Berliner Philharmoniker

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Kammermusik

Jazz at Berlin Philharmonic mit Michael Wollny, Markus Stockhausen und den 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker

Unter dem Motto »Monteverdi meets Morricone« widmen sich die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker bekannten und unbekannteren Werken der Musikgeschichte, effektvoll und innovativ arrangiert von Geir Lysne. Musikalische Verstärkung erhalten die Streicher von dem jungen deutschen Jazzpianisten Michael Wollny und von Markus Stockhausen, der als Solo-Trompeter, Improvisator und Komponist im Jazz ebenso zu Hause ist wie in der zeitgenössischen und der klassischen Musik.

Michael Wollny Klavier

Markus Stockhausen Trompete

Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker

Tamar Halperin Cembalo

Geir Lysne Leitung und Arrangements

Monteverdi meets Morricone

Termine und Tickets

Mi, 06. Mai 2015 20 Uhr

Philharmonie

Einführung: 19:00 Uhr

Programm

Der norwegische Saxofonist, Komponist und Arrangeur Geir Lysne gehört zu den innovativsten Köpfen seines Fachs, sowohl in der klassischen Orchesterlandschaft Norwegens als auch im Jazz, den er mit ungewöhnlichen Arrangements in den unterschiedlichsten Besetzungen um eine bisher nicht gekannte Farbenvielfalt bereichert. Aufgrund ungewohnter Instrumentationskniffe und einem ausgiebigen Rekurs auf weltmusikalische Kontexte gelingt es ihm, eine neue und unverwechselbar urban anmutende Musik zu kreieren, bei der die globale Vielfalt so klingt, als hätte sie schon immer untrennbar zusammengehört.

Auch die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker präsentieren in ihren Konzerten immer wieder äußerst raffinierte Bearbeitungen von Werken diverser musikalischer Genres, mit denen das durch jahrelange Praxis fest aufeinander eingespielte Streicherteam sein Publikum zu begeistern weiß – auf 48 Saiten vom tiefen C bis in die viergestrichenen Flageoletts! Unter dem Motto Monteverdi meets Morricone widmen sich die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker nun bekannten und unbekannteren Werken der Musikgeschichte, die von Geir Lysne in ein neues Klanggewand gekleidet wurden. Unterstützt werden die Musiker hierbei von dem jungen deutschen Jazzpianisten Michael Wollny und von Markus Stockhausen, der als Solo-Trompeter, Improvisator und Komponist im Jazz ebenso zuhause ist wie in der zeitgenössischen und der klassischen Musik.

Über die Musik

Unerwartete Begegnungen

Ein Individualistentreffen

Die Idee: Monteverdi meets Morricone

»Connect the Unexpected« steckt als unausgesprochenes Motto hinter der Konzertreihe Jazz at Berlin Philharmonic. Das Unerwartete zu kombinieren ist zugleich die Quersumme des beruflichen Schaffens ihres Kurators Siggi Loch nach fast 40 Jahren als ein treibendes Rad der Musikindustrie, vom Vertreter für EMI Electrola bis zum Präsident der WEA Europe in London und nach 23 Jahren als Lenker seines eigenen ACT-Labels. Aus diesem Erfahrungsschatz schöpft Loch, wenn er nun im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie überraschende Begegnungen herausragender Musiker initiiert, die natürlich auch immer unerwartete Kombinationen verschiedener Genres und Verschränkungen individueller Personalstile ergeben – wie zuletzt bei der Accordion Night im Februar. Oder auch, wenn er ein diesen Begegnungen übergeordnetes bekanntes Thema neu bearbeiten lässt, wie im vergangenen Dezember bei Kind of Cool, als der Schlagzeuger Wolfgang Haffner mit fünf prominenten Mitstreitern und Mitgliedern der Philharmoniker den Legenden des Cool Jazz seinen Tribut zollte. Ausverkaufte Konzrte sprechen für die Überzeugungskraft und das kreative Gelingen dieses Konzepts.

