Zum Spielplan 2010/2011

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Kammermusik

Athenäum-Quartett:

Laurentius Dinca Solo-Violine (Alonso-Crespo, Piazzolla) und Violine

Stephan Schulze Violine

Walter Küssner Viola

Christoph Igelbrink Violoncello

Christoph von der Nahmer Violine (Alonso-Crespo)

Esko Laine Kontrabass

Unto Mononen

Satumaa (Das Märchenland) (Bearbeitung für Streichquintett von Peter Grans)

Kullervo Linna

Unikuva (Traumbild) (Bearbeitung für Streichquintett von Peter Grans)

Eduardo Alonso-Crespo

Concierto en tiempo de tango für Solo-Violine und Streicher op. 21

Georg Malmstén

Muistelo (Erinnerungen) (Bearbeitung für Streichquintett von Peter Grans)

Heikki Aaltoila

Akselin ja Elinan häävalssi (Hochzeitswalzer von Akseli und Elina) (Bearbeitung für Streichquintett von Peter Grans)

Kolme ikivihreää (Drei Schlager) (Bearbeitungen für Streichquintett von Peter Grans):

Toivo Kärki

Siks oon mä suruinen (Weil ich so unglücklich bin)

Nils-Eric Fougstedt

Romanssi (Romanze)

Kullervo Linna

Kultainen Nuoruus (Goldene Jugend)

Astor Piazzolla

Tango de Ballet Tango de Ballet (Bearbeitung für Solo-Violine und Streicher von José Bragato)

Astor Piazzolla

Las cuatro estaciones porteñas (Die vier Jahreszeiten) (Bearbeitung für Solo-Violine und Streicher von Leonid Desyatnikov)

Termine

Mi, 03. Nov. 2010 20 Uhr

20:00 | Kammermusiksaal

Über die Musik

Tango nordisch

Melancholie in Finnland und Argentinien

Dass zwei Länder, die geografisch und ethnisch kaum weiter voneinander entfernt sein könnten, eine und dieselbe Musikrichtung für sich in Anspruch nehmen, mutet zumindest kurios an. Wenn man selbst in einem dieser Länder geboren wurde, wird eine gesunde Skepsis gegenüber dem anderen wohl verständlich sein. Denn schließlich weiß jeder, dass der Tango seinen Siegeszug um die ganze Welt in Argentinien begann. Der verruchte Tanz aus den verarmten Vororten von Buenos Aires eroberte im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nach und nach die Kaffeehäuser und Tanzlokale der Innenstadt. Reisende argentinische Musiker brachten ihn Anfang des 20. Jahrhunderts nach Europa und in die USA, wo er ungeahnte Furore machte. Die Gründe hierfür lagen nicht nur im Reiz des Exotischen, sondern auch in der unterschwelligen Provokation gegen die bürgerliche Moral und deren gesellschaftliche Werte, die sowohl in der gewagten Choreografie des Tanzes als auch in den nicht selten sozialkritischen Gesangstexten enthalten war. Merkwürdigerweise – und wiederum typisch argentinisch – wurde der Tango, dem nach wie vor der Geruch des Rotlichtmilieus anhaftete, erst dann von den argentinischen Oberschichten akzeptiert, als er sich in Europa längst etabliert hatte. Die 20er- bis 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts wurden zum »Goldenen Zeitalter« des Tangos in Argentinien.

Über Paris erreichte der Tango alle europäischen Großstädte, so auch Helsinki. Zwar blieb er dort zunächst ein Importprodukt, bei dem lediglich die originalen Gesangstexte ins Finnische übertragen wurden, aber bald widmeten sich finnische Dichter und Komponisten der neuen Gattung. Dabei wich die südländische Exotik allgemeineren Bildern von Sehnsucht, Melancholie oder Liebe. Innerhalb einer bis heute ununterbrochenen Tradition erlebte der finnische Tango eine erste Blütezeit in den 1930er- und 40er-Jahren, als sich das Land im Krieg gegen die Sowjetunion befand. Toivo Kärki zum Beispiel schrieb 1944, während er als Soldat an der Front diente, seinen Tango »Siks oon mä suruinen« (»Weil ich so unglücklich bin«).

