Berliner Philharmoniker

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Kammermusik

Leszek Możdżer & Friends:

Leszek Możdżer Klavier

Lars Danielsson Violoncello und Kontrabass

Zohar Fresco Perkussion

Atom String Quartet:

Dawid Lubowicz Violine

Mateusz Smoczyński Violine

Michał Zaborski Viola

Krzysztof Lenczowski Violoncello

Kuratiert von Siggi Loch

Termine und Tickets

Mi, 07. Mai 2014 20 Uhr

Kammermusiksaal

Programm

Leszek Możdżer, Jahrgang 1971, gilt als einer der international herausragenden Jazz-Pianisten seiner Generation – nicht zuletzt aufgrund seiner wegweisenden Grenzgänge zwischen Jazz und Klassik. Bekannt als der große Romantiker seines Fachs, verbindet er ein perlendes, anschlagstechnisch selten erreichtes Spiel mit Melodien voller Lyrik und Emotion, und erzeugt so, vom »zart klöppelnden Beben bis zum mächtig aufwogenden Läuten«, einen »einzigartige[n] Klang, der selbst in den schwersten melancholischen Nebeln so brillant artikuliert bleibt, wie es nur einem klassisch geschulten Pianisten gelingt« (Der Tagesspiegel ).

Kein Wunder also, dass der Musiker in seiner Heimat vom Magazin Jazzforum seit 1994 fast alljährlich zum besten Pianisten des Landes gewählt wird. Bei seinem Gastspiel im Berliner Kammermusiksaal wird Leszek Możdżer gemeinsam mit dem polnischen Atom String Quartet auftreten, einem der wenigen Streichquartette, die das Jazz-Vokabular fließend beherrschen.

Wie Możdżer haben auch die vier Musiker der polnischen Formation eine klassische Ausbildung durchlaufen – wobei sie über eine Kraft und Energie verfügen, mit der sie selbst eine Rockband an die Wand spielen könnten. Oft entsteht hierbei der Eindruck, im Atom String Quartet seien auch diverse Blas-, Tasten- und Schlaginstrumente mit von der Partie. Denn den vier Musikern Dawid Lubowicz, Mateusz Smoczyński, Michał Zaborski und Krzysztof Lenczowski gelingt es tatsächlich immer wieder aufs Neue, all jene vielfarbigen Klänge ausschließlich ihrem Streichquartett-Instrumentarium zu entlocken.

Über die Musik

Polski Jazz

Der Klang der Freiheit

Polen – ein Land mit großer Jazz-Tradition

In den hohen Norden, genauer ins Jazz-Wunderland Norwegen ging es bei Jazz at Berlin Philharmonic im März. Jetzt bricht die Reihe zu einer musikalischen Reise in den Osten auf: nach Polen, seit Jahrzehnten eine, wenn nicht die Jazz-Hochburg Osteuropas. Seine starke Stellung hat der »Polski Jazz« einer Sonderentwicklung seines Landes zu verdanken. Improvisierte Musik spielte hier in der Ära des Kommunismus eine wichtige gesellschaftliche und politische Rolle: Wie für die Schwarzen in Amerika war für die polnische Jugend der Nachkriegszeit der Jazz die Musik der Freiheit. Aber der Reihe nach.

Nach der Verdammung der Moderne durch den Faschismus hatte der Ost-West-Konflikt bald nach Ende des Zweiten Weltkriegs den nächsten Kulturbruch nach sich gezogen. Denn in der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten wurde der Jazz zur »unerwünschten Musik« des Klassenfeindes erklärt. Das polnische Musikleben indes widerstand dem Bann. Das hatte mehrere Gründe. Zum einen gab es bereits eine starke Jazztradition: Die »Roaring Twenties« hatten in Polen zu einer großen Nachfrage nach dieser neuen amerikanischer Musik geführt. Schon 1923 hatte der Saxofonist Zygmunt Karasiński die erste polnische Jazzband gegründet, mit Jerzy Peterburski am Piano, der später als Komponist etwa des »Tango Milonga« international bekannt wurde. Zum wichtigsten polnischen Jazzmusiker der 1930er-Jahre wurde kurioserweise ein Deutscher: Der Trompeter Eddie Rosner (auch Ady genannt), ein Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer, war in Berlin mit den Weintraub Syncopators – der seinerzeit vielleicht besten europäischen Jazzband – berühmt geworden. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 emigrierte er nach Polen, wo er bis Kriegsausbruch den Jazz voranbrachte und laut damaliger Kritikermeinung »von der Tanz- zur Kunstmusik« erhob.