Aus Lochs Lebenswerk speist sich auch die Idee der aktuellen Ausgabe von Jazz at Berlin Philharmonic: Monteverdi meets Morricone. Schon mehrmals in seiner Karriere hatte er Künstler zur kreativen Auseinandersetzung mit einem dieser Musikgiganten angeregt: Ritchie Beirach bewegte sich mit seinem Trio Round About Monteverdi, außerdem nahm sich Michael Riessler mit dem Vokalensemble Singer Pur und dem Cellisten Vincent Courtois für das Album Ahi Vita ebenso zwei Stücke des italienischen Barock-Meisters vor wie Danilo Rea und Flavio Boltro für ihr Opera-Projekt. Der Pianist Jens Thomas wiederum feierte im Jahr 2000 mit seinen Ennio-Morricone-Interpretationen den Durchbruch; und auch das schwedische Quintett Oddjoblegte auf seinem zweiten ACT-Album Clint drei furiose Versionen von bekannten Themen des Filmmusik-Stars hin. Nun schwebte Loch vor, beides zusammenzubringen, um mit den Mitteln des Jazz das Unerwartete erklingen zu lassen: das 17. mit dem 20. Jahrhundert – einen der ersten Vertreter der bis in die heutige Musik nachwirkenden Generalbassepoche mit dem Erfinder einer ebenso folgenreichen neuen Art von Filmmusik. Klar war aber auch, dass dieser weite Bogen das große Format benötigt: Erstmals geht die Reihe damit in den Großen Saal der Philharmonie.

Das Ensemble: Die 12 Cellisten

Dafür braucht es freilich auch mehr als ein paar Solisten, es braucht ein den Raum füllendes Ensemble: Das wäre etwas für die 12 Cellisten, dachte sich Loch, sind diese doch nicht nur eine der ältesten und berühmtesten Kammermusikgruppen der Berliner Philharmoniker, sondern auch eine der stilistisch aufgeschlossensten. Schon die Titel ihrer jüngsten Alben zeugen von ihrer bemerkenswerte Bandbreite: Von South American Getaway geht es da über Round Midnight und As Time Goes By (beide mit Till Brönner) bis zu Angel Dance (mit Sacralmusik) und Fleur de Paris. Dabei war am Anfang nicht absehbar, dass sich die Cello-Gruppe eines Symphonieorchesters überhaupt solches Repertoire erspielen kann: Zu ungewöhnlich war die bis heute einmalige Besetzungsidee.

Ihre Gründung geht zurück auf das Jahr 1972, als findige Salzburger Redakteure des ORF auf den Cellovirtuosen Julius Klengel und sein 1920 geschriebenes, 1922 letztmals aufgeführtes Werk Hymnus für 12 Celli gestoßen waren. Man bat das wichtigste Festspielorchester, die Berliner Philharmoniker, um eine öffentliche Rundfunkaufnahme, woraufhin die 12 Cellisten am 25. März 1972 im Mozarteum kammermusikalisch, also ohne Dirigent, zur Tat schritten. Der Spaß und der Erfolg waren so durchschlagend, dass stante pede die Fortsetzung dieses Formats beschlossen wurde. Rudolf Weinsheimer übernahm die organisatorische Mammutaufgabe, das Ensemble – bei unverminderten Arbeit im Orchester – eigenständig aufzutreten zu lassen.

Nach und nach, auch dank glücklicher Umstände – Weinsheimer nahm einmal die Tochter von Boris Blacher als Anhalterin mit, der ihnen daraufhin die Tanzsuite Blues – Espagnola – Rumba philharmonica schrieb – kam ein bemerkenswertes Repertoire zustande. Angefangen mit Jean Françaix komponierten Größen wie Iannis Xenakis, Brett Dean, Wilhelm Kaiser-Lindemann, Frangis Ali-Sade, Christian Jost, Kaija Saariaho, Tan Dun oder Wolfgang Rihm für die 12 Cellisten. Mehr als 50 Werke sind es inzwischen, die speziell um diese magische Anzahl des universalsten unter den Orchesterinstrumenten kreisen, das in allen Klangbereichen von den sonoren Tiefen bis in die schrillen Höhen zu Hause ist. Da die Auftritte der 12 Cellisten neben der hauptberuflichen Orchesterarbeit rar sind, sind sie umso begehrter: Schon die Premiere mit einem abendfüllenden Programm fand nicht in Berlin, sondern in Tokio statt; dort sind sie so berühmt, dass sie inzwischen bereits fünf Mal im Kaiserpalast eingeladen waren und einmal sogar Kaiserin Michiko am Flügel begleiteten. Aber auch hier sind sie ein stehender Begriff, 2001 und 2005 wurde das Ensemble mit dem Echo Klassik ausgezeichnet.

