Berliner Philharmoniker

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Kammermusik

Accordion Night

Accordion Night mit Stian Carstensen und Vincent Peirani

Wie kaum ein anderes Instrument ist das Akkordeon ein Symbol des kulturellen Austauschs. In der Klassik und im Jazz führte das Instrument allerdings eher ein Randdasein, bis südamerikanische Bandoneon-Meister wie Astor Piazzolla dem Akkordeonklang neue Bedeutung verliehen. In der »Accordion Night« der Reihe »Jazz at Berlin Philharmonic« beweisen u. a. der Norweger Stian Carstensen und der Franzose Vincent Peirani, wie gut der Akkordeonklang zum Jazz passt.

Stian Carstensen Akkordeon

Vincent Peirani Akkordeon

Régis Gizavo Akkordeon

Klaus Paier Akkordeon

Émile Parisien Saxofon

Asja Valcic Violoncello

Adam Baldych Violine

Nguyên Lê Gitarre

Termine und Tickets

Fr, 13. Feb. 2015 20 Uhr

Kammermusiksaal

Einführung: 19:00 Uhr

Programm

Wie kaum ein anderes Instrument ist das Akkordeon ein Symbol des kulturellen Austauschs. Bei seiner Erfindung in den 1820er-Jahren stand nämlich die chinesische Mundorgel Sheng Pate, weil das Prinzip der frei schwingenden, sogenannten »Durchschlagzunge«, die durch Druck- und Saugluft in Bewegung versetzt wird, in Europa praktisch unbekannt war. Als müsste man die versäumten Möglichkeiten im Zeitraffer nachholen, entwickelten findige Instrumentenbauer dann in kurzer Zeit zahllose Akkordeon-Varianten wie Knopfharmonika, Flautina, Konzertina und Bandoneon, die ebenso in Europa wie in Südamerika Eingang in die Folklore fanden. Klassik und Jazz hielten allerdings jahrzehntelang Distanz, bis südamerikanische Bandoneon-Meister wie Astor Piazzolla dem Akkordeonklang neue Bedeutung verliehen.

In der Accordion Night der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic beweist u. a. der norwegische Multiinstrumentalist Stian Carstensen, der zu den führenden Akkordeonisten Europas zählt, wie gut der Akkordeonklang, in dem so viele Traditionen und Assoziationen mitschwingen, zum Jazz passt. An seiner Seite ist der französische Akkordeonist, Sänger und Komponist Vincent Peirani zu erleben, der aufgrund seines intelligenten, raffinierten und hochvirtuosen Spiels bereits mit Jazzgrößen wie Michel Portal, Daniel Humair, Renaud Garcia Fons, Louis Sclavis oder Vincent Courtois auftrat. Seit 2011 spielt Peirani regelmäßig im Quartett der koreanischen Sängerin Youn Sun Nah, der in Frankreich erfolgreichsten Jazzkünstlerin der letzten Jahre ...

Über die Musik

Ein Instrument setzt sich durch

Das Akkordeon wird Jazzsalonfähig

Wie die Geige oder die Gitarre war das Akkordeon im Jazz lange ein Außenseiter. Das Klavier (vom Ragtime kommend) und die Bläser (aus den Marching Bands und Militärkapellen überwechselnd) beherrschten zusammen mit den Rhythmusinstrumenten Bass und Schlagzeug den Early Jazz. Dass die Ziehharmonika ein vergleichsweise junges Instrument ist, kann nicht der Grund gewesen sein – das Saxofon ist noch gut 20 Jahre jünger. In den 1720er- Jahren wurde parallel in Berlin und Wien die Hand-Äoline erfunden, eine noch sehr einfache Ziehharmonika, die, wie die Mundharmonika, nach dem Prinzip der frei schwingenden und deswegen sowohl durch Saug- wie durch Druckluft Töne erzeugenden »Durchschlagzunge« arbeitete. Die in Europa noch bis ins späte 17. Jahrhundert unbekannte Idee hatte man der chinesischen Mundorgel, der Sheng, abgeschaut.

