Berliner Philharmoniker

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Orchester-Akademie

Barockmusik mit der Orchester-Akademie

Ganz im Zeichen von Musik des deutschen Barock steht das letzte Konzert der Orchester-Akademie in dieser Saison. Mit Werken von Johann David Heinichen, Jan Dismas Zelenka und Georg Philipp Telemann rücken die Stipendiaten Komponisten ins Rampenlicht, die etwas in Vergessenheit geraten sind, die jedoch zu Lebzeiten zu den führenden Komponisten ihrer Epoche gehörten.

Orchester-Akademie der Berliner Philharmoniker

Raimar Orlovsky Einstudierung

Ulrich Wolff Einstudierung

Akademie III – »Akademie Barock«

Francesco Maria Veracini

Ouvertüre Nr. 6 g-Moll für Bläser, Streicher und Basso continuo

Georg Philipp Telemann

Konzert für Trompete, Violine, Streicher und Generalbass D-Dur TWV 53:D5

Johann Georg Pisendel

Sonate c-Moll für zwei Oboen, Streicher und Basso continuo

Jan Dismas Zelenka

Hypocondrie a 7 concertanti für Bläser, Streicher und Basso continuo A-Dur ZWV 187

Georg Philipp Telemann

Sinfonia spirituosa für Trompete, Streicher und Generalbass D-Dur TWV 44:1

Johann David Heinichen

Konzert F-Dur S 235

Termine und Tickets

Verkaufshinweise

Di, 02. Jun. 2015 20 Uhr

Kammermusiksaal

Programm

Ganz im Zeichen von Musik des deutschen Barock steht das letzte Konzert der Orchester-Akademie in dieser Saison. Doch nicht Kompositionen von Johann Sebastian Bach oder dem musikalischen Kosmopoliten Georg Friedrich Händel stehen auf dem Programm, sondern Werke ungleich weniger bekannter, dennoch hervorragender Vertreter der kompositorischen Zunft. Der wohl noch populärste unter ihnen ist der 1681 in Magdeburg geborene Georg Philipp Telemann. Zu seinen Leipziger Studienzeiten – Telemann hatte sich auf Wunsch der Eltern seinerzeit für das Fach Jura eingeschrieben – gründete er 1702 das Collegium musicum. In diesem Studentenorchester, das nach Telemanns Ernennung zum Musikdirektor der Neuen Kirche eine zunehmende Professionalisierung erfuhr, musizierte einige Jahre lang auch Telemanns zwei Jahre jüngerer Kommilitone Johann David Heinichen.

Dessen Bewerbung um das nach Telemanns Abschied von Leipzig freigewordene Amt des Musikdirektors der Neukirche blieb erfolglos. Ab 1716 machte sich Heinichen nach einer ersten Anstellung am Naumburger Opernhaus und einem längeren Aufenthalt in Italien schließlich als Kapellmeister am Dresdener Hof einen Namen. Zu Heinichens musikalischen Assistenten zählte der 1679 im böhmischen Launiowitz (heute: Louňovice pod Blaníkem) geborene Jan Dismas Zelenka, der bereits seit 1710 Mitglied des Hoforchesters war und in späteren Jahren als Dresdener Hofkomponist und »Kirchen-Compositeur« zu Ruhm und Ehren gelangte. Es ist also auch ein Kapitel sächsischer Musikgeschichte, das in diesem Konzert der Orchester-Akademie aufgeschlagen wird.

Über die Musik

... gleichsam königlich!

Musik für die kursächsische Hofkapelle Dresden

Es war eine kleine Hymne, die der Amtsrat Carl Christian Schramm 1744 auf Dresden anstimmte: »Diese Königliche und Churfürstliche Sächsische Residentz und Haupt-Stadt Dreßden zeiget, als das unschätzbarste Kleinod Deutschlands, in ihrem Begriff alles dasjenige in der größten Vollkommenheit, was nur sonst das große Paris prächtiges an Gebäuden, kostbares an Auszierungen, reiches an Schätzen, ungemeines an Seltenheiten, und bewunderungswürdiges in allen Dingen sehen lässt.« Schramm hatte allen Grund zu staunen, wandelte er doch durch ein in voller Blüte stehendes Dresden. Die augusteische Ära befand sich gerade auf ihrem politischen, wirtschaftlichen und künstlerischen Höhepunkt: Von den sächsischen Kurfürsten Friedrich August I., Beiname »der Starke«, und Friedrich August II., seinem Sohn, war eine Stadt geschaffen worden, die der Bedeutung des Kurfürstentums in Europa gerecht werden sollte.

