Juliet und Hamlet.

Shakespeare und Goethe als neue Geistesverwandte von Berlioz, und stärker noch als die beiden Dichter zog ihn die Darstellerin der Julia und Ophelia in ihren Bann, der weibliche Star des Ensembles, die irische Schauspielerin Harriett Smithson. Der junge Komponist, obendrein in Liebesextase, zwischen zwei, wenn nicht drei Feuern brennend: ein imaginärer Romeo, Hamlet und Faust. Aber die gefeierte Diva schenkte ihrem fiebernden Anbeter vorerst keine Beachtung und setzte gemeinsam mit Kembles Truppe ihre Tournee fort. (Später würden Berlioz und die Smithson doch noch heiraten, Liszt war einer der Trauzeugen. Aber damit begann ein anderes, sehr irdisches Inferno.) Vorerst stürzte sich der untröstliche Liebhaber ins Delirium der Produktivität und komponierte seine Symphonie fantastique. Und wandte sich dem Faust zu. »Das wunderbare Buch faszinierte mich sogleich, es verließ mich nicht mehr; ich las es ständig, bei Tisch, im Theater, auf der Straße.« Nervals Prosaübersetzung enthielt auch mehrere gereimte Strophen in geschlossener Form, die boten sich gleich für eine Vertonung an. So entstanden Huit Scènes de Faust, acht Bruchstücke (tatsächlich sind es neun), und jedem Textabschnitt von Goethe/Nerval stellte Berlioz Verse von Shakespeare voran, abwechselnd mal aus Romeound Julia, mal aus Hamlet. Shakespeare, Goethe und Berlioz – in den Acht Szenen ein Herz und eine Seele.

Frankreich und »Mutter Teutonia«

Nervals Faust-Version war nicht die erste, die westlich des Rheins erschien. Aber kein Franzose hatte so viel Affinität zur deutschen Sprache und Denkungsart wie Gérard de Nerval. Ein auf Drängen seines Vaters unwillig betriebenes Medizinstudium brach auch er ab, als er längst ein literarisch erfolgreicher, wenn auch verschwenderisch lebender Bohemien war, den man später, als Vermittler zwischen Romantik und Symbolismus, in einem Atemzug mit den jüngeren Dichtern Rimbaud, Verlaine und Baudelaire nennen würde. Madame de Staël hatte 1810 mit ihrem Buch De l’Allemagne (das gleich nach seinem Erscheinen von der napoleonischen Zensur eingestampft wurde, von 1815 an aber wieder zugänglich war) den Franzosen das stark idealisierte Bild von einem Deutschland als dem Land der – seither vielzitierten – »Dichter und Denker« vermittelt und damit einen Kult ausgelöst, dessen bevorzugtes Objekt der Faust wurde. Sieben Mal ist Nerval durch Deutschland gereist. »Dort ist Deutschland! Das Land Goethes, Schillers und Hoffmanns, das alte Deutschland, unser aller Mutter! Teutonia!« Diesen Ausruf stellte Nerval noch 1852 an den Anfang eines Reiseberichts mit dem Titel Loreley und überbot so die Hommage, die Madame de Staël einst der deutschen Kultur erwiesen hatte. Unermüdlich dichtete er Texte von Goethe und Schiller Jean Paul und E. T. A. Hoffmann auf Französisch nach (Poésies allemandes). Seinem Freund Heinrich Heine bahnte er in Paris die Wege, und seine Heine-Übersetzungen (Poésies de Heine) rissen den deutschen Dichter selbst zur Begeisterung hin.