Die Instrumentenbauer holten das Versäumte rasch nach: Bereits 1836 gab es allein in Paris bereits 20 Akkordeon-Fabrikanten, in Sachsen, Böhmen, Italien, Schottland oder Russland wurden zahllose Varianten gebaut, vom Bandoneon und Knopfharmonika bis zur Flautina oder Konzertina. Und die in der Fülle seiner klanglichen Möglichkeiten nahezu konkurrenzlose Instrumentenfamilie fand ebenso schnell Verbreitung. Schon um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert verkaufte beispielsweise die führende deutsche Firma Hohner mit seiner amerikanischen Tochterfirma beiderseits des Atlantiks Instrumente in sechsstelliger Zahl. Das Akkordeon beherrschte um diese Zeit die Musik der Metropolen, von der Musette in Paris über die Schrammelmusik in Wien bis zum Tango in Buenos Aires.

Freilich war es die »populäre« Musik, über die das Akkordeon herrschte. Sein Siegeszug gründete darauf, dass es – in einer Zeit vor jeder elektronischen Verstärkung – unüberhörbar und außerdem problemlos zu transportieren war; nicht zuletzt konnten ihm dank seiner rationalisierten Akkord-Funktion und Polyfonie auch Amateure eine eindrucksvolle Klangfülle entlocken: entscheidende Vorzüge in einer Zeit der Migration durch Auswanderungswellen, Kolonialismus und der industriellen Revolution mit einer sich ausbildenden interkulturellen Urbanität samt Arbeiter- und Massenkultur. So wurde das Akkordeon das »Orchester des kleinen Mannes«, während sich die Repräsentanten der Hochkultur vom vermeintlichen Straßen- und Kneipeninstrument fernhielten.

Und auch wenn im New Orleans Jazz der 1920er-Jahre durchaus mal ein Akkordeon zu hören war, wenn schon 1930 der Pianist Frank Melrose von Wingy Manones Chicagoer Cellar Boys Akkordeon-Soli einstreute, genau wie Ernie Felice 1947 im Benny-Goodman-Quintett, wenn später selbst ein George Shearing zum Blasebalg griff und Interpreten wie Mat Mathews, Tommy Gumina, Pete Jolly und allen voran Art Van Damme das Akkordeon zum Swingen brachten – es blieb im Jazz ein Exot, eine nicht für voll genommene Klangfarbe. Das änderte sich erst Anfang der 1980er-Jahre mit dem Erstarken des Crossover und der ersten Weltmusik-Welle. Auf den Jazzfestivals mischten sich nun Zydeco-, Klezmer- und Musetteklänge ins Geschehen.

Der entscheidende Impuls aber kam aus Argentinien. Astor Piazzolla erregte mit seinem – selbst von Jazzelementen beeinflussten und von Kollegen wie Dino Saluzzi, Juan José Mosalini oder Luis Di Matteo flankierten – Tango Nuevo nicht nur das Aufsehen von Klassikern wie Gidon Kremer, sondern auch von Jazzern. Es war der Piazzolla-Schüler Richard Galliano, der mit seiner bis dahin unerreicht virtuosen Synthese von zeitgenössischem Jazz mit Musette und Tango ein gefragter Partner der großen Jazzstars wurde und das Akkordeon so endgültig salonfähig machte. In seinem Sog hat es heute auch im Jazz seine originären Meister gefunden, insbesondere in den Ländern mit einer großen Akkordeon-Tradition. Man denke an die Italiener Luciano Biondini, Antonello Salis oder den humorvollen Gianni Coscia, an den vom Blues über mediterranen Jazz bis zur Avantgarde kompetenten Franzosen Jean-Louis Matinier oder an den Amerikaner Guy Klucevsek, der die New Yorker Downtown-Szene um John Zorn mit Polka-Klängen seiner slowenischen Vorfahren bereicherte.

Mit dem Wiener Klaus Paier und dem aus Nizza stammenden Vincent Peirani hat Sigi Loch, Kurator der Konzertreihe Jazz at Berlin Philharmonic, zwei der herausragenden Akkordeonmeister der Gegenwart bei seinem ACT-Label unter Vertrag. Da lag es nahe, dem Trend der vergangenen 30 Jahre nachzuspüren und dem lange ins zweite Glied gedrängten Akkordeon die große Bühne zu öffnen. Vier aktuelle Stars der Szene werden im Konzert des heutigen Abends die Möglichkeiten ihres Instrumentes aufzeigen, das »zum Symbol der multikulturellen Gesellschaft, zum Fetisch des globalen Dorfs geworden ist«, wie der Kritiker Hans-Jürgen Schaal einmal schrieb. Dafür steht ihnen außerdem jeweils ein Partner mit einem anderen Instrument zur Seite, auch sie allesamt Kristallisationsfiguren des neuen welt- und stiloffenen Jazz.