Als Archetyp des finnischen Tangos gilt allerdings das Stück, mit dem das heutige Programm eröffnet wird: Satumaa (Das Märchenland), um 1950 komponiert von Unto Mononen. Darin finden sich die markantesten Merkmale des Genres wieder: obsessive Rhythmen und melancholische absteigende Melodien in Moll, beides gekoppelt mit einem sehnsuchtsvollen Gedicht über ein unerreichbares Land jenseits der Meere, in dem der Kummer keinen Platz hat. Mononen selbst erlitt ein trauriges Schicksal: Er begann seine Karriere als Sänger, verlor aber infolge eines missglückten medizinischen Eingriffs seine Stimme. Daraufhin lernte er Gitarre, begann zu komponieren und wurde zu einem der erfolgreichsten Tangokomponisten Finnlands. Mit 37 Jahren und auf der Höhe seines Ruhms erschoss er sich (möglicherweise versehentlich).

Kullervo Linna war zeitlebens im Bereich der Unterhaltungsmusik tätig. Mit 18 Jahren gründete der Schlagzeuger und Dirigent sein erstes Ensemble, dem viele weitere folgen sollten. 1949 gewann sein Walzer Kultainen nuoruus (Goldene Jugend) einen vom Finnischen Rundfunk veranstalteten Kompositionswettbewerb. Linna wurde 1958 Leiter der Abteilung »Unterhaltung« desselben Senders. Ein Jahr nach seinem Tod wurde 1988 eine Stiftung für die Nachwuchsförderung im Bereich der Tanz- und Popmusik gegründet, die seinen Namen trägt. Linnas Tango Unikuva (Traumbild) erzählt von einem Paar, das, wie die Wolken am Himmel, gemeinsam seinen Weg geht. Doch es ist eben nur ein Traum: Der Mann ist weit weg, und die Frau weiß, dass dieser Traum schöner ist als jede Realität.

Georg Malmstén studierte sowohl Trompete als auch klassischen Gesang und spielte in der Blaskapelle der finnischen Marine. In den 1920er-Jahren trat er, unter anderem beim renommierten Festival von Savonlinna, als Opernsänger auf, entschied sich dann jedoch für die rentablere Unterhaltungsbranche. Später schrieb er Musik für Filme und Revuen, in denen er auch als Schauspieler zu sehen war. Seinen Tango Muistelo (Erinnerungen) hat Malmstén 1938 in Berlin für die Schallplatte aufgenommen.

Heikki Aaltoila wurde gleich nach Beendigung seines Studiums 1934 musikalischer Leiter des Finnischen Nationaltheaters, wo er fast 40 Jahre tätig war. In dieser Zeit komponierte, arrangierte und dirigierte er die Musik für etwa 150 Theaterstücke. Nebenbei fand er auch noch die Zeit, Musik für etwa 75 Filme zu schreiben und wurde dafür zweimal mit dem Filmpreis »Jussi« ausgezeichnet. Akselin ja Elinan häävalssi (Hochzeitswalzer von Akseli und Elina) stammt aus dem 1968 gedrehten Film von Edvin Laine Täällä Pohjantähden alla (Unter dem Polarstern) nach dem gleichnamigen Roman von Väinö Linna. Auch Romanssi (Romanze) von Nils-Eric Fougstedt gehört zu einem Film, nämlich zu Katariina ja Munkkiniemen kreivi (Katharina und der Graf von Munkkiniemi) aus dem Jahr 1943. Fougstedt war ein weltgewandter Komponist, der außer in Helsinki auch in Berlin (bei Max Trapp), Salzburg, Italien, Frankreich und den USA seine musikalische Ausbildung vervollkommnet hat. Er unterrichtete an der Sibelius-Akademie und trat international als Dirigent auf. Zudem komponierte er zwei Symphonien, ein Klavier- und ein Cellokonzert, Kammermusik und Vokalwerke. Romanssi ist ein Liebeslied, das im Film von Frauenschwarm Leif Wager gesungen wurde. Es wurde zu einem bis heute unverwüstlichen Evergreen. Zu Recht bildet also dieses Lied – zusammen mit den Stücken von Kärki und Linna – den Kern des Potpourris, das Peter Grans, seines Zeichens Kontrabassist im Orchester der Stadt Lohja und Arrangeur sämtlicher heute zu hörender finnischer Kompositionen, unter dem Titel Kolme Ikivihreää (Drei Evergreens) für den Schluss des ersten Konzertteiles zusammengestellt hat.