Ein weiterer Grund lag in einer Präsenz, die der Jazz heute auch wieder gut gebrauchen könnte: Er wurde gezielt und attraktiv über die Medien verbreitet. In diesem Fall war es Voice of America, der in Deutschland stationierte Propagandasender der Amerikaner, der versuchte, was der britische General und Befehlshaber Bernard Montgomery so ausdrückte: »Wenn wir den kommunistischen Osten nicht mit der Waffe erobern können, dann mit der Jazz-Trompete.« Wichtigste Figur war der auch in Deutschland oder der Tschechoslowakei ungemein populäre Moderator Willis Conover, der mehrmals nach Polen reiste und dort wie ein Popstar empfangen wurde.

Denn, und das ist der entscheidende Grund, die Saat des Jazz fiel auf äußerst fruchtbaren Boden. War im Amerika und Westeuropa der 1950er-Jahre der Rock’n’Roll die Basis einer ersten Jugendkultur der »Halbstarken«, so wurde vor allem für die jungen Polen der Jazz ein kleines Fenster zur Freiheit. Die Verbote der Stalin-Zeit hatten hier das Gegenteil bewirkt und nur dazu geführt, dass sich im Untergrund ein umso vitalerer »Katakomben-Jazz« entwickelt hatte, verbunden mit einem eigenen Dissidenten-Lebensgefühl. Nach Stalins Tod lockerte sich die Atmosphäre, auch die staatliche Kultur-Nomenklatura sprach jetzt von Jazz als der »Musik des unterdrückten schwarzen Proletariats«.

Was dem Regime die Duldung leichter machte, war die Tatsache, dass polnische Jazzer – quasi wie verlangt – viel früher als anderswo einen eigenen, von den Amerikanern unterscheidbaren Stil fanden: durch den Rückgriff auf die eigene Musiktradition von der Volksmusik bis Chopin. Das anerkannte unter anderem auch ein Dave Brubeck, der nach seiner triumphalen Polentournee 1958 das Stück »Dziekuje« (Danke) komponierte, das seinerseits auf Chopin-Kompositionen aufbaute. Sozusagen im Gegenzug trat im selben Jahr mit dem Saxofonisten Jan »Ptaszyn« Wróblewski (an der Seite von Albert Mangelsdorff) erstmals ein polnischer Musiker beim legendären Newport Festival in den USA auf. Viele sollten folgen.

Zur Schlüsselfigur wurde jedoch der Pianist und Komponist Krzysztof Komeda, nach eigener Aussage ebenfalls entscheidend durch die Sendungen von Voice of America inspiriert. 1956, zwei Jahre nach dem ersten großen, von Zehntausenden besuchten Allerseelen-Festival in Krakau, betrat er beim Sopot Festival die große Bühne und wurde zum Begründer einer eigenwillig lyrischen, slawisch melancholischen, jedenfalls genuin polnischen Klangsprache. Seine Arbeit als Filmkomponist für die Regisseure Andrzej Wajda und Roman Polański brachte seine Musik bis nach Hollywood, sein früher Unfalltod 1969 machte ihn in seiner Heimat zur Legende.

Bis Mitte der 1960er-Jahre hatte sich der »Polski Jazz« also – auch dank einflussreicher Jazz-Autoren, -Veranstalter und -Impresarios wie Leopold Tyrmand, dem Joachim-Ernst Berendt Polens – zur Marke entwickelt: Die Warschauer Jazz-Jamboree, erst im Studentenclub Stodola, dann im Warschauer Kulturpalast durchgeführt, wurde eines der größten und wichtigsten europäischen Festivals; in fast allen Städten von Danzig über Kattowitz und Breslau bis nach Krakau hatten sich regionale Jazz-Szenen und wichtige Festivals herausgebildet. Die wiederum brachten im Kombination mit der traditionell exzellenten Ausbildung an polnischen Musikschulen und Konservatorien einen steten Fluss neuer Talente hervor, die zu international Größen wurden: der Geiger Zbigniew Seifert etwa, die Saxofonisten Zbigniew Namysłowski und Michał Urbaniak, der Trompeter Tomasz Stańko, die Pianist Adam Makowicz oder die Sängerin Urszula Dudziak.

