Berliner Philharmoniker

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Kammermusik

Maurice Steger und die Akademie für Alte Musik

Mit seinen brillanten, frischen Interpretationen demonstriert Maurice Steger, dass die Blockflöte keineswegs nur ein Instrument für Schüler ist. Als Solist spielt er in diesem Konzert vier virtuose konzertante Kompositionen von Antonio Vivaldi, Matthäus Nikolaus Stulick, Johann Friedrich Fasch und Johann Adolf Hasse. Außerdem interpretiert die Akademie für Alte Musik Orchesterwerke von Komponisten aus dem Umfeld des Dresdner Hofs von August dem Starken.

Akademie für Alte Musik Berlin

Georg Kallweit Violine und Leitung

Maurice Steger Blockflöte

Francesco Maria Veracini

Ouvertüre Nr. 6 g-Moll

Matthäus Nikolaus Stulick

Konzert C-Dur für Blockflöte, obligates Fagott, Streicher und Basso continuo

Johann Georg Pisendel

Imitation des caractères de la danse

Johann David Heinichen

Concerto a 7 G-Dur SeiH 214

Johann Adolf Hasse

Sonate B-Dur für Flöte und Basso continuo »Cantata per flauto«

Antonio Vivaldi

Concerto e-Moll für Streicher und Basso continuo RV 134

Antonio Vivaldi

Concerto für Flöte, zwei Violinen, Fagott und Basso continuo G-Dur »La notte« RV 104

Wilhelm Friedemann Bach

Sinfonia F-Dur »Sinfonia dissonante«

Johann Friedrich Fasch

Konzert F-Dur für Blockflöte, Streicher und Basso continuo FWV L: F deest

Termine und Tickets Einführung eine Stunde vor Konzertbeginn

Di, 04. Nov. 2014 20 Uhr

Kammermusiksaal

15 bis 35 €

Programm

Mit Maurice Steger hat die Akademie für Alte Musik für ihr diesjähriges Konzert im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie den – so der britische Independent – »world’s leading recorder virtuoso« eingeladen. Der Schweizer Musiker, der durch die technische Brillanz seines Spiels und ungemein frische Interpretationen die Blockflöte endgültig von dem Ruf befreit hat, ein Instrument für Schüler zu sein, wird in diesem Programm als Solist in vier konzertanten Kompositionen von Antonio Vivaldi, Matthäus Nikolaus Stulick, Johann Friedrich Fasch und Johann Adolf Hasse brillieren. Außerdem musiziert die Akademie für Alte Musik mit Georg Kallweit am Konzertmeisterpult Orchesterwerke von Komponisten aus dem Umfeld des Dresdner Hofs von August dem Starken.

Griff die Architektur des Dresdner Barocks Einflüsse italienischer und französischer Baukunst auf, so amalgamierten Komponisten wie Johann Georg Pisendel – ein großer Verehrer Antonio Vivaldis – Francesco Maria Veracini oder der vormals in Venedig als Opernkomponist gefeierte Johann David Heinichen in ihren Werken kompositorische Traditionen der großen Musiknationen Frankreich und Italien zum sogenannten »gemischten Stil«. Es ist also ein ebenso abwechslungsreiches wie interessantes Programm spätbarocker Musik, mit dem Maurice Steger und die Akademie für Alte Musik daran erinnern, dass Dresden auf die Entwicklung der Musik im deutschsprachigem Kulturraum Anfang des 18. Jahrhunderts einen ebenso wichtigen Einfluss nahm wie ein halbes Jahrhundert später Wien.