Eigentlich sind es heute ja die 14 Cellisten. Zwei Weltklasse-Cellisten stehen für alle Fälle immer in Reserve, wenn sich diese Individualisten aus ganz Europa (inzwischen alle mindestens aus der zweiten Ensemble-Generation) zum vollkommenen musikalischen Miteinander vereinen – vom spielenden Geschäftsführer Martin Menking über Olaf Maninger (»nebenbei« Medienvorstand der Stiftung Berliner Philharmoniker und Geschäftsführer der Berlin Phil Media GmbH), dem 1. Solo-Cellisten Ludwig Quandt und seinen deutschen Kollegen Nikolaus Römisch, Dietmar Schwalke, Christoph Igelbrink, Richard Duven und Martin Löhr bis zum Österreicher Knut Weber, dessen österreichisch-ungarischem Landsmann Stephan Koncz, dem Schweizer David Riniker, der Britin Rachel Helleur sowie den französischen Kollegen Solène Kermarrec und Bruno Delepelaire.

Der Weltmusiker: Markus Stockhausen

Blieb die Frage, wer sie als Solisten begleiten sollte. Schnell kam Siggi Loch auf einen, der nicht nur die nötige stilistische Offenheit besitzt, sondern auch seit 2005 immer wieder einmal mit den 12 Cellisten gearbeitet hat: den Trompeter Markus Stockhausen. Wie kein anderer seines Fachs bewegt sich der 57-jährige Kölner bei seinen vielfältigen Projekten von der Alten und der Modernen bis zur Weltmusik an der Schnittstelle zwischen klassischer Motivik und jazziger Improvisation. Die Grundlage dafür legte sein Vater Karlheinz Stockhausen, in dessen Ensembles er früh mitspielte, aber auch ein Doppelstudium an der Kölner Musikhochschule: klassische Trompete bei Robert Platt (Berliner Philharmoniker von 1982 bis 2002) und Jazztrompete bei Manfred Schoof. Seither haben wohl wenige Musiker mit so vielen so unterschiedlichen Kollegen gearbeitet wie er: Johannes Tonio Kreusch, Michael Riessler, Ralph Towner, Ferenc Snetberger, Charlie Mariano, Mark Nauseef, Kudsi Erguner, Nguyên Lê, Dhafer Yussef und Florian Weber gehören dazu, außerdem spielte Stockhausen in diversen Ensembles und Bands wie Key, Kairos und der Rainer Brüninghaus Group.

Zu seinen eigenen Gründungen gehört das Trio Aparis mit seinem Halbbruder Simon und Schlagzeuger Jo Thönes und die Weltmusikgruppe Eternal Voyage, komponiert hat er unter anderem für das Swiss Jazz Orchestra, die Camerata Bern, die London Sinfonietta, das Orchestra d’Archi Italiana, das Kammerorchester Winterthur und die Kölner Philharmonie. Sein künstlerischer Blick reicht über die Musik hinaus: Für den Regisseur Amos Gitai schrieb Stockhausen zwei Soundtracks, für das Staatstheater Mainz Theatermusik und für ein »Klangschiff« das Stück Donautropfen; des weiteren arbeitete er mit den Bildhauern Helmut Lutz und Norbert Müller-Everding zusammen, mit letzterem entstand ein Stück für Tanz, Musik und geometrische Lichteffekte. Sogar als Veranstalter ist Stockhausen hervorgetreten, bis 2010 zehn Jahre lang für eine Konzertreihe in Köln, aus der die von ihm gegründete Internationale Akademie für Intuitive Musik hervorging, an der er selbst unter anderem auch Yoga für Musiker lehrt.

Was Stockhausen so begehrt macht, ist neben dieser Vielseitigkeit sein unverwechselbarer Ton. Ob auf diversen Trompeten und Flügelhörnern – er spielt zum Beispiel auch ein selbst konstruiertes Vierteltonflügelhorn und improvisiert auf der Piccolotrompete –, einen vergleichbar makellosen Ansatz und eine derartig lyrische Kraft muss man lange suchen. Das passt bei Monteverdi meets Morricone perfekt zu den außergewöhnlichen Klangfarben und
-effekten von Ennio Morricone, der seine musikalische Laufbahn ja als Trompeter begann.