Den Grundstein hatte August der Starke 1697 gelegt, als er in einer spektakulären Volte zum Katholizismus übertrat – und das im seit 1525 protestantischen Sachsen. Der Grund dafür war freilich nicht sehr spirituell: August wollte König des katholischen Polen werden, wo der bisherige Amtsinhaber Johann III. Sobieski im Vorjahr gestorben war. Bis 1716 musste August einige, teils verlustreiche Kämpfe ausfechten, bis er, Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen, sich endlich ohne Zweifel auch König August II. in Polen nennen konnte.

Augusts starke Truppe: die Dresdner Hofkappelle

Der Zugewinn des neuen Titels eines Königs und des mit dem Kurfürstentum verglichen etwa zwanzigmal größeren Gebiets Polens musste nach dem Willen von Friedrich August auch sichtbar werden: Das Kurfürstentum Sachsen und besonders dessen Hauptstadt Dresden sollten in einmaligem Glanz erstrahlen. Das Taschenbergpalais, der Zwinger, später auch die Schlösser in Pillnitz und Moritzburg wurden als repräsentative Prachtbauten konzipiert und errichtet oder ausgebaut. Maler und Zeichner aus ganz Europa wie der bald verpflichtete Hofmaler Louis de Silvestre schufen großformatige Gemälde, die den König bisweilen als römischen Kaiser darstellten. Und nicht zuletzt musste der ganze Prunk auch in den anderen Künsten angemessen zum Ausdruck gebracht werden. Im Bereich der Musik beförderten verschiedene Institutionen wie eine Pohlnische Cammer-Musique, ein französisches Vokalensemble oder die Hofkapelle die internationale Ausstrahlung Dresdens.

Für die hohe Qualität der kurfürstlichen Musik war über zwei Jahrzehnte lang besonders das Orchestra der Dresdner Hofkapelle das Aushängeschild. Zwar gehörten dieser auch Sänger an, die vor allem in den Opernaufführungen eingesetzt wurden, und Organisten für die Kirchenmusik. Das große Instrumental-Ensemble aber strahlte in ganzer Pracht vor allem in den am heutigen Abend zu hörenden Gattungen: in den rein instrumentalen Concerti, Sonaten und Sinfonien.

Das Orchester hatte sich in jüngster Vergangenheit von Zinken und Schalmeien verabschiedet und neueren Instrumenten zugewandt. Mit dem Engagement zweier Hornisten wurde 1710 eine befriedigende, aus etwa 31 Planstellen bestehende Formation geschaffen: Die Stimmen der Streicher waren chorisch besetzt, die Bläser wurden aus Flöten, Oboen, Fagotten und Hörnern jeweils paarweise zusammengestellt. Brauchte es Pauken und Trompeten, bat man um Verstärkung durch die ausgegliederten Hoftrompeter; Posaunisten wurden aus den Reihen der Stadt- oder Militärpfeifer hinzugezogen. Kein anderes Ensemble Europas konnte nach dem Befund Johann Adam Hillers in dieser Zeit »so viele große Virtuosen aufweisen, als damals die Königl. Polnische und Churfürstl. Sächsische zu Dresden.« Die fünf Komponisten des heutigen Konzerts, die mit Ausnahme Telemanns alle auch in der Hofkapelle angestellt waren, hatten daran einen kaum zu überschätzenden Anteil.

Demütiger Katholik mit fundamentalen Fähigkeiten: Jan Dismas Zelenka

Als erster des Quintetts erreichte 1710 oder 1711 Jan Dismas Zelenka den Dresdner Hof. Zelenka war 1679 südöstlich von Prag geboren worden und hatte in der böhmischen Metropole eine fundierte Ausbildung erhalten. Trotz früher Erfolge als Komponist in seiner Heimat wurde er an der Dresdner Hofkapelle lediglich als einfacher Kontrabassist angestellt, und mit einem Gehalt von 400 Talern jährlich befand sich der Musiker am unteren Ende der Kapell-Hierarchie. Seinem Wesen nach war er nur bedingt für den Kampf um höhere Positionen geeignet. Ein demütiger Katholik, gab sich Zelenka als zweiten Vornamen den eines mit Jesus gekreuzigten Verbrechers; von den Zeitgenossen wurde er grundsätzlich als verschlossen wahrgenommen. Als einfacher Instrumentalist angestellt, war Zelenkas Einfluss lange Zeit so gering, dass er sogar noch 1723 das dreisätzige Konzert mit dem Titel Hipocondrie a 7 concertanti nicht etwa für die Dresdner Kapelle, sondern für eine Aufführung in Prag komponierte. Seine gerade in den langsamen Außensätzen hörbaren harmonischen Kühnheiten blieben den Kollegen also erst einmal vorenthalten. Zwar hatte Zelenka durchaus zum Ziel, die Stelle eines Compositeurs zu ergattern, alldieweil aber verblieb er in den hinteren Reihen der Hofkapelle.