Nerval: Ein Alter Ego des Kapellmeisters Kreisler und des Komponisten Berlioz. Sein Lebenslauf hätte von E. T. A. Hoffmann erfunden sein können, hätte den idealen Stoff auch für eine Berlioz-Oper abgegeben. Den Verlust zweier Frauen hat der Dichter nie verschmerzt: Seine Mutter hat er kaum gekannt, er blieb in der Obhut von Verwandten in Paris, als er zwei Jahre alt war. Die Mutter folgte ihrem Mann, einem Militärarzt, auf den Feldzügen Napoleons bis nach Schlesien; dort starb sie, der Vater kehrte aus dem Krieg zurück. 1834 lernte Nerval die Sängerin und Schauspielerin Jenny Colon kennen und verfiel ihr in verzweifelter Leidenschaft. Sie schenkte seinem Werben aber kein Gehör und heiratete einen Flötisten. Nerval suchte Trost: Er übersetzte 1840 den 2. Teil des Faust, außerdem frönte er seinem unstillbaren Reisetrieb. Von 1841 an wurde er von Wahnvorstellungen heimgesucht, die ihn nötigten, das ausschweifende Reisen mit immer häufigeren Klinikaufenthalten zu verbinden. Eines seiner letzten Sonette, aus der Sammlung Les chimères, trägt den Titel El DesdichadoDer Unglückselige. Die letzten Dichtungen sind Chiffren eines Daseins, das sich zwischen Marter und Delirium, Wirklichkeit und Traum abspielt. In Paris, am frühen Morgen des 25. Januar 1855, fanden Freunde Nervals Leiche. In einer Seitengasse nahe der Seine hatte er sich am Sperrgitter eines Abflusskanals erhängt.

Berlioz und sein Faust

In seinen Huit Scénes de Faust von 1829 lässt Berlioz die Titelgestalt aus dem Spiel, Spiritus rector bleibt der unsichtbare Komponist. Méphistophélès (Tenor) singt das Flohlied und eine Serenade für Marguerite, der betrunkene Student Brander (Bariton) die Ballade von der Ratte, Marguerite (Mezzosopran) das Lied vom König in Thule und eine Romanze (sie entspricht Gretchens Lied »Meine Ruh’ ist hin«). Ein Chor von Engeln und von Jüngern stimmt zu Anfang einen Osterhymnus an. Weitere Chorszenen: Landleute feiern den Frühling, Sylphen wiegen den (abwesenden) Faust in einen halluzinatorischen Schlaf, Studenten zechen in Auerbachs Keller, Soldaten ziehen singend unter Marguerites Fenster vorbei. Berlioz schickte auch Goethe eine Partitur zu, und der bekundete sein Interesse. Mit dem Urteil, das Carl Friedrich Zelter abgab, war allerdings zu rechnen: Es fiel vernichtend aus. Mendelssohn, das bei Goethe und Zelter akkreditierte Wunderkind, hatte früher schon die Symphonie fantastique als »eklig« empfunden und naseweis geurteilt: Berlioz »macht mich förmlich traurig, weil er ein wirklich gebildeter, angenehmer Mensch ist und so unbegreiflich schlecht komponiert«. Mit dem Konzert der Sylphen, Teil 3 der Faust-Szenen, brachte Berlioz es 1829 zu einer einzigen Aufführung im Pariser Conservatoire. Jedoch er war mit seiner Komposition nicht zufrieden und zog sie anschließend zurück. Zehn Jahre später, 1839 und gleichfalls im Conservatoire, war Romeo et Juliette, die hybride Mischung aus Symphonie, Oper, Oratorium und Kantate, ein Triumph und wohl geeignet, ihn zur Wiederaufnahme des Faust-Sujets zu ermutigen.

Weite Teile der Handlung sind nicht als gespielte »Realität« zu verstehen, sondern als auditiv zu erfassendes Theater, als ein immaterielles Gaukelspiel, mit dem Mephisto sein Opfer Faust in den Abgrund ziehen, in den Besitz der Hölle bringen will. Grundlage zu der »Legende« in vier Teilen und einem Epilog blieb die Übersetzung von Nerval. Der Komponist richtete sich für seine Zwecke das Libretto ein, unter Mithilfe des Schriftstellers Almire Gandonnière, dessen abenteuerliche Biografie sich ihrerseits als Sujet für eine Berlioz-Partitur angeboten hätte. Außerhalb Frankreichs, in Deutschland, Österreich, Ungarn und Böhmen, holte Berlioz sich die Erfolge zurück, die ihm die Heimat vorenthielt: als umherreisender Orchesterdirigent. Parallel dazu, »in meiner alten deutschen Postkutsche dahinrollend«, schrieb er Stück für Stück an den Versen weiter, die zu seiner Musik passen sollten. Seine Orchesterfassung der alten Rákóczy-Melodie wurde, einzeln aufgeführt, ein Glanzstück der Tournee und vor allem in Budapest stürmisch bejubelt. »Ich versuchte weder eine Übersetzung noch eine Nachahmung von Goethes Meisterwerk, ich war nur bestrebt, die Wirkung auf mich in Musik zu fassen«, erklärte Berlioz und hatte keine dramaturgischen Probleme, den Anfang seines Faust in der ungarischen Puszta spielen zu lassen, nur um im Szenarium auch den Rákóczy-Marsch unterbringen zu können. Ebenso war die Höllenfahrt ohne Wiederkehr, die Faust und Mephisto gemeinsam antreten, eine eigene Erfindung. Faust unterschreibt den Teufelspakt »freiwillig« – worauf die Fürsten der Hölle bestehen -, er opfert vorsätzlich sein Seelenheil, um Marguerite vor der ewigen Verdammnis zu retten.

