Berliner Philharmoniker

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Kammermusik

Kind of Cool

Wolfgang Haffner und die Schlagzeuger der Berliner Philharmoniker

Er hat schon mit vielen internationalen Rock- und Popstars zusammengearbeitet: Wolfgang Haffner ist heute der wohl bekannteste deutsche Schlagzeuger. »Kind of Cool« heißt sein Programm, das er in der Reihe »Jazz at Berlin Philharmonic« präsentiert – gemeinsam mit den Schlagzeugern der Berliner Philharmoniker.

Wolfgang Haffner Schlagzeug

Jan Lundgren Klavier

Pascal Schumacher Vibrafon

Dan Berglund Bass

Dusko Goykovich Trompete

Jukka Perko Saxofon

Mitglieder der Berliner Philharmoniker

Raphael Haeger Schlagzeug, Franz Schindlbeck Schlagzeug, Wieland Welzel Schlagzeug

Thomas Quasthoff Gesang

Miles Davis

So What

Joseph Kosma/Jaques Prévert/Johnny Mercer

Autumn Leaves

John Lewis

Django

Richard Rodgers/Lorenz Hart

My Funny Valentine

Cannonball Adderley

One For Daddy-O

Wolfgang Haffner

Quincy

Wolfgang Haffner

Tantricity

Wolfgang Haffner/Maurice Ravel/Dave Brubeck

Drum Fantasy/Boléro Blue/Rondo A La Turk

Billy Eckstine/Sid Kuller

Piano Man

Wolfgang Haffner

Hippie

Termine und Tickets

Mi, 10. Dez. 2014 20 Uhr

Kammermusiksaal

Einführung: 19:00 Uhr

Programm

Wolfgang Haffner , der schon als 18-Jähriger Mitglied in der Band des Jazz-Posaunisten Albert Mangelsdorff wurde, ist heute der wohl bekannteste deutsche Schlagzeuger. Er arbeitet nicht nur mit der Crème de la Crème der hiesigen Jazzszene zusammen (und das generationenübergreifend, von Klaus Doldinger bis zu Till Brönner und Michael Wollny), sondern ist auch auf internationalem Parkett überaus erfolgreich: US-Stars wie Pat Metheny, Michael Brecker, Chuck Loeb und John Abercrombie vertrauen seinem unbestechlichen Drive und seiner inspirierenden Kreativität ebenso wie skandinavische Größen von Nils Landgren bis Lars Danielsson. Aufgrund seines druckvollen und dynamischen Spiels ist Haffner zudem auch einer der gefragtesten Begleiter von Rock- und Pop-Stars wie Chaka Khan, den Fantastischen Vier und der britischen Downbeat-Band Nightmares on Wax.

In der philharmonischen Jazzreihe trifft Wolfgang Haffner nun auf die Schlagzeuggruppe der Berliner Philharmoniker, um jene Klangwelten zu erforschen, in denen sich der athletische Einsatz der Spieler, die physische Präsenz und Wucht der Klänge und der Farbenreichtum des Instrumentariums zu einer faszinierenden, körperlich-sinnlichen Musik verbinden – nicht umsonst ist die Aura der Extremsportart ein unverzichtbares Element der Trommelkunst. Kind of Cool hat Wolfgang Haffner das Programm genannt, mit dem er sich den Berliner Jazzfreunden präsentiert: ein Abend, der Vieles erwarten lässt, nur keine Langeweile!

Über die Musik

Keep Cool

Die Geburt des modernen Jazz

Nie zuvor hat der Jazz so viele Stile, Formen und Einflüsse wiederentdeckt, adaptiert und zu neuer Musik gestaltet wie derzeit. Es ist daher verwunderlich, dass bei all den Swing-Revivals, Free-Umformungen oder Klassik-Bearbeitungen ausgerechnet der Cool Jazz eher links liegen gelassen worden ist. Gibt es doch kaum eine Spielart des klassischen Jazz, die so viele aktuelle Trends vorweggenommen hat. Die intensive Beschäftigung mit der musikalischen Formensprache führte zu ausgefeilten Arrangements, einer wohlüberlegten Balance aus Komposition und Improvisation und mündete – im Gegensatz zu den stillschweigend geknüpften Traditionslinien etwa im frühen New-Orleans-Jazz – in einen bewussten Zugriff auf die europäische Klassik. Auch die Spielhaltung setze den Schwerpunkt – im Gegensatz zum fiebrigen, solistisch orientierten Bebop – auf ruhigere, dafür komplexere Motivik und Melodik sowie auf introvertierten Ausdruck im Kollektiv. Als Konzert- und Kunstmusik wollten Cool Jazzer ihre Musik verstanden wissen. Sie ist keineswegs »kühl«, sie ist nur intellektuell durchformt, also mit »kühlem Kopf« erdacht und gespielt.