Der Star: Michael Wollny

Noch fehlte indes ein Solist, der – eingedenk des Mottos – noch nicht mit den 12 Cellisten gespielt und – angesichts des großen Saals – eine besondere Strahlkraft hat. Auch da fiel Siggi Loch die Wahl nicht schwer: Michael Wollny ist die Idealbesetzung. Der aus Schweinfurt stammende, in Würzburg bei Chris Beier ausgebildete und jetzt in Frankfurt lebende 36-Jährige war früh eine Verheißung des deutschen Jazz. Angefangen mit seiner Mitgliedschaft im Bundesjazzorchester, dann im bis heute bestehenden Duo mit dem Saxofon-Veteranen und Albert-Mangelsdorff-Weggefährten Heinz Sauer und schließlich im bislang auf fünf ACT-Alben dokumentierten Trio [em] mit Eva Kruse am Bass und Eric Schaefer am Schlagzeug.

Obwohl Wollny für diese Arbeit alle wichtigen Jazzpreise Deutschlands gewann – vom Bayerischen Kunstförderpreis 2007, dem Bayerischen Staatspreis für Musik 2013 und dem Binding Kulturpreis 2013 über den SWR Jazzpreis 2008, den Preis der Deutschen Schallplattenkritik 2005 und 2013 und dem Neuen Deutschen Jazzpreis 2011 bis zum BMW Welt Jazz Award 2009 und dem Echo Jazz 2010 und 2013 – blieb er lange ein Insidertipp. Doch mit dem jüngsten, im vergangenen Jahr erschienenen Album Weltentraum ist die Kritiker-Erkenntnis, dass hier ein »Jahrhunderttalent« am Werk ist – die Jazz at Berlin Philharmonic-Besucher konnten sich davon bereits beim Pianistengipfel im Dezember 2012 ein Bild machen – auch in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Die nun unter eigenem Namen eingespielte Trio-CD (mit erneut Eric Schaefer am Schlagzeug und dem von der US-Band Rudder bekannten amerikanischen Bassisten Tim Lefebvre) erklomm Platz drei der allgemeinen Amazon-Charts und war Thema des Heute Journals wie der Tagesthemen. Neben Till Brönner ist Wollny aktuell der zweite junge deutsche Jazzer mit internationaler Bekanntheit und Reputation.

Zugleich ist Weltentraum das beste Bewerbungsschreiben für Monteverdi meets Morricone. Zum einen, weil Wollny bei zwei Stücken aus Kino-Soundtracks erneut seine Leidenschaft für Film unterstreicht, einem Genre, dem er sich bis in den Arbeitsprozess hinein verbunden fühlt: »Viele Regisseure sagen ja, das Nächste zum Film sei Musik. Umgekehrt ist es bei mir beim Improvisieren so, dass ich häufig in Szenen denke, in Abfolgen, Schnitten, Zooms, Schwenks. Oft stelle ich mir meine rechte Hand als Protagonisten vor, der durch verschiedene Situationen geht. Und ich denke beim Spielen häufig in Regieanweisungen. Es geht ja darum, den Moment einzufangen. Vor der Kamera wie auf der Bühne. Das kann man nie komplett kontrollieren, man kann es nur vorbereiten.« Zum anderen, weil Wollny erstmals mit bekannten fremden Kompositionen arbeitete, mit Cover-Songs also, auch wenn man das angesichts des ungewöhnlichen Repertoires von Alban Berg und Edgard Varèse bis zu Guillaume de Machaut und Wolfgang Rihm kaum so nennen mag.

Mit dieser Auswahl legte Wollny auch seine Wurzeln offen: die europäische Musiktradition. »Zuhause, wenn keiner zuhört, übe ich die meiste Zeit klassisch. Ich spiele Repertoire, lese vom Blatt und analysiere. Meine musikalische Sozialisation war ja das Klavierspiel meiner älteren Schwester. Ich erinnere mich an kaum einen Abend, wo ich eingeschlafen wäre, ohne dass sie nicht im Nebenzimmer gespielt hätte. Sie hatte das ganze romantische Repertoire von Schubert bis Schumann drauf, auch das 20. Jahrhundert, Chatschaturjan zum Beispiel. Und da sie auch Querflöte studiert hat, haben wir später auch die ganze französische Literatur zusammen gespielt, Fauré, Bizet oder Saint-Saëns. Dieses ausgehende 19. Jahrhundert, mit dieser musikalischen Welt bin ich aufgewachsen, würde ich sagen. Und dann kam aus eigenem Interesse alles Spätere dazu.«

Das also sind die Ziegelsteine der Musikgeschichte, aus denen Wollny heute aufregende neue Häuser baut. Wie er dabei das vermeintlich Sperrige und Schwierige in Einfaches und Zugängliches verwandelt und umgekehrt, zeigt seine überragende Fähigkeit, jeden musikalischen Moment nach seiner Empfindung neu und überraschend zu gestalten.