»Eines meiner besten Produkte«

Nach Paris zurückgekehrt, vollendete Berlioz je nach Laune und Einfall, aber mit unermüdlicher Geduld die restlichen Arbeiten. Er fand, das Ergebnis sei »eines meiner besten Produkte«. Aber allein der Druck der Gesangs- und Orchesterstimmen, dazu die Anmietung der Opéra Comique brachten ihn an den Rand des Ruins. Am 6. Dezember 1846, 16 Jahre nach Konzeption und Verwerfung der ersten Szenen, brachte Berlioz seine komplette »dramatische Legende« konzertant auf die Bühne (jetzt mit einem Tenor als Faust, einem Bariton als Mephisto): Eine Szenenfolge, so irreal und phantasmagorisch, dass der Komponist kaum je daran gedacht haben dürfte, sie mit anderen als musikalischen Mitteln – jedenfalls nicht mit bühnentechnischen – zu realisieren. Aber seit dem Erfolg von Romeo und Julia waren sieben Jahre vergangen, auch in Paris herrschten inzwischen andere Moden, die Aufführungen mussten tagsüber stattfinden, draußen herrschte »schauderhaftes Wetter«, und die Sänger waren Utilités, die man in der Opéra Comique jeden Abend hören konnte, sie waren so wenig »fashionable« wie das Publikum, das dieses Theater besuchte. Berlioz: »So kam es, dass ich den Faust nur zwei Mal vor halb besetztem Haus geben konnte. Das feine Pariser Publikum, das in dem Ruf steht, etwas von Musik zu verstehen, blieb lieber daheim und war so wenig an meiner neuen Partitur interessiert, als wäre ich das unbedeutendste Konservatoriums-Mitglied. Es waren bei diesen beiden Vorstellungen nicht mehr Besucher in die Opéra Comique gekommen, als wenn ihre kümmerlichste Oper auf dem Spielplan gestanden hätte. Nichts in meiner Künstlerlaufbahn hat mich tiefer verletzt als diese unerwartete Gleichgültigkeit.«

In Paris war Faust zu Lebzeiten des Komponisten nicht mehr zu hören. 1852 dirigierte Franz Liszt das Werk in Weimar, im Rahmen der von ihm initiierten Berlioz-Wochen; der Geehrte kam allerdings erst im nächsten Jahr zu Besuch, anlässlich einer Berlioz-Woche ohne Faust. 1866 fuhr er noch einmal nach Wien, um dort eine konzertante Aufführung unter Beteiligung des Wiener Singvereins zu leiten. Eine erste szenische Produktion kam erst 1893, ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Komponisten, in der Salle Garnier der Opéra de Monte Carlo zustande, wo der amtierende Theaterdirektor Raoul Gunsbourg das Werk in einer eigenen Bearbeitung herausbrachte. Damit stand der Vorhang offen. Aber die eigentliche Bühne für den Faust von Berlioz war und ist die Fantasie, zuerst die des Komponisten, dann die des Publikums.