Wie so oft spielte der Trompeter Miles Davis – neben dem Pianisten Lennie Tristano, der noch früher erste »Cool«-Projekte veröffentlichte – bei diesem Meilenstein der Musikgeschichte eine Hauptrolle. Sein Album Birth of the Cool steht, wie es der selbstbewusste Titel prophezeit, am Beginn der Entwicklung, auch wenn die 1949/1950 aufgenommene LP erst 1953 beziehungsweise in der finalen Mischung erst 1957 veröffentlicht wurde. Nicht zuletzt, weil mit den Saxofonisten Lee Konitz und Gerry Mulligan sowie dem Pianisten John Lewis in diesem Nonett drei der später wichtigsten Vertreter des Cool Jazz saßen. Mulligan und Lewis gingen bald darauf nach Kalifornien, wo sich neben New York die eigentliche Keimzelle des deswegen auch West Coast Jazz genannten Cool Jazz bildete. Dazu gehörten Mulligans wegweisenden Auftritte mit dem Trompeter Chet Baker, vor allem aber das von John Lewis zusammen mit seinem kongenialen Widerpart am Vibrafon Milt Jackson wesentlich geprägte Modern Jazz Quartet. Das MJQ führte unter anderem die Fugentechnik in den Jazz ein und arbeitete als erste Jazzformation mit einem Symphonieorchester, was ihnen die Tür zu den klassischen Konzertsälen und einem bislang kaum mit Jazz vertrauten Publikum öffnete.

Was noch weit mehr für die dritte wesentliche Quelle des Cool Jazz gilt: das Dave Brubeck Quartet mit dem Pianisten Dave Brubeck und dem Saxofonisten Paul Desmond. Wie kein anderer Jazzer nutzte der Milhaud-Schüler Brubeck klassische Kompositionsprinzipien und experimentierte als erster ausführlich mit ungeraden Takten. Mit dem Meilenstein-Album Time Out – auf dem sich auch »Take Five« im 5/4Takt findet, das bis heute oft als Signatur-Stück für Jazz überhaupt verwendet wird – stand er 1959 erst am Anfang einer »coolen« Karriere – aus der sich Miles Davis zeitgleich bereits wieder verabschiedete: Mit Kind of Blue legte er seinen persönlichen Schlusspunkt des Cool ein: Der modale Jazz feiert hier bereits seine Geburt und leitet damit in die nächste Phase des Modern Jazz über.

Eine coole Idee

An diese Legenden und ihre noch heute nachwirkende Musik musste Siggi Loch denken, als er im November 2013 beim dritten Abend der Reihe Jazz at Berlin Philharmonic Deutschlands Jazzschlagzeuger Nummer Eins, Wolfgang Haffner, mit drei Schlagwerkern der Berliner Philharmoniker improvisieren sah: eine Jamsession, wie sie der Cool Jazz mit seinem Seitenpfad des »Third Stream«, also der Verbindung von Jazz und Klassik, seinerzeit erst möglich machte. Immer auf der Suche nach einem Motto für die nächsten Konzerte kam Loch auf die Idee, die Ära des Cool in aktueller Form wieder aufleben zu lassen. Er konnte freilich nicht ahnen, wie offen die Türen waren, die er einrannte, als er Wolfgang Haffner darauf ansprach.