Über die Musik

Augusts starke Truppe

Instrumentalmusik für die Dresdner Hofkapelle

Ob Francesco Maria Veracini, Johann Georg Pisendel oder Wilhelm Friedemann Bach, ob Johann Adolph Hasse, Johann David Heinichen oder Johann Friedrich Fasch, sie alle kannten sich untereinander! Und, was ebenso erstaunlich ist, ihre Wege führten sie sämtlich nach Dresden – zur gleichen Zeit oder unmittelbar nacheinander. Nur Vivaldi hat die Stadt lediglich »virtuell« besucht, mittels seiner Musik, dafür aber überaus folgenreich. Von Matthäus Nikolaus Stulick kennen wir den Lebenslauf (noch) nicht, doch die These sei dennoch erlaubt, dass auch er möglicherweise in das damalige »Mekka der Tonkunst« wanderte, denn nicht nur für Maler, Baumeister und Bildhauer war die Elbmetropole in den ersten vier Dezennien des 18. Jahrhunderts ein Sehnsuchtsort. Nein, in dieser Zeit wurde das »auf dem höchsten Gipfel seiner Vollkommenheit prangende Dresden« zur Pilgerstätte für Künstler jeglicher Couleur. Auch wenn der barocke Chronist Johann Christian Crell (1690 – 1762) seine unter dem Pseudonym Iccander verfasste Hymne auf das überaus vollkommene Dresden – in Anlehnung an die antiken sieben Weltwunder – auf sieben bauliche Wunderwerke in der kursächsischen Residenzstadt wie »die berühmte Elbbrücke« oder »den Zwingergarten« gründete, so gehört die Kgl. Pohln. und Churf. Sächs. Capell- und Cammer-Musique in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf jeden Fall zu den klingenden Wundern der Stadt.

Bereits in den Jahrhunderten zuvor war Dresden eine der bedeutendsten Musikpflegestätten Europas. Legten doch die Wettiner, deren ausgeprägte künstlerische Neigungen sich offenkundig durch mehrere Generationen vererbt hatten, Wert auf eine repräsentative Hofhaltung. Zeitweise war ihnen ihr Musenhof sogar wichtiger als die Politik. In der Hauptstadt Kursachsens, des territorial drittgrößten, ökonomisch sogar avanciertesten deutschen Landes, gediehen Handwerk und Handel prächtig dank reicher Silber- und Buntmetallvorkommen in der Region. Ihnen stand die ebenfalls gut entwickelte Landwirtschaft nicht nach. Zudem führten zahlreiche große Fern- und Handelsstraßen durch das Kurfürstentum. Über diese Wege ergossen sich auch mannigfaltige kulturelle Strömungen. Wie in einem Schmelztiegel flossen sie in Dresden (sowie in der Universitäts- und Messestadt Leipzig) zusammen und strahlten von hier teils direkt, teils indirekt wieder aus. Man denke nur an die Königlich Preußische Hofkapelle, die von 1740 an unter Friedrich II. nach dem Dresdner Vorbild aufgebaut wurde.

1694, als Friedrich August I., genannt »August der Starke«, seine Regentschaft als sächsischer Kurfürst antrat, begann für die Residenzstadt Dresden eine neue und absolut glänzende Epoche. Nachdem es dem Kurfürsten 1697 geglückt war, die polnische Königskrone als August II. zu erwerben – Voraussetzung war der Übertritt zum katholischen Glauben gewesen –, stieg Dresden in den Rang einer europäischen Hauptstadt auf. Als der mit großen Körperkräften gesegnete Landesherr und Monarch 1719 dann auch noch seinen Sohn, den Kurprinzen Friedrich August, mit der habsburgischen Kaisertochter Maria Josepha vermählte, schien dem Hause Wettin eine große politische Zukunft bevorzustehen – Aussichten, die der Preußenkönig Friedrich II. durch die drei Schlesischen Kriege (1741/1742, 1744/1745, 1756 – 1763) allerdings gänzlich zunichte machte. In der Zeit davor jedoch hatte Dresden auf dem Gebiet der Künste eine glanzvolle Vormachtstellung erobert. Dank der Hofkapelle und ihrer erstrangigen Instrumentalisten entwickelte sich ein blühendes Musikleben. Bevorzugt wurde in diesem Ensemble unter anderem das Zusammenspiel von Flöte und/oder Oboe mit den Streichern, wie einige Kompositionen des heutigen Konzertprogramms belegen. Außerdem gehörte Dresden damals zu den Wegbereitern des »vermischten« oder »deutschen Geschmacks«, der ebenfalls an diesem Abend vorgestellt wird: Er besteht »aus einer Vermischung des Geschmackes verschiedener Völker«, wie Johann Joachim Quantz 1752 schrieb – vor allem des italienischen und des französischen.