Geiger, Komponist und Bibliothekar: Johann Georg Pisendel

Ganz vorne saß hingegen von Januar 1712 an Johann Georg Pisendel, der mit nur 24 Jahren als Geiger am ersten Pult der Hofkapelle angestellt wurde. Den Grundstein für seine erfolgreiche Karriere hatte der 1687 im heutigen Franken geborene Pisendel mit einem gründlichen Violin- und Kompositionsstudium gelegt. Nach Verfeinerung dieser beiden Talente beim italienischen Musiker Giuseppe Torelli in Ansbach war er in Weimar mit Johann Sebastian Bach zusammengetroffen, der ihn wohl mit der Musik Antonio Vivaldis bekannt machte. Am Dresdner Hof wurde Pisendel vorerst als Cammermusicus angestellt und später (1730) zum Konzertmeister befördert. Dieses Amt verlangte unter anderem, dass er »mit seinen eigenen und anderen Compositionen die Music zu bestellen und zu dirigiren« habe. Die heute leider nicht mehr datierbare c-Moll-Sonata, von der Form her eine Triosonate, wird Pisendel für die Hofkapelle instrumental angereichert und dort aufgeführt haben. Neben den Dienstobliegenheiten widmete sich der Geiger und Komponist seiner eigenen, reich bestückten Notenbibliothek, deren Bestände er zu großen Teilen selbst handschriftlich anfertigte.

Im »italienischen Stil« bewandert: Johann David Heinichen

Nur dank einer der Abschriften Pisendels kennen wir heute auch das Konzert F-Dur SeiH 235von Johann David Heinichen. Der 1683 im sächsischen Krössuln geborene Heinichen war in Leipzig an der Thomasschule musikalisch ausgebildet worden und hatte außerdem an der dortigen Universität Jura studiert. Nach einer unruhigen Zeit, in der er als freier Komponist etliche eigene Opern zur Aufführung gebracht hatte, war Heinichen zu einem sieben Jahre währenden Aufenthalt nach Italien aufgebrochen. Doch er vereinsamte zunehmend und auch der Erfolg blieb hinter den eigenen Erwartungen zurück. Es war also ein Glücksfall, dass seiner Bitte um Anstellung am Dresdner Hof entsprochen wurde. Noch in Italien wurde Heinichen 1716 zu einem Jahresgehalt von 1200 Talern als Hofkapellmeister verpflichtet, mithin als verantwortlicher Komponist der gesamten höfischen Musik; 1717 trat er seinen Posten an. Das wie erwähnt von Pisendel kopierte und bei dieser Gelegenheit wohl auch leicht bearbeitete F-Dur-Konzert schuf Heinichen wahrscheinlich für die von ihm geleitete Hofkapelle. Das Jagdkolorit mit zwei schmetternden Hörnern lässt auch an eine Aufführung im Jagdschloss Moritzburg denken, für das der Komponist 1719 sogar eigens eine Serenata di Moritzburg schrieb.