»Meine erste Jazzplatte war Dave Brubeck live in Carnegie Hall, die hat man mir mitgebracht. Ich bin dann gleich in den Plattenladen gerannt und habe mir die Jazz Messengers und das Modern Jazz Quartet gekauft«, berichtet Haffner. »Damit fing die Beschäftigung mit dem Jazz bei mir überhaupt erst an.« Auch wenn Haffner seither in nahezu allen Jazzstilen wie auch im Rock und Pop unterwegs war, so sind doch die Helden des Cool und des frühen Modern Jazz zwischen 1950 und 1960 sein Urgrund. »Ich würde mich selbst nicht als Cool-, oder Swing- oder Bebop-Drummer bezeichnen«, sagt Haffner. »Ich würde eher sagen, ich versuche, das jeweils Wesentliche zu finden. Aber die Time, die Melodik und die kompositorischen Konstruktionen des Cool, das ist meiner Musik wesensverwandt. Da steht der Sound im Mittelpunkt, und das ist das auch, worum es bei mir seit Jahren immer mehr geht.«

Loch und Haffner gingen also daran, ein Programm zusammenzustellen, das gewissermaßen wie im Brennspiegel die Entdeckungen des Cool Jazz wieder aufleben lässt und sie zugleich in die Gegenwart überführt. Drei Eckpfeiler kristallisierten sich dabei heraus: Erstens mussten natürlich einige Schlüsselstücke des Cool Jazz vorkommen. So beginnt der Abend mit »So What«, dem legendären Opener von Miles Davis Kind of Blue. Mit seiner denkbar einfachen riffartigen Melodie im call-and-response-Muster und in der klassischen AABA-Liedform hätte es kein Aufsehen erregt. Aber »So What« hat keine Durchgangsharmonien, sondern Skalen mit 16 Takten D-dorisch, acht Takten Es-dorisch und acht Takten D-dorisch und wurde damit zum Fanal und zur Blaupause des modalen Jazz. Bis heute lockt es – obendrein rhythmisch sehr frei – seine Interpreten, das Stück mit Untertönen und komplexen Soli zu füllen. Ein weiteres Schlüsselstück ist »Django«, die vielleicht bekannteste Komposition von John Lewis, gleich für das erste Album des Modern Jazz Quartet. Eine melancholische Hommage an den Gitarristen Django Reinhardt, die vom Quintfall über den Orgelpunkt bis zu barockem Largo viele klassische Elemente mit swingendem Blues kombiniert. Lewis und das MJQ selbst, aber auch zahllose Kollegen, vor allem Gitarristen und Pianisten, haben das Stück später in den verschiedensten Variationen eingespielt.

Zum zweiten suchten Loch und Haffner stilübergreifende Standards aus, die sich für eine »coole« Interpretation anboten. Die logischste Wahl war da zunächst »Autumn Leaves«, den ursprünglich von Joseph Kosma auf das Jacques-Prévert-Gedicht »Les Feuilles mortes« komponierte Chanson. Ist der Song doch nicht nur von beinahe allen Sängern adaptiert worden, sondern durch die Versionen von Cannonball Adderley mit Miles Davis 1958 und von Bill Evans 1959 im Jazz berühmt geworden. Auch die Broadway-Ballade »My Funny Valentine« vom Gespann Richard Rodgers und Lorenz Hart aus dem Jahr 1937 wurde durch die Einspielungen von Chet Baker und Miles Davis zu einem Standard des Modern Jazz. Und als eine der »coolsten« Nummern des Kansas-City Sounds von Count Basie kann Billy Eckstines »Piano Man« gelten, den die beiden 1959 einspielten. Als drittes schließlich steuerte Wolfgang Haffner eigene Kompositionen bei, die ins Programm passen. »Quincy« etwa, seine Verbeugung vor Quincy Jones, der sich ja in den 1950ern als Modern-Jazz-Trompeter seine ersten Sporen verdient hat. Oder »Hippie«, das nicht nur einen lässigen Groove hat, sondern vom Einstiegsthema her an »So What« erinnert.

»Wenn man das wie damals nachzuspielen versucht, kann man ganz schnell verlieren«, erläutert Haffer, was er sich mit Siggi Loch ausgedacht hat. »Keiner braucht ein zweites Kind of Blue. Und das Modern Jazz Quartet hat ja mit Miles oder Cannonball zunächst einmal überhaupt nichts zu tun. Wir aber spielen die verschiedenen Cool-Jazz-Besetzungen in einer einzigen.« Der Clou von Kind of Cool ist also, die disparaten Väter des Cool Jazz mit ihrer jeweils anderen Charakteristik zu konfrontieren und auf einen modernen Nenner zu bringen: Davisʼ »So What« etwa wird durch das Vibrafon in die Klangfärbung des Modern Jazz Quartet getaucht, umgekehrt erhält das strenge Quartettstück »Django« hier die Dynamik und den ätherischen Glanz der Bläser. Haffners meist opulent mit Dynamik sowie verschiedenen Sounds und Rhythmen arbeitende Kompositionen erscheinen hier in einem nüchternen, klassischen Licht. »Das klingt einfach, aber das verträgt keinerlei Gewalt. Deshalb muss man sich monatelang den Kopf zerbrechen«, erläutert Haffner.