Astor Piazzolla war in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung. Geboren im argentinischen Badeort Mar del Plata, wuchs er in New York auf. Zurück in Buenos Aires, arbeitete Piazzolla nachts als Bandoneonspieler im berühmten Tangoorchester von Aníbal Troilo und nahm tagsüber Unterricht beim Avantgarde-Komponisten Alberto Ginastera. Ein Stipendium erlaubte es ihm 1954, in Paris bei Nadia Boulanger zu studieren, bei der sich schon Komponisten wie Aaron Copland, Igor Markewitsch oder Jean Françaix den letzten Schliff geholt hatten. Sie war es auch, die eines Tages beim Unterricht den zögernden Piazzolla bat, ihr einen Tango vorzuspielen. Nach einigen Takten unterbrach sie ihn und sagte: »Das ist der wahre Piazzolla! Bleiben Sie ihm immer treu!« In der Tat sollte Piazzolla dank seiner klassischen Ausbildung in die Lage kommen, die in den 1950er-Jahren festgefahrene – »verknöcherte« war Piazzollas Ausdruck – Tango-Szene von Buenos Aires gründlich aufzumischen.

In Troilos Orchester spielte Piazzolla nicht nur das Bandoneon, sondern war auch als Arrangeur tätig, doch er empfand zunehmend, dass er sich in seinen Bearbeitungen zurückhalten und zu viele Kompromisse eingehen musste. So kam es, dass er 1955 sein eigenes Ensemble gründete: das Octeto Buenos Aires. Ein typisches Tango-Orchester, bestehend aus zwei Bandoneons, zwei Violinen, Kontrabass und Klavier – erweitert um Violoncello und E-Gitarre. Für diese Besetzung schrieb Piazzolla 1956 Tango Ballet. Es handelte sich dabei um die Musik zu einem Kurzfilm, bei der allerdings zuerst die Musik komponiert wurde. Danach erst wurde eine Choreografie dazu entworfen und schließlich der Film gedreht. Obwohl bei der Premiere im Rahmen eines Filmfestivals die Musik begeistert aufgenommen wurde, hatte der Film selbst wenig Erfolg und ist nicht einmal erhalten, sodass die Handlung des Balletts nicht mehr rekonstruierbar ist. Lediglich die Satzüberschriften (Vorspann; Die Straße; Die Begegnung/Das Vergessen; Kabarett; Einsamkeit) suggerieren das Aufeinandertreffen und Auseinandergehen von Menschen in einem seelenlosen Stadtbild.

Tango Ballet erklingt heute in einer Bearbeitung für Streicher, die von José Bragato stammt. Bragato war der ursprüngliche Cellist des Octeto Buenos Aires und blieb Piazzolla bis zu dessen Tod verbunden. Er arrangierte mehrere Stücke Piazzollas für unterschiedliche Besetzungen, und Las Cuatro estaciones porteñas (Die vier Jahreszeiten von Buenos Aires) bearbeitete er sogar zweimal: für Klaviertrio und für Streichorchester mit Klavier. Heute jedoch wird diese Satzfolge in der Bearbeitung für Solo-Violine und Streicher von Leonid Desjatnikow aufgeführt.