Ein unglücklicher Spitzenverdiener: Francesco Maria Veracini

Kein Wunder, dass für den Ausnahme-Geiger Francesco Maria Veracini bei all’ diesen Gegebenheiten eine Anstellung in der Dresdner Hofkapelle attraktiv war. 1716 hatte er den sächsischen Kurprinzen, der auf seiner Grand Tour auch Venedig besuchte, dort kennengelernt. Flugs widmete Veracini ihm zwölf Sonaten für Violine und Basso continuo und wurde, gleichsam als Gegenleistung, nach Dresden engagiert, wo man ihm eine fürstliche Gage zahlte. Wohl zum Ärger der anderen Hofmusiker, unter ihnen der ebenfalls fabelhafte Geiger Johann Georg Pisendel. Offenbar konnte Veracini die Spannungen nicht verkraften, sodass er 1722 einen Selbstmordversuch unternahm: Er sprang aus dem Fenster und verletzte sich schwer. Ein Jahr später kehrte er nach Italien zurück. In Dresden jedoch blieben seine sechs Ouvertüren, deren Nr. 6in g-Moll sich wesentlich von den anderen fünf Werken unterscheidet. Es handelt sich um ein konzertantes, sehr virtuoses Werk mit rasanten Läufen und zupackenden Gesten in den beiden schnellen Sätzen, mit einem kantablen melodischen Largo und einem ungewöhnlichen Menuetto-Finale, das sich durch Echoeffekte, dynamische Kontraste und energische Aufschwünge auszeichnet.

Lange in Archiven verborgen: Matthäus Nikolaus Stulick

Gäbe es keine Autografen- oder Abschriftensammler, wir wüssten nichts von Matthäus Nikolaus Stulick (Stylyck). Konvolute in der Universitätsbibliothek Uppsala, in der 1743 von Johann Friedrich Fasch angelegten Musikaliensammlung der Concert-Stube des Zerbster Schlosses und in der Public Library New York enthalten Werke von ihm. In letztgenannter finden wir u. a. Stulicks brillantes Konzert C-Dur für Blockflöte, obligates Fagott, Streicher und Basso continuo. Es gehört zu einer Sammlung, die Aloys Thomas Raimund Graf von Harrach (1669 – 1742) zusammengetragen hatte. Der Graf, in den Jahren 1728 – 1733 Vizekönig im seit 1707 zum Hause Habsburg gehörenden Königreich Neapel, war einer der einflussreichsten Diplomaten des 18. Jahrhunderts. Ein großzügiger Förderer der Künste, ein versierter Blockflöten- und Lautenspieler, sammelte von Harrach mit Leidenschaft Musikhandschriften. Nach seinem Tod wurden sie im Stammschloss der Familie im niederösterreichischen Rohrau (dem Geburtsort Joseph Haydns) aufbewahrt. In der Folge von Versteigerungen nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte ein Teil der Sammlung in die Public Library New York, darunter auch Stulicks heute zu hörendes Konzert. Der Stil des virtuosen Werks verweist auf die sogenannte Neapolitanische Schule mit ihren einprägsamen, wohlklingenden Melodiebildungen, wie wir sie auch in Hasses B-Dur-Flötensonate finden. Reizvoll ist in Stulicks Konzert der virtuose Wettstreit zwischen Blockflöte und Violine in den schnellen Ecksätzen, den das Fagott mit solistischen Einwürfen kommentiert. Wundersam dann das Largo, bei dem Fagott, Flöte und Streicher ein zauberhaft-melodiöses Gewebe spinnen.