Karl Dietrich Gräwe

Biografie

Florian Boesch ist als einer der führenden Interpreten im Fach Liedgesang ein begehrter Gast auf den Konzertpodien internationaler Musikmetropolen (Wiener Konzertverein, Concertgebouw Amsterdam, Wigmore Hall London, Konzerthaus Berlin u. a.) sowie bei renommierten Festivals wie der Schubertiade Schwarzenberg, dem Edinburgh Festival, dem Oxford Lieder Festival und der Styriarte in Graz. Ebenso erfolgreich ist Florian Boesch mit einem historisch wie stilistisch facettenreichen Konzertrepertoire als Solist führender Orchester; hinzu kommen Partien in Bühnenwerken von Georg Friedrich Händel (Radamisto), Wolfgang Amadeus Mozart und Alban Berg (Wozzeck). Eine regelmäßige künstlerische Partnerschaft verbindet den Bariton, der in Wien u. a. bei Robert Holl ausgebildet wurde, mit Nikolaus Harnoncourt, so etwa in Haydns Schöpfung und den Jahreszeiten bei den Salzburger Festspielen. Darüber hinaus hat er u. a. mit den Dirigenten Ivor Bolton, Adám Fischer, Philippe Herreweghe, Sir Roger Norrington, Paul McCreesh und Franz Welser-Möst zusammengearbeitet. In Konzerten der Berliner Philharmoniker war Florian Boesch erstmals Ende Oktober 2011 unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt als Solist in Beethovens C-Dur-Messe zu erleben.

Charles Castronovo, geboren in New York und in Kalifornien aufgewachsen, sang schon während seines Gesangsstudiums im Chor der Los Angeles Opera. Seine Ausbildung setzte er als Stipendiat in den Nachwuchsprogrammen der San Francisco und der Metropolitan Opera fort, wo er 1999 als Beppe in Ruggero LeoncavallosI Pagliacci debütierte. Seither gastierte er an Häusern wie der Berliner Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden in London, der Opéra National in Paris, dem Teatro Real in Madrid, dem Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel, der Wiener Staatsoper sowie bei den Festspielen von Salzburg und Aix-en-Provence. Auch an die Met und nach Los Angeles kehrte der Tenor mehrfach wieder zurück. Sein Repertoire umfasst Partien wie Don Ottavio (Don Giovanni), Tamino (Die Zauberflöte), Alfredo (La traviata), Rodolfo (La Bohème), Nemorino (L’elisir d'amore), Gennaro (Lucrezia Borgia), Il Duca di Mantova (Rigoletto), Ruggero (La Rondine) sowie die Titelpartie in Gounods Faust. An der Bayerischen Staatsoper ist Charles Castronovo in dieser Spielzeit als Tamino, Nemorino und Don Ottavio zu erleben; an der Deutschen Oper Berlin verkörpert er den Ruggero in der Inszenierung von Rollando Villazón. Sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern gab Charles Castronovo bei den diesjährigen Osterfestspielen in Baden-Baden, ebenfalls in der Titelpartie von Berliozʼ La Damnation de Faust.

Joyce DiDonato, geboren in Kansas (USA), studierte an der Academy of Vocal Arts in Philadelphia; anschließend wurde sie im Rahmen der Förderprogramme für junge Künstler an den Opernhäusern in San Francisco, Houston und Santa Fe ausgebildet. Eine steile Karriere hat sie seither u. a. an die Metropolitan Opera in New York, das Londoner Royal Opera House Covent Garden, das Teatro alla Scala in Mailand, die Staatsopern in München und Wien, die Deutsche Oper Berlin und das Liceu Barcelona geführt, aber auch in renommierte Festspielorte wie Salzburg, Edinburgh und zu den BBC Proms. Zum Kernrepertoire Joyce DiDonatos gehören Rollen von Händel und Mozart sowie die Belcanto-Partien Rossinis (wie Elena in Ladonna del lago); darüber hinaus war sie u. a. als Octavian (Der Rosenkavalier), Komponist (Ariadne auf Naxos) und in der Titelpartie von Das schlaue Füchslein sowie in zeitgenössischen Bühnenwerken zu erleben: etwa in Mark Adamos Little Women, Tod Machovers Resurrection oder Jake Heggies Dead Man Walking. Die Mezzosopranistin ist ebenso als Konzertsolistin gefragt, hat mit Dirigenten wie mit Valery Gergiev, Alan Gilbert, James Levine und Sir Roger Norrington zusammengearbeitet und gastierte beispielsweise beim London Symphony Orchestra, New York Philharmonic, Orchestra of the Age of Enlightenment, Orchestre National de Paris und beim Cleveland Orchestra. Joyce DiDonato, die u. a. 2012 mit einem Grammy Award und 2014 mit der Ehrendoktorwürde der Juilliard School ausgezeichnet wurde, war mit Liederabenden in der Londoner Wigmore Hall und in der New Yorker Carnegie Hall zu erleben. In Konzerten der Stiftung Berliner Philharmoniker war die Künstlerin erstmals mit einem Liederabend, begleitet von David Zobel, im Juni 2012 zu Gast.