Viele der besten polnischen Jazzmusiker zog es zumindest vorübergehend in die USA, vor allem aber gab es über die Jahre hinweg wenige Jazz-Szenen, die so im Austausch standen, sich so befruchteten wie die polnische und die deutsche. Nicht nur übersiedelten etliche polnische Musiker der mittleren und jüngeren Generation nach Deutschland, zum Beispiel der Saxofonist Leszek Zadlo, der Bassist Vitold Rek, der Pianist Vladysłav Sendecki, der Schlagzeuger Janusz Stefański oder die Sängerin Agnieszka Hekiert, auch der Austausch in Richtung Osten kam früh in Gang. Schon 1957, keine zwölf Jahre nach dem Ende der grausamen Okkupation durch die Deutschen, wurden die Brüder Emil und Albert Mangelsdorff, die West-Berliner Spree City Stompers und Joki Freund mit Band zum Jazzfestival Sopot/Danzig eingeladen. Speziell Emil Mangelsdorff spielte seither beinahe jedes Jahr in Polen, seine halbe Band stammt von dort.

Mit dem Jazz-Ost-West-Festival in Nürnberg gab es von 1966 bis 2002 obendrein eine sozusagen institutionalisierte Brücke zwischen tschechischen, polnischen und deutschen Jazzmusikern wie -fans. Und nach wie vor gibt es in jedem Jahr etliche deutsch-polnische Begegnungen und Festivals, sei es die tourende Jazz Bridge in Bayern oder die am Warschauer Vorbild orientierte Jamboree vor ein paar Jahren in Berlin. 2012 war Polen Gastland beim Jazzfest Berlin, der Münchner Jazzclub Unterfahrt hat erst Ende 2013 eine polnische Woche mit Zbigniew Namysłowski und etlichen jungen, noch unbekannten Jazzern beendet. Zwar lässt sich auch im EU-Mitgliedsland Polen die Globalisierung nicht aufhalten, in deren Zug Rock und Pop alles andere als beherrschender musikalischer Ausdruck der Jugendkultur abgelöst haben, doch verfügt der Jazz hier nach wie vor über eine konkurrenzlose Basis bei jungen Leuten. Insbesondere Krakau mit seinem in den hunderten von Gewölbelokalen der Altstadt tobenden Geschehen steht in heftiger Konkurrenz mit Barcelona oder Paris um den Titel der vitalsten Jazz-Szene Europas.

Der Nachwuchs steht also – wie man sich mit dem herausragenden Geiger Adam Bałdych auch bei Jazz at Berlin Philharmonic bereits überzeugen konnte – in den Startlöchern. Und spricht man vom jungen polnischen Jazz, dann kommt man unweigerlich auf Leszek Możdżer.Der 42-Jährige ist zur erfolgreichen, schillernden Gallionsfigur geworden. Dementsprechend eröffnete er an der Seite von Michael Wollny und Iiro Rantala im Dezember 2012 die Reihe Jazz at Berlin Philharmonic und ist nun die logische Wahl, wenn es darum geht, kammermusikalischen polnischen Jazz vorzustellen.

Leszek Możdżer – der polnische Esbjörn Svensson

Der Pianist aus Danzig verkörpert mit einigen anderen Musikern seiner Generation den Aufbruch des europäischen Jazz. Einen Aufbruch zu seinen Wurzeln und zugleich zu neuen Ufern: Fast immer ist eine klassische Ausbildung, also das Bewusstsein um die eigene Musiktradition die Basis, um mit virtuoser Technik eigene Klangwelten zu erforschen. So auch bei Leszek Możdżer, der erst mit 18 den Jazz entdeckte, um ihn rasch mit anderen Strömungen zu verbinden. Es entstand ein unverwechselbarer eigener Ton, ein individueller Ausdruck, der unüberhörbar von polnischen Hörtraditionen geprägt ist: Chopin, der Nationalheld der polnischen Musik, ist stets eingewoben – hörbar auch im ersten Titel »Chai Peimot«, seiner jüngsten CD mit dem programmatischen Titel Polska. Aber auch moderne polnische Komponisten bis hin zum Pop inspirieren ihn; ein Witold Lutosławski etwa, der komplexe symphonische Werke ebenso schrieb wie publikumswirksam Eingängiges. Oder ein Krzysztof Komeda, dem Możdżer mit dem vorletzten Album Komeda ein Denkmal setzte.

Den meisten seiner Kollegen in anderen Ländern hat Możdżer indes voraus, dass seine Sprache von sehr vielen seiner Landsleute verstanden wird. Seine Genre übergreifende Musik hat in Polen phänomenalen Erfolg und erreicht alle Publikumsschichten. Selbst Solo-Konzerte finden dort in Hallen statt; wenn er sich wie 2010 bei »Możdżer+« Gäste wie Marcus Miller oder John Scofield einlädt, gehen die Zuschauer in die Zehntausende; als er 2008 mit Pink-Floyd-Frontmann David Gilmore in der Danziger Werft auftrat, waren es 60.000. Seine Alben sind seit langem in den polnischen Charts zuhause, Komeda schaffte es 2011 auf die Nummer Eins der Popcharts – vor Sting und Beyonce. Mit seinen extravaganten Brillen und Frisuren wirkt Możdżer vom Auftreten her ohnehin eher wie ein Popstar als ein Jazzmusiker.