Der Tüftler: Klaus Paier

Ein Solitär der Akkordeonszene ist der 48-jährige Wiener Klaus Paier schon lange. Seit dem achten Lebensjahr erkundet er den Klang des Akkordeons und versucht spieltechnisch wie kompositorisch, die Grenzen des Instruments auszudehnen – ist es doch die Offenheit und Freiheit der Musik, die ihn fasziniert. So wandte er sich nach dem klassischen Akkordeon- und Kompositionsstudium am Klagenfurter Konservatorium rasch auch anderen Genres vom Tango und der Weltmusik bis zum Jazz zu, um sie zu einem unverwechselbaren eigenen Stil zu verschmelzen. Charakteristisch dafür ist die Spannung, die sich aus seinem Spiel mit Gegensätzen, mit Komplementärfarben entwickelt. Immer auf der Suche nach der größtmöglichen Gestaltungsfreiheit fand er dafür die unterschiedlichsten Besetzungen und Akzentuierungen: seit 1997 im eigenen Trio mit Stefan Gferrer am Bass und Roman Werni am Schlagzeug, im Duo mit dem Saxofonisten Gerald Preinfalk, aber auch solo oder mit großem Orchester.

Sein letztes, vor vier Jahren erschienenes Doppelalbum Solitaire ist fast eine Art Quintessenz seiner Arbeit. Erstmals rückten Soloaufnahmen ohne Mehrspurtechnik den »puren« Klaus Paier in den Mittelpunkt, wobei er auf jeweils einer CD Akkordeon und Bandoneon gegenüberstellte, diese zwei ganz eigenen Wesen, die jeweils ihre typische Sprache sprechen. Einzigartig war auch, dass die Stücke auf neuen, eigens für ihn gefertigten Instrumenten entstanden sind. So, wie Paier das Akkordeon spieltechnisch durch die Perfektionierung des Balgspiels und optimale Arrangements von der Neigung zur unscharfen Phrasierung und der oft erdrückenden Dichte befreite, so tüftelte der Klangfetischist auch rein mechanisch an seinen Instrumenten herum, um ihnen das typische Schnaufen auszutreiben. Die Firma Hartenhauer baute für ihn ein Bandoneon, das ebenso leicht und handlich ist wie die klassischen Alfred Arnold-Instrumente der 1930er-Jahre, das klanglich aber überlegen ist. (N.b.: Astor Piazzolla und Dino Saluzzi, der Paier erst zum Bandoneon brachte, spielten bzw. spielen Alfred Arnold-Instrumente.) Und das für Paier entwickelte Akkordeon der renommierten italienischen Firma Victoria ermöglicht über einen Quintconverter, wie bei einem Klassik-Akkordeon, Einzeltöne mit der linken Hand zu spielen, ist aber erheblich leichter. Paier hatte damit technische Möglichkeiten, die ihm ganz neue kompositorische Wege eröffneten. Sein unerschöpflicher melodischer Einfallsreichtum und das für ihn typische, spannungsgeladene, durch Pausen Räume schaffende Spiel, gewinnen mehr Dynamik und Klangfarben denn je.

Paiers Partnerin im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie ist die ursprünglich aus der Klassik kommenden Cellistin Asja Valcic, mit der Paier vor fünf Jahren das gefeierte und preisgekrönte Album À Deux einspielte. Ihre Partnerschaft gründet auf einem noch zehn Jahre älteren Projekt. Damals stellte Paier für eines seiner Projekte ein Streichquartett zusammen. Daraus wurde dann das radio.string.quartet.vienna, das wiederum nach seinem Sensationsdebüt mit Celebrating the Mahavishnu Orchestra beim nächsten Album Radiotree mit Klaus Paier gemeinsame Sache machte. Spätestens da fiel Paier auf, wie gut das Cello von Asja Valcic mit seinem Akkordeon harmonierte, und so war die Allianz schnell geschmiedet.