Die melodieverliebte Rhythmusmaschine

Genau das ist der Grund, warum Siggi Loch für Kind of Cool an Wolfgang Haffner dachte: Es gibt wohl keinen zweiten Schlagzeuger, der einerseits ein unfehlbarer Timekeeper ist, andererseits als Komponist derart in Formen denkt und von Melodien getragen ist. Eine Vielseitigkeit, die Haffner auch seiner Herkunft verdankt. Hat ihn doch sein Vater, ein fränkischer Kirchenmusikdirektor, früh mit den vielfältigen Möglichkeiten und Regeln der Musik vertraut gemacht. Haffner war erst 18, als ihn Albert Mangelsdorff, bis heute einer der wenigen international renommierten deutschen Jazzer und damals eine Gallionsfigur der Szene, in seine Band holte. Auftakt zu einer einzigartigen Karriere, in der der 49-Jährige genreübergreifend mit der Crème de la Crème der hiesigen Musikszene – von Klaus Doldinger über Till Brönner und Michael Wollny bis zu den Fantastischen Vier – ebenso gespielt hat wie mit den Stars des Jazz-Mutterlandes – Pat Metheny, die Brecker Brothers und Chaka Khan seien stellvertretend genannt – und den europäischen Erneuerern wie Nils Landgren und Lars Danielsson. An über 400 Alben war Haffner bislang beteiligt. Immer stärker rückten auch eigene Projekte ins Scheinwerferlicht: Von der Fusionband Metro über die NuJazz-Kultband Zappelbude bis zur Superband Mezzoforte. Zuletzt erschienen vier ACT-Alben unter eigenem Namen. Haffner ist ohne Zweifel der international gefragteste, bekannteste und vielseitigste deutsche Schlagzeuger.

Für Haffner als Spiritus Rector des Kind of Cool-Abends mussten nun adäquate Mitstreiter gefunden werden, eine All-Star-Besetzung, die das Konzert erneut zum einmaligen Erlebnis macht , wie es stets Siggi Lochs Bestreben ist. Starke Individualisten, die zugleich zu diesem anspruchsvollen Projekt passen – coole Wahlverwandtschaften also.

Der bosnische »Zaubertrompeter«

Welcher andere Trompeter könnte wohl dieses Anforderungsprofil besser erfüllen als Dusko Goykovich. Der 83-jährige bosnische »Wundertrompeter« ist nicht nur einer der letzten aktiven Großen seiner Generation in Deutschland, er ist ein Weltstar, der auch mit den Vätern des Cool und Modern Jazz wie Miles Davis, Art Blakey oder Chet Baker noch selbst gespielt hat. Nachdem er in jungen Jahren die große osteuropäische Blechblastradition aufgesogen, zugleich aber im Jazz seine (noch) heimliche Liebe gefunden hatte, blieb Goykovich 1955 in Deutschland. Er begann bei den Frankfurt All Stars und den Orchestern von Max Greger und Kurt Edelhagen an, bis er 1958 in die USA weiterzog. Noch im selben Jahr war er eine kleine Sensation beim Newport Jazz Festival und wurde fortan unter den US-Stars herumgereicht: Woody Herman, Gerry Mulligan oder Sonny Rollins, auch die größten Trompetenkollegen von Maynard Ferguson bis eben zu Chet Baker und Miles Davis, dann die Clarke-Boland Bigband (»meine beste Zeit«) – kaum ein Name von Rang, den Dusko Goykovich in dieser Zeit nicht begleitet hätte – während er gleichzeitig ein komplettes Studium am Berklee College of Music durchzog.