»Ein Gott, ein Veracini!«

Dass – wie Heinichen – Musiker direkt aus Italien verpflichtet wurden, kam nicht selten vor. Der sächsische Kurprinz Friedrich August II. war 1711 von seinem Vater August dem Starken auf eine sogenannte Kavalierstour geschickt worden. Er sollte sich an den wichtigen Residenzen Europas vorstellen und weilte daher mehrfach auch in Italien. Einige Hofmusiker mussten ihm für gelegentliche Musikaufführungen hinterherreisen, so auch Zelenka und Pisendel. Vor allem aber die in Venedig gepflegte Musik entsprach dem Geschmack des angehenden Herrschers und so engagierte der Kurprinz Künstler wie Heinichen, die im »italienischen Stil« bewandert waren, für den Dresdner Hof. Auch der 1690 in Florenz geborene Geiger Francesco Maria Veracini fand so den Weg nach Kursachsen. Veracini hatte sich einen hervorragenden Ruf als einer der besten Geiger Europas erarbeitet und außerdem Erfolge mit eigener Kirchen- und Konzertmusik gefeiert. Eine Aufführung seiner um 1716 entstandenen sechs Ouvertüren überzeugte Friedrich August II., die Widmung einiger Sonaten an den Kurprinzen erledigte den Rest: Veracini reiste als frisch auserkorener Cammer-Compositeur (1200 Taler Jahresgehalt) mit weiteren italienischen Musikern (unter ihnen der Kontrabassist Girolamo Personelli, der dem armen Zelenka vor die Nase gesetzt wurde) in die kurfürstliche Residenz. Wie in der allerjüngsten Vergangenheit präsentierten sich die eingesessenen Dresdner bereits zu jener Zeit wenig gastfreundlich und gestalteten den italienischen Musikern – »welschen« Konkurrenten um die begehrten Arbeitsplätze bei Hofe – den Aufenthalt unerfreulich.

Elbbekanntschaften: Georg Philipp Telemann

Zunächst aber wurde gefeiert: 1719 kehrte Kurprinz Friedrich August II. nach acht Jahren des Reisens in seine Heimat zurück, um dort die Habsburgerprinzessin Maria Josepha zu ehelichen. Es wurde ein rauschendes Fest veranstaltet, in dessen Verlauf auch Georg Philipp Telemann Dresden einen Besuch abstattete. Der 38 Jahre alte Komponist hatte bereits ein gewaltiges Renommee und stand kurz davor, den einflussreichen Posten des Director musices in Hamburg anzunehmen. Der einzige Komponist des heutigen Konzerts ohne Anstellung in Dresden, war er dennoch durch ein unsichtbares Band mit vielen Musikern dort verknüpft. Pisendel und Heinichen hatten als Studenten gemeinsam im von Telemann gegründeten Leipziger Collegium musicum gespielt, Heinichen war sogar, wenn auch erfolglos, 1705 ins Rennen um die Nachfolge Telemanns als Leiter des Collegium musicum gegangen. Mit Pisendel wiederum bestand schon lange ein reger Briefwechsel, Telemann widmete ihm einige Werke und erneut sind wir dem Dresdner Konzertmeister zu Dank verpflichtet: Das Konzert D-Dur TWV 53:D5, entstanden wohl vor 1730, hat in einer wieder reichlich bearbeiteten Abschrift Pisendels überlebt. Telemanns Sinfonia spirituosa D-Dur TWV 44:1 wiederum ist in einer denkwürdigen Abschrift des Darmstädter Komponisten Christoph Graupner überliefert, die das Werk auf dem Deckblatt als kammermusikalische Sonata ausweist, in den Einzelstimmen aber als größer besetzte Sinfonia. Wie bei Pisendels c-Moll-Sonata handelt es sich im Kern also um Kammermusik, die orchestral angereichert werden konnte.

Auf allen führenden Positionen mit Solisten besetzt: das Orchestra di Dresda

Zur Zeit der Hochzeitsfeierlichkeiten 1719 hatte die Dresdner Hofkapelle ihre höchste Qualitätsstufe als eigenständiges Instrumentalensemble erreicht. Mit dem Flötisten Pierre-Gabriel Buffardin, dem Lautenisten Silvius Leopold Weiss sowie neben vielen anderen auch Heinichen, Veracini, Pisendel und Zelenka waren auf allen Positionen herausragende Musiker verpflichtet worden. Der zunehmende Ruf der Kapelle als Vereinigung ausgezeichneter Solisten veränderte die Form der für das Ensemble entstehenden Werke. Ausgehend von Antonio Vivaldi, der dem von ihm hochgeschätzten Orchestra di Dresda einige virtuose Werke gewidmet hatte, war dieses führend geworden bei der Darbietung der Concerti con molti strumenti. Derartige Konzerte für mehrere Solisten, zu denen auch überdimensionierte Sonaten wie diejenige Pisendels gezählt werden können, boten allen Virtuosen der Hofkapelle Gelegenheit, ihre Fähigkeiten zu demonstrieren. Auffallend häufig ist die Geige ein solistisches Instrument der Dresdner Konzerte – Pisendels Können und seine Freundschaft mit vielen Musikern mag hier ihren Ausdruck gefunden haben.