Vier Stücke, drei aus Paiers Feder, rücken in Berlin diese immer wieder atemberaubende Kombination von Paiers einzigartig herb klingenden Akkordeon mit Valcics konkurrenzlos energischem, mitunter wie ein Kontrabass marschierendem Cello ins Licht. Das furiose »Tango loco« macht seinem Namen ebenso alle Ehre wie »Celtango«, bei dem man neben dem melancholischen Rauschen des Rio de la Plata auch förmlich die spröden Küsten Schottlands und Irlands vor sich sieht. »Just A Day« ist dagegen ein eher lyrisches, impressionistisches Gespräch der zwei Stimmen, ebenso wie Valcics dramatischer »Night Walk«.

Akkordeon von der Insel: Régis Gizavo

Anders als seine drei Kollegen in der Berliner Philharmonie hat Régis Gizavo keine klassische Musikausbildung genossen, er ist Autodidakt. Was natürlich auch an seiner Herkunft liegt: In Madagaskar, der riesigen Insel vor der afrikanischen Ostküste, gibt es keine akademische Laufbahn für einen Akkordeonisten. Gizavo bekam die Liebe zu seinem Instrument schlicht vom Vater vererbt; schon mit sechs Jahren spielte er auf dessen diatonischem Hohner Melodeon – so extensiv, dass der Vater, ein Lehrer, in Sorge um die Konzentration des Sohnes auf die Schule eines Tages das Instrument zerstörte. Doch Régis lieh sich Instrumente von den traditionellen Akkordeonisten – das Instrument gehört fest zu den Trance-Riten des Landes – aus dem Dorf seiner Mutter und machte weiter. Nicht nur lernte er so, diatonische Stücke auch auf dem chromatischen Akkordeon zu spielen und umgekehrt, er schnappte auch alles auf, was er zu hören bekam, von der heimischen Volksmusik bis zu den portugiesischen und südafrikanischen Klängen, die von den Radiosendern des benachbarten Mosambik herüberschwappten.

Gizavo spielte bei Feiern und in den Kneipen erst seines Dorfes, dann in ganz Madagaskar, mit allen möglichen Bands und Musikern wie der Popsängerin Landy oder dem Gitarristen D’Gary, ohne an eine Karriere als Berufsmusiker zu denken. Doch schon der erste Mitschnitt fürs Radio brachte den Durchbruch: So virtuos und eigenwillig erweitert hatte man traditionelle madegassische Klänge noch nie gehört. Dazu kam noch Gizavos vibrierende, samtene Naturstimme. Diese Kombination fiel auch den Juroren des von Radio France International verliehenen »Prix Découvertes« auf: 1990 bekam Gizavo diese wohl älteste und wichtigste Auszeichnung im Weltmusikbereich. Was ihm nicht nur ermöglichte, sich erstmals ein eigenes Instrument anzuschaffen, sondern ihn auch nach Paris führte. Von all den Einflüssen überwältigt, wandte sich Gizavo an Richard Galliano, um Unterricht zu nehmen. Galliano aber beschied ihn, dem eigenen Genie und seinen Wurzeln zu vertrauen. So perfektionierte Gizavo seinen Stil. Nach Auftritten mit Größen wie Manu Dibango oder Les Têtes Brûlées wurde er 1993 Akkordeonist der korsischen Band I Muvrini, in Frankreich schon damals, heute in ganz Europa Stars der Weltmusik. Sein Ruf mehrte sich, und auch Cesária Évora und Lura, die Gesangsstars der Kapverden (auch so eine Insel zwischen den Kontinenten, auf der sich die Stile mischen) versicherten sich seiner Dienste. Heute konzentriert sich Régis Gizavo in erster Linie auf seine eigene Karriere.

Sein Berliner Auftritt verspricht besondere Spannung, ist doch sein Partner niemand anderes als Nguyên Lê. Aus Vietnam stammend, ist der ebenfalls autodidaktische französische Gitarrist – der seinerzeit der erste ACT-Exklusivkünstler wurde – seit Langem eine Gallionsfigur des für weltmusikalische Einflüsse offenen modernen Jazz und wie Gizavo ein unverwechselbarer Stilist. Schon die Titel von Gizavos vier Stücken (von »Love« über »Nehoda« und »Brazil« bis zu »Sud Afrique«) versprechen eine weite gemeinsame Reise.