Ein ausgebildeter Europäer: Johann Georg Pisendel

In der Terminologie unserer Tage würde man sagen, Johann Georg Pisendel habe eine europäische Ausbildung erhalten: Geigenunterricht bei Giuseppe Torelli; Bekanntschaft mit Johann Sebastian Bach, den er 1709 in Weimar besucht, von 1711 an Stellvertreter des französisch orientierten Konzertmeisters Jean-Baptiste Woulmyer (Volumier) in der Dresdner Hofkapelle, von August dem Starken zur Unterhaltung des Thronfolgers Friedrich August nach Frankreich, Italien, Berlin und Wien gesandt; in Venedig Unterricht bei Vivaldi, wo er den neuesten italienischen Geschmack kennenlernt; zudem Kompositionsunterricht bei Heinichen. So ausgebildet, übernimmt Pisendel 1728 in der Dresdner Hofkapelle die Aufgaben des Konzertmeisters; 1731 wird er offiziell in diesem Amt bestätigt und bei der Uraufführung von Hasses Oper Cleofide leitet er das Orchester. Bereits der Titel seiner eigenen Imitation des Caractères de la Danse verweist auf die berühmten, damals außerordentlich populären Caractères de la Danse von Jean-Féry Rebel (1666 – 1747) aus dem Jahr 1715. Es handelt sich um eine Folge kurzer, unmittelbar aneinander anschließender Tänze. Da am Dresdner Hof seit 1709 auch ein französisches Ballett unterhalten wurde, scheint die nach Rebels Muster komponierte Imitation diesem Ensemble »gewidmet« zu sein: Auf fünf französische Tänze folgt als Reverenz an August den Starken, den polnischen König August II., eine majestätische Polonoise, bevor ein rasantes Concerto das Werk beschließt.

»The Rameau of Germany«: Johann David Heinichen

Der Musiktheoretiker Johann Mattheson sprach 1739 von den »drei Hs der deutschen Musik« und meinte damit Händel, Heinichen und Hasse. Charles Burney, der englische Musikreisende, sah in Heinichen »den Rameau der deutschen Musik«. Ungeachtet dessen geriet Johann David Heinichen nach seinem Tod erst einmal gründlich in Vergessenheit, denn zu Lebzeiten hatte er seine Werke nicht veröffentlicht. Also kursierten »nur« Abschriften und auch das Concerto a 7 G-Dur ist in dieser Form überliefert: in der Universiäts- und Landesbibliothek Darmstadt von der Hand seines am Hessen-Darmstädter Hof tätigen Kollegen Christoph Graupner. Nach dem Jurastudium in Leipzig, wo Heinichen sowohl in Telemanns 1702 gegründetem Collegium musicum als auch in der von 1708 an unter der Leitung Faschs auftretenden Nachfolge-Einrichtung musizierte, zog es ihn 1710 nach Italien. Als einer der ersten deutschen Komponisten (neben Händel) wurde er dort für seine Opern gefeiert. In Venedig lernte er Vivaldi kennen und 1716 traf er dort während des Karnevals mit dem kursächsischen Thronfolger Friedrich August zusammen. Beeindruckt von Heinichens Fähigkeiten, engagierte dieser ihn im Namen Augusts des Starken als Kapellmeister für die Hofkapelle in Dresden, wo der Musiker Anfang 1717 eintraf. Neben seiner Kapellmeistertätigkeit komponierte er eine Fülle von Werken, so auch das dreisätzige Concerto a 7, das Vivaldis Concerto-Typ verpflichtet ist. Gleichwohl liegt Heinichens Stück der stile da Dresda zugrunde, jene aparte Klangmischung von Oboen und Streichern. Zudem verbinden sich hier französische und italienische Stilelemente zum »vermischten Geschmack«.