Als die Zeiten in den USA härter wurden, ging er 1966 zurück nach Deutschland, gründete in Köln sein eigenes International Quintet und wurde zwei Jahre später in München heimisch – woran sich bis heute nichts geändert hat. Hier wurde er zur Schlüsselfigur der Szene: als Solist und Gast bei vielen durchreisenden Größen, als Gründer der Munich Big Band, als erster Leiter des Landesjugendjazzorchesters oder in seiner tragenden Rolle im Domicile, wo er an der Seite von Originalen wie dem Saxofonisten Olaf Kübler lange zur Hausband gehörte. Und wo andere einrosten, blieb Goykovich jugendlich neugierig: Mitte der 1990er feierte er mit souligen Klängen ein gefeiertes internationales Comeback. Im vergangenen Jahrzehnt hat er sich südosteuropäischer und brasilianischer Musik zugewandt, dokumentiert auf den grandiosen CDs Samba Do Mar und Samba Tzigane. Was immer er aber spielt, stets ist Goykovichs Ton sofort erkennbar: Keiner bringt Coolness, Finesse, Eleganz und bei Bedarf auch pure Power in eine ähnliche Balance.

Transatlantische Klaviereleganz

Für den Klavierpart kam nur jemand in Frage, der sich wie kaum ein zweiter europäischer Jazzpianist seiner Generation profunde Kenntnisse des »Great American Songbooks« und der Stilistiken des amerikanischen Jazz angeeignet hat: der Schwede Jan Ludgren. Nach langen Jahren klassischer Ausbildung entdeckt der 48-Jährige Ende der 1980er-Jahre eher zufällig den Jazz, eine Musik, die ihn unmittelbar in ihren Bann zog. Er absorbierte in Windeseile die komplette Pianojazztradition von Oscar Peterson, Erroll Garner zu Bud Powell und Bill Evans. Zu Beginn seiner Karriere spielte er bereits mit vielen internationalen Größen wie Johnny Griffin, Benny Golson, Herb Geller, die seinen klaren Anschlag, sein außergewöhnliches Timing und seine intelligenten Phrasierung zu schätzen wussten. Schon mit seinem ersten Album 1994 und der Gründung seines eigenen Trios ein Jahr später ging er aber auch seinen eigenen Weg, indem er die Tradition seiner schwedischen Kollegen wie Jan Johansson, Bobo Stenson oder Esbjörn Svensson, die skandinavische Folk-Tradition, aber auch Elemente und Formen der zeitgenössischen und der klassischen Musik zu seinem eigenen Stil verband. Seit 2006 ACT-Künstler hat er mit den preisgekrönten Alben Mare Nostrum, European Standards und Swedish Standards Maßstäbe gesetzt. Und mit seinem fluiden, zugleich spannungsgeladen wie erstaunlich relaxten Spiel ist er der ideale Mann für Kind of Cool.

Bass erstaunt

Die Rhythmusgruppe komplettiert ein Mann, den man vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte: Der Schwede Dan Berglund war als Teil von Esbjörn Svenssons gleichberechtigtem e.s.t.-Trio bis zu Svenssons tragischem Tod vor fünf Jahren. Doch nicht nur der Dreiklang aus einer frühen Rock-Leidenschaft in Östersund, der klassischen Ausbildung an der Königlichen Musikakademie in Stockholm und der langjährigen Jazz-Karriere in prägender Rolle machen den 51-Jährigen zum idealen Mann an der Seite von Wolfgang Haffner. Die beiden kennen sich bestens, verfügen über das gleiche rhythmische Gespür und lieben Ausflüge in Ambient Sounds und Drum & Bass bis zu Alternative- und Artrock – wie nicht zuletzt Berglunds zwei in beiderlei Sinne ausgezeichneten Alben mit seiner Band Tonbruket beweisen.