Der Multi-Instrumentalist: Stian Carstensen

Wäre es irgendwie möglich, würde der Norweger Stian Carstensen wohl 24 Stunden am Tag Musik machen. Daran kommt er immerhin so nahe heran, wie es irgend geht: Pausen gibt es bei ihm so gut wie keine, nach seinen Auftritten wird spätnachts gerne einfach im leeren Saal weiter gejammt. Dieser pure Spaß überträgt sich: Mitunter wird bei einem Konzert von Carstensen und seiner Paradeband Farmers Market im Jazzclub mehr gelacht als beim Kabarett. Oder, wie es FAZ-Kritiker Ulrich Olshausen einmal nüchterner ausdrückte: »Was weltmusikalisches Entertainment anbelangt, schlägt Farmers Market alles andere nach Längen.«

Was in die frühen 1990er zurückführt, als der Multiinstrumentalist Carstensen – der neben seinem Hauptinstrument Akkordeon alles Mögliche wie Kaval-Flöte, Fender-Gitarre, Pedal Steel oder E-Sitar beherrscht – und einige Studienkollegen aus dem norwegischen Trondheim begannen, ihre Free-Jazz-Band mit osteuropäischen Klängen und dem – telefonisch gecasteten! – bulgarischen Saxofonisten Trifon Trifonov aufzurüsten. Fragt man Carstensen, warum er als Norweger ausgerechnet bulgarische Musik spielt, antwortet er mit der Gegenfrage: »Soll Mozart nur von Salzburgern gespielt werden?« Bestimmt nicht, denn hört und sieht man Carstensen live, glaubt man zu ahnen, dass er seinen Meta-Folk nur deshalb ins südeuropäische Kleid steckt, weil das metrisch wie harmonisch den höchsten Schwierigkeitsgrad bedeutet. Solche Herausforderungen liebt der Derwisch, wenn er von Beethoven über Coltrane bis Abba, von Charleston über Country bis zu Funk durch die Musikgeschichte streift, natürlich vom »Nordic Sound« ebenso wie vom Balkan überwölbt. James Bond und Goldfinger verirren sich da ebenso ans Schwarze Meer wie Pulp-Fiction-Gitarren, Charleston-Melodien der 1920er oder Stevie-Wonder-Soul (bei dem das Akkordeon durch Anschluss an einen Leslie wie eine Hammond-Orgel klingt) und Country.

Staunend und lachend wird man da auch im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie zurückbleiben. Die Verblüffung kommt von der Virtuosität, und die Komik besteht darin, dass Altbekanntes in nie gehörter Art daher kommt. Dieses parodistische Element wird aber nie platt oder denunzierend, weil Carstensen Musik in jeder Form fanatisch liebt und umarmt. Dies und einiges mehr eint ihn mit seinem Begleiter, der den Stammgästen des Jazz at Berlin Philharmonic wohl bekannt ist: Der inzwischen vielfach preisgekrönte junge polnische Geiger Adam Bałdych ist nicht nur »zweifellos der größte lebende Geigentechniker des Jazz«, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung schon vor vier Jahren schrieb, er ist auch einer der führenden Experimentatoren des neuen, sich in alle Richtungen auffächernden Jazz der vergangenen Jahre. Keiner hat das Klangspektrum der Geige vergleichbar erweitert. Als er im März 2013 beim zweiten Konzert von Jazz at Berlin Philharmonic erstmals auf den Pianisten Yaron Herman traf, war dies der Beginn einer gefeierten Partnerschaft. Man darf gespannt sein, was sich aus dem Gipfeltreffen des heutigen Abends ergibt, das Carstensen mit vier extrem unterschiedlichen Songs bestückt hat: Von Bach geht es da über norwegische Traditionals bis zum David-Bowie-Hit »Life On Mars«.