Ein »göttlicher« Sachse: Johann Adolph Hasse

1725 hatte Johann Adolph Hasse auf dem Titelblatt seiner Serenata Marc’Antonio e Cleopatra den Beinamen »il Sassone« erhalten. Später wurden häufig die Adjektive »caro« oder »divino« hinzugefügt. In der Tat war Hasses Persönlichkeit einzigartig und seine Karriere »göttlich«: Das umfangreiche Opernschaffen des gebürtigen Bergedorfers wurde europaweit gefeiert und seine Tätigkeit ab 1733 als Primo maestro di capella di S. M. Re Augusto di Polonia et Elettore di Sassonia allenthalben bewundert. Dieser Weg hatte bereits in Neapel begonnen, wo Hasse dem Grafen von Harrach begegnet war. Ihm widmete er die Textdrucke seiner dort uraufgeführten Opern L’Ulderica (1729) und Ezio (1730) und möglicherweise ist die Sonate B-Dur mit dem Beinamen Cantata per flauto sogar ein Auftragswerk des virtuos die Blockflöte blasenden Grafen. Das dreisätzige Werk fasziniert mit seinen Dreiklangsbrechungen, den Tonrepetitionen in hoher Lage, den flächigen »Trommelbässen« und rasanten Unisono-Läufen. Besonders im letzten Satz erweist sich Hasse als Meister eines nachgerade »orchestralen« Stils – trotz der bloßen Zweistimmigkeit der Komposition.

Durchaus nicht zum Einschlafen: zwei Concerti Antonio Vivaldis

»[…] gegen das ende spielte der vivaldi ein accompagnement solo, admirabel, woran er zu letzt eine phantasie anhing die mich recht erschrecket, denn dergleichen ohnmöglich so jehmals ist gespielt worden, noch kann gespiehlet werden […]«, schreibt voller Bewunderung der musikbegeisterte Johann Friedrich Armand von Uffenbach am 4. Februar 1715 in sein Reisetagebuch – noch völlig im Bann einer Opernaufführung in Venedig mit Solo-Einlagen des prete rosso auf der Violine während den Aktpausen. Damals war Vivaldi bereits eine europäische Berühmtheit. Besonders seine Concerti – Werke für ein oder mehrere Solo-Instrumente (z. B. das Concerto g-Moll RV 104) oder für Streichorchester ohne ein Solo-Instrument, sogenannte Concerti ripieni wie dasjenige in e-Moll RV 134 – hatten seinen Ruf als fantasievollen Erneuerer der Konzertform und Erfinder bestimmter spieltechnischer wie klanglicher Raffinessen gefestigt. Das g-Moll-Konzert RV 104 ist mit fünf weiteren Konzerten 1729 als Vivaldis Opus 10 in Amsterdam im Druck erschienen. Es gehört mit seinem Untertitel La Notte zu jener Gruppe von Programmkonzerten, die Vivaldi offenbar sehr am Herzen lagen. Nicht nur, dass er hier von der modellhaft ausgearbeiteten dreisätzigen Form abweicht – er gibt zwei Sätzen auch noch programmtische Titel: Fantasmi (Geister) und Il Sonno (Der Schlaf). Bei der klanglichen Umsetzung dieser Bilder erweist sich Vivaldi als erfindungsreicher Zeichner aufregender Traumlandschaften und weit entrückter Seelenzustände. Dass Vivaldi auch ein versierter Kontrapunktiker war, beweist er im Concertoe-Moll RV 134 gleich mit dem ersten Satz, einer Fuge, die in einen dreistimmigen Satz über einem mehrtaktigen Orgelpunkt mündet.