Die Kunst, Metall zum Klingen zu bringen

Eine besondere Rolle kommt bei Kind of Cool dem Vibrafon zu, war es doch unter den Mallets von Milt Jackson eine prägende Farbe des Modern Jazz Quartet. Die schwere Aufgabe, die Stücke des legendären Vorbilds mit eigenem Ton zu spielen, übernimmt ein junger, gleichwohl bereits einer der profiliertesten Europäer an diesem Instrument, der Luxemburger Pascal Schumacher. Von der Perkussion kommend spezialisierte sich der 35-Jährige während des Studiums am Straßburger Konservatorium auf Vibrafon und Marimba. Er verfeinerte sein Wissen mit Studien in Brüssel und Den Haag, aber auch als Schüler der Koryphäen des Fachs wie Gary Burton, David Freidman oder Wolfgang Lackerschmid. Seit 1997 schon Sideman in vielen erstklassigen Bands hat sich Schumacher von 2003 an vor allem mit seinem eigenen »4tet« einen Namen gemacht und wichtige Preise wie den französischen Django dʼOr gewonnen. Gerne arbeitet er an Grenzüberschreitungen zwischen europäischer Moderne, amerikanischer Avantgarde und Minimal Music. Zudem ist er regelmäßig als Komponist und Musiker in der luxemburgischen Philharmonie sowie als Dozent am dortigen Konservatorium und in Saarbrücken präsent. Wie geeignet er für Kind of Cool ist, mag sein unlängst auf dem Südtirol Festival gefeiertes Projekt unterstreichen: Mit dem Pariser Silvain Rifflet am Saxofon, dem Osloer Verneri Pohjola an der Trompete und dem Münchner Henning Sieverts am Bass zelebrierte er dort die meditative Seite des Jazz, umkreiste in spannenden Gedankenspielen einfache Melodien und entfaltete puren Wohlklang.

Der finnische Paul Desmond

Als mehrfacher Gast beim Jazz Baltika-Festival landete der finnische Saxofonist Jukka Perko schnell auf dem Vormerkzettel von Siggi Loch und Wolfgang Haffner. Erinnert doch sein ruhiger Ton sehr an den von Paul Desmond. Der 46-jährige Perko machte erstmals als 18-Jähriger beim Pori Jazz Festival auf sich aufmerksam. Seine internationale Laufbahn begann, als ihn Dizzy Gillespie im Folgejahr in seine Bigband holte, mit der er in den folgenden zwei Jahren durch die USA und Europa tourte. Parallel dazu fand Perko die Zeit und Energie, an der Sibelius-Akademie in Helsinki zu studieren. Von 1989 bis 1994 war er Mitglied des UMO Jazz Orchestra, der herausragenden, international bekannten finnischen Bigband; danach konzentrierte er sich auf seine Arbeit als Solist. Perko leitete verschiedene Formationen und arbeitete als Sideman unter anderem mit McCoy Tyner und Niels-Hennig Ørsted Pedersen. Freilich hat er nie aufgehört, auch klassische Musik zu spielen; oft trat er mit dem Philharmonischen Orchester Helsinki oder dem Avanti-Kammerorchester auf. Seit 1990 unterrichtet er Klassik wie Jazz an der Sibelius-Akademie.

Klassische Gäste

Auch Siggi Lochs und Wolfgang Haffners besondere Gäste bei Kind of Coolbewegen sich seit Jahren ganz selbstverständlich zwischen Klassik und Jazz. Keiner hat es besonders weit in die Philharmonie: Aus Nikolassee stößt Thomas Quasthoff dazu. Der weltberühmte Bass-Bariton ist inzwischen – auch mit seinen Gastbeitrag auf Haffners letztem Album Heart of the Matter belegt – ein guter Freund von Wolfgang Haffner. Eigentlich hat der 55-jährige Künstler 2012 seine im Oratorien- und Opernfach ebenso wie im klassischen Lied und im Jazz erfolgreiche Gesangskarriere – die 1988 mit dem Sieg beim ARD-Wettbewerb begann –endgültig beendet, aber das Projekt Kind of Cool in der Berliner Philharmonie mit quasi maßgeschneiderten Parts bei »My Funny Valentine« und »Piano Man« lässt er sich dann doch nicht entgehen.

Schließlich dürfen natürlich die drei Mitglieder der Berliner Philharmoniker nicht fehlen, die für die Idee des Abends eine so wichtige Rolle gespielt haben. Wolfgang Haffner freut sich auf eine erneute Begegnung mit dem Pauker Wieland Welzel und den Schlagzeugern Raphael Haeger und Franz Schindlbeck, denen er diesmal eine besonders reizvolle Aufgabe anvertraut hat: Zu viert werden sie an Fellen, Becken und Stöcken (schließlich sind die drei Philharmoniker versierte Multiinstrumentalisten) gemeinsam ein Medley aus Haffners »Drum Fantasy«, Maurice Ravels Bolero und Dave Brubecks »Blue Rondo à la Turk« zu einem wuchtigen, funkensprühenden Improvisations-Feuerwerk machen, das das stilübergreifende Motto des Abends auf seine Weise bündelt.

Oliver Hochkeppel

Wolfgang Haffner

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