Dass auch in Deutschland und anderen Ländern das Interesse, ja die Bewunderung wächst und die Hallen größer werden – auch beim Auftakt zu Jazz at Berlin Philharmonic war der Kammermusiksaal ausverkauft – liegt an Możdżers Fähigkeit, das Leichte mit dem Schweren zu versöhnen. Trotz atemberaubender Improvisationen oder stark kontrapunktischen und gegenläufigen Kompositionen bleibt seine Musik stets verständlich und eingängig. Możdżer hat ein Händchen für das Zusammenspiel von Rhythmik und Harmonik mit Melodien – kein Zufall, dass er in Polen viel für das Theater und den Film gearbeitet hat. Man höre nur das Titelstück des neuen Albums Polska mit seinem hymnischen, improvisatorisch variierten Thema und die leicht chromatische, »slawische« Bassfigur, die das komplette Stück durchzieht und die Basis bildet für schwebende, sich immer mehr verzweigende Linien. Alles ist darin enthalten: Klassik, Jazz und Pop.

Aber da ist noch ein anderer Aspekt zu beachten: Das Album, aus dem heute Abend vier Stücke zu hören sind, klänge anders, wäre es nicht im Trio mit dem schwedischen Bassisten Lars Danielsson und dem israelischen Perkussionisten und Sänger Zohar Fresco entstanden. Mit beiden hat Możdżer vor zehn Jahren Seelenverwandte gefunden.

Als Mitglied von Bustan Abraham, Ziryab oder Noah gehört Zohar Fresco zu den israelischen Pionieren, die in den 1980er-Jahren begannen, östliche mit westlicher, arabische mit europäischer Musik zu verbinden. Und Lars Danielsson ist, wie auf vielen Alben zu hören, nicht nur als Leader oder Sideman einer der besten Jazz-Bassisten (und -Cellisten!) der Welt. Er pflegt ähnliche kompositorische Vorlieben wie Możdżer, wie auf Polska bei seinen Stücken »Afrika« und dem berührenden »Spirit« gut nachhörbar ist. Hierzulande unbemerkt machten die Drei in Polen bereits zwei Alben die Doppel-Platin erreichten.

Streicher auf neuen Wegen

Możdżer, Danielsson und Fresco bekommen bei diesem Jazz at Berlin Philharmonic-Konzert einen Wunsch erfüllt, der stark im Trend des aktuellen Jazz liegt: die Begegnung mit Streichern. Ob die Kölner Saxofonistin Angelika Niescier (auch sie mit polnischen Wurzeln), ihr Berliner Kollege Daniel Glatzel mit seinem Andromeda Mega Express Orchestra oder der Münchner Pianist Christian Elsässer, sie und viele andere konzipierten im vergangenen Jahr Projekte mit Streichern. Fast immer wurden die Violinen, Bratschen und Celli allerdings als Satz arrangiert. Etwas völlig anderes ist die Zusammenarbeit mit einem Streichquartett, wie man es hier erleben darf, wenn Leszek Możdżer & Friends auf das Atom String Quartet mit Dawid Lubowicz, Mateusz Smoczyński, Michał Zaborski und Krzysztof Lenczowski treffen. Die Vier sind die ersten Polen im ohnehin raren Genre des Jazz-Streichquartetts, stehen aber bereits jetzt internationalen Vorgängern wie dem amerikanischen Kronos Quartet, dem deutschen Modern String Quartet oder dem österreichischen radio.string.quartet.vienna nicht nach.

Allen vier gemeinsam ist das Studium an der renommierten Fryderyk-Chopin-Musikakademie in Warschau. Ansonsten wandelten sie auf durchaus unterschiedlichen Wegen, bis sie 2010 zusammenfanden. Dawid Lubowicz aus Zakopane, der Primarius, stammt aus einer Musikerfamilie. Schon als Kind war er Schüler von renommierten klassischen Musikern und absolvierte ein klassisches Violinstudium bei Konstanty Andrzej Kulka. Nachdem er sich für den Jazz entschieden hatte, errang er von 2002 an etliche Preise bei wichtigen Festivals. Lubowicz engagierte sich auch stark in der Theatermusik, unter anderem beim Roma Music Theatre, dem Teatr Współczesny und dem Nationaltheater in Warschau. Er leitete ein eigenes Jazz Quartett und spielte im Opium String Quartet und dem East Wall Jazz Quartet.