Ludovic Tézier stammt aus Marseille und zählt heute zu den gefragtesten Sängern seines Fachs.Er begann seine Laufbahn als Ensemblemitglied des Luzerner Theaters, bevor er in das Atelier Lyrique der Opéra de Lyon aufgenommen wurde. Dort sang er zunächst Mozart-Partien (Graf Almaviva in Le nozze di Figaro und die Titelpartie in Don Giovanni) und Belcanto-Rollen (z. B. Belcore in L’elisir d’amore und Malatesta in Don Pasquale), bald darauf auch Marcello (La Bohème) und Ford (Falstaff). 2005 debütierte er als Graf Almaviva an der Wiener Staatsoper. Es folgten Engagements an Bühnen wie die New Yorker Metropolitan Opera, die Pariser Oper, die Mailänder Scala, die Bayerische Staatsoper, das Gran Teatre del Liceu, nach Toulouse, Marseille, Monte Carlo, Aix-en-Provence und zu den Salzburger Festspielen. Der Bariton feierte Erfolge als Renato (Un ballo in maschera), Germont (La traviata), Jeletzki, in der Titelrolle von Eugen Onegin, als Hamlet, Wolfram, Valentin, Don Carlo (La forza del destino), Enrico (Lucia di Lammermoor) und Escamillo (Carmen). Sein Debüt mit den Berliner Philharmonikern gab Ludovic Tézier bei den diesjährigen Osterfestspielen in Baden-Baden.

Der Rundfunkchor Berlin ist ein gefragter Partner führender Orchester und Dirigenten in aller Welt; langjährige Kooperationen bestehen in Berlin mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem Deutschen Symphonie-Orchester und den Berliner Philharmonikern. In rund 50 Konzerten jährlich sowie mit Gastauftritten bei Festivals stellt der Chor sein breites Repertoire und reich nuanciertes Klangbild unter Beweis. Gemeinsam mit Künstlern unterschiedlicher Disziplinen erschließt der Chor jedes Jahr mit einer spartenübergreifenden Produktion neue Erlebnisweisen von Chormusik: So stieß z. B. die szenische Umsetzung des Deutschen Requiems von Johannes Brahms durch Jochen Sandig 2012 auf große Resonanz. 1925 in Berlin gegründet und von Dirigenten wie Helmut Koch, Dietrich Knothe und Robin Gritton geprägt, wird der Rundfunkchor Berlin seit 2001 von Simon Halsey geleitet. Eine rege Aufnahmetätigkeit und viele Auszeichnungen, darunter drei »Grammy Awards«, dokumentieren den großen Erfolg dieser Arbeit. Simon Halsey, der im Januar 2011 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt wurde, initiierte außerdem zahlreiche Aktivitäten des Chors im Bildungs- und Erziehungsbereich, so das jährliche Mitsingkonzert in der Philharmonie oder die Liederbörse für Kinder und Jugendliche. 2011 startete der Rundfunkchor Berlin das Projekt SING!, welches das Ziel verfolgt, in Berliner Grundschulen das Singen als selbstverständlichen Teil des Schulalltags zu etablieren. Mit den Berliner Philharmonikern war der Rundfunkchor Berlin zuletzt Mitte März dieses Jahres mit Werken von Debussy und Duruflé zu erleben; Dirigent war Donald Runnicles.

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