Der 1955 in Russland geborene Desjatnikow erhielt den Auftrag für diese Bearbeitung von dem Geiger Gidon Kremer, der bekanntlich seit vielen Jahren eine Liebesaffäre mit Piazzollas Musik hat. Kremer selbst äußerte einmal die Theorie, dass, da die Wüste Patagoniens der Tundra in den nordischen Gebieten auf unheimliche Weise ähnele, Piazzollas Musik die Bewohner der nördlichsten Gefilde genauso ansprechen würde wie die Menschen aus dem fernen Süden. Vielleicht liegt darin der Grund dafür, dass der Tango zur »Nationalmusik« Finnlands avanciert ist!

Piazzolla dachte zunächst nicht an einen Jahreszeiten-Zyklus. Er schrieb Verano Porteño 1965 als Teil der Bühnenmusik zum Theaterstück Melenita de oro (Goldenes Mähnchen) von Alberto Rodríguez Muñoz. Otoño porteño folgte erst 1969, und die restlichen Sätze ein Jahr später. Dem sicherlich unterschwellig vorhandenen Vorbild Vivaldis huldigt Piazzolla am Ende von Invierno Porteño mit einem pseudobarocken Pasticcio. Zusätzlich dazu gibt es in Desjatnikows Bearbeitungen – die ursprünglich dazu gedacht waren, als »Zwischenspiele« zu Vivaldis Jahreszeiten-Konzerten zu fungieren – zahlreiche Reminiszenzen an den venezianischen Meister: Hier schwebt eine sehnsüchtige Piazzolla-Melodie über den Streicherfiguren aus Vivaldis Sommersturm, dort unterbricht die Solo-Violine den Aufbau eines Tango-Tuttis mit einer Barockkadenz. Selbst einige »special effects«, die gleichsam ein Markenzeichen der besten Tangogeiger sind, hat Desjatnikow in seine Partitur eingebaut: zum Beispiel die sogenannte Peitsche (ein blitzschnelles Glissando bis in die höchsten Töne der Saite) oder die Zikade (das schnelle Kratzen mit dem Bogen auf die Saiten hinter dem Steg).

Wie schon sein Titel verrät, strebt das Concierto en tiempo de tango des argentinischen Komponisten Eduardo Alonso-Crespo eine Synthese zwischen Konzert- und Tanzmusik an und befindet sich insofern auf derselben Wellenlänge mit Piazzollas Kompositionen. Wie Las Cuatro estaciones porteñas Vivaldis Geist beschwört, so bezieht sich die Überschrift des ersten Satzes aus Alonso-Crespos Komposition – Chacona – unmissverständlich auf Johann Sebastian Bach, eine Assoziation, die durch den Titel des letzten Satzes – Fugado – noch bestätigt wird. Die Chacona, die schon vor der Entstehung des Konzertes als Einzelsatz existierte, besteht aus zwölf Variationen, die den Quintenzirkel vollständig durchwandern. Durch den Gebrauch modaler Mittel werden archaisch-folkloristische Anklänge hervorgerufen. Es folgt ein Tanzsatz – Tango – mit einer ausgedehnten langsamen Einleitung, in der sich schon rhythmische Elemente des Hauptteiles andeuten. Diese sind sogar in der Aria (Berceuse) vorhanden, wenn auch in gleichsam unterschwelliger Form, bevor sie im letzten Satz noch einmal an die Oberfläche treten.

Eduardo Alonso-Crespo übt eine rege Tätigkeit als Komponist und Dirigent aus und pendelt dabei zwischen Argentinien und den USA. Der Auftrag für die Komposition des Concierto en tiempo de tango kam vom kubanischen Konzertmeister des Pittsburgh Symphony Orchestra, Andrés Cárdenes. Seit der Uraufführung 2005 avancierte das Stück schnell zu einem wahren Publikumsrenner. Die Homepage des Komponisten listet zahlreiche Aufführungen allein in den vergangenen zwölf Monaten auf, hauptsächlich in Argentinien (darunter eine als Teil der Festlichkeiten zur 200-Jahr-Feier der Unabhängigkeit des Landes), aber auch – wer sagt’s denn – in Helsinki!

Carlos Maria Solare

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