Ein Pionier auf dem Feld der Sinfonie: Wilhelm Friedemann Bach

»Friedemann, wollen wir nicht die schönen Dresdener Liederchen wieder hören?« Mit Vergnügen scheint Johann Sebastian Bach in Begleitung seines ältesten Sohns Wilhelm Friedemann die Oper in Dresden besucht zu haben und beide sollen 1731 auch Zeugen der Uraufführung von Hasses Cleofide gewesen sein! Wilhelm Friedemann – gründlich ausgebildet auf allen Tasteninstrumenten und auf der Violine – war daher mit dem Dresdner Musikleben bestens vertraut. Also bewarb er sich am 7. Juni 1733 »gantz unterthänig« um die Organistenstelle an der dortigen Sophienkirche – mit Erfolg. Doch die Tätigkeit an der wunderbaren Silbermann-Orgel füllte ihn nicht aus. Also komponierte er u. a. sechs Orchester-Sinfonien für die Adelskapellen, und derer gab es im Umfeld des Dresdner Hofs etliche. Friedemanns Sinfonien gehören zu den frühesten deutschen Zeugnissen der gerade erst in Italien entwickelten Gattung! Zwei Stilepochen treffen hier in faszinierendem Wechselspiel aufeinander: die neue italienische Sinfonia und die etablierte französische Ouvertürensuite. Der doppelt punktierte Rhythmus im ersten Satz der Sinfonia F-Durverweist auf die Suite, die unerwarteten Dissonanzen (die dem Werk später den Beinamen Sinfonia dissonante eintrugen) lassen bereits den empfindsamen Stil erahnen, der auch den dritten Satz prägt. Das dem letzteren vorangestellte Andante wiederum ist noch ganz im Barock verwurzelt. Ein Menuett-Finale, das übrigens auch in verschiedenen Klavierfassungen überliefert ist, bestätigt dann noch einmal Friedemanns Affinität zur Suite.

Auf ganz eigenen Füßen: Johann Friedrich Fasch

Auch für Johann Friedrich Fasch, von 1701 bis 1708 Alumnus der Leipziger Thomasschule, war das Musizieren in Telemanns Collegium musicum eine wesentliche Erfahrung. Sie setzte er von 1708 an während seines Jurastudiums in einem nun eigenen Ensemble gleichen Namens um. In dieser Zeit lernte er sowohl Heinichen als auch Pisendel kennen, denen er zeitlebens freundschaftlich verbunden blieb. 1713 begann er damit, sich an zahlreichen Orten »in der Composition« zu »informieren«, ehe er von 1722 bis zu seinem Tod 1758 in Zerbst die Stelle des Hofkapellmeisters bekleidete. Als ein »Neuerer, welcher die Instrumentalmusik ganz auf eigene Füße stellte« (Hugo Riemann), entfaltete Fasch ein weithin ausstrahlendes musikalisches Wirken. Im Oktober 1726 brach er zu einem Studienaufenthalt nach Dresden auf. Für die Entwicklung eines eigenen Stils ist diese Zeit ebenso von maßgeblicher Bedeutung, wie die Freundschaft mit Pisendel das Konzertschaffen Faschs nachhaltig beeinflusst hat. Johann Adam Hiller betont daher in den Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrter und Tonkünstler (1784) völlig zu Recht: »In seinen Compositionen ist viel Reichthum und Vollheit der Harmonie; sein Gesang ist männlich und gesetzt; der gebundenen fugirten Schreibart war er sehr gewachsen.«

Ingeborg Allihn

Biographie

Die Akademie für Alte Musik Berlin gehört heute zur Weltspitze der Kammerorchester und gastiert in allen musikalischen Zentren Europas, Asiens sowie Nord- und Südamerikas. 1982 im Ostteil Berlins abseits des herrschenden Kulturbetriebs gegründet, konnte die Formation 2012 ihr 30-jähriges Bestehen feiern. 1984, im Jahr der Wiedereröffnung des Konzerthauses (ehemals Schauspielhaus) am Gendarmenmarkt, rief die Akademie für Alte Musik dort eine eigene Konzertreihe ins Leben. Seit 1994 ist das Ensemble regelmäßig an der Berliner Staatsoper Unter den Linden zu Gast; seit der Spielzeit 2012/2013 ist es überdies mit einer eigenen Konzertreihe am Prinzregententheater in München vertreten. Die Akademie für Alte Musik Berlinpräsentiert sich mit rund 100 Auftritten pro Jahr in Besetzungsgrößen vom Kammerensemble bis zum symphonischen Orchester. Sie musiziert unter der wechselnden Leitung ihrer Konzertmeister Midori Seiler, Stephan Mai, Bernhard Forck und Georg Kallweit sowie mit ausgewählten Dirigenten. Besonders dem Dirigenten René Jacobs ist das Ensemble seit rund 25 Jahren in einer engen künstlerischen Partnerschaft verbunden, aus der zahlreiche gefeierte Opern- und Oratorienproduktionen hervorgegangen sind. Weitere intensive Zusammenarbeiten bestehen mit Marcus Creed, Peter Dijkstra und Daniel Reuss, mit dem von Hans-Christoph Rademann geleiteten RIAS Kammerchor sowie mit Solisten wie Andreas Scholl, Sandrine Piau und Bejun Mehta. Gemeinsam mit der Tanzcompagnie Sasha Waltz & Guests entstanden erfolgreiche Produktionen wie Dido & Aeneas (Musik: Henry Purcell) und Medea (Musik: Pascal Dusapin). Das Kammerorchester wurde mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, so in jüngerer Zeit mit der Bach-Medaille der Stadt Leipzig (2014). In der Reihe Originalklang der Stiftung Berliner Philharmoniker gastierte die Akademie für Alte Musik Berlin zuletzt im November 2013 im Kammermusiksaal mit Werken von Charles Avison, Leonardo Leo, Johann Sebastian Bach und anderen.