Die Spezialistin: Tamar Halperin

Seine Ader für eine spröde Romantik – die ja auch in Monteverdi-Opern und Morricone-Themen steckt – hat Michael Wollny unter anderem auch mit seinem Projekt Wunderkammer unter Beweis gestellt. Das führt zum letzten Solistenglied in der Musikerkette, die bei diesem Jazz at Berlin Philharmonic aufgereiht ist: Zur ungewöhnlichen israelischen Pianistin und Cembalistin Tamar Halperin, die dieses Klangkompendium der wichtigsten abendländischen Tasteninstrumente mit Wollny erst im Duo, dann als Wunderkammer XXL zusätzlich mit der HR Bigband eingespielt hat – beides 2009 und 2013 mit einem Echo Jazz ausgezeichnet.

Nachdem sie zunächst Tennisprofi werden wollte, studierte Halperin Musik an der Universität von Tel Aviv. Sie spezialisierte sich früh auf Barockmusik und setzte ihre Ausbildung deshalb an der Schola Cantorum Basiliensis, dem renommierten privaten Lehr- und Forschungsinstitut für Alte Musik in Basel, sowie an der Juilliard School of Music in New York fort, wo sie 2009 über Johann Sebastian Bach promovierte. Halperin ist nicht nur eine der besten und gefragtesten Cembalistinnen, sie dirigiert auch. Beides zusammen hat sie zum Beispiel beim Podium Festival Orchestra in Esslingen oder dem Cape Town String Exchange Ensemble praktiziert.

Heute umspannt das Repertoire der 38-Jährigen fünf Jahrhunderte. Sie ist in allen Erdteilen mit Solisten wie Laurence Cummings oder Idan Raichel und Orchestern wie dem New York Philharmonic oder The English Concert aufgetreten und hat zuletzt mit ihrem Mann, dem Countertenor Andreas Scholl, ein Album mit Liedern von Haydn, Mozart, Schubert und Brahms eingespielt. Gleichzeitig ist sie aber offen für zeitgenössische Musik von der Avantgarde über Jazz bis zum Pop, was unter anderem an der Seite von Theo Bleckmann bewies.

Der Chef: Geir Lysne

Fehlt noch das Wichtigste: Der, der das alles zusammenfügt, der das Ausgangsmaterial auswählt, umformt und arrangiert, um den Musikern ihr Gespräch zu ermöglichen. Auch da musste Siggi Loch nicht lange überlegen. Das musste der Norweger Geir Lysne machen.

Der 1965 im norwegischen Trondheim geborene Saxofonist, Multiinstrumentalist, Komponist, Arrangeur und Orchesterleiter Geir Øystein Lysne gehört zu der Generation skandinavischer Musiker, die vor gut 20 Jahren antraten, um dem Jazz Wege aus der Postbop- und Fusion-Erstarrung zu ebnen. Sie rissen die bisherigen Genregrenzen ein und griffen auf die eigene Volksmusik, auf Rock und Pop zurück. So wurden Esbjörn Svensson mit seiner völlig neuen Auffassung des Klaviertrios oder Nils Landgren mit seinem nordischen Funk berühmt. Bugge Wesseltoft überraschte mit seinen »New Conceptions of Jazz« und auch sein norwegischer Landsmann, der Trompeter Nils Petter Molvær, brachte Jazz mit elektronischer Musik und dem Sound seiner Heimat stilbildend zusammen. Weniger beachtet, aber nicht weniger revolutionär war und ist Geir Lysnes Neudefinition des Bigband-Konzeptes. Er brachte dem Jazzorchester einen nie gehörten Klangfarbenreichtum und völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten bei.