Der junge Wilde: Vincent Peirani

Der aktuell wohl prominenteste der vier Akkordeonisten ist auch der jüngste: Der 33-jährige, aus Nizza stammende Akkordeonist Vincent Peirani ist in den vergangenen zwei Jahren – auch ausweislich der diversen Ehrungen als »Künstler des Jahres« und Auszeichnungen vom »Prix Django Reinhardt« bis zu den »Victoires du Jazz« – zum Aushängeschild des jungen französischen Jazz geworden. Mit guten Gründen: Was er Knopfakkordeon und Akkordina entlockt, hat man so noch nicht gehört. Die große französische Akkordeontradition von Galliano bis Matinier scheint durch, wird aber durch einen neuen, eigenen Ausdruck gesteigert. Feine Variationen, schwierigste Zaubereien (»Keine Ahnung, wie ich das spiele«, gibt er selbst zu) oder perkussive Einfälle, alles scheint einer inneren Stimme zu entströmen, zu der noch eine faszinierende Gesangsstimme tritt.

Mit elf Jahren begann Peirani, ganz klassisch Akkordeon zu spielen und gewann bald die Wettbewerbe in Serie. Mit 16 entdeckte er den Jazz und begann schon wenig später ein Jazzstudium in Paris. Schnell spielte er mit der Crème de la Crème des französischen Jazz wie Michel Portal, Daniel Humair, Renaud García Fons, Louis Sclavis oder Vincent Courtois. Parallel verfolgte er zahlreiche eigene Projekte und schöpfte dabei aus den unterschiedlichsten Genres – von Jazz, Chanson und Weltmusik über Klassik bis hin zu Heavy Rock. Seit 2011 spielt Peirani regelmäßig im Quartett der koreanischen Sängerin Youn Sun Nah, der in Frankreich erfolgreichsten Jazzkünstlerin der letzten Jahre. So lernte auch den schwedischen Gitarristen und Youn-Sun-Nah-Begleiter Ulf Wakenius und schließlich Siggi Loch kennen. Er wirkte auf dem im Februar 2012 veröffentlichten Album Vagabond von Ulf Wakenius mit und sorgte allerorten für Staunen und Begeisterung. Was sich mit seinem eigenen ACT-Debüt Thrill Box – prominent besetzt mit Pianist Michael Wollny, Bassist Michel Benita und den Saxofonisten Michel Portal und Émile Parisien – im Mai 2013 noch steigerte. Das Album spiegelte den ganzen Facettenreichtum Peiranis musikalischer Einflüsse wider und zeigte ihn auch als intelligenten, raffinierten Komponisten sowie als begnadeten Geschichtenerzähler. Seither hat er sich mit weiteren Veröffentlichungen und zahlreichen Konzertreisen – unter anderem als Artist in Residence beim Südtirol Jazzfestival – als noch immer überraschende Verheißung des neuen europäischen Jazz etabliert.

Soeben ist Living Being erschienen, ein Projekt mit seinem französischen Wunschquintett. In dem spielt auch der Sopransaxofonist Émile Parisien, Peiranis Seelenverwandter und »musikalischer Bruder«. Gemeinsam mit ihm ist zuvor das intime Duo-Album Belle Époque entstanden. Wie das Akkordeon stand auch das Sopransaxofon als Soloinstrument seit den Zeiten eines Sidney Bechet lange im Hintergrund. Parisien, der schon mit elf Jahren am Collège de Jazz in Marciac studierte, hat es technisch wie kompositorisch in neue Sphären geführt und jeweils abwechselnd mit seinem Freund Vincent Peirani die wichtigsten französischen Auszeichnungen errungen. Mit seinem eigenen Quartett improvisiert er – ebenfalls erst unlängst auf dem Album Special Snack dokumentiert – frei über disparates Material von Wagner bis zum Hip-Hop. Mit Peirani wird er auch in Berlin traditioneller klingen – schon wegen der Stückauswahl mit zwei Sidney-Bechet-Klassikern und einer Interpretation des »Temptation Rag« aus den 1920ern. Aber Achtung: Bei diesen beiden perfekt harmonierenden Ausnahmemusikern wird die Vergangenheit zur Zukunft und der Blick auf die Tradition zum bahnbrechenden Klangerkundungsexperiment.

Was man mit Fug und Recht als Motto über den gesamten Abend stellen könnte, der wie gewohnt mit einem gemeinsamen großen Finale ausklingen wird: Der »Libertango«, Astor Piazzollas musikalisches Fanal, wird alle acht Musiker vereinen – und an den Mann erinnern, der das Erwachen des Jazzinstruments Akkordeon aus dem Dornröschenschlaf und die stürmische aktuelle Entwicklung überhaupt erst möglich gemacht hat.

Oliver Hochkeppel

Vincent Peirani

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