Der Geiger Mateusz Smoczyński, ein Schüler von Andrzej Gabski, feierte sein Jazz-Debüt 1999 beim Jazz Camping Kalatowki im Jacek Namysłowski Quintet und konnte danach mit vielen Größen des polnischen Jazz zusammenarbeiten, unter anderem Tomasz Stańko, Zbigniew Namysłowski oder Jarosław Śmietana. Mit Joachim Kühn, Janusz Stefański und Bronisław Suchanek nahm er an der Uraufführung von Zbigniew Seiferts Jazz Concerto für Violine, Symphonieorchester und Rythmusgruppe teil. Mit einem eigenen Quintett und seinem Trio nahm er drei preisgekrönte Alben auf, bevor er das Atom String Quartet mitgründete. Seit 2012 ist er außerdem Mitglied im legendären Turtle Island Quartet.

Bratscher Michał Zaborski gewann schon in der Meisterklasse von Ryszard Duź das Young Poland-Stipendium des Kultusministeriums. Er spielt bis heute Klassik und Jazz und gewann bei Wettbewerben beider Genres zahlreiche Preise, unter anderem mit seiner Band The Transgress als beste Jazzband beim Warschauer Blues-Rock-Jazz-Festival. Mit dem Krzysztof Herdzin Trio nahm er Filmmusik auf, spielte unter anderem im Trio Chausson und dem Prima Vista String Quartet. Außerdem ist erster Bratscher bei der Sinfonia Varsovia und dem Random Chamber Orchestra.

Krzyzstof Lenczowski aus Krakau ist der jüngste der vier Musiker und machte erst 2010 in der Celloklasse von Tomasz Strahl und Rafal Kwiatkowski seinen Abschluss. Zuvor spielte er bereits in der Sinfonia Iuventus sowie in der Cello-Gruppe Cellonet. Außer Cello spielt er auch Jazzgitarre, die er bei Piotr Lemański studierte. Als Gitarrist ist er Mitglied der Bands Fusion Generation Project, Jazz Construction und Fusionator, die allesamt Jazzwettbewerbe gewannen. Lenczowski arrangiert und komponiert auch. Stars wie Maxim Vengerow, Krezesimir Dębski und Leszek Możdżer spielten bereits Stücke von ihm.

Im Atom String Quartet vereint begannen die Vier mit eigenen, von irischer, spanischer und polnischer Volksmusik, aber auch von Lateinamerikanischem inspirierten Kompositionen. Der Erfolg kam schnell. Noch im Gründungsjahr 2010 folgten dem Młoda Polska-Stipendium des polnischen Kulturministerium der erste Preis des Bielska Zadymka Jazzowa-Festivals und der Grand Prix der Jazz Melomani Gesellschaft. Das Debütalbum Fade In – live von Radio Kattowice aufgenommen – schlug wie eine Bombe ein und gewann den »Fryderyk« – den polnischen Grammy – in der Kategorie »Jazz Debüt«. Das Folgealbum Places brachte dann 2012 gar die Nominierung als »Künstler des Jahres« und den »Fryderyk« für das »beste Jazz-Album des Jahres«.

So darf man bei Jazz at Berlin Philharmonic ein Streichquartett erwarten, wie es noch keines gab. Herausragende klassische Technik und stupendes Improvisationstalent ermöglichen diesen Vier, ihre Instrumente mit bislang ungekannter Bandbreite zu nutzen: Streicherblues, Perkussionseinlagen und zarteste Anspielungen gehören ebenso dazu wie überwältigende Tempo- und Dynamikattacken. Wer ihre Stücke wie »Fugato & Allegrina« oder »Manhattan« hört, mag ahnen, dass das Atom String Quartet wie auch Leszek Możdżer und viele andere junge Jazzer bei Jazz at Berlin Philharmonic Teil der Prophezeiung sind, die die polnische Zeitschrift Tygodik Powszechny 2003 nach einem Auftritt von Keith Jarrett in Warschau über den Jazz wagte: »Vielleicht liegt die Zukunft dieser amerikanischen Musik in Europa.«

Oliver Hochkeppel

Zum historischen ersten Teil dieses Beitrags verdankt der Autor wesentliche Informationen dem Text »Ein Fenster zur Freiheit – Jazz in der Volksrepublik Polen« von Gertrud Pickhan in der Schriftenreihe Osteuropa, 56. Jg., 11-12/2006.

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