Grundlage dafür war sein Saxofon- und Kompositionsstudium an der Norwegischen Musikhochschule in Oslo von 1988 bis 1992. Schon zu dieser Zeit spielte er mit Helge Sunde, dem anderen großen Bigband-Modernisierer Norwegens, in der Oslo Grove Company. Auftakt für die Umwälzungen, die er mit seinem 1999 gegründeten Listening Ensemble in Gang setzte. »Ich schreibe keine gewöhnliche Bigband-Musik. In meinen Stücken wird man keine AABA-Liedform finden, keine durchgehenden Swing-Rhythmen, gängigen Changes oder Blues-basierten Themen«, hat Lysne einmal gesagt. Stattdessen findet man darin »ein Konglomerat aus ungeradem Jazzrock, folkloristischen Sprengseln, harschen Blechtiraden, würzenden Geräuschen, fernöstlichem Triphop und – natürlich – Jazz in beinahe sämtlichen Spielformen«, wie ein Rezensent bereits 2003 feststellte. Das Neue ergibt sich durch ungewohnte Instrumentierungen mit Flöten, Perkussion, Laptop und instrumental eingesetzten Stimmen. Vor allem aber durch den ausgiebigen Rekurs auf weltmusikalische Kontexte, elektronische Soundscapes und einen ausgefeilten, im Studio wie live meist von Toningenieuren begleiteten Umgang mit Dynamik und melodiösem Raumklang. Das Wunder ist, dass dieses Aufeinandertreffen der globalen Vielfalt stets so klingt, als hätte es schon immer zusammengehört.

In der Szene ist diese Revolution rasch wahrgenommen worden: Nahezu alle bedeutenden europäischen Orchester haben Geir Lysne inzwischen zu Projekten oder Dirigaten eingeladen, von der NDR- und der HR-Bigband über die UMO Bigband bis zu allen fünf existierenden norwegischen Militärorchestern. Stars wie Bobby McFerrin, Mory Kanté oder Nils Landgren holten ihn für große Tourprojekte als musikalischen Leiter. Seine eigenen fünf ACT-Alben wurden von der Kritik gefeiert und mit Preisen wie dem Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Zuletzt bekam Lysne 2013 mit dem ECHO Jazz für das »Beste Bigband Album«, nämlich die CD Big Band! mit der NDR Bigband und dem italienischen Pianisten Stefano Bollani.

Keine Sekunde hat Lysne gezögert, als ihm Siggi Loch Monteverdi meets Morricone vorschlug. »Ich liebe es, solche unterschiedlichen Stile und Ansätze, hier aus 350 Jahren, zusammenzubringen – auf meine Art. Und natürlich war es eine große Ehre und Herausforderung mit den 12 Cellisten zu arbeiten«, sagt er. Bezeichnend sind die ersten Schritte, mit denen er an das Projekt heranging: »Ich fragte alle möglichen befreundeten Musiker und Dozenten, ob sie mir eine Monteverdi-Melodie vorsingen könnten. Keiner konnte es. Ich spielte dann am Klavier mit Themen aus L’Orfeo und erkannte, dass das Geheimnis in der Struktur liegt. Ganz anders als bei Morricone, von dem jeder einen der Hits kannte. Wenn man die nachspielt, ist es wie bei den 5000 Versionen, die es gibt: Sie klingen alle gleich. Also nahm ich die Melodien aus den Morricone-Chorussen heraus, fügte dafür Monteverdi-Chords ein und vice versa.«

Nach intensiven Proben aller Beteiligten – »nach dem ersten Arbeitsgespräch mit den 12 Cellisten nahm mich Siggi in ein Konzert mit: Am gleichen Abend führte zufällig Ennio Morricone persönlich seine Werk mit Orchester auf. Das gab mir nochmal einen richtigen Kick«, berichtet Lysne – ist nun eine Art Suite entstanden. Ohne Pause, aber mit Zwischenspielen in wechselnden kleinen Besetzungen werden drei Themen aus Monteverdis L’Orfeo, vier der berühmtesten Morricone-Filmthemen (darunter The Good, the Bad and the Ugly) und eine Komposition von Geir Lysne selbst (Mai Chi, eine Replik auf Morricones Chi Mai) erklingen. Und zwar mit Sicherheit ganz unerwartet.

Oliver Hochkeppel

Michael Wollny
Markus Stockhausen

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