Georg Kallweit studierte an der Berliner Hochschule für Musik »Hanns Eisler« und wurde anschließend in die Violingruppe des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin aufgenommen. Bereits während dieser Zeit beschäftigte er sich intensiv mit Stilfragen zu vor- und frühklassischer Musik. Als alternierender Konzertmeister und Solist der Akademie für Alte Musik Berlin ist der aus Greifswald stammende Geiger heute längst zum begehrten Spezialisten seines Fachs avanciert. Dabei arbeitet er als Gast-Konzertmeister auch regelmäßig mit anderen renommierten Orchestern zusammen, u. a. mit dem Ensemble Resonanz, dem Finnish Baroque Orchestra, den Deutschen Kammervirtuosen Berlin, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin und der Lautten Compagney Berlin. Gemeinsam mit dem Lautenisten Björn Colell rief Georg Kallweit das Duo Ombra e Luce ins Leben, das sich vor allem dem italienischen Barockrepertoire widmet. Seine rege internationale Konzerttätigkeit führte ihn in nahezu alle europäischen Länder, nach Nord- und Südamerika sowie nach Asien. Georg Kallweit unterrichtete an den Musikhochschulen in Leipzig, Weimar und Helsinki; beim Jugendbarockorchester Bachs Erben in Michaelstein ist er als Dozent tätig. In einem Konzert der Stiftung Berliner Philharmoniker war er zuletzt im November 2013 mit der Akademie für Alte Musik Berlin als deren Leiter zu erleben.

Der Schweizer Maurice Stegerist international für sein virtuoses und technisch brillantes Spiel bekannt, mit dem er die Blockflöte als Instrument aufzuwerten verstand. Er zählt heute zu den führenden Interpreten auf dem Gebiet der Alten Musik und konzertiert mit den renommierten Originalklang-Ensembles wie The English Concert, Les Violons du Roy, dem Venice Baroque Orchestra oder der Akademie für Alte Musik Berlin. Maurice Steger gastiert zudem häufig als Solist führender Symphonieorchester, in Kammerkonzerten – etwa mit Hille Perl, Lee Santana oder Naoki Kitaya – und gibt Blockflötenrecitals in den Musikzentren Europas sowie in Übersee. In den letzten Jahren ist er vermehrt auch als Dirigent in Erscheinung getreten. Der Künstler wurde an der Musikhochschule Zürich ausgebildet; es folgten ein Studium der Aufführungspraxis Alter Musik sowie die Ausbildung zum Dirigenten, wobei er besondere Impulse von Marcus Creed und Reinhard Goebel erhielt. Im Rahmen von Meisterkursen ist der Künstler nun regelmäßig selbst pädagogisch tätig. Seine zahlreichen Einspielungen wurden mehrfach international ausgezeichnet, beispielsweise diejenigen mit Instrumentalwerken Telemanns und Vivaldis. In einem Konzert der Stiftung Berliner Philharmoniker war Maurice Steger zuletzt im Mai 2007 mit den Berliner Barock Solisten zu erleben.

Maurice Steger

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