Schon kurz nach der Hochzeit des Kurprinzen kam es zu gravierenden Veränderungen. 1720 klagten italienische Sänger bei der Probe zu einer Oper Heinichens, der Komponist habe den Sinn der italienischen Worte nicht richtig erfasst. Ein Sänger zerriss seine Noten und warf sie »dem Capellmeister vor die Füße«. Der Streit konnte vorerst geschlichtet werden, war aber kurz darauf für August den Starken ein willkommener Anlass, die erst drei Jahre zuvor nach Dresden geholte italienische Operntruppe wieder nach Hause zu schicken. Die Stabilität der Hofkapelle war dem König wichtiger, außerdem hatte der Kurfürst den Italienern ein exorbitantes Gehalt versprochen, das nun nicht weiter gezahlt werden musste.

Ausländerfeindlichkeit im Elbflorenz

Bleiben durften der Geiger Veracini, der Poet Pallavicini und der Kontrabassist Personelli (letzterer nach wie vor ein Konkurrent Zelenkas). Besonders Francesco Maria Veracini aber sah sich einer vom Beginn seiner Tätigkeit an betriebenen bösartigen Kampagne ausgesetzt. Gerade Pisendel fühlte sich von dem virtuosen Konkurrenten in seinem Amt als zweiter Konzertmeister am ersten Pult der Geigen bedroht und ließ Veracini dies auch spüren. Dieser war ein labiler Charakter, arrogant und überheblich (»Ein Gott, ein Veracini!« soll er ausgerufen haben), andererseits verletzlich und oft psychisch angeschlagen. Der Konflikt eskalierte und am 13. August 1722 stürzte sich Veracini aus dem Fenster seiner Dresdner Wohnung. Er brach sich dabei Bein und Hüfte, überlebte aber. Wenige Wochen später reiste Veracini aus Dresden ab und ließ die »teutschen« Geiger der Hofkapelle triumphierend zurück.

Heinichen haderte unterdessen mit dem Verlust der Operntruppe, offenkundig war ihm in seinem ureigenen Metier kein Erfolg vergönnt. Der nun weitgehend arbeitslose Komponist wurde bald zu neuen Aufgaben verpflichtet und besorgte von 1721 an die Hofkirchenmusik. Ihm wurde Jan Dismas Zelenka Seite gestellt, der damit endlich einen kleinen Erfolg auf dem Weg zum Compositeur feiern konnte. Acht Jahre lang, bis zu Heinichens Tod 1729, sorgte das Duo für ein hohes Niveau in der vor allem vokalen Musik der Hofkirche. Zwar bewarb sich Zelenka erfolglos um den mit Heinichens Ableben frei gewordenen Posten als Kapellmeister, nach vielen Jahren des Wartens wurde er jedoch 1735 immerhin mit dem Titel des Kirchen-Compositeurs ausgezeichnet. Späte Genugtuung für den ohnehin in der katholischen Kirche verwurzelten Musiker.

Epochenwechsel

Auf die Hofkapelle warteten zu diesem Zeitpunkt neue Aufgaben. 1733 war August der Starke gestorben und Kurprinz Friedrich August ihm in der Regentschaft als sächsischer Kurfürst Friedrich August II. und als König August III. in Polen nachgefolgt. Der neue Landesherr, der wie erwähnt durch die Verpflichtung italienischer Musiker bereits enormen Einfluss auf die Hofmusik genommen hatte, rückte nun endgültig die Oper in den Mittelpunkt, Kirchen- Kammermusik fielen dahinter zurück. Pisendel, der von den heute Abend aufgeführten Komponisten am längsten dem Dresdner Hof diente, berichtete seinem Freund Telemann in Briefen von ständigen Opernproben und -aufführungen (deren Erfolg durch Mitwirkung von »Italiänern« unentwegt gefährdet gewesen sei). Die Blütezeit des kursächsischen Orchestra als herausragendes Ensemble für reine Instrumentalmusik war vorbei. Weiter im Westen schickte sich die Mannheimer Hofkapelle an, den in Dresden eingeschlagenen Weg der Sinfonien und Concerti weiterzugehen. Die barocke Pracht Dresdens wurde jedoch nie wieder derart prunkvoll in Töne gekleidet, wie durch die Hofkapelle der augusteischen Epoche.

Daniel Frosch

Barockmusik mit der Orchester-Akademie

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